22.09.1997

Die Macht der Gefühle

Die Trauer um Diana hat gezeigt, wie schnell in der zum medialen Dorf geschrumpften Welt Milliarden von Menschen zu einer Gemütsgemeinschaft zusammenwachsen können. Sind die globalen Herzensergießungen bedrohliche Vorzeichen eines neuen Irrationalismus?
Die Blumen verwelkt, die Tränen versiegt, die Königin der Herzen begraben. Das Leben könnte zur Tagesordnung übergehen.
Tut es aber nicht. Noch drei Wochen, nachdem Milliarden von TV-Zuschauern die bewegendste Trauerfeier miterlebt haben, die je im Fernsehzeitalter über die Bildschirme gegangen ist, treibt Menschen aller Kontinente um, was sie erlebt haben, aber nicht begreifen können. Die Prinzessin ist tot, das Rätsel dieses schier grenzenlosen Gefühlssturmes lebendig wie am Tag der Bestattung.
Was ist bloß geschehen, daß coole Kids ebenso wie verhärmte Rentner, westliche Manager ebenso wie Slumbewohner in der Dritten Welt, biedere Gemüter wie komplizierte Intellektuelle Tränen um eine entrückte Medienmadonna geweint haben, als wär'' sie ein Stück von ihnen?
Den SPIEGEL, nicht gerade bekannt als vertraute Adresse für Herz und Schmerz, erreichte eine Flut von Briefen, aus denen die Emotionen sprechen. "Dianas Blumen", schrieb Leserin Helga Solehri, "sollten nicht kompostiert werden, sondern über die Themse ins Meer schwimmen."
Rainer Lanzerath, Ingenieur aus dem westfälischen Rheinbach, machte seinem Gefühl so Luft: Die Worthülsen der Medien würden die Abermillionen Herzen niemals erreichen, "wo die Erinnerungen an Diana aufbewahrt werden. Die Liebe war, ist und bleibt irrational. Wer auch immer sich ihr entgegenstellt, hat keine Chance".
Peter Klein, Inhaber eines Büros für Objektbegrünung in Bad Nauheim, teilte mit, ihm seien nach der Lektüre der Titelgeschichte beim Elton-John-Song "Candle in the Wind" "die Augenwinkel mit Tränen überflutet worden, wie die Deiche beim Oderübertritt". Leser Klein: "Es muß da doch noch mehr gewesen sein?"
Bloß was? War die Welt Zeuge einer mediengesteuerten Massenhysterie? Eines bulimischen Verschlingungsaktes erregender Bilder, wie die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Elaine Showalter mutmaßt (siehe Interview Seite 254)? Oder brach sich in der Trauer ein echtes Gefühl Bahn: etwa ein elementarer Widerstand gegen die Entwertung des Menschen durch immer globalere Verwertungsmechanismen? War es ein Aufstand der Ehrlichkeit gegen die trügerische Perfektion des Cyber-Glitters der Werbung? Haben sich die Opfer der Modernisierung, all diese am kalten Erfolgszwang Gescheiterten und von Marginalisierung Bedrohten mit ihrer altertümlichen Trauer um eine englische Lady ein bleibendes Denkmal gesetzt?
Faszinierend an den zahllosen Reaktionen auf den Tod von Diana ist zunächst das anhaltende Gebanntsein so vieler Menschen und Medien durch eine einzige Frau, die von der ziemlich unbedarften Kindergärtnerin zur Prinzessin am englischen Hof aufstieg, dann an der Arroganz dieses Hofes zu zerbrechen schien und schließlich der banalsten Todesart unserer Zeit - einem Autounfall - erlag. Was ist der Hintergrund dieses trivialromanhaften, multimedial erfolgreich ausgeschlachteten Diana-Effekts? Liegt darin, daß er so offensichtlich widervernünftig, von so monumentaler, fast wahnhafter Nutzlosigkeit bis an die Grenze des Lächerlichen ist, sein wahres Geheimnis?
"Wahnsinnig" war schon bei der deutschen Wiedervereinigung die beliebteste Floskel einer Gesellschaft, die - "endlich wieder"- so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl erlebte. Gehört der Diana-Effekt in diesen Zusammenhang, bloß globaler gefaßt und noch ein bißchen "wahnsinniger" zu nennen? Soll auch er, wie es der kurzen nationalen Gefühlsaufwallung der Deutschen 1989 oft widerfuhr, im Namen aufgeklärter Skepsis abgestraft werden? Handelt es sich um ein Phänomen zwischen Religionsersatz und schierem Ausflippen? Bestätigt das Diana-Fieber am Ende nur jenen "Betroffenheitskult" (Cora Stephan), der die formal geregelte Debattenkultur schon seit einiger Zeit und nicht nur in Deutschland formlos-diffus verdrängt?
Fragen über Fragen. Einfache Antworten wie jene, Diana sei bloß der von Medien hochgepowerte Popstar einer übergeschnappten, aasgeierhaften Kulturindustrie, treffen immer nur Teilaspekte. Sie ergeben sich aus hastigen Beobachtungen, die sich selbst nicht beobachten.
Fest steht: Trotz des Siegeszuges von Wissenschaft und Computerindustrie, trotz des Sterbens der Kirchen und des Verblassens vieler Traditionen in der westlichen Welt und fast aller in Deutschland, trotz des Dauerbombardements mit Informationen und "gestriegelten Amüsements" (Horkheimer/Adorno) erscheint die archaische Macht der einfachsten Gefühle, wie Trauer, Liebe, Mitleid, Verehrung, ungebrochen. Nur deshalb lassen sich diese Gefühle auch immer wieder so ertragreich mißbrauchen. Die Herrschaft selbstbewußter Vernunft, das hehre Ziel der Aufklärung, läßt auf sich warten. Das schillernde, vieldeutige, anstößige, aber auch schlicht ergreifende und vor allem sehr menschliche Regime des Sentiments ist die Realität.
Nur darum können die Mythen- und Märchenmaschinen der Medien so auf Hochtouren arbeiten und damit Quote machen. Die produzierte Gefühligkeit hat dabei alles, nur kein Gefühl für das eigene Maß. Das Extremste ist oft das Beste: Die Liebe muß passioniert bis zum Irrsinn sein, die Eifersucht rasend, die Melancholie abgrundtief, die Lust bis zum Aberwitz gesteigert, der Schmerz schrecklich. Die Logik des Apparats ist unerbittlich: Was überwältigt, hat recht. Über Geschmack sollen andere streiten, Grimms Medien lassen sich nicht aufhalten.
So wurde das Leben Dianas von Yellow bis Seriös, von RTL-Klatschtante Eligmann bis Hofreporter Seelmann-Eggebert, als Festmahl serviert: Märchenhochzeit, verwunschene Prinzessin, gute Mutter, böse Schwiegermutter, kalter Hof und warmherzige Heilige der Armen, sich selbst kasteiende Märtyrerin, Verirrte auf den Venushügeln der falschen Liebe, politisches Weltgewissen und gehetztes Fotoreh, unverstandene, gerade im Scheitern sympathische Frau und wissendes Weib - die Heilige mit dem Medienschein.
Und wenn sie nicht gestorben wäre, dann müßte das Publikum noch heute an diesem Mythen- und Märchengeschnetzeltem herumkauen, einem Gericht, das nicht satt macht, weil es nur aus Versatzstücken besteht, aus Geschichtsattrappen ohne Anfang und zugehörigem Ende.
Erst der Tod machte es möglich, daß die Prinzessin wenigstens zum Teil aus dem Schnitzelwerk der medialen Verwertung herausgerissen wurde: In einem Ausbruch von mondialer Frömmigkeit holte das Volk seine Göttin heim. Was keine NEUE POST, keine BUNTE und kein DAILY MIRROR fertigbrachten, schaffte das Gefühl der Massen: Diana zur Ikone zu erheben, zum Abbild der modernen Frau, die selbstbewußt die Mauern einer mächtigen Aristokratie überwindet und auch dadurch zur Symbolfigur einer Epoche wird. Die Mythenprofis hatten beiseite zu treten, das Volk erzählte sich selbst ein Märchen und wollte sich nicht stören lassen. Es war von Anfang bis Ende auch ein Aufstand der Herzen gegen die Herz-Schmerz-Blätter und ihre plappernde Klatschsucht.
Selten sind öffentliche Gefühle so intelligent und entschlossen geäußert worden wie bei den Reaktionen auf Dianas Tod. "Die Liebe läßt sich nicht erbittern, rechnet das Böse nicht zu", las Britanniens Ministerpräsident Tony Blair aus dem Paulus-Brief an die Korinther; und er beschwor gleichsam den Willen, daß etwas von dem Trauergefühlssturm bleiben möge.
Die weltumgreifende Anteilnahme an Dianas Begräbnis übertraf noch bei weitem das frühere Interesse an ihren wohltätigen Auftritten und schlagzeilenträchtigen Ehekrisen. Erst in diesem vornehm-düsteren, von schwarzen Rössern, prächtigen Uniformen, einer großen Kathedrale und dem ohrgängigen Klagelied des Popstars Elton John eindrucksvoll begleiteten Finale des Dramas erfüllte sich ein prophetischer Begriff, den der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan schon 1967 geprägt hatte: "the global village", das globale Mediendorf als neue Gemeinschaft der Informierten, der Schauenden und Erschauernden, eine Gemeinschaft, die alle traditionellen Grenzen der Staaten und Kulturen überschreitet.
Die Fernsehübertragung der Gedenkfeier etablierte erstmals in der Geschichte der Menschheit eine Weltbühne, auf der die klassischen Qualitäten eines Schauspiels nicht fehlten: Furcht und Mitleid. Mitleid mit dem Schicksal der Prinzessin, Schaudern vor ihrem Tod, den jeder nachdenkliche Zuschauer vorgreifend auch als eigenen Tod erlebte.
Das simultan mitfühlende Weltdorf der Herzen verfügte noch nie zuvor über einen solch idealen Traumstoff: eine Märchenprinzessin, die nachdenklich-melancholisch den hübschen Kopf seitlich nach unten zu senken vermochte wie auf einer Madonnendarstellung des späten Mittelalters; eine "hohe Frau" voll Anmut und Herzensgüte, wie sie die mittelalterlichen Minnesänger verehrten; gleichzeitig aber ein modernes, mal elegant, mal sportlich gekleidetes Mädchen, das, die höfischen Regeln spontan verletzend, mit seinen Kindern ein Popkonzert besuchte oder bei McDonald''s essen ging, das trotz allen Glamours sehr alltägliche und noch im entferntesten Buschdorf nachvollziehbare Neigungen und Konflikte vorführte; und das mit seinem Leiden und seinem Scheitern stellvertretend für viele eine Opferrolle übernahm, die es den Menschen, zumal den Frauen in aller Welt, besonders vertraut, ja liebenswert machte - einer Königin Diana wäre dies so wohl kaum widerfahren. Daß solch gewaltiger Traumstoff seine Form dann noch in einem Begräbnisritual fand, das die archaische Totenfeier mit dem modernen Popkonzert verband, war, zynisch gesagt, geradezu ideal für seine Breitwand-Wirkung.
Die Schnelligkeit, mit der das globale Mediendorf Prominente wie Diana für jedermann durchsichtig und präsent macht, nährt ein neues, seltsames Empfinden: Auch die große weite Welt erscheint mehr denn je als ein primär privates, "persönlich" vertrautes Beziehungsgeflecht; selbst die entferntesten Figuren der Zeitgeschichte werden so zu unseren Nachbarn, mit all ihren Eheproblemen, Liebesaffären, Eßgewohnheiten und Krankheiten. Die Großen wirken seltsam klein, sie werden schwache, manchmal auch vorbildliche Menschen "wie du und ich". Mehr noch: "wie ich". Das stärkt die emotionale Verbindung zu ihnen - dafür waren sie in der Epoche vor der Verbreitung des Fernsehens entschieden zu weit weg.
Das globale Mediendorf verbreitet so die Illusion, es gehe im Leben allgemein mehr um die vielen kleinen Dinge und Aufregungen des Alltags als um komplizierte Vorgänge, die nur durch Abstraktion zu begreifen sind. Ein paradoxer Befund: Einerseits zerstören die elektronischen Medien die dörfliche Abgeschiedenheit und Beschränkung, andererseits ersetzen sie große Politik durch tendenziell dörfliche Reaktionen und Emotionen.
Dem Kanzler oder Präsidenten, der sich in der Talkshow sehr privat gibt, klopfen die Zuschauer sozusagen auf die Schulter, er wird jedermanns Kumpel oder persönlicher Feind, gerät in die, überwiegend politikferne, Reiz- und Reaktionswelt von Liebe und Haß, Geschmack und Gefühl, Klatsch und Tratsch, Kungelei und Familienstreit. Soviel Menschelei war nie.
Überall erscheinen die gleichen Stammtisch-Subjekte mit den gleichen Umfrage-Seelen. "Ich erblicke", schrieb vor 160 Jahren Alexis de Tocqueville in seinem berühmten Buch über die amerikanische Demokratie, "eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen."
Friedrich Nietzsche nannte später diesen vergnügungssüchtigen Durchschnittstyp den "letzten Menschen", unfähig zu jeglicher Größe. Die globale Gemütsaufwallung angesichts der nunmehr allem Irdischen entrückten Prinzessin war gewiß auch eine Rebellion gegen das Mittelmaß der überall mehr oder weniger gleichförmigen Masse Mensch; ein Versuch vieler vereinzelter Konsumteilhaber, wenigstens für einige Momente der emotionalen Über-Identifikation sich selbst ein bißchen größer, selbstloser, ungewöhnlicher, ungleicher zu erle-
* Bei der Beerdigung des bei Dubrovnik verunglückten US-Handelsministers Ron Brown im April.
ben, als sie normalerweise sind - und in diesem Augenblicksheroismus einer exklusiven Trauergemeinde anzugehören.
Ist solche Sehnsucht nach Ungleichheit das absurde Ergebnis des jahrhundertelangen Kampfes um Egalität? Also im Grunde die Niederlage des Projekts Aufklärung, der Sieg des Gefühls über den Verstand? "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", jenes legendäre Begriffstrio, das aus den Schriften der Freimaurer und der Kampf-Rhetorik der französischen Revolutionäre schließlich in die Verfassung der französischen Republik gelangte, ist, als typischste Frucht der Aufklärung, ein extrem vernunftgläubiger Slogan.
Die Freiheit als Recht, alles zu tun, was keinem anderen schadet, ist nur eine, wenn im Prinzip jeder sie hat und bei dem anderen respektiert. Diese Freiheit der gesetzlich Gleichgestellten setzt voraus, daß die Menschen naturgemäß in der Mehrzahl vernünftig sind - mindestens sofern sie fähig und willens sein müssen, das Regelwerk von Freiheit und Gleichstellung "brüderlich" anzuerkennen.
Der Ruf nach Freiheit und Gleichheit ergab sich auch historisch erst aus der Entdeckung, allein "der volle Gebrauch unserer Vernunft", wie René Descartes 1637 formulierte, weise den Königsweg zur Erkenntnis des Wahren, das Descartes nur der klaren "Evidenz" des "Einfachsten" zubilligte. Die allereinfachste Einsicht "Ich denke, also bin ich" aber ist jedem vernunftbegabten Wesen möglich. Daraus folgt: Als denkende Sucher der Wahrheit sind alle Menschen gleich.
Immanuel Kant macht, in seiner "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" (1784), diese Implikation des Vernunftglaubens deutlich: Schon auf der ersten Seite seiner berühmten Schrift verknüpft er die Definition der Aufklärung - als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" - mit einer egalitären Polemik gegen jene "Vormünder", welche "die Oberaufsicht" über das Denken anderer beanspruchen. Kant faßt denn auch den Begriff der Freiheit als Mut zur Ratio, als Freiheit, "von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen".
Schon bei Descartes geht das Plädoyer für den Vorrang der "Vernunftgründe" einher mit einem tiefen Mißtrauen gegen "die sprudelnden und unruhigen Launen der Menschen". Auch Kant, wiewohl Vernunftkritiker, ist äußerst skeptisch gegenüber aller Emotion und Intuition, die er bei Gelegenheit abfällig, einen englischen Satiriker zitierend, mit einem "hypochondrischen Wind in den Eingeweiden" vergleicht.
Allerdings verteufeln die Vernunft-Apostel der Aufklärung das Gefühl keineswegs: "Das Gefühl des Schönen und Erhabenen" ist Kant etliche Traktatsergüsse wert. Und besonders die Pädagogen der Aufklärung, etwa Johann Bernhard Basedow, schwärmten von einer durch Hofetikette unverfälschten, natürlichen Gefühlsbildung - sozusagen als Versuch der Vernunft, die elementaren Triebe über eine subtile Gefühlskultur zu domestizieren oder, mit Kant, Neigung und Pflicht in einer gezügelten Neigung zur Pflicht zu versöhnen.
Das war den Dichtern der deutschen Klassik zu streng. Sie setzten gegen diese gemäßigte Gefühlskultur, zunächst heftig stürmend und drängend, später selbst gemäßigt, einen provozierenden Gefühlskult. Schiller: "Das Genie verfährt nicht nach erkannten Prinzipien, sondern nach Einfällen und Gefühlen." Goethes Faust: "Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch." Oder: "Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen."
Das Wort "fühlen" wurde in seiner Bedeutung immer weiter gefaßt. Ursprünglich meinte es soviel wie: mit der Hand ins Ungewisse tasten und dabei etwas empfinden. Schiller hingegen dichtet: "Das Lächeln blühte auf der Wange ... im feuchten Auge schwamm Gefühl." Das Gefühl wird zum "inneren Gefühl" (Herder). Im Bündnis mit dieser Seelenkraft, die vor allem in der Gestalt des Liebenden vorgegebene Grenzen ignoriert, setzt sich das Bürgertum schon im 18. Jahrhundert mehr und mehr gegen die kulturelle Hegemonie des Adels zur Wehr. Das aufgeklärte Vernunft-Credo hatte trotz der Französischen Revolution an dieser Hegemonie noch nicht wirklich gerüttelt - sie währte noch lange, weil das Bürgertum bald dazu überging, feudale Formen nachzuäffen.
Die deutsche Klassik hingegen wirkte subversiv, obwohl sie vom Geniekult ihrer Anfänge einiges zurücknahm. Die Innigkeit, der Schmelz, die Harmonie-Seligkeit und die drängende Dynamik der Rokokoklänge (Wieland: "Die Musik verfeinert das Gefühl") ließen die Damen am Mannheimer Hof, bis 1778 eine Wiege der damals neuesten Musik, scharenweise in Ohnmacht sinken - aus der Geräuschkulisse für schlemmende Barockfürsten war ein suggestives Medium seelischer Befindlichkeit geworden.
Mozart überrannte, in der Oper "Die Hochzeit des Figaro", die aristokratischen Rechtsansprüche eines geilen Grafen auf untergebenes Frauenfleisch und hob die wahre Liebe auf den Thron. Der revolutionäre Akt, in (noch) feudaler Zeit die Erziehung eines Adligen auf der Bühne vorzuführen, gelang im damaligen Wien nur, weil der geniale Komponist mit der unwiderstehlichen Gefühlsgewalt seiner Töne alle Widerstände zum Schmelzen brachte.
Der Versuch der Klassiker, solche Eruptionen zuzulassen und dennoch "artig" und in Würde zu "regeln", ist gescheitert. Letztlich blieb die Idee des "ganzen" Menschen, die harmonische Balance von Vernunft und Gefühl, ein Traum, geträumt in der marmornen Edelprovinz Weimars.
Keine klassizistischen Gipsbüsten, keine Reisen nach Arkadien konnten verhindern, daß die Nachfahren derer, die das Land der Griechen mit der Seele nach Formvollendung in Innigkeit abgesucht hatten, zu beunruhigenden Gefilden vorstießen.
Kleist, dieser auf Erden unheilbare Wahrheitssucher, trieb die Widersprüche heraus, die in den Idealen der Klassiker liegen: Die heftigste Liebe mündet nicht mehr in zivile Entsagung, sondern in den grausamsten Mord - Penthesilea läßt ihren geliebten Achill von Hunden zerfleischen. Heldenmut, Vaterlandsliebe sind nichts, wenn den Prinzen von Homburg die Todesangst übermannt. "Hör ich das Mühlrad gehen", klagt Eichendorff über die ungetreue Geliebte, "ich weiß nicht, was ich will - ich möcht am liebsten sterben, da wär''s auf einmal still!"
Der Romantiker Novalis kehrt die klassische Hierarchie von Vernunft und Gefühl geradezu um: "Das Denken ist nur ein Traum des Fühlens." Gefühle gehorchen keinem Vernunftgesetz, erst recht nicht der Staatsräson.
Der schwarzen Romantik fehlt am Ende nicht nur jeder Glaube an die Beherrschbarkeit der Affekte. Sie verkündet die Herrschaft der Affekte.
Dafür werden ihre Protagonisten, von E. T. A. Hoffmann bis Edgar Allan Poe, an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, die auf Nüchternheit programmiert ist - Nüchternheit des Gewinnstrebens, des technischen Fortschritts, der Industrialisierung, der Kolonialherrschaft. Dem entspricht, im Rückgriff auf die mechanistischen Überzeugungen mancher Aufklärer, ein naturalistisches Denken, "trocken und herzlos, aber unerschöpflich im Erklären", wie Fichte es nannte.
Eine Erfindung wie die Eisenbahn steht exemplarisch für den Geist der Zeit: Die Erschöpfung des Kutschenpferdes als sinnlicher Maßstab für die zurückgelegte Strecke entfällt, die Fortbewegung des Menschen in der Landschaft wird berechenbarer, rascher, gleichförmiger, sicherer, preiswerter, aber auch mechanischer, abstrakter, stumpfsinniger. Die vorbeiziehenden Bilder wechseln häufiger, werden unschärfer, gleichgültiger - dafür sind es mehr Bilder, mehr Impressionen und Sensationen.
Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik nimmt der Wahrnehmung der Welt die poetische Bildkraft und Intensität, schwächt also das Gefühl; zugleich entschädigt er durch Tempo, größere Bildmengen, durch die Erfahrung, der Mensch könne die Wirklichkeit besser beherrschen. Wachsende Verfügbarkeit des Wirklichen und zunehmende Gefühlskälte gegenüber seinen Einzelheiten sind die auffälligsten kulturellen Folgen des wissenschaftlichtechnischen Fortschritts.
Dagegen rebellieren Dichter und Künstler auch nach der Romantik in immer neuen Varianten. Weil in der gefühlsarmen Gegenwart kein ebenbürtiges Gegenüber der Kunst mehr auszumachen ist, flieht ein Komponist wie Richard Wagner in ferne Sagen-Zeiten, in denen noch einsame Größe und monumentalische, kompakte Gemeinschaftsgefühle vorstellbar sind. Griechische, römische und germanische Mythen werden gemalt und besungen, aber im Alltag wird immer rationalistischer entschieden. Hundert Jahre nach der Klassik hat die herrschende Kultur die Gefühle völlig vom Leben getrennt.
Der Nervenarzt Sigmund Freud bemerkt, zu welch eigenartigen Verzerrungen das führt. Auf seiner Couch phantasieren hysterische Damen der Wiener Gesellschaft, und der große Seelenpionier rekonstruiert aus den wirren Geständnissen die verdrängten Gefühle und Geschichten einer zensierten Sexualität.
Freud ist überwältigt von der Kraft des Unbewußten. Das denkende Ich gilt ihm nur als winziges Schiff auf dem gewaltigen Ozean des Unbewußten, einem Meer, das Leben trägt, aber auch - im "Todestrieb" - zerstörerische Energien bereithält. Allein die Kultur kann verhindern, daß dieser Ozean alles verschlingt. Aber an eine Harmonie von Gefühl und Ratio glaubt Freud nicht. Es bleibt das "Unbehagen in der Kultur".
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs gibt solchem Mißtrauen recht. In historisch beispielloser Weise bricht sich Zerstörungswut Bahn. Fasziniert, trunken bis zum Wahnsinn beobachten Dichter wie Ernst Jünger dieses Schauspiel des Todes, das alles zu verschlingen scheint, was einst als klassische Bildung, als anmutige Würde einer sinnlich-geistigen Kultur gegolten hat.
Das Trauma des Ersten Weltkriegs bildet den psychischen Nährboden für Adolf Hitlers Aufstieg. Vollgesogen mit wagnerianischen Größen- und Gemeinschaftsphantasien, obskurem Antisemitismus und einem tiefen Haß auf "Versailles" wie auf die Weimarer Republik, das "System", weiß dieser von der Mutter verhätschelte und vom Vater verachtete Verlierer aus Braunau die Gefühlsabgründe der von Kapitulation und Inflation gedemütigten Deutschen trefflich anzusprechen und auszunutzen. Die Ängste und Minderwertigkeitsgefühle der Deutschen betäubt er durch Verheißungen kommender Größe. Die im Prozeß fortschreitender Modernisierung immer unübersichtlicher und gefühlsärmer gewordene Welt pariert er mit Verschwörungstheorien und dem Trugbild einer archaisch geordneten "Volksgemeinschaft".
Hitler, Gefühlslehrling Nietzsches, zelebrierte den Totenkult mit Paraden, Lichtdomen, Appellen und feierlicher Musik wie kein anderer vor ihm - ein teuflischer Meister diabolischer Gefühlskultur.
Nach Hitlers mörderischer Vernichtungs- Oper war der Bedarf an großen Gefühlen klein, zumindest im deutschen Westen. Die "Antifaschisten" der DDR versuchten, in Propagandafilmen wie in fahnenbewehrten Aufmärschen, die Massenregie und das Gemeinschaftspathos der Nazis zu kopieren - die sozialistische Farce nach der Tragödie. Die zugehörige gesellschaftliche Realität war noch kleinbürgerlicher als die der rheinischen Republik im Westen. Lyrische Kleinkunst - im Osten frei nach Brecht, im Westen frei nach Benn -, abstrakte Malerei, verwässerter Bauhaus-Rationalismus, Filme wie "Das Wirtshaus im Spessart", Tütenlampen, der Traum von der Adria-Reise im eigenen Volkswagen, die ersten Elvis-Presley-Platten - das ungefähr war der durchschnittliche Gefühlshaushalt in den fünfziger Jahren.
Die sogenannte 68er-Revolte war emotional kaum weniger spröde als der Bundespräsident Heinemann, der, immerhin, einmal bekannte, er liebe nicht Deutschland, sondern seine Frau - und das vermutlich ziemlich freizügig fand. Gewiß gehörte zum Studentenprotest auch die Lust-contra-Leistung-Ideologie von Herbert Marcuse und der "Kommune 1". Aber das hatte etwas verkrampft Sozialtherapeuthisches an sich, war eher ein politisches Seminar-Programm als jene gelebte Emotionalität, die der Ex-Maoist Peter Schneider dann 1973, in seiner Erzählung "Lenz", angesichts der sinnlichen Selbstverständlichkeit des italienischen Alltags entdeckte.
Die 68er beriefen sich auch wieder auf die gute alte Aufklärung. Aber leider kaum auf Kant, sondern auf die "Dialektik der Aufklärung", die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno 1947 publiziert hatten und die 1968 vor allem als Raubdruck kursierte. Neben allerlei pseudoprophetischen Verwünschungen gegen die "Macht des Bestehenden" enthielt dieses schwer verständliche Buch auch die sehr berechtigte Warnung vor einer Aufklärung, die beim Kampf gegen starre Mythen selbst "in Mythologie zurückschlägt" - was etliche Adorno-Adepten nicht daran hinderte, seine Schlüsselsätze wie Gebetsformeln zu wiederholen.
Auf die einzige Monumentalität des Gefühls, die den Deutschen nach 1945 erlaubt schien, ließen sie sich nur zögernd, seit dem Ende der siebziger Jahre - seit der Fernsehausstrahlung des US-Films "Holocaust" - aber immer heftiger ein: das zornig trauernde Bekenntnis der Jüngeren zur Nazi-Verstrickung der Eltern, das Bewußtsein, einer Gemeinschaft anzugehören, die für immer die Erinnerung an eine ungeheuerliche Täterschaft, an die Ermordung von vielen Millionen Juden und die Kriegsverheerung Europas, mit sich herumträgt. Davor schützte auch nicht das touristische Weltbürgertum der Toskana-Fraktion.
Die Erinnerung an den Holocaust war, neben Friedensbewegung, Lichterketten, Menschenketten und einem ziemlich verklemmten Mut zum "Verfassungspatriotismus", lange die einzige Form von Gefühlsbindung an die Gemeinschaft hierzulande - meist als grimmige Kritik an dieser Gemeinschaft. Erst 1989/90 wurde das anders: Die Leipziger Montagsdemonstrationen versammelten Hunderttausende Menschen auf den Straßen und in den Kirchen. Ihr Kampfruf "Wir sind ein Volk" zielte weniger auf die nationale Einheit als auf die gemeinsame Rebellion gegen die ergraute SED-Diktatur. Die Öffnung der Berliner Mauer öffnete dann endlich auch den Westdeutschen die Gefühlsschleusen - sogar Amerikaner sollen über die Fernsehszenen, etwa vom ersten Trabi-Treck gen Westen, geweint haben.
Echte Entspannung an der deutschen Gefühlsfront gibt es erst seit Mitte der neunziger Jahre. Ein neuer Gefühlshedonismus, importiert durch tränenselige Romanzen wie die Filme "Der englische Patient" oder "Jenseits der Stille", als Kollektivrausch inszeniert durch Tanz-Umzüge wie die Berliner "Love Parade", macht sich freundlich-lässig breit, aber durchaus nachhaltig. Emotionen werden nicht mehr als "gefährliche" , prä- oder postfaschistische Irrationalismen geschmäht oder naivsektiererisch als Heilsbringer wider die technische "Entzauberung" der Wirklichkeit beschworen - sie werden, zwischen WG und TV-Talkshow, Ratgeber-Kultur und Sirenen-Pop à la Michael Jackson, gelassen gelebt.
Fast könnte so ein aufgeklärter Umgang mit dem Irrationalen diagnostiziert werden, wären da nicht etliche Formen von Aberwitz und Esoterik, die nun doch eine massive Anti-Aufklärung mit einer geradezu marodierenden Emotionalität befürchten lassen.
Diese neueren Gemütsturbulenzen sind nicht auf Deutschland beschränkt, haben also weniger mit der deutschen Vergangenheit als mit epochalen Verwerfungen zu tun. "So sehr wir auch von den Früchten der Wissenschaft profitieren", urteilt der amerikanische Psychologe Anthony R. Pratkanis, "so sind wir doch keine von der Wissenschaft geprägte Kultur."
Ganz im Gegenteil, denn vor allem die Naturwissenschaften, denen die Menschheit Telefon, Television und Teleskope, Computer, Laserstrahlen, Datenbanken und das Internet verdankt, verlieren viel von ihrer Prägekraft. Wer die Karten legt, um in die Zukunft zu schauen, der geht nach allgemeinem Urteil einem ehrsamen Gewerbe nach - ebenso wie der Informatiker, der ein Elektronengehirn astrologisch aufpäppelt, oder der Doktor rer. nat., der einen Bergkristall zuspitzt, damit er als Pendel mittels seiner "energetischen Eigenschaften Klarheit und Willenskraft fördert" und so, wie es im "Prana-Katalog" heißt, "der Entfaltung des menschlichen Potentials auf allen Seinsebenen" dient.
Der "Prana-Katalog" kommt aus dem Verlag Hermann Bauer in der Universitätsstadt Freiburg, dem "Verlag für neues Denken", der von A wie Astrologie bis Z wie Zen-Buddhismus alles im Angebot hat: Bücher zu Schamanismus, Bach-Blütentherapie und Yoga; CDs, auf denen Harfenistinnen, Trommler oder Panflötisten ihr Bestes geben; schließlich Talismane, das Duftöl "Wonnestunden" und, für 38 Mark, ein wirkmächtiges Bergkristallpendel von vier Zentimetern Länge. Bei dem ganzen Schnokus handelt es sich um "Nahrung für die Seele", die dem badischen Unternehmer jährlich rund 20 Millionen Mark Umsatz beschert. Tendenz: steigend.
Gewöhnlich schreiten seit 1945 die mobilen Amerikaner als Trendmaker den braven Deutschen voran - in der Politik, der Wirtschaft, auch bei den "In"- und "Out"- Signalen mentaler Moden. Ruft New York zu Voodoo-Tanz, Esoterik und Übersinnlichem - oder ähnlichen Trends der letzten Jahre -, beginnen kühle Friesen zu trommeln und sparsame Schwäbinnen den Mondphasen nachzuspüren, und in den neuen Bundesländern wächst das Interesse der kirchenfernen Jugend an Wotan, dem Gott der Germanen.
In den USA, "Gottes eigenem Land", das seine Möglichkeiten seit jeher als unbegrenzt empfindet, sehnen sich fast zwei Drittel der Bürger nach einem spirituellen Glauben als Sinnstifter, ist jeder zweite fest davon überzeugt, daß die Außerirdischen vor 50 Jahren in New Mexico gelandet sind und daß die CIA den Präsidenten John F. Kennedy liquidiert hat, mit welchem Motiv auch immer. In der informationsreichsten Gesellschaft der Welt können und wollen immer weniger Bürger zwischen Fakten, Fiktion und Folklore unterscheiden. Verschwörungstheorien vereinfachen, das haben sie mit großen Gefühlen gemeinsam, eine verwirrende und ungewisse Welt. Schon Amerikas Gründerväter sollen ihre Unabhängigkeitserklärung erst unterzeichnet haben, als die Gestirne günstig standen. Präsident Ronald Reagan trieb, gelenkt durch seine Frau Nancy, die Spökenkiekerei so weit, daß sogar der Termin der Unterzeichnung des Mittelstreckenwaffen-Vertrags am 8. Dezember 1987 von der Hofastrologin Joan Quigley festgesetzt wurde: 14 Uhr.
Ganz Gefühl ist auch Bill Clinton, der gern anfaßt und umarmt und auch mal öffentlich weint - ähnlich jenem Lübecker Bürgermeister, der nach dem Brand eines Ausländerdomizils 1996 vor laufender TV-Kamera Betroffenheitszähren vergoß. Wenn es Clinton Wählerstimmen verspricht, ist er der gefühligste Mann der Nation. Fast leidenschaftlich entschuldigt er sich für die Vergehen und Versäumnisse früherer Regierungen, so, in diesem Jahr, für die Tuskegee-Experimente, in denen schwarze Syphiliskranke ohne Behandlung blieben. Er würde sich auch für die Sklaverei entschuldigen, drohten dann nicht unabsehbare Schadensersatzprozesse.
Soul, sacred, spiritual - wie Gütesiegel werden diese Worte allen möglichen Produkten aufgepappt: Nahrungsmitteln, Kosmetika, Hüten und Kettchen. Wer auf sich hält, der kultiviert seine Seele. Obskure Prediger reisen über Land, Erweckungsbewegungen ziehen Millionen in ihren Bann.
Rückbesinnung auf Gott und die Familie gilt in den USA derzeit als der ultimative Kick. Als "Promise Keepers" versammeln sich Väter in den Footballstadien, zwei Millionen bis jetzt, liegen sich in den Armen, weinen und schwören, fortan ihre Frauen und Kinder besser zu behandeln. Im vorigen Monat rief die "Pure Love Alliance" zu einer Keuschheitsdemonstration nach Washington, bei der sich Jungfrauen und solche, die es wieder werden wollen, zur sexuellen Abstinenz verpflichten, zumindest bis der Ritter auf dem weißen Pferd die Dornenhecke überspringt und mit Ring und Schwur eine Familie gründen will.
Das alles sei eine Art "Fast-food-Mystik", urteilen Sachkenner, "Spiritualität light". David Reid, Autor eines Romans über "Sex, Death and God in L. A.", hat als Triebwerk dieser Zeitströmung den Dollar entdeckt: "Dieser Markt ist eine unerschöpfliche Goldgrube, an der sich ein ganzes Heer von Scheinheiligen reich buddelt." Jahresgewinn der Spiritualitätenbranche: rund 50 Milliarden Dollar.
Im Supermarkt des Okkultismus herrschen Fülle und Wahlfreiheit: Man kann sich für Engel oder Hexen interessieren, die innere Alchimie oder das Nirwana, den Astralleib oder, neuerdings, ganz profan für die Wohnungseinrichtung, etwa nach den chinesischen Ideen des "Feng Shui".
Feng Shui heißt Wind und Wasser, schließt jedoch den Umgang mit der "Lebensenergie" ein. Die kommt zur Tür herein und verschwindet, husch, durchs Fenster. In dieser Fluchtlinie sollte deshalb immer etwas stehen oder hängen, das die kostbare Energie aufnimmt: ein Glasperlenspiel, eine Pflanze, notfalls ein Regal. Obwohl die chinesische Wandersage erst seit kurzem in Deutschland heimisch ist, gibt es in allen Großstädten schon Feng-Shui-Experten, meist Herren aus den alternativen Einrichtungshäusern.
Wenn sich die Weltsicht an der Basis wandelt, darf der Überbau nicht ruhen: Starke Fraktionen von Kunst und Kultur nehmen Abschied vom kühlen Verstand und optieren für die heißen Gefühle des Herzens. Der Dichter Botho Strauß ("Anschwellender Bocksgesang") läßt über ein Alter ego seine Leser wissen, was genau er vorhat: "Wie Forßmann, der Arzt, einst seinen Katheter", so wolle er "nun ebenfalls im Selbstversuch die Sonde des Gedankens einführen ins Herz der Unvernunft".
Strauß beklagt vor allem die - am Ende sinnlose - Anhäufung von Wissen: "Information, Rostfraß des Geistes", schimpft er, "Megatonnen von Vernunftsabfall. Dasein als Unsinn". Als mildernder Umstand mag gelten, daß sich der Pessimist kürzlich in der Uckermark ein schmuckes Haus hat bauen lassen.
Männer, die Gefühl zeigen können, sind die neuen Helden der Werbung: Der harte, einsame Marlboro-Reiter, vor kargen roten Sandsteinen gefilmt, ist auf und davon. An seiner Stelle rührt jetzt ein Tierfreund zu Pferde das Publikum. Ende gut, alles gut, Marlboro auch gut.
Dieses Gefühl führt, weil es zum Rauchen animieren soll, in die Irre. Ganz generell gelten die Gefühle jedoch - definiert als spontanes, authentisches, ehrliches Erleben, das ausgedrückt werden will - als naturgegebener "Selektionsvorteil" des Menschen. Der Trierer Psychologe Leo Montada rühmt die Angst, weil sie vor Gefahren warnt; das Mitgefühl, denn es motiviert zu solidarischer Unterstützung; die Dankbarkeit, sie ermuntert zu weiterer Hilfe; schließlich die Liebe, sie mache das Leben erst lebenswert.
Vorsicht scheint jedoch bei der romantischen Liebe geboten. In diesen modernen Zeiten, sagt der amerikanische Soziologe Sidney Greenfield, sei die romantische Liebe die Grundlage der Institution Ehe und der Weg, "Paare zum Heiraten zu ermutigen, obwohl die Ehe ihren unmittelbaren Eigeninteressen zuwiderlaufen könnte".
Das weniger verliebte Individuum denkt ohnehin meist vorrangig an seine eigenen Interessen. Dabei strebt der Mensch, so hat der Berliner Psychotherapeut Harald Schultz-Hencke in vielen Jahren Seelenzergliederung herausgefunden, nach Lust, Macht und Besitz (weshalb die katholische Kirche ihre mönchischen Diener Keuschheit, Gehorsam und Armut schwören läßt). Egoismus ist die Regel.
Das kann auch gar nicht anders sein, sagen die meisten Experten, weil sonst zuerst der einzelne und dann das ganze Geschlecht zugrunde gehen würde. Der milde, "humanistische" Psychologe Abraham Maslow aus Brooklyn hat eine "Hierarchie der Bedürfnisse" entworfen, die von vielen seiner Kollegen als realistisch angesehen wird. Aufklärung ("kognitive Bedürfnisse") und spirituelle Gefühligkeit ("Transzendenz") rangieren weit abgehoben über den Grundbedürfnissen nach Essen, Trinken und Sex.
Die Rivalität zwischen Verstand und Gefühl ist immer rückgekoppelt an biologische Strukturen, vornehmlich des Gehirns, die sich in den Jahrmillionen der Evolution herausgebildet haben. Gefühle sitzen in den uralten, tiefen Teilen des Gehirns. Ihr Umschlagplatz ist das "limbische System", dessen Zentralstelle "Mandelkern" heißt (siehe Grafik Seite 246).
In dieser "Amygdala" sorgen Milliarden Nervenzellen und mehrere Dutzende hirneigener Botenstoffe ("Neuropeptide") für die sekundenschnelle Produktion jedweder emotionalen Regung. Der Mandelkern hat die Aufgabe, die wahrgenommene ("kognitive") Welt mit Gefühlen auszustaffieren und die wichtigen persönlichen Erlebnisse in helles Licht zu setzen.
Die Großhirnrinde, entwicklungsgeschichtlich ein junger Teil des Menschen, ist der Sitz des Verstandes. Die einzelnen Fähigkeiten sind in unterschiedlichen Zentren lokalisiert. Ihre Verletzung führt, je nach Ort und Schwere, zum Ausfall intellektueller Leistungen, etwa der Fähigkeit zu sprechen, zu lesen, zu rechnen.
Wird jedoch der gemütvolle Mandelkern des limbischen Systems zerstört, erlischt das Gefühlsleben - der Patient ist "seelenblind": Ihn schert die Liebe nicht mehr, aber auch Haß oder Wut sind ihm fremd. Seelenblinde interessieren sich nicht für andere Menschen, kaum für sich selbst. Ihr Bild von der Welt ist grau.
Ein gut austariertes limbisches System, ausreichend Endorphine und Serotonin - das ist ein stabiles Fundament für ein glückliches Leben. "Schwarze Gefühle" - Angst, Mißmut, Depression - haben dann wenig Chancen.
Ob aus dieser biologischen Konstellation eine Neigung zu überwiegend rationaler oder vornehmlich gefühlvoller Sicht auf die Welt resultiert, das läßt sich nicht voraussagen. Bei jedem Menschen haben die alten Anteile des Gehirns mit ihrer körpereigenen Drogenproduktion die Fähigkeit, die Großhirnrinde und deren Verstandeskraft zu überwältigen, vorübergehend oder dauerhaft. Das gleiche gelingt den von außen zugeführten Drogen, etwa Kokain und Heroin, was ihre Beliebtheit erklärt.
Ironischerweise verliert die Rationalität an Einfluß, seit - dank der Naturwissenschaft - die Raum- und Zeitbarrieren für jedwede Art von Wissen und Erkenntnis kaum mehr existieren.
"Unterschiedliches, teils widersprüchliches Wissen", urteilt der Bamberger Kultursoziologe Gerhard Schulze, "ist ständig für alle verfügbar. Da dieses Wissen jedoch nicht mehr durch eine zentrale Instanz verwaltet und verbindlich gemacht wird" - das leistete die mittelalterliche Kirche mit ihrem strikten Weltbild -, kann "kein bedeutsamer Bereich von Wissen entstehen", den alle Menschen kollektiv ihr eigen nennen. Schulze traurig: "obwohl alles Wissen für jedermann herumliegt".
Weltweit arbeiten derzeit 90 Prozent aller Naturwissenschaftler, die jemals geforscht haben. Der Naturwissenschaftler Joachim Treusch hat errechnet, daß in den 15 Jahren zwischen 1995 und 2010 mehr geforscht werden wird als in den vergangenen 2350 Jahren seit Aristoteles. Es hilft der rationalen Weltsicht jedoch kaum weiter, daß dieses Wissen "für jedermann herumliegt": Jedermann versteht nur Bahnhof. Die modernen Erkenntnisse sind kleinstteilig, oft nur einer Handvoll Gelehrter verständlich.
Über das Aidsvirus und seinen Lebensweg können in Deutschland sieben Wissenschaftler - drei Frauen, vier Männer - Verläßliches sagen; es äußern sich dazu aber Millionen Laien. Wissenschaft ist allgemein stets nur der gegenwärtige Stand des Irrtums. Was heute beschworene Wahrheit ist, kann morgen schon falsch sein.
Unter diesem Joch leidet vor allem die Heilkunst. Jahrzehntelang hat sie das weit verbreitete Magengeschwür als Psycholeiden gedeutet; inzwischen zeigte sich, daß ein Bakterium dahintersteckt. Die einstige Hatz auf das Cholesterin (in der Butter) hat die Herz- und Kreislaufforschung in die Irre geführt. Offenbar verlängert sportliche Aktivität das Leben nicht, diese Menschen, sagen die Sportmediziner neuerdings, sterben nur gesünder.
Die großen Versprechungen der Mediziner - bis zur Jahrtausendwende sollten der Krebs und die Infektionskrankheiten, natürlich auch Aids, endgültig besiegt sein - ließen sich nicht halten. Solche Niederlagen machen das zahlende Publikum anfällig für alle obskuren Methoden der boomenden Para-Medizin. Allerdings nähren sie auch die berechtigte Skepsis gegenüber einer wissenschaftlich-technischen Omnipotenz-Phantasie, die alles für machbar hält; und die den Zauber unverfügbarer, verwirrender Gefühle herablassend Alten, Kindern, Versagern und Romanleserinnen überläßt.
Gerade die wissenschaftsgläubige "Beschränkung auf Tatsachenfeststellung und Wahrscheinlichkeitsrechnung", so Horkheimer und Adorno in der "Dialektik der Aufklärung", bereite "den verdorrenden Boden für die gierige Aufnahme von Scharlatanerie und Aberglauben". Wer Gefühle im Namen wissenschaftlicher Ratio dämonisiert, fördert am Ende trotzigfalsche Gefühligkeit, rührt ungewollt auf, was Hegel verächtlich, im Blick auf nationale Rührseligkeit, den "Brei des Herzens" genannt hat.
Die weltweit erstrahlende Supernova des Diana-Kults ist eine einzige Demonstration für die nicht zu bannende Magie der Gefühle - und deren vernunftwidrige Ungerechtigkeit. Gefühle sind kein Fall für Gleichstellungsbeauftragte. Sie fließen verlorenen Söhnen so entgegen wie den Gerechten. Diana hatte dieses gewaltige, kaum noch kontrollierbare Aufsehen keineswegs mehr "verdient" als Mutter Teresa oder die verunglückte Tochter des Nachbarn.
Das endgültige Ende der Aufklärung ist mit alldem aber noch nicht eingeläutet. Der öffentliche Gebrauch der eigenen Vernunft unter demokratisch Gleichgestellten ist weiter gefragt, erst recht wenn Phänomene wie das Diana-Fieber ins Obskurantisch-Kultische abheben. Aber die Überschätzung der Wissenschaft sowie der Diskurs-Optimismus aufgeklärter Oberlehrer, die in voluminösen Gefühlen nichts als die obszöne Überwältigung kritischen Bewußtseins wittern und fürchten, sind obsolet geworden.
Auf Dauer lassen sich selbst Momente der Erhabenheit im Selbstgefühl einer Gemeinschaft, und sei es der deutschen, kaum verhindern. Politik, die ihre Abhängigkeit von diesem Komplex leugnet, wird immer verlieren - ein Teil der deutschen Politikverdrossenheit geht auf das Konto der notorischen Gefühlsarmut deutscher Politikerreden ("Ich gehe davon aus"), die jegliches Pathos an irgendwelche Rattenfänger-Parteien verschenken.
Auch wenn die Angst vor dem Pathos verständlich bleibt nach all dem Nazi-Gedröhne und Apo-Geschrei: Sie ist kaum weniger bedenklich als das falsche Pathos der Altvorderen. Denn sie schwächt die Attraktivität des Politischen und stärkt das Abdriften in die "gefühlte Temperatur" narzißtischer Subjekte, denen die Verallgemeinerungsfähigkeit ihres Handelns (Kants Kategorischer Imperativ) gleichgültig geworden ist. Der Diana-Effekt erinnerte auch solche Ich-Virtuosen an ein Wir-Gefühl, das so uneigennützig sonst allenfalls Sportidolen wie dem Radfahrer Jan Ullrich zufließt.
Gefühl ist Schicksal, und wer es verleugnet, kommt darin um. Gerade die zahllosen Trennungen und Aufsplitterungen des Lebens, in vereinsamte Individuen, in Konflikte, Disziplinen, Ressorts, Regionen, Nationen und Institutionen aller Art, rufen nach Gefühlen - Gefühlen als "Reduktionen von Komplexität" (der Bielefelder Systemtheoretiker Niklas Luhmann); als bewährten Vereinfachungen, die Orientierung ermöglichen; als konservierten Erfahrungsschätzen, die in die Irre führen, aber zuweilen gerade die besten Entscheidungen grundieren können. Wer sich auf immer weniger tradierte Normen verlassen kann, der baut eben auf sein Gefühl, und dieser Grund ist nicht sandiger als die angeblich so sicheren Fundamente abendländischer Ethik.
In dieser unübersichtlichsten aller Welten sind Gefühle lebensnotwendige Akte der Existenz-Gründung. Über alle Wohlstands- und Ländergrenzen hinweg erzeugte Dianas Tod eine große Gefühlsgemeinschaft, die uns, wie der Soziologe Karl Otto Hondrich formuliert, wissen ließ, "daß wir auf gemeinsamem Grund stehen". Wenn das eine Art von schwerer Geisteskriminalität sein soll, ein Hereinfallen auf Talmi-Glanz, ein Rückfallen ins Mittelalter - dann zum Teufel mit den Aufklärern.
Die Trauer der Welt um Diana war und ist befremdlich in ihrer ungerechten Ausschließlichkeit, die reine Verschwendung. Die Gefühle regneten herab wie die Blumensträuße auf den Sarg der Prinzessin. Sie werden - na, klar - verwelken und vergehen. Oder "in unseren Herzen wachsen", wie es im Song von Elton John heißt.
* Bei der Beerdigung des bei Dubrovnik verunglückten US-Handelsministers Ron Brown im April.
Von Mathias Schreiber und Hans Halter

DER SPIEGEL 39/1997
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