06.08.2012

OLYMPIA„Hey, ihr da oben“

Der frühere US-Sprinter John Carlos, 67, über mündige Sportler und seine berühmte Protestaktion bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico City.
SPIEGEL: Erwarten Sie politische Aktionen von Athleten bei den Sommerspielen in London?
Carlos: Ich hoffe, dass es Sportler geben wird, die sich nicht nur vom Glanz der Medaillen blenden lassen. Signale gegen Hunger, Aids, Analphabetismus, das würde ich alles gern sehen. Kranke werden dadurch nicht geheilt, Kriege nicht beendet. Ich bin nicht naiv. Es geht darum, dass Athleten bei Olympia einen Dialog in Gang bringen können, immerhin verfolgen Millionen Menschen in aller Welt die Wettkämpfe.
SPIEGEL: Warum äußern sich Sportler zu politischen oder gesellschaftlichen Themen eigentlich nur selten?
Carlos: Durch die Professionalisierung verdienen viele heute so gut, dass sie mit existentiellen Problemen nichts mehr zu tun haben. Zudem haben Profis Verträge, in denen steht, wie sie sich zu verhalten haben. Im Zweifel halten sie lieber den Mund.
SPIEGEL: Sie wurden 1968 in Mexico City Dritter über 200 Meter. Gemeinsam mit Tommie Smith reckten Sie bei der Siegerehrung ihre Faust in einem schwarzen Handschuh zum Himmel, als Zeichen gegen Diskriminierung von Schwarzen in den USA. Warum ist das bis heute der berühmteste Protest der Sportgeschichte?
Carlos: Weil es uns um mehr ging als die Belange der Afroamerikaner. Wir haben Menschlichkeit eingefordert. Fast jeder Konflikt lässt sich darauf zurückführen, dass Menschen von oben dirigieren und andere unten einstecken müssen. Unsere Geste hatte eine universelle Aussage: Hey, ihr Typen da oben, wir haben ein Auge auf euch!
SPIEGEL: Nach Ihrem Protest flogen Sie aus dem US-Team, Sie bekamen Morddrohungen, mussten später als Tankstellengehilfe arbeiten. Haben Sie Ihre Geste jemals bereut?
Carlos: Die Zeit danach war belastend. Das Schlimmste war, dass sich meine erste Frau deswegen das Leben nahm. Dennoch war unser Protest notwendig. Es waren turbulente Zeiten: Vietnam-Krieg, der Mord an Martin Luther King, die Bürgerrechtsbewegung. Wir hatten damals gute Gründe, gegen Unrecht aufzustehen. Genau wie heute - im vergangenen Oktober demonstrierte ich mit den Menschen von Occupy Wall Street in New York.

DER SPIEGEL 32/2012
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