13.08.2012

MUSIKTonstörung

Es ist ein Kulturkampf zwischen alter und neuer Zeit: Was kostet Musik? Zu wenig, sagt Rechteverwerter Gema. Zu viel, sagen Clubs. Ihr Streit geht auch um die Frage, was ein Künstler ist.
Vor ein paar Wochen rief Steffen Hack bei der Gema an. Es gab Gerüchte, viel Lärm im Internet. Um eine Tarifreform. Hack wollte die Dinge klären, schon weil er sich unter einer Tarifreform nicht viel vorstellen konnte.
Hack suchte Rat bei der Gema-Bezirksdirektion Berlin. Er nannte seine Gema-Nummer, es folgten lange Berechnungen, Schätzungen, und am Ende hörte Hack eine Zahl: 140 000 Euro.
Steffen Hack, Chef des "Watergate", eines der bekanntesten Clubs Berlins mit Fans sogar in Australien, wurde ein bisschen zittrig. Vor Aufregung und vor Wut.
Später begann Hack zu suchen. Er durchwühlte seine Clubunterlagen, irgendwann fand er seinen Gema-Vertrag. Ein altes Ding, abgeschlossen 2004, aber noch gültig. Eine Seite nur, unten rechts stand eine Zahl: 8202,02 Euro.
Steffen Hack ist nicht so der Vertragstyp. Aber er kann sagen, dass seit 2004 ein paar leichte Erhöhungen hinzugekommen waren und dass er im vergangenen Jahr rund 10 000 Euro an die Gema gezahlt hat. In Zukunft würden es also 1300 Prozent mehr sein.
Eine irre Zahl, dachte Hack.
Die Gema ist ein deutscher Verein. Sie erhebt Gebühren für die Nutzung von Musik und verteilt das eingenommene Geld an die Urheber - Komponisten, Textdichter - und an die Musikverleger. Im April gab die Gema eine grundlegende Tarifreform bekannt, von der vor allem Discotheken und Clubs betroffen sind. Leute wie Steffen Hack sollen künftig mehr Geld bezahlen für die Musik, die bei ihnen gespielt wird. Es geht, so sieht es die Gema, um mehr Gerechtigkeit. Und am Ende auch darum, ein Zeichen zu setzen in Zeiten, in denen der Urheber in seinen Rechten bedroht ist und die Frage, was Musik wert ist, neu verhandelt wird.
"140 000 Euro?", fragt Martin Schweda. Nicht aufgeregt, eher interessiert. "Das ist natürlich eine ganze Menge, klar."
Martin Schweda, Chef der Gema-Bezirksdirektion Berlin, sitzt in seinem Büro im 7. Stock an einem Konferenztisch. Man hat von hier oben einen schönen Blick über die Stadt, in der es kaum noch Industrie gibt, dafür jede Menge Clubs und Discotheken. Berlin ist ein riesiger Dancefloor. "Es ist aber auch so", sagt Schweda, "dass die Discotheken jahrelang viel zu wenig an uns gezahlt haben."
Martin Schweda hat Dokumente vorbereitet. Listen mit Zahlen liegen auf dem Tisch. Das sind die neuen Gema-Tarife, die ab dem 1. April 2013 gelten sollen. Der Ursprung allen Zorns.
"Hier", sagt Schweda und setzt zu einer kleinen Verteidigungsrede an. "60 Prozent aller Musikveranstaltungen werden nach der Reform billiger oder bleiben preislich gleich." Er tippt auf eine der Listen. "Hier, der grün markierte Bereich. Dort gibt es Entlastungen. Gerade für kleine Veranstaltungen. Die Discotheken - gut, für die wird es teuer."
Der alte Gema-Tarif für Discotheken galt 30 Jahre lang. Seit 1982. "Der M-U III 1c, Tonträgerwiedergabe in Discotheken", sagt Schweda, als begrüßte er einen alten Bekannten. Der M-U III 1c soll bald sterben und durch den M-V ersetzt werden, den "Vergütungssatz für Unterhaltungs- und Tanzmusik mit Tonträgerwiedergabe mit Veranstaltungscharakter".
Gema-Tarife klingen oft so, als ginge es um Militärparaden mit tanzenden Pferden.
Bislang gab es bei der Gema elf Tarife plus Sonderregelungen für Veranstaltungen mit Musik. Zukünftig soll es nur noch zwei Tarife geben. Einen für Live-Musik, den U-V. Und einen für Discotheken und den ganzen Rest, den M-V.
"Alles wird gerechter und übersichtlicher", sagt Martin Schweda, der das Nachtleben noch aus den achtziger Jahren kennt, als er in Reinickendorf im "Sloopy" tanzte.
"Ist das nicht sittenwidrig, diese Tarifreform?", fragt Steffen Hack. Die Gema macht, was sie will. "Wie nennt man das, eine Diktatur?" Hack sitzt auf einer schwarzen Couch in der unteren Etage des "Watergate". Tagsüber sehen Clubräume trostlos aus.
Hack ist im Berliner Nachtleben unter dem Namen "Stoffel" bekannt, aber auch schon 48 Jahre alt. Stoffel vom "Watergate". Seine rotblonden Haare stehen in die Höhe, was ihn etwas aufgeladen wirken lässt. Er macht Yoga, um runterzukommen und fit zu bleiben für die Nächte. In letzter Zeit hat Hack demonstriert, Petitionen unterschrieben und Anwälte aufgesucht. Steffen Hack ist gerade im Widerstand. Gegen die Gema-Diktatur. Hack ist sogar Teil einer Widerstandsgruppe, die sich in Berlin gebildet hat und die im Kern aus einigen anderen Clubchefs besteht.
Es ist ein seltsamer Kampf. Nicht Arm gegen Reich, Oben gegen Unten. Eher ein Kulturkampf, bei dem es darum geht, den Zeitenwandel in den Griff zu bekommen.
"Wir sind gerade die Prügelknaben", sagt Martin Schweda. "Andererseits wird eine Debatte angestoßen. Was ist das Urheberrecht? Was macht die Gema? Das ist für mich der positive Aspekt."
Vor ein paar Wochen fuhren einige Berliner Clubchefs mit dem Fahrstuhl zu Martin Schweda in die 7. Etage. Ein Runder Tisch fand statt, so wie am Ende der DDR zwischen Regierung und Opposition. Man wollte mal reden. Schweda zeigte den Clubchefs seine Listen, die grünen Markierungen. Hat es was gebracht?
"Tja", sagt er, "vielleicht denken sie jetzt wenigstens: ,Ach, der Schweda. Ist ja doch nicht so ein Arsch.'"
Das wäre ein Fortschritt. Zurzeit vergeht kein Tag ohne Gema-Ärger. Ohne Zeitungsartikel, in denen vom "Gema-Desaster" die Rede ist, vom "Inkasso-Monster", vom "meist gehassten Verein Deutschlands". Selbst die deutsche Politik entdeckt ihr Disco-Herz.
Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister forderte "Zugeständnisse der Gema", und Kristina Schröder, die deutsche Familienministerin, hat nun auch Angst vor einem "Disco-Sterben".
Womöglich wird "Disco-Sterben" das Wort des Jahres 2012.
Gema ist die Abkürzung für "Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte". Aber das kann draußen, in der Welt vor Schwedas Büro, niemand aussprechen. Die Gema gibt es, mit Vorläuferorganisationen, seit 1903. Sie ist eine der größ ten Musikverwertungsgesellschaften der Welt, sie vertritt in Deutschland die Rechte von über 64 000 Mitgliedern und über zwei Millionen ausländischen Künstlern.
Im Aufsichtsrat der Gema sitzen Musiker wie Tobias Künzel von den Prinzen, Konstantin Wecker oder Frank Dostal, der einst bei den Rattles sang und in den siebziger Jahren den Text schrieb für das "Lied der Schlümpfe".
Die Gema war lange ein sehr unauffälliger deutscher Verein. Bis er in diesen Kulturkampf geriet.
"Ich wusste jahrelang gar nicht, dass es die gibt. Da, wo ich herkam, gab's die nicht", sagt Steffen Hack. "Ich kam ja aus dem Keller." Hack kommt aus Stuttgart. In den achtziger Jahren, als Martin Schweda im "Sloopy" tanzte, besetzte Hack in West-Berlin Häuser und spielte in einer Punk-Band. Nach dem Mauerfall zog er in den Osten. Unter einem Altbau in Mitte machte er einen Club namens "Toaster" auf, einen feuchten Kellerladen, den er natürlich nicht anmeldete. So machten das damals alle.
Es waren die neunziger Jahre, und Leute wie Hack erfanden das Nachtleben, für das Berlin heute berühmt ist. Ein neuer Sound entstand, schnell, rau, elektronisch, und mit ihm entstanden neue Clubs. Die Leute tanzten in Kellern oder verlassenen Hallen, schlecht belüftet, kaum renoviert. Es ging nicht um Glamour.
"Es ging auch nicht um Geld. Die Clubszene in Berlin ist ja nicht entstanden, um Kohle zu machen", sagt Hack.
Worum ging es dann?
"Liebe", sagt Hack.
Zum Sound, zu den Räumen, zur Nacht. Die wichtigen Clubs wurden in Berlin nicht von Unternehmern eröffnet, von Millionären, die eine Disco kauften. Sondern von Spinnern, von Besessenen.
Das "Watergate" ist Hacks erster legaler Club. Die Kellerjahre sind vorbei.
Ein paar Tage nach der Eröffnungsparty kam damals ein Mann von der Gema, schritt die Räume ab, den Waterfloor unten, den Mainfloor oben, und fragte, wie viele "Tanzveranstaltungen" geplant seien. Hack hatte den Club nicht bei der Gema gemeldet, sie hatten ihn aufgespürt.
Das "Watergate" bekam eine Gema-Nummer und den Tarif M-U III 1c für "Tonträgerwiedergabe in Discotheken".
Nach dem Urheberrechtswahrnehmungsgesetz ist die Gema berechtigt, jede Nutzung urheberrechtlich geschützter Musik zu kontrollieren und Gebühren dafür einzusammeln. Im Geschäftsjahr 2011 kamen so 825,5 Millionen Euro zusammen. Das Geld schüttet die Gema zu 85 Prozent an ihre Mitglieder aus.
So gesehen ist die Gema ein guter deutscher Verein. Man sollte ihm dankbar sein und ruhig mal das Fell kraulen wie einem alten Hund, der gern knurrt und Leuten ins Bein beißt, aber treu das Haus bewacht. Ohne die Gema säßen viele Komponisten vermutlich beim Arbeitsamt oder in der Fußgängerzone.
Trotzdem ist die Gema im großen Ganzen so beliebt wie Hundekacke. Ist das nicht frustrierend?
"Ich bin überzeugt, dass wir hier das Richtige zu tun", sagt Schweda.
Martin Schweda ist 47 Jahre alt und kam vor vier Jahren in die Bezirksdirektion. Er hat bei Bolle angefangen, der untergegangenen Berliner Supermarktkette. Später wechselte Schweda zu Bahlsen und wurde Verkaufsleiter im "Salzbereich" - Chips, Salzstangen, Erdnussflips. Nach 18 Jahren im Salzbereich rief ein Headhunter bei Schweda an. Ob er Interesse an einer Führungsposition bei der Gema habe. Schweda spielt kein Instrument, kann keine Noten lesen, er singt nicht. Schweda sagte trotzdem zu und ist mittlerweile "ein überzeugter Gema-Mensch geworden".
Sitzt Schweda in einem Restaurant, guckt er, wo die Musikboxen stehen. Denn: "Für jeden Raum, den man beschallt, muss man Vergütung zahlen. Auch für das Klo." Geht Schweda zu einem Konzert, kommt es vor, dass er Leute anspricht, die mit ihrer Videokamera filmen, und sie auffordert, das zu unterlassen. Und was sagen die Leute?
"Das sei nur für private Zwecke. Und ich antworte: Okay. Aber stellen Sie es bitte nicht auf YouTube." Schweda sagt, er könne nicht anders. Berufskrankheit.
Urheberschutz, ein gesunder Kontrollzwang und das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, gehören zur Betriebsidentität. Zum Gema-Gefühl. Woher das kommt, ist schwer zu sagen, aber es spielt sicher eine Rolle, dass sie in einer riesigen Maschine sitzen, die seit dem Jahr 1903 vor sich hin arbeitet. Die Maschine wird angetrieben von 1100 Mitarbeitern und wurde mit den Jahrzehnten verfeinert.
In der Datenbank der Gema sind heute 11,5 Millionen Werke registriert. Jedes Jahr kommen mittlerweile zwischen 800 000 bis 900 000 neue hinzu. Jeder Komponist oder Textdichter kann für 61 Euro Aufnahmegebühr Gema-Mitglied werden und seine Werke einreichen. Dann kümmert sich der Verein um die Verwertungsrechte.
Die Gema sammelt im Jahr bei rund einer Million Einzelveranstaltungen Gebühren ein, auf der Grundlage von 137 Tarifen. Es gibt einen Tarif für "Musik in Kurorten", für "Musik im Gottesdienst", für "Weiterleitung von Musik in Seniorenheimen" und für "Erotikfilmvorführungen in Videoeinzelkabinen".
Die Gema hat auch Leute, die Websites nach unangemeldeter Musik durchforsten. Die Gema hat Leute, die Zeitungen, Magazine und Anzeigen lesen, auf der Suche nach unangemeldeten Konzerten und Partys. Die Gema hat Leute, die im Bereich "Musikerkennung" arbeiten, Experten, die entscheiden, ob ein Werk zur E-Musik gehört oder zur U-Musik.
Die Maschine ist allumfassend, und manchmal wird sie nachjustiert. Mit einer Tarifreform zum Beispiel.
"Überlegen Sie mal", sagt Martin Schweda. Und beginnt zu rechnen. "Wenn Herr Hack bislang 10 000 Euro im Jahr zahlte - bei drei Veranstaltungen pro Woche, also rund 150 Veranstaltungen im Jahr -, dann zahlte er pro Abend bislang rund 65 Euro für die gespielte Musik. Das sind vier Kisten Bier. Ist Musik so wenig wert?"
Steffen Hack sagt, dass selbst diese 65 Euro nicht bei den Leuten ankommen, deren Musik in seinem Club gespielt wird.
Aber wer bekommt die 65 Euro dann? Der "Discotheken-Topf", sagt Schweda.
In den Discotheken-Topf fließen alle Gema-Gebühren, die Clubs und Discotheken zahlen. Im Jahr 2011 waren das rund sechs Millionen Euro. Um das Geld verteilen zu können, erstellt die Gema eine Hitliste aller gespielten Titel. Sozusagen die Gema-Disco-Charts. Wer in den Charts oben steht, bekommt mehr Geld, wer unten steht, weniger. Um ein Gefühl zu bekommen, was das bedeutet: Damit ein Urheber 500 Euro im Jahr aus dem Topf erhält, müsste ein Song von ihm auf rund 15 000 Spielminuten kommen.
2010 war der Nummer-eins-Hit in den Gema-Disco-Charts "Memories" von David Guetta. Ein Song, der bei Steffen Hack im "Watergate" nie aufgelegt werden würde. Viel zu sehr Popmusik.
Um die Hitliste zu erstellen, hat die Gema ein Monitoring-System erfunden. In 120 Discotheken, deutschlandweit, hängen Boxen, die jede Nacht eine Stunde lang die Musik aufzeichnen. Diese Mitschnitte werden von der Firma Media Control für die Gema ausgewertet. Nicht durch Computer, sondern durch Menschen. Einfach abgehört. Man nennt das die "earische Auswertung". Ear - das englische Wort für Ohr.
Die Gema sagt nicht, in welchen Clubs und Discotheken die 120 Boxen hängen. "Um Manipulationen zu vermeiden", sagt Martin Schweda. Steffen Hack sagt, dass er nur von einem einzigen Technoclub gehört hat, in dem es so eine Box gibt.
In Zukunft sollen die großen Clubs und Discotheken mehr Geld in den Disco-Topf zahlen. Das ist ein Ziel der Gema-Tarifreform. Aber warum hat die Gema nicht schon früher mehr verlangt? In all den Jahren, in denen der "billige" Tarif galt? "Vielleicht fehlte uns dafür der Mut", sagt Martin Schweda.
Aber 1300 Prozent Erhöhung für einen Club? Einfach so? "Wir wollten das ja eigentlich alles verhandeln", sagt Schweda.
Seit 1957 handelt die Gema die Tarife mit dem Bundesverband Deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT) aus. Es läuft ganz ähnlich, wie man es von den Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften kennt. Man trifft sich, feilscht - am Ende findet man einen Kompromiss. Regelmäßig gab es auf diese Weise leichte Erhöhungen der Gema-Tarife, zuletzt um 0,75 Prozent.
Als Anfang des Jahres wieder die traditionellen Tarifverhandlungen begannen, kam die Gema allerdings mit einer neuen Grundsatzidee: Statt der alten Jahrespauschalen soll jede Disco in Zukunft an jedem Öffnungstag zehn Prozent vom Eintrittsgeld an die Gema zahlen. Zehn Prozent sind auch in anderen Ländern nicht unüblich. Daraufhin brach der BDT zum ersten Mal in der langen, friedlich verlaufenen Tarifgeschichte die Verhandlungen ab.
Für die Gema war das nicht schön, aber auch kein großes Problem. Im April verkündete sie die neuen Tarife. Unverhandelt. So erlaubt es das Gesetz. Das Patent- und Markenamt prüft noch, ob die Tarife angemessen sind. Man könnte also sagen: Die Gema legte die große Tarifreform selbst fest. Wie eine Königin. Oder ein Diktator.
Imagemäßig war das für die Gema schlecht. Leute wie Steffen Hack gingen in den Widerstand. Den Aufruf "Gegen die Tarifreform 2013" haben bislang fast 270 000 Leute unterschrieben.
"Wer sind hier eigentlich die Underdogs?", fragt Martin Schweda. "Die Clubbesitzer, die mit Musik ein Geschäft machen? Oder die Musikurheber, die niemand mehr fair bezahlen will?"
Schweda hat sein Jackett ausgezogen, die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, seine Sätze beginnt er oft mit den Worten: "Ich bin überzeugt davon ..."
Das Seltsame ist ja: Schweda ist auch im Widerstand. Steffen Hack kämpft gegen den neuen Tarif. Schweda kämpft gegen die neuen Zeiten, in denen jeder Musik hört, runterlädt, kopiert, mitfilmt, ins Internet stellt, abspielt. Aber immer weniger dafür bezahlen will.
Es geht um den Disco-Tarif. Aber eben auch um das große Ganze. Um den Grundsatz. Um die Gema-Moral.
Dafür legt sich die Gema nicht nur mit den Clubs an, sondern stellt sich auch YouTube in den Weg. Ein deutscher Verein gegen einen Weltkonzern.
YouTube soll eine angemessene Summe an die Gema zahlen, für die Musik, die auf der Plattform läuft und die für YouTube ein Milliardengeschäft ist. Aber man fand keine Einigung darüber, was eine angemessene Summe sein könnte. Die Vorstellungen waren zu unterschiedlich.
Seitdem blendet YouTube manchmal den Hinweis ein: "Leider ist dieses Video in Deutschland nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, für die die Gema die erforderlichen Musikrechte nicht eingeräumt hat." Nur ein Satz. Aber er lässt die Gema aussehen wie den großen Spielverderber. Die Spaßbremse.
YouTube, die Clubs, der Zeitgeist, die veränderte Musiknutzung - die Gema kämpft gerade an vielen Fronten. Manchmal wirkt sie wie eine verzweifelte deutsche Maschine, in der Werteverständnis, Machtwille und das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, durcheinanderrumpeln, bis alles auseinanderfliegt.
Bislang hat die Gema jede Zeitenwende überstanden. Die Kassette, die CD, die Wiedervereinigung, den USB-Stick. Aber der Aufwand wird größer.
Im Berliner Gema-Archiv lagern in Holzschubladen noch all die Werkanmeldungen von Kompositionen, die heute niemand mehr spielt. Schlager von 1927 oder Lieder mit Namen wie "Der Bauer hat ein Taubenhaus".
Silvia Moisig ist die Chefin des Bereichs "Dokumentation". Sie kann die Geschichte erzählen von Udo Lindenberg, der in den achtziger Jahren vom Hotel Kempinski herüberkam, auf Rollschuhen durch die Gänge fuhr und ein Lied registrieren ließ. Oder von Hugo Egon Balder, der mal versuchte, die Tonleiter als Komposition anzumelden, weil er das Gefühl hatte, da sitzen ja doch nur Pfeifen bei der Gema, die das nicht merken.
Die Welt war übersichtlich damals. Beherrschbar. Heute gibt es überall Absetzbewegungen. Das Gema-Reich beginnt zu bröckeln. Zumindest an den Rändern.
Vor ein paar Wochen schickten einige Berliner Clubchefs, darunter Steffen Hack, einen Stapel Listen zu Martin Schweda in die Bezirksdirektion, sogenannte Playlists. Auf den Listen standen die Titel, die verschiedene DJs in einer Nacht gespielt hatten. Es ging den Clubs um einen Test: Gibt es zwischen der alten Gema und der elektronischen Clubmusik überhaupt noch Berührungspunkte? Wird in den Clubs, die bald höhere Gebühren zahlen sollen, überhaupt noch Gema-Musik gespielt?
Martin Schweda schaute auf die Listen und las Namen von Komponisten wie Richie Hawtin, Peace Division, Phase oder M.A.N.D.Y. Schweda, der gern Supertramp hört, reichte die Listen an Silvia Moisig weiter. Moisig wiederum, seit 27 Jahren bei der Gema und Peter-Maffay-Fan, gab die Listen im Zimmer 165 ab. "Im Jugendzimmer", sagt Moisig.
Dort sitzen vier junge Gema-Mitarbeiter. Disco-Experten. Sie checkten die Playlists einige Tage lang. Sie zählten 542 Titel. Davon fanden sie 287 sofort. Bei weiteren 76 Titeln gab es Spuren in der Datenbank. Die Gema kam somit zu dem überraschenden Ergebnis, dass auch in den wilden Berliner Technoclubs mehr als 50 Prozent, möglicherweise sogar knapp 70 Prozent der aufgelisteten Titel zum Gema-Repertoire gehören.
Genauso wie Supertramp und Peter Maffay. Oder auch Marco Resmann.
Auf der Playlist, die das "Watergate" schickte, standen drei Titel von Resmann. Er ist 35 Jahre alt und hat ein Studio in Prenzlauer Berg. Der kleine Raum ist vollgestopft mit Technik, den Synthesizern, den Drumcomputern, dem Mischpult mit 32 Kanälen und Plattenregalen. Resmann ist Produzent, DJ und Label-Chef. Er komponiert Techno-Tracks.
Marco Resmann ist also ein Urheber - genau jene bedrohte, schützenswerte Figur, für die sich die Gema so starkmacht, für die sie sich mit allen anlegt.
Fünf Platten bringt Resmann im Jahr heraus, auf Vinyl, ganz altmodisch. Wenn es gutläuft, verkauft sich jede dieser Platten 500-mal. Mit dem Geld kann er die Herstellung bezahlen, die Plattencover, vielleicht das Studio. Mehr nicht.
Auch Resmann hat den Aufruf gegen die Gema unterschrieben. "Hilfe, die Tarifreform", sagt er. Der Urheber Resmann fühlt sich von den neuen Tarifen bedroht.
Resmann verdient sein Geld nicht als Komponist, sondern als DJ. Oft im "Watergate". Er komponiert, weil es die Voraussetzung dafür ist, an gute DJ-Jobs zu kommen. Wenn die Clubs, als Folge der Tarifreform, seine Gagen kürzen oder gar schließen, muss Resmann sich einen anderen Job suchen.
Marco Resmann hat die Gema nie gebraucht. Er empfindet sie nun eher als Gefahr für sein Lebensmodell.
Für den Urheber Konstantin Wecker aber ist die Gema ein Segen. Der Liedermacher ist 65 Jahre alt, seit den sechziger Jahren macht er Musik. Platten, Filmmusik, Musicals, Konzerttourneen. Ganz klassisch, Old School. Er ist seit 40 Jahren Gema-Mitglied. Im Juni, als viele vom "Disco-Sterben" sprachen, ließ er sich in den Aufsichtsrat der Gema wählen.
Wecker ist ein Urheber traditioneller Art. Auf seiner Website kann man zwei Sätze lesen: "Ohne Gema hätte ich keine Alterssicherung und keine Sozialleistungen für den Notfall. Wenn ich einmal nicht mehr in der Lage bin, über hundert Konzerte im Jahr zu spielen, könnte ich ohne diesen Verein nicht leben."
Man kann Konstantin Wecker verstehen. Man kann Marco Resmann verstehen. Und jetzt?
Von Jochen-Martin Gutsch und Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 33/2012
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