06.08.2012

Wen die Götter strafen

FILMKRITIK: Ridley Scotts „Prometheus“ soll ein ganz besonders schlauer Blockbuster-Film sein.
Als Ridley Scott gefragt wurde, worum es in seinem neuen Film gehe, sagte er einfach nur: "Um alles". Man könnte sagen, dass er damit ziemlich untertrieben hat.
Sein Film "Prometheus" spielt im Jahre 2089 und erzählt von zwei Archäologen (Noomi Rapace und Logan Marshall-Green), die glauben, in Höhlenzeichnungen eine Botschaft von Außerirdischen zu erkennen. Eine Einladung an die Menschheit sei dies, sind sie überzeugt.
Ein Raumschiff, Prometheus genannt, macht sich auf den Weg zu einem weit entfernten Planeten. Dort wird die fremde Lebensform vermutet. Wie sich bald herausstellt, haben die Forscher recht: Die Einladung der Außerirdischen war ernst gemeint. Tödlich ernst.
Die Forscher werden angegriffen, einige sterben. Als sie einen der Aliens in ihre Gewalt bekommen, stellen sie fest, dass seine DNA große Übereinstimmungen mit der des Menschen aufweist. "Eine Suche nach unserem Ursprung", die unser "Ende sein könnte", verspricht das Plakat des Films.
Tatsächlich ist "Prometheus" zunächst einmal nur der siebte Aufguss eines Films, der 1979 entstand und eine der erfolgreichsten Serien der Kinogeschichte begründete. "Alien", ebenfalls inszeniert von Ridley Scott, erzählte von der Crew eines Raumschiffs, die nach und nach von einem außerirdischen Wesen dezimiert wird.
Der Begriff "Alien", der ursprünglich "Fremder" oder "Ausländer" bedeutet, wurde erst durch die Serie im allgemeinen Sprachgebrauch zu einem Synonym für Außerirdische. Niemand redet heute mehr von Steven Spielbergs "extra terrestrials".
Der Titel "Alien" war Programm: Die Filme der Serie erzählten davon, dass die Außerirdischen zwar ganz anders aussehen als wir Menschen, sich aber innerlich kaum von uns unterscheiden.
Weil die Außerirdischen uns so nahe schienen, versuchten die Filme der "Alien"-Serie herauszufinden, was den Menschen ausmacht. In "Alien - Die Wiedergeburt" (1997) stößt eine Frau in einem Labor auf entstellte, fehlgeschlagene Klone ihrer selbst.
Genau so einen Klon von einem Film wollte Ridley Scott nicht machen. Er ist Brite, er liebt Tee, aber der siebte Aufguss? Er ist inzwischen Sir, hat Oscar-Gewinner wie "Gladiator" gedreht. Wenn er einen Film in Angriff nimmt, muss das mehr sein als eine Fortsetzung. Er änderte den Titel seiner eigenen Serie in "Prometheus". Auch das war Programm.
Dieses Programm ist in Hollywood im Augenblick sehr beliebt: Die Studios laden Blockbuster, sogenannte no brainers, vermeintlich hirnlose Massenware also, mit Bedeutung auf. Sie lassen den Zuschauer arbeiten für sein Geld. Der Held dieser neuen Bewegung ist der "Batman"-Regisseur Christopher Nolan.
Nolan, wie Scott Brite, griff in seinen Filmen, zuletzt in "The Dark Knight Ri-
ses", unter anderem 9/11 und die Finanz-krise auf. Aus einem vielbelächelten Mann im Fledermauskostüm wurde ein Held, der auch die ganz großen Themen stemmen kann.
Nun gibt Scott seinem "Alien"-Stoff eine antike Dimension und bemüht hierfür einen griechischen Helden, der die Götter herausfordert und dafür bitter bestraft wird.
Es geht bei "Prometheus" um die ersten und die letzten Dinge: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Ständig wird geraunt und herumgeheimnisst, der Film ist bedeutungsschwanger im zehnten Monat, schon in den ersten Minuten, aber er entbindet bis zum Ende nicht.
Es gibt eine Szene, in der sich die Archäologin einen Embryo aus dem Leib schneiden lassen muss, mit einem Operationsroboter. Es ist gruselig und aberwitzig zu sehen, wie die Scherblätter in ihren Innereien herumfuhrwerken, es ist vielleicht sogar die stärkste Szene in "Prometheus". Und dennoch erzählt der Film nichts von dem psychischen Drama, das Böse in sich zu tragen und zu gebären. Von dem Drama jenseits des Fleisches.
Viele Blockbuster-Filme der vergangenen Zeit kehrten zurück zu den Ursprüngen, zeigten, wie Batman, Spider-Man oder James Bond zu den Helden wurden, die sie sind. Ridley Scott will weiter, er will zeigen, wie wir Menschen wurden, was wir sind. Aber er bleibt hängen in seiner eigenen Vergangenheit.
Michael Fassbender, der in "Prometheus" einen Androiden spielt, sieht aus wie David Bowie in den siebziger Jahren. Ein Hightech-Gerät ist dem Zauberwürfel "Rubik's Cube" nachempfunden, der auf den Markt kam, als Scotts Weltkarriere mit "Alien" begann. "Prometheus" ist ein Science-Fiction-Film im Retro-Stil.
Der antike Mythos Prometheus erzählt von einem Mann, der alles will - und sich dabei überhebt.
(*) Mit Logan Marshall-Green, Noomi Rapace, Michael Fassbender. Filmstart: 9. August.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 32/2012
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