20.08.2012

PSYCHOLOGIE„Mariechen geht's doch gut“

Ob Katzen oder Schlangen, Sittiche oder Esel - Tiermessies sammeln zwanghaft Kreaturen, oft endet es im Elend. Psychologen ergründen, was tierliebe Menschen zu Tierquälern macht.
Das Tier kreischt wie ein Kind in Höllenqual, es tobt und kratzt und beißt - dann ist der Kampf vorbei. Nur ein erbärmliches Maunzen ist noch zu hören - das Kätzchen ist gefangen, die Käfigtür zu. "Ach herrje", sagt Ilse Albig und schlägt die Hände vors Gesicht, "schön ist das nicht."
Ein früher Freitagmorgen in einem Randbezirk Berlins. Ilse Albig, die in Wirklichkeit anders heißt, eine kurze, kompakte Person mit ordentlicher Frisur, hellblauer Bluse und praktischen Schuhen, wendet sich ab, tritt hinaus auf die Terrasse ihres kleinen Bungalows und starrt ziellos in den Garten. Sie mag nicht mehr mitansehen, wie zwei Tierschützerinnen des Vereins "Aktion Tier" mit Tatar-Klümpchen ihre Jungkatzen anlocken, wie sie die Kleinen in das Netz ihrer Kescher zwingen, zuckende, schreiende Bündel.
Aber 48 Katzen sind zu viel, das sieht Albig ein; da ist es vielleicht doch eine gute Idee, wenigstens die 20 Babys ins Tierheim bringen zu lassen, wo sie weitervermittelt werden können.
Diese Horde von roten, schwarzen und getigerten Vierbeinern hat längst Besitz ergriffen von dem Häuschen der Steuerberaterin und ihrem Leben. Sie koten nicht mehr nur in die drei Katzenklos in Albigs Schlafzimmer, sondern auch mal unters Bett und in die Gärten ringsum; die Nachbarn schimpfen, im Haus fliegen Katzenhaare, die Tiere flanieren über den Esstisch, der Teppich im Nebenraum ist dunkelfleckig verfärbt vom Auswurf der Katzen. Es riecht streng.
"Das hier ist noch ein relativ harmloser Fall", sagt Ursula Bauer, eine der beiden Katzenfängerinnen bei Ilse Albig, "wir sind hoffentlich rechtzeitig gekommen."
Die Tierschützerin hat schon Schlimmeres gesehen. Im sächsischen Riesa zum Beispiel, wo Bauer, wie jetzt in Berlin, schwitzend und mit blutig gekratzten Händen ("mit Handschuhen kriegt man sie nicht zu packen") Katzen eingefangen hat, 16 waren es am Ende, in einer atemraubend stinkigen Wohnung, wo der Müll und die Exkremente sich mit dem Boden zu einem rissigen, blättrigen Braun vermengt hatten. Hinterm Schrank: ein Kadaver.
Ursula Bauer und andere Tierschützer berichten, dass ihnen immer mehr Fälle gemeldet werden von Leuten, die zwanghaft Pudel, Esel, Schlangen, Vogelspinnen, Ratten, Meerschweinchen sammeln, bis die Viecher im eigenen Kot verrecken.
Lange hielten viele Amtsveterinäre, die in Deutschland für artgerechte Tierhaltung zuständig sind, solche Geschichten für singuläre Fälle, wo es halt mal schiefgegangen ist mit der sonst so perfekten Symbiose von Mensch und Tier.
Es gab Forschung zu jenen Messies, die keine Discounterreklame und keinen Pizzakarton wegwerfen können und sich derartig zumüllen, dass sie sich nur noch auf engen Pfaden durch ihre Wohnung bewegen können. Gründliche Untersuchungen zu dem Sonderfall der Tiermessies fanden lediglich in den USA statt.
Doch inzwischen steht fest, dass die krankhafte Tierhorterei auch hierzulande viel häufiger vorkommt als angenommen: In einer soeben erschienenen Studie präsentiert die Veterinärmedizinerin Tina Sperlin von der Tierärztlichen Hochschule Hannover 625 deutsche Fälle.
Schon die Zahl belegt, dass Tiersammeln mehr ist als nur ein weiteres Aufregerthema der immer um PR - weil um Spenden - bemühten Tierschützer. Das Phänomen müsste vielmehr auch Psychologen und Sozialarbeiter intensiver beschäftigen. Denn mit den Tieren rutschen meist auch ihre Halter ins Elend.
"Animal Hoarding betrifft bei uns in den USA mindestens 3000 Menschen im Jahr", schätzt Gary Patronek, Pionier der Tiermessie-Forschung, "zerstört beträchtlich mehr Familien und Beziehungen, bedroht die Gesundheit von Kindern und unselbständigen Erwachsenen, verursacht signifikante Kosten für die Gemeinden und quält jedes Jahr Hunderttausende Tiere."
Sperlin hat für ihre Dissertation die Kollegen in 399 deutschen Veterinärämtern befragt. "Jedes zweite Amt hat mit dem Problem zu tun", berichtet die Forscherin, eine quirlige Person, ihr glattes Haar glänzt wie das ihres Labradormischlings Lintu. Drei Katzen gehören zu ihrem Haushalt in einem kleinen Ort nahe Gießen. Sperlin lacht. "Ja, auch Tierärzte wie ich können zu Tiersammlern werden", sagt sie.
Sperlin hält die Dunkelziffer für sehr hoch, weil längst nicht alle Tierhorter aktenkundig werden. Denn es ist ein Charakteristikum der Viechersammler, sich zu isolieren; sie lassen niemanden mehr in ihre Wohnung, sie täuschen Nachbarn und Behörden.
"Und wenn Amtsveterinäre doch aufmerksam werden", sagt Madeleine Martin, hessische Landestierschutzbeauftragte, "und Bußgelder verhängen oder Auflagen erteilen, ziehen die Tierhorter einfach um. In einem anderen Bundesland sammeln sie dann ungestört weiter."
So sei eine Frau, berichtet Martin, deren grausige Hundesammlung in einer aufgegebenen Kaserne im thüringischen Vitzeroda voriges Jahr aufgelöst wurde, zuvor in Hessen und in Rheinland-Pfalz als Tiermessie aufgefallen. Es existiert kein zentrales Register, es gibt keine bundesweiten Melderoutinen über solche Fälle.
Manchmal gelingt es, das Elend zu beenden, indem beherzte Amtstierärzte die Kreaturen beschlagnahmen und auf Tierheime verteilen. Ein gefährlicher Job: Eine Tierhorterin in Hessen versuchte, die Störenfriede mit ihrem Jeep zu überfahren.
"Und das Problem ist mit der Beschlagnahme nicht gelöst", sagt Sperlin. "Kaum haben die Veterinäre ihnen den Rücken zugedreht, fangen die meisten wieder an zu sammeln." In der Tat beträgt die Rückfallquote fast hundert Prozent, wie amerikanische Forscher herausgefunden haben.
Wer also Tiere dauerhaft vor kranken Haltern und vor allem diese vor sich selbst beschützen will, muss verstehen, wie diese Menschen ticken - und das Horten von Tieren als psychische Störung begreifen. Denn darum handelt es sich, in den USA sind die Forscher sich darüber längst einig; und Paula Calvo, eine spanische Tierhorter-Expertin an der Universitat Autònoma von Barcelona, und Tina Sperlin sehen das ebenfalls so.
In den USA haben Patronek und seine Kollegen verschiedene Varianten von Hortern ausgemacht. In den meisten Fällen in Deutschland handelt es sich demnach um "Pfleger" oder "Retter".
Der Pfleger liebt es, so wie Ilse Albig, sich um ein paar Vierbeiner oder Ziervögel zu kümmern, er überschreitet dabei recht bald - das erste Warnzeichen - den Richtwert des Deutschen Tierschutzbundes für die Zahl heimischer Kuscheltiere: bis zu drei Hunde, drei bis vier Katzen oder etwa fünf Nager. Der selbsternannte Retter hingegen nimmt todgeweihte oder sonst wie schutzbedürftige Geschöpfe bei sich auf.
Sabine Michels hat vor kurzem ihre beiden Lamas "gerettet". Sie ist schon mal in einer Boulevard-Sendung angeprangert worden als schlimme Tierquälerin, deswegen wäre sie mit ihrem echten Namen sofort erkennbar. Michels steht im Stall und wuchtet mit der Heugabel frisch geschnittenes Gras in die lange schon nicht mehr ausgemisteten Boxen. "Bei mir isset unordentlich, ja, aber ick bin doch keen Tiermessie."
Unordentlich? Ihr Gelände in einer entlegenen Ecke Brandenburgs ist ein Durcheinander aus zusammengeflickten Bauzäunen um kahlgefressene Weiden mit Bauschutt, Brennnesseldickichten, leeren Käfigen, blauen Wasserkanistern und Tischen, auf denen sich Plastikeimer und leere Blechdosen türmen.
Nur für die Tiere hat Michels Zeit, nicht für sich. Das Gebiss der 51-Jährigen ist das einer verarmten, vergessenen Greisin, ihre Jeans mit Gummizug von Flecken übersät, ebenso das türkisfarbene T-Shirt, auf dem, seltsam schrill, Strasssteine den Schriftzug "London" formen.
Michels musste, nachdem sie als Tiersammlerin aufgefallen war, ihren Hundebestand in den vergangenen fünf Jahren von etwa 70 auf die heutigen 10 Tiere schrumpfen, Schnauzer und Pinschermischlinge, ein paar Kühe sollte sie auch abgeben ("Det tut mir heute noch weh").
Aber in Gehegen, Käfigen und auf Weiden tummeln sich immer noch weit mehr als hundert weitere Tiere: Pfauen, Lamas, Enten, Tauben, Kaninchen, Meerschweinchen, Shetlandponys, Wellensittiche, Schafe. Und jüngst erst gab es Nachwuchs bei den Shettys, auch zwei der vier Eselstuten führen Fohlen.
Sabine Michels kann das Sammeln nicht lassen. So wollte sie die beiden Lamas abgeben, wirklich. Aber wenige Wochen später kaufte sie, die Retterin, aus Sorge um deren Wohlergehen, beide Hengste wieder zurück.
Alles, was man Michels an diesem Sommertag als Missstand in der Tierhaltung auslegen könnte, kann sie erklären: Die Shettys, eigentlich Freilandtiere, stehen im Stall, weil es am Vortag so geschüttet habe. Die Schnauzer sind eingesperrt, weil einer durch ein Loch im Zaun des Freilaufgeländes abgehauen sei, "det muss ick erst finden und zumachen". Die Hufe der Esel sind nicht gepflegt - weil der Hufschmied erst übermorgen komme. Und überhaupt: "Mariechen geht's doch gut bei mir", sagt Michels und tätschelt eine ihrer Eselstuten. Das Tier leidet an einer Fehlstellung des Hufgelenks.
Für Tierschützer ist der Fall klar: Man müsste Michels das Handwerk legen, die Vierbeiner beschlagnahmen, die sie nicht ordentlich versorgen kann. "Allerdings nimmt man diesen Leuten damit auch alles, was ihnen lieb und teuer ist", sagt Andrea Beetz von der Uni Erlangen, eine der wenigen Psychologen, die sich hierzulande mit Animal Hoarding beschäftigen. "Man nimmt ihnen ihre emotionale Stütze. Sie horten ja Tiere, weil sie psychisch labil sind."
Tatsächlich leiden Tiermessies laut US-Studien häufig unter weiteren seelischen Gebrechen, darunter Persönlichkeits- oder Angststörungen, Depressionen, aber auch Suchterkrankungen oder Demenz.
Die Horter haben in der Regel auch keine Freunde mehr; die haben sie ja zugunsten von Vierpfotern aus ihrem Leben gekickt. Tiere kann man lieben und vor allem: sich zurückgeliebt fühlen. Es gibt keinen Streit, keine Vorwürfe und nie das Gefühl, nicht zu genügen. Wie wärmend, wie beglückend muss sich das anfühlen für jemanden, den seine Eltern in der Kindheit zurückgestoßen, verlassen oder gar missbraucht haben.
Genau von solchen Kindheitserlebnissen berichten laut amerikanischen Studien viele Tiermessies. Kommt dann noch ein traumatisches Ereignis im Erwachsenenleben hinzu - eine schlimme Krankheit, der Verlust eines geliebten Menschen oder des Jobs - gerät die Mensch-Haustier-Symbiose aus den Fugen.
Hier liegt wahrscheinlich auch die Lösung des großen Paradoxons im Leben der krankhaften Sammler. Sie leiden nämlich sämtlich unter groteskem Realitätsverlust. Partout wollen sie nicht einsehen, dass sie die Tiere peinigen, die sie doch eigentlich retten wollten. Selbst wenn totgetrampelte Fohlen auf der Weide liegen und daneben verhungernde Pferde tief im Morast stehen - der Tiermessie sieht darin kein eigenes Versagen.
Wächst ein Kind in emotionaler Dürre auf, verliert es aus Selbstschutz oftmals die Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Dies führe dazu, glauben die Hoarding-Experten Gary Patronek und Jane Nathanson, dass krankhafte Tiersammler auch das Leid ihrer Tiere nicht erkennen können.
Sie brauchen Hilfe, eine Therapie oder vielleicht nur einen zugewandten Sozialarbeiter. "Aber wie wollen Sie den Tierhortern so was andienen, wenn die Betroffenen sich gar nicht als krank empfinden?", fragt Andrea Beetz.
Ilse Albig hat nicht das Gefühl, krank zu sein, sie ist halt irgendwie reingerutscht in das ausufernde Kümmern um zu viele Tiere. Aber während der Fangaktion auf ihrem Grundstück macht sie es einem schwer, sie nicht doch als notorische Sammlerin zu sehen - die 18 erwachsenen Katzen, die sie behalten darf, reichen ihr offenbar nicht.
"Nein!", ruft sie, "den nicht!", als die Tierschützerinnen einen kleinen roten Kater jagen. "Den will ich behalten!"
Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 34/2012
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