06.08.2012

SCHWIMMENWunderkinderspiele

Athleten im Teenageralter verblüffen in London mit Spitzenleistungen. Der Jubel darüber hält sich in Grenzen - stattdessen wird über Doping spekuliert.
Wird dies das Gesicht der Spiele von London werden? Blond, blass, pausbäckig, mit scheuem und verheultem Blick. Ein Mädchen, das sich beim Gang zum Podium auf die Lippen beißt und seine Goldmedaille in der Nacht in die Pyjamatasche stopft. Oder ist es am Ende dieses Kind: asiatische Züge, Bubikopffrisur, freundlich, selbstbewusst; auch sie eine Schwimmerin, von der bis gestern kaum jemand Notiz genommen hatte, die heute aber die halbe Welt kennt.
Ruta Meilutyte aus Litauen, 15 Jahre, oder doch Ye Shiwen, 16, aus China?
Olympia war einmal für die Jugend der Welt erschaffen worden. Längst versammeln sich die besten Profis unter den fünf Ringen, die wie ein Konzernlogo über Stadien und Hallen prangen. Trotzdem klammern sich viele an die alte Idee, den ewigen Kern der Spiele. Nichts befriedigt diese Sehnsucht so sehr wie junge, sensationelle, neue Sieger. Die Veranstalter wollen die Weltwunderkinder, um ihre olympische Bewegung frisch zu halten; das Publikum will sie, weil es den Glauben nicht verlieren mag, dass es noch so etwas gibt wie unverdorbenen Sport. Gewinner, die angetrieben werden von nichts anderem als Talent, Willen, Fleiß.
Aber es ist kompliziert geworden.
Das Aquatics Centre im Londoner Olympiapark war an jedem Tag der vorigen Woche rappelvoll, von den steil aufragenden Rängen blickten die Menschen auf ein Bassin hinunter, das wie eine Showbühne glitzerte. Was sie zu sehen bekamen, mochten sie manchmal kaum glauben. An den Abenden, an denen Ye und Meilutyte ihren Konkurrentinnen davonzogen, schrien und jubelten sie zunächst, dann staunten sie, schließlich murmelten sie. Es klang wie ein Soundtrack des Zweifels: Wie kann das bloß sein?
Meilutyte schwamm über 100 Meter Brust zwei Sekunden schneller als noch im Frühjahr. Ye schlug über 400 Meter Lagen in Weltrekordzeit an, auf ihrer letzten Bahn war sie schneller als der Sieger des Männerrennens, Ryan Lochte. Frau schwimmt schneller als Mann, schrieben die Zeitungen. Olympia hatte ihnen einen Traum von Schlagzeile geliefert. Und der Zweifel seinen Text bekommen.
Das Geraune über Doping begleitet die Spiele von London. Höchstleistungen von Superathleten werden hinterfragt, Erklärungen dafür verlangt. Der Sieg des zwielichtigen Radprofis Alexander Winokurow im Straßenrennen, die Muskelpakete von Gewichthebern aus entlegenen Staaten, der fulminante Endspurt des Deutschland-Achters - kaum etwas bleibt verschont von der Frage, was dahintersteckt.
Dass die Debatte so vehement begann, lag daran, dass die ersten Superathleten in Kindesgestalt daherkamen. Meilutyte und Ye sind eher klein und schmächtig. Statt sich mit schierer Kraft durchs Wasser zu prügeln, schwimmen sie scheinbar leicht von Wende zu Wende. In einer Sportart, dessen Bild lange Frauen mit tiefer Stimme, Bartschatten und breitem Kreuz geprägt haben, fällt das besonders auf. Zumal, wenn diese Mädchen schneller sind als früher die Steroidmonster.
Nachdem Ye am Dienstagabend ihr zweites Gold gewonnen hatte, saß sie wieder vor der Presse. Ein amerikanischer Trainer hatte ihre Fabelleistung im ersten Rennen als "unmöglich" eingestuft und über die Dopingvergangenheit des Frauenschwimmens räsoniert, aber natürlich keine Amerikanerin erwähnt. Binnen drei Tagen hatte sich ein Unwetter aufgetürmt, das sich nun entlud. Ob sie je gedopt habe, wurde Ye gefragt. "Niemals", sagte Ye. Sie erzählte, wie viel sie trainiere, und konterte, es sei "ein bisschen unfair", sie zu verdächtigen, kaum aber Medaillengewinner aus anderen Ländern.
Man mag Ye Shiwen das reine Gewissen abnehmen oder es lassen. Es fällt aber auf, dass nicht einmal mehr die Chinesen eine Diskussion scheuen, sobald das böse D-Wort fällt. Bei den Spielen in Peking vor vier Jahren hatten sie sich weggeduckt, während Amerikaner und Australier ihre eigenen Erfolge mit Trainingsmethodik, Arbeit und Willensstärke erklärten. In London überlassen die Chinesen ihnen nicht mehr stumm das Feld.
Der Druck einer Nation, der noch in Peking auf ihnen lastete, scheint gewichen. Eine Schwimmerin erzählt, dass sie ihren Trainer nach einem Streit gewechselt habe. Eine andere, dass ihr bei einem Auslandsaufenthalt in Australien klargeworden sei, wie starr und stumpfsinnig das chinesische Trainingssystem sei. So langsam weicht das Bild auf von den Schwimmrobotern, die alles mit sich machen lassen.
Sie sehen auch nicht mehr so aus wie Menschmaschinen. Die Zeit des ungehemmten Anabolikadopings scheint vorbei, und dass normal wirkende Mädchen gewinnen, lässt sich sogar erklären.
Perikles Simon, 39, wundert sich nicht. Der Mainzer Sportmediziner sagt, beim Schwimmen spielten Wasserlage und Figur eine wichtige Rolle. Mädchen hätten vor der Spätpubertät die besten Proportionen. Der Körper sei durch gezieltes Training bereits gut ausgebildet, die Hüfte aber noch schmal und damit strömungsgünstig. Geht sie bei der Frau in die Breite, steigt der Wasserwiderstand an. Was auch ein Vorteil für Asiatinnen sein könnte: Sie bleiben eher schmal.
Doch dass kaum noch manipuliert wird, daran zweifelt Simon sehr. "Die DDR und skrupellose Trainer im Westen haben nicht ohne Grund Kinder gedopt." Denn dann reagierten Sehnen und Gelenke auf die verstärkte Kraft der Muskulatur und würden entsprechend belastbarer. Außerdem: "Es gibt Hinweise, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Pharmaka ansprechen. Das verschiebt das Leistungsbild." Bei wem also bereits minimale Dosen wirken, der wird es eher riskieren zu betrügen, weil er Kontrollen und Nebenwirkungen weniger zu fürchten braucht.
Simon sagt: "Wer ist denn in dieser Leistungsspitze überhaupt sauber?"
Die Amerikanerin Melissa Franklin, 17, kennen alle nur als Missy. Auch sie könnte man wie Ye Shiwen und andere des Dopings verdächtigen. Missy Franklin aus Kalifornien war bereits mit 16 Jahren dreifache Weltmeisterin, in London gewann sie Gold über 100 Meter Rücken. Danach lief sie in der Pressekonferenz auf, als käme sie vom Collegeball. In den Ohrläppchen steckten Perlen, ihr langes brünettes Haar hatte sie zu einem kunstvollen Dutt hochgeschraubt. "Ich war sooo aufgeregt", sagte sie oft und laut. Fragen der vielen Amerikaner unter den Reportern kamen meist wie ein Kompliment daher, Missy nahm sie mit großen Augen, breitem Lächeln und kurzem, begeistertem Nicken entgegen. Sie ist in ihrer Rolle als neuer US-Schwimmstar angekommen. Keiner erwähnte das Wort Doping. Eine Frage danach hätte sich angehört, als wäre man so verrückt geworden, etwas Unanständiges in ihrem Leben zu vermuten.
Amerika hat sich in Supergirl Missy verliebt. Überall auf der Welt passiert so etwas mit jungen olympischen Sportlern, und es läuft immer nach dem gleichen Muster ab: Landesvolk erblickt Landeskind auf einmal am Fernsehen und nimmt es fest in die Arme. Großbritannien hat das mit Wasserspringer Tom Daley gemacht, als der Junge in Peking vor aller Augen vom Turm hüpfte, als jüngster britischer Teilnehmer der Spiele mit erst 14 Jahren - bei seinem Heimspiel in London wird Daley nun gefeiert wie ein Idol.
Deutschland hatte Fabian Hambüchen 2004 in Athen ins Herz geschlossen, einen damals 16-jährigen Turner mit Stupsnase und Brille, Kosename Turnfloh. Am heftigsten aber war die Liebe der Nation 1992 entflammt, als Franziska van Almsick mit 14 in Barcelona durchs Schwimmbecken kraulte und Silber und Bronze gewann. Ost und West hatten gerade erst geheiratet und bekamen nun ihr Wunschkind, ein Mädchen. Es war vor dem Mauerfall in Ost-Berlin geboren worden, wies aber viele westliche Gene auf. Franzi war unbefangen, kess und werbetauglich.
Doch sie kam schneller in die Pubertät, als viele es wahrhaben wollten. Franzi wurde überladen mit Erwartungen und begehrte auf. Sie genoss ihre Rolle als Kinderstar, und sie schien sie zugleich zu hassen. Olympiasiegerin wurde sie nie. 2004, nach den Spielen von Athen, hörte sie auf. Es war, als habe sie es gar nicht abwarten können, endlich abzuhauen.
Was ihren Nachfolgerinnen wie Ruta Meilutyte oder Ye Shiwen noch fehlt, ist eine Karriere, die auch eine Geschichte erzählt. Und die spannendste Geschichte aus London ist die eines englischen Radprofis, der auch einmal so etwas wie ein Wunderkind war.
Als Bradley Wiggins seine erste Goldmedaille bei Olympia gewann, war er 24. Den Erfolg verkraftete er nicht, er begann zu trinken, ein Jahr soff er sich durch Pubs. Sein Vater Gary war schon Rennfahrer und Trinker gewesen und hatte die Familie verlassen, als Bradley klein war. Der Sohn wuchs in einer Arbeitergegend Londons auf, zog nach Manchester und begann eine große Karriere. Dass sie nicht am Kneipentresen endete, liegt vor allem daran, dass Wiggins selber Vater wurde und sich besann.
Nach London kam er direkt aus Paris angeflogen, von der Tour de France, die er als erster Brite gewonnen hatte. Trotzdem ließ er sich vom Irrsinn um seine Person nicht anstecken und siegte im Zeitfahren. Für die Fotografen setzten sie ihn danach auf einen goldenen Thron. Wiggins trug seinen weit geöffneten Rennanzug in den britischen Farben, schlug die Beine übereinander und schaute erschöpft. Eine Szene wie aus einem Stück von Monty Python. Wiggins verlieh diesem albernen Moment Ironie.
Keine Schwimmerin, kein Leichtathlet, niemand sonst außer Wiggins wird wohl am Ende das Gesicht dieser Londoner Spiele sein. Ein schmaler Mann mit breiten Koteletten, 32 Jahre alt.
Ruta Meilutyte, das Mädchen aus Litauen, verschwand nach ihrem Olympiasieg aus der Halle. Sie sah verstört aus, als sie ging. Zwei Tage später schwamm sie ihr nächstes Rennen, über 100 Meter Freistil, und schied im Vorlauf aus.
Es war alles ein bisschen zu viel für das Kind.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 32/2012
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