20.08.2012

NAHRUNGSMITTELHunger hoch vier

Jahrhundertdürre, Biosprit-Boom, Rohstoffspekulation: Die Preise für Mais, Weizen und Soja erreichen Rekordhöhen, die Auswirkungen sind weltweit spürbar. Ein Verteilungskampf um die wertvollen Ressourcen ist entbrannt.
Aus dem Farmer Mike Geske spricht die Erfahrung von Generationen. "Jede große Dürre", sagt er, "hat ihren ganz eigenen Charakter." Es ist die Lehre aus seiner Familiengeschichte.
Sein Großvater kam einst aus Deutschland und gründete im Ort Matthews in Missouri eine Farm. Sein Vater baute sie aus. Beide erzählten ihm, der nun auch schon 62 Jahre alt ist, immer wieder von ihren Dürren und davon, wie sie den Betrieb durchbrachten. Die große Dürre jetzt, sagt Geske, habe einen ganz außergewöhnlich langen und heißen Atem.
"Es fing schon im Mai vergangenen Jahres an. Es regnete wie verrückt. Und dann war es plötzlich, als habe jemand das Wasser abgestellt", sagt der Farmer. Platt wie ein Brett ist das Land um Matthews, rund 850 Hektar beackert Geske zusammen mit seinem Sohn und zwei Helfern. Die Mais-Ernte hat vorige Woche begonnen.
Die Kolben sehen nicht gut aus, selbst jene, die Geske bewässern kann. Die Körner sind klein, zwischen ihnen klaffen Lücken. Der Mittlere Westen erlebt die schlimmste Trockenperiode seit den dreißiger Jahren. Ein Sechstel der Mais-Ernte ist verloren, auch Sojapflanzen und Weizen-Ähren verdorren auf großer Fläche, lebenswichtige Rohstoffe werden knapp und teuer.
Innerhalb von nur zehn Wochen sind die Preise zum Teil um fast die Hälfte gestiegen, die Getreidelager leeren sich. Auch andere wichtige Anbauländer rechnen mit schwachen Ernten. In Russland war es lange zu trocken, die Weizen-Exporte dürften nur halb so hoch ausfallen wie im vergangenen Jahr. In Brasilien wiederum hat es ausgiebig geregnet, was den Zuckerbauern geschadet hat. "Die neuesten Ernteaussichten lassen das Schlimmste befürchten", warnte vorige Woche das World Food Programme der Uno.
Eine neue, globale Agrarkrise zeichnet sich ab, die dritte schon nach 2008 und 2011. Die Katastrophe, so scheint es, entwickelt sich zum Dauerzustand.
Verteuern sich Weizen, Soja oder Mais sprunghaft, dann bedroht dies den Wohlstand jedes Einzelnen. Ökonomen warnen vor einer "Agflation" und meinen einen Inflationsschub, den der Preisanstieg bei Agrargütern auslöst.
Er trifft vor allem die armen Nationen, deren Bürger einen Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Aber auch in Deutschland werden die Konsumenten die Auswirkungen spüren.
Die Mühlen müssen Spitzenpreise beim Einkauf von Brotgetreide zahlen und geben sie an die Bäcker weiter. Zugleich stellten deren Lieferanten höhere Rechnungen für Nüsse, Mohn oder Margarine, sagt Amin Werner, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. "Das kann man nicht ignorieren, und deshalb wird es auch der Verbraucher merken."
Noch in diesem Herbst wollen die G-20-Staaten ein Krisentreffen einberufen. Es soll Alleingänge verhindern. Vor zwei Jahren setzte Russland die Ausfuhr von Weizen zeitweise aus und trieb die Preise damit erst recht nach oben.
Diesmal könnten Argentinien oder Brasilien ähnlich agieren und den Export von Soja einschränken, fürchtet der Bonner Agrarprofessor Ernst Berg. Dadurch verknappe sich das Angebot zusätzlich. "Die Krise", so seine Prognose, "wird sich noch verschärfen."
Die Sicherung der Ernährungsgrundlage avanciert zum Top-Thema auf der internationalen Agenda, ein globaler Verteilungskampf um die wertvollen Ressourcen ist entbrannt. "Nahrungsmittel sind das neue Öl", sagt Lester Brown, Gründer des Washingtoner Earth Policy Institute, "und Land ist das neue Gold." Besorgt fragen sich Politiker und Bürger, wie die Versorgung in Zukunft zu gewährleisten sei. Und zu welchem Preis. Vier Faktoren haben darauf entscheidenden Einfluss:
Der Klimawandel dezimiert die Ernten.
In einer immer wärmer werdenden Welt nehmen Hitzewellen wie in den USA an Häufigkeit und Stärke zu, lautet die Voraussage vieler Klimatologen. Agrarökonomen von der New Yorker Columbia-Universität erwarten in einer neuen Studie, dass sich die Ernten in den USA - sofern sich die Klimamodelle bewahrheiten - in Zukunft durch extreme Hitze um 30 Prozent verringern könnten.
Die Welt muss sich darauf gefasst machen, dass die Folgen aus dem Klimawandel regional höchst unterschiedlich ausfallen werden: In einigen Gegenden werden die Erträge schrumpfen, in anderen aber steigen sie.
Einst kalte und karge Regionen Skandinaviens werden sich voraussichtlich in Kornkammern verwandeln. Zu den Verlierern zählen bisherige Agrarhochburgen wie Südspanien. Ähnlich verschiebt sich die Vegetation in Afrika: Die Sahara dürfte demnach ergrünen, im Süden dagegen wird große Trockenheit herrschen.
Mehr Biosprit bedeutet weniger Nahrungsmittel.
Seit 2005 sind US-Raffinerien gesetzlich dazu verpflichtet, dem herkömmlichen Kraftstoff jenen Sprit beizumischen, der aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird. So wollen die Vereinigten Staaten ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Das Problem: Inzwischen verwenden die USA mehr Mais für die Herstellung von Ethanol als für die Produktion von Tierfutter.
Rund 40 Prozent der Ernte werden in Biosprit verwandelt, immer weniger Ackerland steht zur Verfügung, auf dem andere Kulturen wachsen können. Die Politik habe mit der Subventionierung von Ethanol ein "Nachfrage-Monster" geschaffen, kritisiert die Investmentgesellschaft Lupus Alpha die Ökostrategie. Die Welternährungsorganisation FAO plädiert für eine sofortige Aussetzung der Beimischungspflicht, um den Konflikt "Tank gegen Teller" zu entschärfen.
Ganz ähnlich argumentierte vergangene Woche Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), als er einen Verkaufsstopp für den Biosprit E10 anregte. Anfang 2011 erst hatte die Berliner Regierungskoalition das Benzin mit zehnprozentigem Bioethanol-Anteil eingeführt - entgegen dem Votum der Fachwelt.
Heute nutzen die deutschen Bauern von den 16,7 Millionen Hektar, die sie bewirtschaften, bereits 2,1 Millionen für den Anbau von Energiepflanzen: Im Frühjahr leuchten in Deutschland die Felder rapsgelb, im Herbst prägen Maispflanzen das Bild. Bis 2020 könnte die Fläche auf vier Millionen Hektar anwachsen.
Nun schließen sich auch Unionspolitiker Niebels Forderung nach einem E10-Stopp an. "Es kann nicht sein, dass Menschen in vielen Teilen der Welt Hunger leiden, und wir verfeuern gleichzeitig Biomasse, um damit wenig effiziente Energie herzustellen", kritisiert Fraktionsvize Michael Fuchs den Ökokurs.
Spekulanten treiben die Agrarpreise in die Höhe.
Seit Beginn der Agrarkrise 2008 lassen sich an den Märkten Preissprünge beobachten, die mit normalen Einflüssen nicht erklärbar sind. Zum Teil um 30 Prozent pro Tag schießen die Notierungen etwa für Reis in die Höhe. Vieles deutet darauf hin, dass spekulatives Finanzkapital die Kurse bewegt.
Die Anleger, vor allem Investmentbanken und Pensionsfonds, handeln nicht mit realer Ware, sie haben kein Interesse daran, Mais, Soja oder Weizen in physischer Form zu besitzen. Sie gehen mit Future-Kontrakten lediglich Wetten ein, wie sich die Preise für die Nahrungsmittel entwickeln. Zwischen Juni und Juli hat sich der Handel mit solchen Agrarpapieren fast verdreifacht.
Die wachsende Nachfrage lässt die Future-Preise steigen, was letztlich - und das ist das Problem - auf den tatsächlichen Markt durchschlägt. Zahlreiche Studien belegen, dass die Kontrakte die Notierungen an den realen Märkten beeinflussen, umstritten ist nur das Ausmaß.
Die Kritik am Geschäft mit dem Hunger hat einige Geldhäuser zum Umdenken bewogen. Commerzbank, Deka-Bank und die Landesbank Baden-Württemberg haben sich aus der Agrarzockerei verabschiedet. Die großen Player jedoch, in Deutschland der Versicherungsriese Allianz, laut der Hilfsorganisation Oxfam mit 6,2 Milliarden Euro, und die Deutsche Bank mit 4,6 Milliarden Euro, halten an ihren Investments bislang fest.
Um der Spekulation den Boden zu entziehen, schlagen Experten die Gründung einer Art Getreide-Zentralbank vor. Die wichtigen Agrarländer, so der Plan, legen eine gemeinsame Reserve an. Bei plötzlichen Preissprüngen könnten sie Getreide auf den Markt werfen, um die Notierungen zu drücken und Spekulanten aus dem Geschäft zu drängen.
Neue Konsumgewohnheiten verschärfen die Knappheit.
In Schwellenländern wie China oder Indonesien ist eine neue Mittelschicht herangewachsen, die sich ganz anders ernährt als die Generation ihrer Eltern und Großeltern: Sie kann es sich heute leisten, öfter mal ein Stück Fleisch zu verzehren. Vor allem die Chinesen haben einigen Nachholbedarf. Und die nötigen Mittel.
Ihr Jahreseinkommen ist in den zwei Jahrzehnten seit 1990 von umgerechnet 341 Dollar pro Kopf auf 5400 Dollar geklettert. In der selben Zeit hat sich ihr Fleischkonsum von jährlich 26 auf 56 Kilogramm mehr als verdoppelt.
Die eigene Agrarproduktion reicht längst nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken, vor allem an Futtermitteln. Deshalb bedient sich China der Weltmärkte für Soja oder Mais. Da für jedes Kilo Schweinefleisch etwa drei Kilo Futter benötigt werden, potenzieren die neuen Essgewohnheiten das Versorgungsproblem.
So liefern vier ganz unterschiedliche Faktoren die Begründung dafür, weshalb die Lage so angespannt ist - und auch bleiben wird: Jedes Jahr wächst die Menschheit um 78 Millionen Personen, der Bedarf an Nahrungsmitteln steigt kontinuierlich, das Angebot hingegen ist begrenzt. Die weltweite Anbaufläche, etwa 1,5 Milliarden Hektar, lässt sich kaum mehr erweitern.
Kann es da überhaupt gelingen, eine Gesellschaft zu ernähren, die jeden Tag 213 000 Menschen mehr zu versorgen hat? Bedeutet die Agrarkrise nur ein Verteilungsproblem, oder offenbart sie regelrechten Mangel?
Der Bonner Agrarökonom Berg ist zuversichtlich, dass jeder Bewohner der Erde satt zu kriegen sei, selbst im Jahre 2050. "Um die neun Milliarden Menschen, die dann voraussichtlich auf dem Planeten leben werden, ernähren zu können, müssen wir unsere heutige Agrarproduktion verdoppeln", rechnet er vor: "Theoretisch ist das möglich." Dazu aber müsste die Landwirtschaft weltweit Produktivitätsreserven heben: mit den besten Getreidesorten, effizenterer Bewässerung oder leistungsfähigen Maschinen. Das Potential ist enorm: In Russland erwirtschaften die Bauern pro Hektar Land 1,9 Tonnen Weizen, in Deutschland liegt der Ertrag mit 7,8 Tonnen viermal so hoch.
Auch die Gentechnik gehört zu den Instrumenten, die mehr Ertrag auf begrenztem Raum versprechen: beispielsweise mit der Produktion von Gewächsen, die bei Trockenheit nicht so leicht verdorren. Doch die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber solchen Eingriffen sind groß.
Ohnehin teilen nicht alle Fachleute den Optimismus, die Agrarkrise lasse sich mit mehr Technologie, Biologie und Chemie lösen, im Gegenteil: Viele warnen davor, die Maximierung der Ernte-Ergebnisse als Lösung zu begreifen, etwa die Gruppe von Wissenschaftlern, die vor vier Jahren den Weltagrarbericht verfasste.
Die Überlegenheit der industriellen Landwirtschaft sei ein Mythos, so ihr Fazit, in Wirklichkeit sei sie in großen Teilen für Klimawandel, Artensterben, Umweltvergiftung, Wasserknappheit und Krankheiten verantwortlich, letztlich also für Hunger und Armut. Monokulturen, der Einsatz von Pestiziden, künstliche Bewässerungen, Kunstdünger verseuchten das Wasser und verdürben die Böden. Die Verfasser fordern deshalb, lieber Kleinbauern zu stärken, die sich auf lokale Märkte konzentrierten und auch weniger Wasser verbrauchten. Sie seien durchaus in der Lage, die Ernährung in den Entwicklungsländern sicherzustellen.
Ob am Ende mehr Industrie die Agrarkrise entschärfen kann oder eher weniger: Vielleicht sind noch ganz andere Anstrengungen nötig, um gegen den Hunger anzugehen. Der Kampf beginnt nicht in Afrika oder Asien, sondern in der Küche daheim, es ist der Kampf gegen maßlose Verschwendung: Ein Drittel aller Lebensmittel landet auf dem Müll.
Von Clemens Höges, Alexander Jung, Malte Laub, Michaela Schiessl und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 34/2012
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