15.09.1997

NACHRUFMobutu Sese Seko

Er kam über sein Volk wie die Dreifaltigkeit von Pest, Aids und Ebola. Er hat seinen Staat nicht einfach zugrunde gerichtet wie andere Despoten, die in die eigene Tasche wirtschafteten. Der Staat hat sich unter seiner Herrschaft aufgelöst - eines der potentiell reichsten Länder Afrikas fiel buchstäblich in sich zusammen.
Mobutu Sese Seko Kuku Ngebendu wa za Banga, der "mächtige Hahn, der alle Hennen besteigt", war keiner der Tyrannen vom Schlage Idi Amins in Uganda oder des selbsternannten Kaisers Bokassa von Zentralafrika, die ihre Gegner von Krokodilen fressen oder ihnen die Schädel zertrümmern ließen. Kein Sadist, sondern ein eiskalter Abzocker, der die Korruption fast in den Rang einer Staatsdoktrin erhob.
Widerstand brach er nur im Notfall und zur Abschreckung mit Mord, so in seinen Anfangsjahren an der Macht, als er einige Rivalen, die ihm hätten gefährlich werden können, öffentlich hängen ließ. Viel lieber arbeitete er mit Beförderung und Bestechung.
Mobutu war ein Produkt der Kolonialherrschaft wie der Stammestraditionen. Unter den Belgiern brachte es der Sohn eines Kochs bis zum Feldwebel, höchster Grad für einen Einheimischen. Der Haß auf die fremden Herren führte ihn zum Journalismus. Ein Linker aber war er nie, CIA-Agenten entdeckten in ihm einen Mann, der sich aufbauen ließ. Mit ihrer Hilfe putschte er sich 1965 an die Macht - und kassierte künftig als Bollwerk gegen die Bolschewisten in Afrika reichlich westliche Entwicklungshilfe.
Die Milliarden, die er seinem Volk raubte, gab er fast so schnell aus, wie er sie stahl. Die Schlösser und Villen in aller Welt, die Charter-Concorde für den Zahnarztbesuch in Nizza, dazu ein Jumbo fürs Gepäck, ein Weinkeller mit 14 000 Flaschen, das ging ins Geld. Er brauchte Milliarden, um seine Hofschranzen bei Laune zu halten. In Gbadolite, seinem Urwald-Versailles im Norden des Landes, ließ er Champagner und Wachteln auftischen. Zum Nachtisch sangen dann - je nach Stimmungslage - Sängerknaben gregorianische Choräle oder Stammeskrieger im Grastrachtenlook: "Mobutu, bleibe der Größte von uns allen!"
Nicht völlig im Widerspruch zur Tradition stand die imperiale Selbstdarstellung: Die Stämme schätzen potente Häuptlinge seit der Zeit der großen Baluba- und Bakongo-Könige. Mobutu war ein guter Kenner der afrikanischen Seele und der afrikanischen Mythologie. Er trug seine Leopardenkappe wie eine Krone - als Ausdruck absoluter Macht. "Die Botschaft lautet: Der Häuptling schläft nie", sagt Ethnologe Mabiala Mantuba.
Dreißig Jahre lang hielt sich der Führer mit seiner Politik der Einschüchterung an der Staatsspitze und verhinderte immerhin, daß die zahllosen Stämme gegeneinander Krieg führten. Doch die Kongolesen bezahlten für sein korruptes Regime teuer: Am Ende seiner Herrschaft wurden Beamte kaum noch bezahlt, starben mehr Kinder an Hunger als zur Kolonialzeit.
Mitte Mai 1997 verlor Mobutu die Macht - er war nach dem Ende des Kalten Krieges für den Westen unnütz, die US-Regierung förderte den Rebellen Laurent Kabila. Der Diktator mußte sein Reich quasi durch den Lieferanteneingang verlassen und in Marokko um Exil betteln. Die exhumierten sterblichen Überreste seiner Mutter und seiner ersten Ehefrau nahm er mit. Sonntag vor einer Woche erlag Mobutu einem Krebsleiden.
Von Erich Wiedemann und

DER SPIEGEL 38/1997
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