20.08.2012

EXTREMISMUSDjamals Brüder

Mitten in Hamburg heuerte ein Muslim junge Männer für den „Heiligen Krieg“ an. Seine Geschichte zeigt, mit welcher Methode aus deutschen Jugendlichen radikale Islamisten gemacht werden. Von Özlem Gezer
Er frittierte Falafel im Imbiss seines Onkels und las Immanuel Kant. Danach las er Platon und später Nietzsche. Am Ende wurde er ein radikaler Islamist. Er besorgte Nachwuchs für den "Heiligen Krieg", mitten in Hamburg. Djamal war der Jäger.
Djamal sitzt auf einem Kissen im Halbdunkel einer Hamburger Kellerkneipe, er zieht an einem Plastikschlauch, vor ihm blubbert das Wasser in seiner Schischa, der Wasserpfeife aus feinem, goldverzierten Glas. Sein Kopf ist kahlgeschoren, das Kreuz breit trainiert, der Bart in sauberen Konturen rasiert. Er bläst den Rauch von Orangen-Minz-Tabak über seinen Kopf und reicht den Schlauch an Bora, einen stillen jungen Mann, der neben ihm sitzt.
Bora ist 23 Jahre alt, er wuchs an der Hamburger Reeperbahn auf, seine Eltern stammen aus der Türkei, die Mutter verkauft Tupperware, der Vater hat einen Exporthandel. Bora wusste lange nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte, er suchte Spaß und ein bisschen auch Sinn. Dann traf er radikale Islamisten. Bora war die Beute.
Der Kellerraum, in dem sie jetzt sitzen, war knapp ein Jahr lang ihr gemeinsames Revier. Ein Ort, an dem die Jäger ihre Beute fanden.
Früher war hier das "Hinkelstein", ein Treffpunkt für radikale Linke. Eine Kneipe, in der Erstsemester den Wortführern lauschten, eine Art Tor auf dem Weg in die extreme Szene.
Als Djamal diesen Kellerraum zu seinem Arbeitsplatz erklärt, zum Ort, an dem er seine Beute von der deutschen Gesellschaft trennt, sind die Linken lange weg. Die neue Kundschaft sucht die Antworten auf ihre Fragen nicht mehr bei Marx und Lenin, sondern im Koran.
Die Dartscheibe ist durch arabische Schriftzeichen ersetzt worden. Auf dem Boden liegen persische Teppiche. Das alte "Hinkelstein" ist jetzt ein Schischa-Café, wenige Meter entfernt von der Hamburger Staatsbibliothek.
"Es ist der perfekte Ort, um mit Freunden zu chillen", sagt Bora.
"Wenn sie chillen, ist das der perfekte Moment, um sie zu catchen", sagt Djamal.
Auf die Frage, wie er das gemacht hat, antwortet Djamal: "Erst musst du sie catchen, dann sind sie wie aufladbare Batterien. Laden, entladen, wieder neu laden."
Djamal und Bora sind vor 20 Monaten aus der Szene ausgestiegen. Sie sind sich häufig begegnet in diesem Keller, auch wenn sie nie unmittelbaren Kontakt zueinander hatten, der eine war nicht der Fänger des anderen. Aber die Geschichten, die sie über diese Zeit erzählen, jeder aus seiner Perspektive, geben sehr genaue Einblicke in eine Welt, in der das deutsche Recht keine Gültigkeit hat. In dieser Welt ist das Leben auf Erden eine Strafe, eine Prüfung für das Jenseits. Wer sich in ihr bewegt, strebt nach dem Jenseits, nicht nach einem Ausbildungsplatz. Diese Welt teilt die Gesellschaft in die Umma, die islamische Glaubensgemeinschaft, und in die Kuffar, die Ungläubigen. Sie benutzt keine Zahnbürsten, nur Miswak, Wurzelholzstöckchen.
Wer sich hineinbegibt in diese Welt, wird aufgeladen, bis die Batterie voll genug ist für den "Heiligen Krieg". Die deutschen Soldaten des Dschihad sind die radikalsten Köpfe einer Jugendbewegung, die in Deutschland den Verfassungsschutz beschäftigt.
Djamal kam vor drei Jahren in dieser Welt an. Es war die Zeit, als er verzweifelte an Kant und Nietzsche, weil sie keinen Wegweiser geschrieben hatten für diese Gesellschaft, in der er, damals 19 Jahre alt, oft ratlos war. Monatelang hatte er ihre Werke studiert und Sätze herausgeschrieben, die ihm besonders gefielen. Sie sollten ihm helfen, in Krisenzeiten. Sein Vater verließ seine Mutter, in der Schule lief es schlecht, die klugen Sätze halfen nie.
Djamal suchte weiter nach Sinn. Er suchte auf Oberstufenpartys, er suchte auf der Reeperbahn, manchmal nahm er die Wodkaflasche zu Hilfe.
Als seine Mutter einen deutschen Konvertiten heiratete, lud sich Djamal Koransuren auf seinen iPod. Es störte ihn, ein Kind libanesischer Einwanderer, dass ein Deutscher den Koran besser kannte als er. Er hing im ehemaligen "Hinkelstein" ab, rauchte Wasserpfeife, jemand lud ihn in die Runde ein, schnell hatte er Zugang zum engeren Kreis.
Djamal, der nicht wusste, was er mit seinem Abitur anfangen sollte, hatte zum ersten Mal eine richtige Aufgabe. Er rekrutierte junge Männer für die islamistische Organisation Hizb ut-Tahrir in Hamburg. Die Gruppe ist seit 2003 in Deutschland verboten, doch im Untergrund agieren ihre Anhänger weiter. Sie verbreiten den salafistischen Islam und wollen einen Gottesstaat errichten. Die Fänger der Hizb ut-Tahrir sind jung, gebildet, und vor allem sind sie rhetorisch stark. Sie sind wie Djamal.
Es war die Zeit, als Djamal in der Bibel und in der Tora nach "Fehlern" suchte, wie er das nannte. Er lernte Koransuren auswendig. Seine einzige Regel war, dass er allwissend wirken musste. Er durfte nicht verlieren gegen die Ungläubigen. Am Anfang, sagt er auf dem Kissen unten in dem Kellerraum, ging es ihm nicht um den Islam, es ging nur darum, die anderen zum Schweigen zu bekommen.
"Die Deutschen haben kein religiöses Fundament, philosophieren aber gern rum", sagt Djamal. "Ich sehe Gott nicht, dann existiert er nicht", das sei ihr häufigstes Argument. Dann kam ihnen Djamal mit Immanuel Kant und dessen Erkenntnissen über die Beschränktheit des Menschen. "Du musst nur kreativ sein, dann kannst du ihnen alles erzählen."
Seine Zuhörer, Jungs zwischen 15 und 25 Jahren, waren damals gebannt, auch wenn sie die Hälfte nicht verstanden, das gehörte zum Prinzip. Djamals Worte klangen nach Wissen, nach Richtung, nach Sinn.
Es gab niemanden, der Djamal den Auftrag gab, Fänger zu sein. Es gibt keinen Boss in dieser Welt, keine verbindlichen Hierarchien. Aber wer missionierte, stieg im Ansehen der Gruppe. Djamal konnte sich wichtig fühlen, als Teil einer großen Sache und nicht nur als Teilzeit-Falafelverkäufer im Imbiss seines Onkels.
Zu Anfang sei es für ihn wie ein Hobby gewesen, sagt Djamal, ein Spiel, auf das er sich akribisch vorbereitete. Wochenlang klickte er sich durchs Internet, hörte die Ansprachen von Pierre Vogel, dem Hauptprediger der deutschen Islamisten. Im Schischa-Café hielt er dann Vorträge darüber, dass die Frau in der Bibel noch weniger gelte als im Islam. Der Tsunami, die Toten der Love Parade, die Amokläufer weltweit - alles Zeichen von Allah, dass die Kuffar auf dem falschen Weg seien. Es war meistens ganz einfach, es gab keine Rückfragen. Manchmal waren seine Zuhörer schwarz, dann kam Djamal nach dem Gottgerede gleich zu Malcolm X, dem US-Bürgerrechtler, dem Idol, der auch Muslim war. Malcolm X funktionierte immer.
In der Regel trafen Djamal und die anderen Fänger auf Jungs wie Bora. Jungs wie Bora gehörten für Djamal in die Kategorie "leichte Beute".
Bora feierte gern auf türkischen Partys, er feierte auf der Reeperbahn, am liebsten aber ging er in sein Schischa-Café. Hier gab es keine Türsteher, die ihn nicht reinließen, weil seine Haut zu dunkel war oder seine Schultern zu breit vom Thaibox-Training. Bora und seine Freunde nannten ihr Café auch Höhle. An die Flachbildschirme war die Playstation angeschlossen, sie daddelten, ihre Spiele waren "Fifa" oder "Counter Strike". Nachts liehen sie sich "Avatar" oder "Karate Tiger III" aus der Videothek, sie tranken mitgebrachten Wodka.
Jeden Abend, wenn sich der Laden füllte, begann Djamal seine Schicht. Bora erinnert sich noch genau an den Tag, als Djamals Kollegen hier auftauchten, es war im Januar 2010. Sie trugen Adidas-Jacken und Kappen der New York Yankees, G-Star-Hosen und Nike Air Max, sie sahen aus wie er, aber Bora merkte schnell, dass sie irgendwie anders waren.
Brüderlich im Umgang, ruhig, friedlich. Während seine Jungs über Frauen, Sportwagen und das Fußballprogramm stritten, redeten die Neuen über den Sinn des Lebens, über die Existenz Gottes. Es fielen Begriffe wie Urknall und Evolutionstheorie. Bora konnte nicht aufhören, ihnen zuzuhören.
"Warum setzt du dich nicht rüber, Bruder?", fragte einer der Neuen, er gehörte zu einer Gruppe von fünf Männern zwischen 18 und 30 Jahren. Es erschien Bora wie ein normales Kennenlernen, für die anderen war es ein trainierter Ablauf.
"Unsere Strategie war immer dieselbe", sagt Djamal. Hinsetzen, anfangen, über Gott zu reden, kurz umschauen, wer interessiert blickt, "den Bruder" einladen in die Runde. Dann begann das, was Djamal und seine Mitstreiter in einem Motelzimmer im Hamburger Industriegebiet mit Rollenspielen trainierten. Einer war dabei stets das "Opfer", der Ungläubige, die anderen versuchten ihn zu "catchen", zu fangen. Gefangen ist einer, wenn er an die Existenz Gottes glaubt und anfängt, sich für den Islam zu interessieren.
Bora, "die leichte Beute", gehört zu jenen jungen Einwandererkindern, die in deutschen Städten geboren und aufgewachsen sind. Ihre Eltern haben sie traditionell islamisch erzogen, aber die Kinder legen sich ihren Islam selbst zurecht. Pierre Vogel nennt sie "Weihnachtsmann-Muslime". Sie wissen, dass Schweinefleisch für Muslime verboten ist, sie haben es trotzdem probiert, auf dem ersten Fußballturnier. Sie wissen, dass Alkohol für Muslime Sünde ist so wie Sex vor der Ehe. Sie feiern trotzdem jedes Wochenende.
Die Moschee betreten sie nur an Feiertagen, dann ahmen sie ungelenk die Älteren nach, weil sie nicht wissen, wie das Gebet zu verrichten ist. Jungs wie Bora haben immer ein schlechtes Gewissen, weil sie ahnen, dass sie ihre religiösen Pflichten nicht mit Ernst erfüllen.
"Aber sie glauben an Gott, der Rest ist einfach", sagt Djamal.
"Bruder, du arbeitest, damit du in die Disco gehst und den Paarungstanz vollziehst - das kann es doch nicht sein?", fragte Djamal manchmal. Seine Rhetorik hatte er sich aus einem Handbuch zurechtgebaut. Zum Üben las er Reden des Reichskanzlers Otto von Bismarck und des Sozialdemokraten Philipp Scheidemann.
Djamal machte Mitschriften und brachte sie in seiner Tasche mit, er sagt, man müsse auf alles vorbereitet sein. Wenn es mit den herkömmlichen Mitteln nicht ging, zog er seinen Joker, den Fingerabdruck-Trick. Djamal sagt, der habe jedes Mal funktioniert.
"An euren Fingerspitzen wird man euch eines Tages erkennen", lehrte er dann, so stehe es im Koran, seit vielen hundert Jahren, und tatsächlich gebe es heute den genetischen Fingerabdruck. Der Koran habe das gewusst, immer schon. Und wenn im Koran die Wahrheit stehe, dann müsse es ja auch Allah geben.
Djamal sagt, das sei die Nummer gewesen, mit der er alle gefangen habe: die Jungs aus den alten Straßen-Gangs, die Zuhälter vom Kiez und die, die gern welche gewesen wären. "Dann kannst du beginnen, sie zu entladen", sagt Djamal. Er erklärte ihnen dann, dass ihr trainierter Körper ein Mercedes sei, den sie zwar fahren dürften, aus dem sie aber irgendwann wieder aussteigen müssten. Wie ein schönes Hemd, das zerreißt oder aus der Mode kommt. Sie sollten sich beim Kampfsport kein Eukalyptusöl auf ihre Haut schmieren, es betäube den Schmerz und betrüge den Gegner. Muslime betrögen nicht. Betrug sei Schirk, Götzendienst, Sünde.
Es ging immer um das Wie. Es ging nie um das Warum.
Bora erinnert sich an die ersten Empfehlungen seiner Fänger. Er solle den Glücksbringer abnehmen, den Lederanhänger von seiner verstorbenen Großmutter, den er um den Hals trug. Glück gebe es nicht. Alles, was geschehe, sei Schicksal, vorherbestimmt von Allah.
Bora hat das Sternzeichen Wassermann, jeden Morgen las er früher die Horoskop-Seite der "Hamburger Morgenpost". Die Brüder empfahlen ihm, damit aufzuhören, nur Allah kenne das Verborgene. Sein Lieblingsparfum, Number One von Hugo Boss, benutzte er nicht mehr. Es sei Alkohol darin, sagten die Brüder.
"Sie haben uns ja nie gezwungen, es waren nur Empfehlungen", sagt Bora im Keller hinter seiner Wasserpfeife.
Djamal sagt, das sei der Trick gewesen.
Bora zweifelte hin und wieder an seinen neuen Freunden aus dem Café. Aber sie hatten ihm gesagt, dass der Zweifel vom Teufel komme, und der sei ihm so nahe wie die eigenen Schuhsohlen. Er nahm das hin, denn das Konzept vom Paradies gefiel ihm ja. Im Leben sammelte man Bonuspunkte, um dafür im Jenseits belohnt zu werden. Das Prinzip kannte Bora vom Computerspielen.
Inzwischen ließen ihm seine neuen Freunde kaum noch Zeit zum Nachdenken. Sein Handy klingelte ständig. Vor der Arbeit. Nach der Arbeit. Nachts. Beim Sport. Bei jedem Wiedersehen umarmten sie ihn und küssten ihm die Wangen. Sie zogen gemeinsam durch die Innenstadt, spazierten an der Alster, die meiste Zeit saßen sie im Schischa-Café.
"Du entziehst ihnen den Alltag und gibst ihnen einen neuen", sagt Djamal.
Djamal erklärte seinen Rekruten, wenn sie Muslime würden, dann wären alle Sünden aus der Zeit der Dschahilija, der Unwissenheit, vergessen. Game over, Neustart.
Zu Boras Gruppe gehörten Georgier, die sich islamische Namen gegeben hatten. Ein Kellner aus Sri Lanka, der ein T-Shirt trug mit der Aufschrift "I love Islam". Ein Armenier, der Koranverse auswendig konnte. Bora wollte mitreden, über die Haare des Propheten, darüber, wie der Prophet seinen Scheitel trug. Bora, der sich in der Schule immer vor Referaten gedrückt hatte, suchte Informationen, um seine Freunde zu beeindrucken.
In seiner neuen Clique waren jetzt alle Muslime. Ihre Nationalität war der Islam, ihre Landsleute waren die Umma-Mitglieder weltweit. Bora hatte sowieso nie das Gefühl, dass Deutschland seine Heimat sei. Schon damals in der Realschule nicht, als der Lehrer ihn nach dem kurdisch-türkischen Konflikt in "seiner Heimat" fragte. Ihn, Bora, damals 16, geboren in Hamburg, aufgewachsen am Fischmarkt, der St. Pauli besser kannte als alles andere.
Boras Brüder wurden sich auch äußerlich ähnlich. Bora sagt, er habe seinen Bart wachsen lassen. Bart stehe in der Szene für Wissen. Djamal sagt: "Wir wollten, dass sie ihren Bart wachsen lassen, damit sie nicht mehr in Discotheken reinkommen."
Bora sagt, seine Sprache habe sich innerhalb weniger Wochen verändert. Aus "Digger" wurde "Achi", "mein Bruder". Aus "geil" wurde "Maschallah", "Gott schütze es". Wenn er durch die Haustür ging, sagte er nun "Bismillah", "im Namen Allahs". "Sie waren Kassettenrecorder, die den Islam verbreiten sollten", sagt Djamal.
In dieser Zeit bekam Bora bei der Arbeit im Exportladen seines Vaters Probleme mit Kunden, er spielte zu oft seine Kassette ab. Das Geschäft liegt am Hamburger Steindamm, arabische Läden stehen neben Moscheen und Sexshops. Bora wollte Prostituierte und Drogendealer bekehren, während sie Handy-Hüllen und Feuerzeuge kauften. Bora sagt, er habe nur noch diskutiert, auch mit seinem Vater. Seine neuen Freunde sagten, der Widerspruch der anderen sei gerade das Zeichen, dass er auf dem rechten Weg sei. Er fühlte sich gut.
Manchmal geriet sein neues Leben in Konflikt mit dem alten. Seinen Sommerurlaub 2010 beispielsweise hatte er gebucht, lange bevor die neuen Freunde in sein Leben getreten waren. Als er im All-inclusive-Club an der türkischen Riviera ankam, blieb er sechs Tage lang im Hotel. Er wollte keinen halbnackten Frauen begegnen, den Kuffar, den Ungläubigen am Strand. Ihn quälte das schlechte Gewissen, er rollte den Gebetsteppich aus und bat Gott um Vergebung, fünfmal am Tag, im Hotelzimmer, draußen waren 40 Grad im Schatten.
Zurück in Hamburg saß er wieder im Schischa-Café und guckte YouTube-Videos. Bora begann, die Ungläubigen zu hassen, die erlaubten, dass Mohammed-Karikaturen gezeigt werden. Auf den Flachbildschirmen liefen Dokumentationen, dass der 11. September 2001 eine Verschwörung der Amerikaner gewesen sei.
Dann begann die Vorbereitung auf den Ramadan, den Fastenmonat. "Der Monat, in dem der Teufel gefesselt ist und die Moscheen voll sind", sagt Djamal. Seine Aufgabe war es eigentlich, die Beute in der Taiba-Moschee am Steindamm abzugeben, da, wo schon Attentäter des 11. September gebetet hatten. Doch Djamal ging nicht selbst mit, er wusste, dass man auf die Listen der Behörden kam, wenn man sich zu viel auf dem Steindamm herumtrieb.
Das Versteckspiel gefiel ihm. Er fühlte sich ein wenig wie James Bond. Djamal meldete einem Türken aus der Moschee, welche Beute er schicken werde. Rekrutierer wie er gehörten in die Straßenbande, sagt Djamal, sie arbeiteten an der Basis, sie schafften Masse. Sie füllten das Becken, aus dem später für den Dschihad gefischt werde. Wer von ihnen dann in den "Heiligen Krieg" ziehe, entscheide sich eher zufällig. Djamal sagt, damit habe er nichts zu tun.
Nach drei Monaten im Schischa-Café war Bora seiner Clique in die Taiba-Moschee gefolgt. Es war wie immer: Die Jungs in Boras Straße kifften, Bora kiffte mit. Sie gingen auf den Bolzplatz, Bora wollte keine Memme sein.
Sie gingen in die Moschee, sie beteten, dann blieben sie noch sitzen in kleiner Runde. "Komm, Bora, du siehst kräftig aus, wir ringen", sagte einer der Älteren, der Prophet habe auch trainiert. Bora gefiel es in der Taiba. Viele junge Leute, nette Atmosphäre.
Im Sommer 2010 wurde die Moschee von Sicherheitsbehörden geschlossen. Bora wurde nervös, weil er so oft da gewesen war. Seine vermeintlichen Freunde kamen häufig in den Exportladen, sie fragten, wie die Geschäfte liefen. Sie rieten ihm, keinen Alkohol mehr anzubieten. Sie sagten, Bora müsse spenden, für seine Brüder und Schwestern in Not, für die Organisation.
Das machte Bora misstrauisch. "Hätten sie mich zwei Monate später nach Geld gefragt, wäre ich vielleicht schon zu tief drin gewesen und im Ausbildungslager gelandet", sagt Bora.
Er ging nicht mehr ins Schischa-Café. Er ging nicht mehr ans Telefon, wenn ihn seine neuen Brüder anriefen. Er wollte nicht mehr, er wollte nur noch raus.
Zur selben Zeit, im Sommer 2010, hatte Djamal, der Fänger, ein Erlebnis, das ihn selbst zum Gefangenen machte. Er trug damals einen Anhänger aus dem Libanon um den Hals, ein Bekenntnis zu seiner Heimat, und einer seiner Mitstreiter sagte ihm, er solle diesen Anhänger ablegen. Nationalismus sei Sünde. Außerdem, hörte Djamal, gehe er zu oft zum Sport, es bleibe zu wenig Zeit für die Daawa, den Aufruf zum Islam. Zum ersten Mal fühlte er, dass er seine Freiheit verlor. Ein Wort ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, Sekte.
Er hörte jetzt englische Predigten im Netz, er las die alten Schriften bis zum Ende. Er las, dass die Menschen in andere Länder reisen sollten, um von anderen Kulturen zu lernen. Er las in Aufsätzen von Gelehrten, dass es Aufgabe des Propheten sei, die Religion zu verbreiten. Er fand eine Stelle, die besagte: Wenn du in einem Land lebst, das von Ungläubigen regiert wird, dann musst du dich an ihre Regeln halten.
Djamal glaubte seinen Brüdern nicht mehr. Er wechselte seine Telefonnummer. Er machte Schluss.
Wenn Djamal jetzt beten will, dann geht er in die Imam-Ali-Moschee an der Alster, da gebe es viel Ruhe und wenig Politik, sagt er.
Vor ein paar Monaten sind sich Bora und Djamal in einem Schischa-Café im Hamburger Schanzenviertel wiederbegegnet. Es ist heller als das ehemalige "Hinkelstein", man raucht hier nur noch, man redet nicht mehr übers Paradies. Bora und Djamal wurden Freunde.
An einem sonnigen Tag im August treffen sie sich mit ein paar Freunden zum Grillen im Hamburger Wohlerspark. Djamal hat Obstsalat gemacht, mit Granatapfel. Auf dem Rasen stehen ein Grill mit Schweinewürstchen, ein Grill mit Halal-Fleisch. Ein Armenier, ein Jordanier und ein Russe trinken Wodka. Djamal rollt seinen Gebetsteppich aus, es ist Zeit für das Abendgebet. Bora packt den Fruchttabak aus der Alufolie, die Jungs warten auf Djamal, die Kohle brennt. "Er macht die beste Schischa", sagt Bora.
Einer schlägt eine Spinne von der Wasserpfeife. Ein anderer sagt: "Die Spinne ist heilig bei uns im Islam, sie hat ein Netz gewoben und dem Propheten das Leben gerettet."
Djamal blinzelt hinüber. "Latent schlechtes Gewissen, Halbwissen, der wäre gut zu catchen", sagt er. Sein Blick für die Beute funktioniert noch. Aber er sucht jetzt eine sinnvollere Aufgabe, irgendetwas mit mehr System.
Djamal hat sich bei der Bundeswehr beworben.
Von Özlem Gezer

DER SPIEGEL 34/2012
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Djamals Brüder