06.08.2012

LITERATURVon Kindern und Künstlern

Alle Eltern sind anstrengend, Künstlereltern besonders. Die beiden Geschwister Annie und Buster Fang sind mit einem Vater und einer Mutter geschlagen, die sich für gesellschaftskritische Performance-Artisten halten. Als sie noch Kinder sind, nehmen Annie und Buster in den achtziger und neunziger Jahren zwangsweise an diversen Happenings teil, sie dürfen sich kreischend auf Bonbonmassen stürzen, die Mama und Papa in irgendeiner Einkaufspassage auskippen, sie müssen sich öffentlich übergeben oder auf einer Schulbühne knutschen. Und natürlich gibt es deswegen stets großes Geschrei. Der amerikanische Schriftsteller Kevin Wilson, 34, erzählt in "Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung" auf komische Weise von den Leiden zweier Künstlerkinder - und davon, wie sie sich, erwachsen geworden, selbst als Kreative abstrampeln: Annie als Schauspielerin, die in miesen Actionfilmen mitspielt, säuft und mit den falschen Männern ins Bett steigt, Buster als verkrachter Autor, der Reportagen über merkwürdige Männerrituale in abgelegenen Käffern schreibt. Mit viel Sinn für Slapstick und grelle Wendungen erzählt dieser Katastrophenroman, wie die beiden zerzausten Helden nach Jahren der entschiedenen Abnabelung zurückkehren in ihr Elternhaus und plötzlich Detektivarbeit leisten müssen, weil ihre durchgeknallten Erzeuger spurlos verschwunden sind. Der linkische Charme dieses in den USA völlig zu Recht gefeierten Buchs erinnert an Kinofilme wie "Juno" oder "Ferris macht blau"; die klügste Pointe des Autors Kevin Wilson aber besteht darin, dass er den Leser begreifen lehrt: Künstlerarbeit mag zwar oft lächerlich oder öde aussehen, in Wahrheit ist sie der tollste Job der Welt.

DER SPIEGEL 32/2012
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