13.08.2012

Das Intello-Idiom

Deutsch ist bei Frankreichs Schülern unbeliebt. Trotz Nachfrage aus der Wirtschaft und einer emsigen Lobby bleibt es hinter der Trendsprache Spanisch zurück.
Das attraktive Deutschland sollen die Fotos der Bands Rammstein und Tokio Hotel zeigen, Bilder vom Brandenburger Tor und von lachenden Franzosen auf Klassenfahrt.
Spaß ist möglich im Nachbarland, das versucht Françoise Desgrand mit der Dekoration ihres Klassenzimmers zu vermitteln. "Ich kämpfe weiter", sagt die Deutschlehrerin, "auch wenn wir immer wieder entmutigt werden."
Es ist die letzte Stunde vor den Sommerferien, Desgrand sorgt sich um den Schulanfang im September: Nur zwölf Mädchen und Jungen haben sich am Collège Louise de Savoie für den Deutschkurs angemeldet. Dabei hat die Pädagogin an den umliegenden Grundschulen Probeunterricht gehalten und Schülern wie Eltern eine Umtauschgarantie gegeben - bei Nichtgefallen dürfen sie nach sechs Wochen die Sprachwahl ändern.
Doch sogar in Pont d'Ain, einem kleinen Ort nordöstlich von Lyon, weit weg von der Iberischen Halbinsel, hat Deutsch einen schweren Stand. Das Fach scheint aufgerieben zu werden zwischen dem unumstrittenen Englisch und dem zunehmend beliebten Spanisch. Dreimal so viele Schüler ziehen die romanische Sprache vor.
Die Zahlen in der Region Lyon liegen im landesweiten Schnitt. Im abgelaufenen Schuljahr belegten 15,3 Prozent der Schüler an weiterführenden Schulen Deutsch, verglichen mit 98,4 Prozent Englisch und 44,2 Prozent Spanisch.
Seit 1995 ist die Zahl der Deutschlerner um ein Drittel geschrumpft. Ganze Regionen entlang der Mittelmeer- und Atlantikküste müssen künftig ohne Deutschkenntnisse ihrer Bewohner auskommen.
Die Krise spiegelt ein ähnliches Desinteresse diesseits des Rheins wider, wo 20 Prozent der Schüler Französisch lernen. Die Sprache der Nachbarn gilt wechselseitig als verkopft und grammatiklastig, als Idiom für "Intellos" und "Streber", Spanisch hingegen, in Frankreich wie in Deutschland, als modern und leicht.
Im Nachbarland fürchten die Deutschlehrer um ihre Zukunft. Viele müssen wegen der geringen Nachfrage an mehreren, oft weitverstreuten Schulen unterrichten, um ihr Deputat vollzubekommen. Auch das ein Grund, warum die Eltern ihre Kinder nicht für Deutsch anmelden. Sie meiden das Risiko, dass der einsame Fachvertreter überfordert oder schrullig ist - ein Teufelskreis.
Zudem wurden viele Pädagogen in den siebziger Jahren während der Bildungsexpansion eingestellt und stehen jetzt kurz vor der Rente. "Manche Kollegin gilt als strenge Tante, während die junge Spanischlehrerin im geblümten Sommerkleid viel dynamischer daherkommt", beschreibt Frédéric Auria, Präsident des Deutschlehrerverbands, das Problem in der Außendarstellung.
"Das Bild Deutschlands und der Deutschen ist sehr negativ und ohne Bezug zur Realität", schrieb der Lehrer an einem Gymnasium bei Lyon im März an die Präsidentenkandidaten. Nun hofft Auria auf den neuen Premier Jean-Marc Ayrault, einen ehemaligen Deutschlehrer.
Dabei wirbt bereits eine ganze Legion von rührigen Lobbyisten: deutsche Botschaft und Konsulate, Goethe-Institute, Jugendwerk, Deutsch-Französische Hochschule, Universitäten und Handelskammern.
"Wir laufen uns hier alle die Hacken ab, um zu verhindern, dass Deutsch weiter in die Defensive gerät", sagt der Generalkonsul in Lyon, Christian Seebode. "Sinkende Teilnehmerzahlen machen es den Schulverwaltungen schwer, den Schulen ausreichend Deutschlehrer zur Verfügung zu stellen", sagt der Diplomat.
Außerhalb des Bildungsbürgertums gibt es Berührungsängste, obwohl Deutsch die Berufschancen von Schul- und Hochschulabgängern verbessert. "Spanisch mag für Reisen in alle Welt nützlich sein, die deutsche Sprache aber ist für Franzosen eine Jobgarantie", sagt Xavier Duquenne. Der Spezialist für Auslandsentsendungen im deutsch-französischen Team der Wirtschaftsberater von Ernst & Young weiß aus Erfahrung, dass es trotz hoher Nachfrage weiterhin an Arbeitskräften mit Deutschkenntnissen fehlt.
"Deutsch macht sich gut im Lebenslauf", sagen auch die Studenten, die während der zweijährigen "classe préparatoire" im Lycée Saint Just hoch über der Altstadt von Lyon für die Aufnahmetests an bekannten Wirtschaftsunis pauken. Personalchefs betrachteten solche Bewerber als sorgfältig und leistungsbereit.
Für intensive Landeskunde oder gar Austausch-Aufenthalte in der Bundesrepublik sei ihnen aber bei dem vollgepackten Stundenplan kaum Zeit geblieben. Nun bemüht sich Deutschlehrer Stéphane Gauthier, die Lücken zu füllen, die die Regelschule auch bei den künftigen Bewerbern für eine Grande École gelassen hat. "Wir müssen immer in Eile sein", beklagt Gauthier, "das Niveau sinkt."
Der Abiturient Arnaud Bard de Coutance, 17, will es mit Deutsch auf eine Elitehochschule schaffen, er schwärmt für Deutschland und dessen Ingenieurskunst.
Seine Großeltern und beide Eltern lernten in der Schule Deutsch. Der Vater, ein Manager, drängte seine Kinder, es ihm nachzutun. Arnauds ältere Schwestern sowie der Bruder wählten auf dem Collège allerdings nach Englisch die Sprache, die ihnen am sympathischsten war: Spanisch.
Ihr Argument, so Arnaud: "Da reicht es, ans Französische ein A oder ein O anzuhängen."
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 33/2012
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