06.08.2012

AFFÄREN„Mein letztes Interview“

Der russische Bassbariton Jewgenij Nikitin über das Hakenkreuz-Tattoo auf seiner Brust, die Flucht aus Bayreuth und seinen Zorn auf deutsche Journalisten
Nikitin, 38, sollte zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele am 25. Juli die Titelrolle in Richard Wagners Oper "Der Fliegende Holländer" singen. Einige Tage zuvor war durch einen ZDF-Beitrag bekannt geworden, dass sich der Sänger in seiner Jugend als Schlagzeuger einer Heavy-Metal-Band ein Hakenkreuz auf die Brust hatte tätowieren lassen. Nach einem Gespräch mit den Intendantinnen der Festspiele, Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, war Nikitin noch vor der Generalprobe aus Bayreuth abgereist.
SPIEGEL: Herr Nikitin, wie kam es dazu, dass Sie Bayreuth Hals über Kopf verlassen haben?
Nikitin: Mein Fehler war, dass ich mich zu oft mit Journalisten getroffen habe. Sie haben mich betrachtet wie ein Insekt unter der Lupe. Das hat mich aufgebracht. Dann hat jemand schlicht den besten Zeitpunkt abgepasst, den späten Abend vor der Generalprobe, und im Fernsehen ein Riesentheater aus meiner alten Tätowierung gemacht. Zeit für Erklärungen blieb mir da nicht mehr. Wir mussten uns schnell entscheiden, und so beschlossen wir, uns zu trennen.
SPIEGEL: Hat man Sie gedrängt?
Nikitin: Niemand hat mich zu irgendetwas gezwungen. Wir, die Intendanz und ich, haben gemeinsam die einzig richtige Entscheidung getroffen. Nach all den Unterstellungen war es unmöglich, auf die Bühne zu treten.
SPIEGEL: War Ihnen Bayreuths Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus bekannt? Wussten Sie vor Ihrem Engagement, dass Wagner Antisemit und Hitler Dauergast am Grünen Hügel war?
Nikitin: Aber sicher kenne ich die Geschichte Bayreuths und Wagners persönliche Ansichten. Aber das hält Menschen überall in der Welt nicht davon ab, seine Musik zu hören.
SPIEGEL: Sie behaupten nun in einer Presseerklärung, das Tattoo habe kein Hakenkreuz dargestellt. Was soll es sonst sein?
Nikitin: Ein Tattoo zu stechen ist ein langwieriger, schmerzhafter Prozess. Tattoos, die größere Teile der Haut bedecken, macht man in Teilschritten, so auch meins. Die Arbeitsetappe, die auf den Aufnahmen von 2008 zu erkennen ist und die das ZDF verwendet hat, war nur der Anfang. Auf dem Video sieht es so aus: dicke, breite Linien, in denen man ein Hakenkreuz zu erkennen glaubt. Inzwischen sieht es aus wie ein achtstrahliger Stern, so wie ich es immer wollte.
SPIEGEL: Das ist doch eine nachträgliche Schutzbehauptung.
Nikitin: Sie können mir glauben: Der Tatsache, dass die Konturen des Tattoos im Anfangsstadium einem Hakenkreuz ähneln, habe ich keinerlei Bedeutung beigemessen.
SPIEGEL: Warum geben Sie nicht einfach zu, dass es eine Jugendsünde war?
Nikitin: Mir ist es egal, ob mir jemand glaubt. Ich habe dem nichts hinzuzufügen.
SPIEGEL: Wenn das alles angeblich nur ein Missverständnis war, warum haben Sie das alles nicht sofort geklärt, statt Bayreuth zu verlassen?
Nikitin: Bevor man diesen Unflat über mich zu verbreiten begann, hätte man mal mit mir reden sollen, statt das alte Filmmaterial zu verwenden. Vielleicht hätte ich ja etwas Interessantes zu erzählen gehabt. Ich habe den Wagners erklärt, dass meine Tattoos 2008 noch nicht fertig waren. Die Wahrheit aber wollte in dem Moment des Eklats niemand hören.
SPIEGEL: Sie haben gesagt, ein Misserfolg in Bayreuth werde sie vernichten. Geben Sie Ihre Karriere nun auf?
Nikitin: Der Death-Metal-Sänger Glen Benton hat auch mal versprochen, sich mit 33 das Leben zu nehmen, ist aber bis heute lebendig.
SPIEGEL: War Ihnen nicht klar, dass man in Deutschland sensibel auf Anspielungen auf die Nazi-Zeit reagieren würde?
Nikitin: Schauen Sie sich das Logo der US-Band KISS an. Die macht schon seit 40 Jahren Geschäfte mit dem Emblem der SS. Fragen bezüglich nationalsozialistischer Symbolik also bitte erst an deren Adresse und danach an mich. Verglichen mit denen bin ich ein Waisenknabe.
SPIEGEL: Sie waren Schlagzeuger einer Heavy-Metal-Band. Wie kommt ein Rocker zur Oper?
Nikitin: In der Jugend haben alle Rockmusik gespielt, es war die beste Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen. Das Schicksal wollte es so, dass ich eine klassische Musikausbildung genießen konnte. Die Chance, die sich mir bot, habe ich genutzt. Damit bin ich zufrieden.
SPIEGEL: Ist die Bayreuth-Absage für Sie mit finanziellen Einbußen verbunden?
Nikitin: Ich bitte Sie! Das ist doch eine ganz alltägliche Situation: Ein Sänger sagt einen Auftritt ab, na und? Der eine wird krank, der nächste hat Familienprobleme oder sein geliebter Hund ist krepiert. Alles Geld der Welt kann man sowieso nicht verdienen.
SPIEGEL: Gibt es weitere Absagen nach dem Skandal?
Nikitin: Es gab bislang weder Absagen noch neue Angebote. Ich bin aber für jeden Lauf der Dinge gewappnet.
SPIEGEL: Was haben Sie aus der Affäre gelernt?
Nikitin: Ich werde meine Kontakte mit Journalisten auf ein Minimum reduzieren. Der SPIEGEL ist das letzte Blatt, mit dem ich spreche.
Von Benjamin Bidder und Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 32/2012
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