20.08.2012

AFFÄRENIm Dachsbau des Feuilletons

„SZ“-Kulturchef Thomas Steinfeld hat unter Pseudonym einen Krimi geschrieben, in dem das Mordopfer Züge des „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher trägt - tolle Tage im Kulturbetrieb.
Mit einer Schaufel erschlagen und dann den Dachsen zum Abnagen hingeworfen. Niemand will so enden. Aber so beginnt er, der Literaturskandal dieses ziemlich merkwürdigen Sommers.
Die Leiche, das ist Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen". Der Täter, das ist Thomas Steinfeld, Feuilleton-Chef der "Süddeutschen Zeitung". Die beiden waren mal Kollegen in Frankfurt, sie haben sich nicht sonderlich gemocht und wurden später Konkurrenten im Kampf um das schönste und beste Feuilleton der Republik.
Es ist eine schöne Geschichte. Sie war überall zu lesen in der vergangenen Woche, sie hat den Kulturteilen so viel Freude bereitet wie lange nichts. Was vermutlich damit zu tun hat, dass eine gewisse Selbstreferentialität zu diesem Gewerbe gehört. Jeder kennt jeden, und jeder war schon mal mit jedem befreundet oder befeindet, und jeder hat schon mal bei jedem ein Buch veröffentlicht oder würde es zumindest gern. Es ist ein Gewerbe, in dem Arroganz und Eitelkeit, Narzissmus und Besserwisserei eine Karriere eher fördern als ihr schaden. Und natürlich ist es auch eine schöne Geschichte, weil sie zeigt, wie einfach es ist, einen Literaturskandal zu entfachen. Obwohl dieser eigentlich gar keiner ist und ihn möglicherweise auch niemand wirklich wollte - was vielleicht sogar das Allerbescheuertste in der Angelegenheit ist.
Natürlich hat niemand Frank Schirrmacher mit einer Schaufel erschlagen und dann den Dachsen zum Abnagen hingeworfen, es ist Literatur, es ist erfunden, Fiktion. Schirrmacher lebt und arbeitet gerade in Berlin an dem Manuskript für ein neues Buch, und Thomas Steinfeld sitzt auch nicht in Untersuchungshaft, obwohl er die Ruhe, die er dort hätte, derzeit wohl zu schätzen wüsste.
Unter dem Pseudonym Per Johansson hat Steinfeld zusammen mit einem Münchner Freund einen Krimi nach schwedischem Muster geschrieben: Der Held, ein grüblerischer, unerlöster Lokalreporter mit linksradikaler Vergangenheit, findet irgendwo in der schwedischen Provinz die Leiche eines deutschen Chefredakteurs, der auf der Spur einer großen Verschwörung war in den Milieus schwedischer Piraten und amerikanischer Banker. "Der Sturm" heißt das Buch, und es wird diese Woche erscheinen.
Noch einer dieser Krimis, die Käufer lieben solche Bücher, in den Top zwanzig der Bestsellerliste sind derzeit gleich sieben gelistet. Man kann aber auch sagen, dass man Krimis schon sehr lieben muss, um den "Sturm" zu mögen.
Der Kulturchef Thomas Steinfeld liebt schwedische Krimis, deswegen hat er selbst einen schreiben wollen. Und nun hat er den Skandal. Am Telefon wirkt er tatsächlich ernsthaft schockiert über das, was sein Buch schon in der Woche vor seinem Erscheinen angerichtet hat. "Ich bin", sagt er, "total überrascht worden von der Skandalisierung."
Was wiederum überraschend ist. Denn natürlich erinnert die Figur des deutschen Chefredakteurs ziemlich eindeutig an Schirrmacher, und so beschrieb es auch der Artikel in der "Welt", der den Skandal Anfang vergangener Woche auslöste. Von der Rache eines ehemaligen Untergebenen war da die Rede, von Rufmord gar, weil ebendiesem Chefredakteur in dem Buch auch der Besuch von Bordellen und von zweifelhaften Chatrooms nachgesagt wird. Der S. Fischer Verlag, in dem der Krimi erscheint, wollte sich zuerst nicht äußern, dann überlegten die Verlagsleute, ihn ganz zurückzuziehen, während Schirrmacher mitteilte, er lese keine schwedischen Krimis, und während Steinfeld, der gerade in Istanbul weilte, sich von seinem Verleger überzeugen ließ, das Pseudonym zu lüften.
Ganz schön was los. Und eigentlich wüsste man gern, was zum Teufel Steinfeld da geritten hat und warum der S. Fischer Verlag, einer der großen und seriösen dieses Landes, offensichtlich nicht wusste, was er da veröffentlichte.
Seit 2007 leitet Thomas Steinfeld das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung", er ist jetzt 58 Jahre alt, die Liste seiner, wie er selbst sagt, "wissenschaftlichen und kulturhistorischen" Veröffentlichungen ist eindrucksvoll lang, dazu gehören Titel wie: "Was vom Tage bleibt. Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland" oder "Symbolik - Klassik - Romantik. Versuch einer formanalytischen Kritik der Literaturphilosophie Hegels", übrigens seine Dissertation, oder "Der Sprachverführer. Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann". Bestseller waren bislang eher nicht darunter. Für die "Frankfurter Allgemeine" arbeitete er von 1994 bis 2001 als Literaturredakteur, es muss damals ziemlich großen Streit mit Schirrmacher gegeben haben, zusammen mit einigen Kollegen wechselte er zur Konkurrenz nach München.
Am Telefon klingt Steinfeld nicht nur überrascht, sondern auch empört. Die Figur des Chefredakteurs im Roman sei "ein Amalgam aus vielen schillernden Charakteren" und habe nichts mit realen Personen zu tun. "Man muss", sagt Steinfeld, "unterscheiden zwischen möglichen und zwingenden Interpretationen. Der Tote ist ein deutscher Chefredakteur, der für einen Typ Boulevardblatt arbeitet, wie es ihn in Schweden, aber nicht in Deutschland gibt, eine Mischung von seriös und unseriös. Das lässt viele Interpretationen zu. Aber keine ist zwingend." Was ihn aber am meisten empöre, sei "dieser Fanatismus, mit dem ausgerechnet das Feuilleton, das es doch besser wissen müsste, hier Fiktion und wirkliches Leben miteinander vermengt. Der ist der eigentliche Skandal". Weder die Autoren noch der Verlag hätten an einen Skandal gedacht, geschweige denn ihn gewollt. "Außerdem sind die nervlichen Kosten dieser Skandalisierung zu hoch, als dass man sich das absichtlich antun würde."
Das alles wird wohl so stimmen. Die Frage ist nur, ob es nicht eigentlich schlimmer ist, wenn ein Profi wie Steinfeld den Skandal nicht erkennt, den er da gerade, wenn auch angeblich nur zufällig, produziert.
Für solch einen Fall gibt es normalerweise den Verlag. Programmchef beim S. Fischer Verlag ist Jörg Bong, der übrigens gerade (angeblich, niemand weiß es genau, niemand will da ganz Böses unterstellen) mit einem Krimi, der unter Pseudonym in einem anderen Verlag erschienen ist, auf Platz zwei der Bestsellerliste steht. Bong, so heißt es, habe "Der Sturm" bis zur Veröffentlichung der "Welt" gar nicht gelesen. Und als der Skandal über ihn hereinbrach, musste er ausgerechnet von Schirrmacher überzeugt werden, dass es keine sonderlich gute Idee ist, jetzt auch noch das Buch zurückzuziehen. Es wäre die nächste Eskalationsstufe gewesen. Die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Literatur, herrje, das Feuilleton hätte wochenlang noch seinen Spaß gehabt, und Schirrmacher wäre für einige seiner Gegner erst recht der bösartige Strippenzieher gewesen, wenn er nun auch noch dazu beiträgt, dass Bücher nicht erscheinen.
Ein wenig unsportlich allerdings ist es, dass Bong bislang nicht öffentlich erklären wollte, was alles eigentlich schiefgelaufen ist in seinem Verlag. Warum es nötig war, das Pseudonym noch mit einer ziemlich plausibel wirkenden Vita auszuschmücken und eine Übersetzerin aus dem Schwedischen zu erfinden, und dies alles auf der Rückseite des Buches zu krönen mit einem Werbetext des türkischen Großschriftstellers Orhan Pamuk, einem guten Freund Steinfelds, der zwar an der Konzeption des Buches beteiligt gewesen sein soll, dummerweise aber kein Deutsch spricht, also kaum in der Lage ist, ein Urteil abzugeben? Wahrscheinlich fanden sie das alle ziemlich lustig. Man könnte das aber auch eine Lüge nennen.
In einer E-Mail erklärt Bong immerhin, dass das Buch wie geplant erscheint, damit sich nun alle selbst ein Bild machen können. Und dass er sich bei Schirrmacher entschuldigt habe.
Ab Donnerstag dieser Woche soll "Der Sturm" endlich im Handel sein. Es wird zwei Versionen geben. 10 000 längst gedruckte Exemplare in der alten Version, und eine ähnliche Anzahl neugedruckter Exemplare. Auf dem Titel steht dort zwar immer noch Per Johansson als Autor, aber die Werbetexte von Pamuk und von dessen Schriftsteller-Kollegen Håkan Nesser sind verschwunden, und auf der Innenklappe gibt es auch keine Vita mehr, sondern nur einen kleinen Verweis: "Per Johansson ist das Pseudonym des Autoren-Duos Thomas Steinfeld und Martin Winkler."
In einem Radiointerview wurde Steinfeld gefragt, ob er nicht doch Schirrmacher im Hinterkopf gehabt habe. Er antwortete: "Für was für einen Kindskopf halten Sie mich?" Großer Kindskopf, kleiner Kindskopf. Schwierige Frage.
Von Lothar Gorris und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 34/2012
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