20.08.2012

TUNESIENLand der Paradoxe

Die Autorin Souad Ben Slimane über die Ängste der Frauen in ihrer Heimat und eine Gesellschaft, die sich moderner gab, als sie war
Souad Ben Slimane, 52, studierte in Paris und Montpellier, demonstrierte von Dezember 2010 an gegen die Ben-Ali-Diktatur und kämpft seit Jahren für die Rechte der Frauen. Vergangene Woche ging die Autorin und Schauspielerin mit Tausenden auf die Straße, um gegen die drohende Verfassungsänderung zu protestieren, die die Gleichstellung der Frau abschaffen würde.
Es gehört zu den Absurditäten der tunesischen Geschichte, dass wir seit dem Umsturz im Januar 2011 gewisse Befürchtungen hatten. Eine leise Ahnung, dass sich die Situation für die Frauen im Land verschlechtern würde, dass die nun einsetzenden Entwicklungen unsere Stellung in der Gesellschaft bedrohen würden. Dabei hatten wir diese Revolution herbeigesehnt, gebetet hatte ich für sie.
Unter Habib Bourguiba, einem Diktator, aber einem aufgeklärten, erhielten die Frauen 1956 erstaunlicherweise und unverhofft sehr weitgehende Rechte. Zine el-Abidine Ben Ali setzte diesen Kurs fort. Tunesische Frauen dürfen heute eine unerwünschte Schwangerschaft abbrechen, sie dürfen als ledige Mutter ihrem Kind ihren Namen geben, sie tragen Jeans. Sie können sich scheiden lassen, wenn sie wollen und müssen dabei nicht wie in Ägypten auf das Verfahren monate- oder jahrelang warten.
Tunesische Frauen haben wirtschaftliche Macht, dank ihrer guten Ausbildung und ihrer Diplome können sie jeden Beruf ausüben. Es gibt Unternehmerinnen im Land, Pilotinnen, Busfahrerinnen. Es ist ein Modell der Gleichberechtigung, das den meisten arabischen Nationen völlig fremd ist. Weibliche Polizisten in Tunis waren schon immer eine Attraktion für arabische Touristen.
Nur, die tunesischen Männer haben dieses Modell nie wirklich akzeptiert. Sie fanden, dass es nicht der natürlichen Bestimmung der Frau entspricht. Letztendlich, das sehen wir heute, war unsere Gesetzgebung moderner als unsere Gesellschaft. Die Politiker benutzten die Frauen als Alibi, sie waren stolz, ihnen so viel Freiräume eingeräumt zu haben. Unsere Männer aber unterstützten die Befreiung der Frau nicht, sie fühlten sich wie vom Thron gestoßen.
Denn sogar auf dem Land spielten und spielen die Frauen eine wichtige Rolle: Sie arbeiten auf den Feldern oder gehen einem Handwerk nach. Im Norden, in Sejnane, gibt es sogar einen ganz eigenen "Frauen-Planeten": ein Töpferdorf, von Frauen geführt, die mit einer über die Jahrhunderte geretteten Töpfertechnik ihre Familien ernähren. Ganz in der Nähe befindet sich eines der Hauptquartiere der Salafisten.
Tunesien ist zu einem Land der Paradoxe geworden, es gibt nun von allem etwas: emanzipierte Frauen und sehr fromme in Kopftüchern, Frauen mit Nikab, dem Gesichtsschleier, immer mehr Bärtige. Meine Mutter trug ihr Tuch noch als Schal um den Kopf wie Grace Kelly. Aber seit der Revolution wird das klassische Kopftuch immer sichtbarer; selbst in meiner direkten Umgebung gibt es drei Frauen, die es tragen.
Keine von ihnen tut das, weil sie dazu gezwungen wurde! Eine sagte mir, sie sei jetzt alt genug dafür, eine andere, es gehöre zu ihrer Religion. Aber was suchen die Frauen unter diesen Kilometern von Stoff?
Ich glaube, das Kopftuch ist symptomatisch für eine verspätete Suche nach der eigenen Identität. Präsident Bourguiba hat alles getan, um die arabisch-tunesische Vergangenheit vergessen zu machen, als er an die Macht kam. Ben Ali tat es ihm gleich. Und so haben die Tunesier wohl etwas nachzuholen.
Wie viele andere Frauen wünsche ich mir ein modernes, freies Tunesien. Ein Land, das die Freiheit nicht einschränkt, sondern uns schützt. Ein Land, in dem Tunesier und Tunesierinnen gleichgestellt sind.
Zurzeit wird über Artikel 28 in unserer Verfassung diskutiert. Die Islamisten wollen ihn verändern: Die Frau soll dem Mann nicht gleichgestellt sein, sondern ihn "ergänzen". Unter jenen, die diese Revision planen, befindet sich sogar eine Frau, eine Islamistin.
Wir sind am 13. August auf die Straße gegangen, um gegen die Änderung von Artikel 28 zu demonstrieren. Es war ein magischer Moment: Ich war gerührt, als ich all die Frauen sah, die sich Kronen aufgesetzt hatten, echte oder Papierkronen. Sie wollten damit zeigen, dass sie Königinnen sind, dass sie es sind, die über ihr Leben herrschen. Einige hatten sich in Flaggen gehüllt, die sie wie Kleider um ihren Körper trugen.
Diese Frauen waren weder traurig noch wütend, aber sehr entschieden. Es waren junge und alte Frauen dabei, im Übrigen auch viele Männer, sogar alte Männer, die einen Stuhl mit sich trugen, um sich zwischendurch hinsetzen zu können. Hand in Hand riefen verhüllte und unverhüllte Frauen: Wir sind weder komplementär noch Objekte. Wir sind Frauen, Bürgerinnen, Tunesierinnen. Und wir werden nicht aufgeben. ◆

DER SPIEGEL 34/2012
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TUNESIEN:
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