06.10.1997

Der Tod in Genf

Wie starb Uwe Barschel und warum? Die spektakulärste Affäre der deutschen Nachkriegsgeschichte ist auch nach zehn Jahren noch ungeklärt. In einer Serie zeichnet der SPIEGEL die letzten Tage des Politikers nach: Steckten hinter den „schmutzigen Tricks“ von Kiel noch dunkle Geschäfte mit Waffenhändlern und Geheimdienstagenten?
Am Samstag gab es Käsekuchen, Plätzchen und Schlagsahne. Herbstblumen standen auf dem Tisch. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein feierte mit Freunden den Abschluß des Wahlkampfes.
Es war die letzte ruhige Stunde im Leben des Uwe Barschel. Das Kuchenstück lag noch auf dem Teller, da meldete der NDR, um 15.23 Uhr, was auf dem Titel des neuen SPIEGEL stand: "Barschels schmutzige Tricks".
So begann, am 12. September 1987, die "Waterkantgate-Affäre". Und am 11. Oktober 1987, vor genau zehn Jahren, war es abermals der NDR, der als erster verkündete, was wie ein grausiger, entlarvender Schlußpunkt erschien: Uwe Barschel war in der Badewanne eines Genfer Hotels tot aufgefunden worden.
Ein Selbstmord, fast so gut wie ein Geständnis.
Ein Selbstmord? Ein Schlußpunkt?
Ein Rätsel. Auch nach zehn Jahren ist in dieser Affäre vieles ungeklärt. Zwei Untersuchungsausschüsse, Kriminalisten, Journalisten und die Familie des Betroffenen haben vergebens versucht, Licht in die dunkle Geschichte des CDU-Politikers zu bringen. Und die Staatsanwälte suchen noch immer nach einem Mörder.
Die spektakulärste politische Affäre der deutschen Nachkriegsgeschichte hat das Land verändert. Nie zuvor hat ein deutscher Politiker unter so schwerem Verdacht krimineller Wahlkampfmanipulationen gestanden. Nie zuvor hat eine Affäre einen deutschen Politiker nicht nur den Kopf, sondern auch das Leben gekostet.
Und nie zuvor hat eine Affäre so lange gedauert. Bis heute ist kein Frieden über Barschel. Mordvorwürfe, Verdächtigungen, Intrigen, ein im Streit um die Ermittlungen zurückgetretener Generalstaatsanwalt. Geheimdienste und deren dubiose Helfer haben sich eingemischt, Waffenhändler, nahöstliche Politiker bezichtigen sich gegenseitig, in die Sache verwickelt zu sein.
So groß, so dunkel und so weltweit ist das Dickicht der Waterkantgate-Affäre mittlerweile gewachsen, daß der Mann, der das alles angezettelt haben soll, vor Unwichtigkeit ganz klein erscheint: Reiner Pfeiffer, damals 48, Mitarbeiter im Springer-Verlag.
Pfeiffer kam Ende 1986 als "Medienreferent" in die Kieler Staatskanzlei, weil Barschel im Wahlkampf einen Mann für besondere Aufgaben brauchte und Springer gerade keine Verwendung für ihn hatte. Und an der Seite des ehrgeizigen Christdemokraten bereitete der Neue einen Schlammschlacht-Wahlkampf vor.
Die "schmutzigen Tricks" gegen den Spitzenkandidaten der SPD, Björn Engholm, waren vor allem das Ding des Barschel-Mannes fürs Grobe. Pfeiffer schrieb die anonyme Anzeige, in der Engholm zu Unrecht der Steuerhinterziehung bezichtigt wurde, und er organisierte die Beschattung des Oppositionsführers durch Privatdetektive.
"Die schmutzigste Aktion, die wir je gefahren haben", so prahlte Pfeiffer später, war der Versuch, mittels fingierter Anrufe eines erfundenen "Dr. Wagner" Engholm angst zu machen, er habe Aids.
In der Woche vor der Landtagswahl kam Pfeiffer zum SPIEGEL, um alles auszuplaudern. Große Teile der Affäre hatte die Redaktion in der Woche zuvor schon aus anderen Quellen berichtet. So erschien der SPIEGEL-Titel mit der berühmten Zeile.
Barschel verstrickte sich in den folgenden Wochen immer tiefer in Lügen. Niemals, schwor er, habe er Pfeiffers Aktivitäten gekannt, in einer dramatischen Pressekonferenz am 18. September gab er "der gesamten deutschen Öffentlichkeit" sein "Ehrenwort", das die "gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind".
Das Ehrenwort hielt nur wenige Tage. Vor dem sofort eingesetzten Kieler Untersuchungsausschuß räumten Zeugen ein, sie seien von Barschel zu falschen eidesstattlichen Erklärungen gezwungen worden. Schließlich erinnerte sich Barschels Finanzminister Roger Asmussen überraschend, sein Staatssekretär Carl-Hermann Schleifer habe mit dem Ministerpräsidenten schon vor Monaten ein Telefonat wegen der anonymen Steueranzeige gegen Engholm geführt.
Die Partei ließ Barschel fallen. Selbst von Parteiausschluß war die Rede. Der Tod des Delinquenten beendete die Debatte.
Doch zugleich enthüllte sich an der Waterkant eine weitere Affäre. Der SPD-Mann Klaus Nilius mußte offenbaren, daß er sich seit Juli viermal mit Pfeiffer getroffen und dabei von dessen subversiver Arbeit erfahren habe. Am 7. September, nach der ersten SPIEGEL-Veröffentlichung, arrangierte Nilius ein Treffen zwischen Pfeiffer, SPD-Landeschef Günther Jansen sowie dem Hamburger Rechtsanwalt und Ex-Bürgermeister Peter Schulz.
Pfeiffer ein Agent der Sozis? Barschel das Opfer eines Komplotts?
Der erste Kieler Untersuchungsausschuß hatte eine erhebliche Mitschuld Barschels an den Pfeiffer-Tricks konstatiert - schon bald schien es an der Zeit für einen neuen Ausschuß. Der Sozialdemokrat Jansen, inzwischen Sozialminister, hatte 50 000 Mark an Pfeiffer gezahlt - nach Barschels Tod. Jansen behauptete, das Geld privat "in einer Schublade" für den Affären-Mann gesammelt zu haben.
Bundesweit rätselten Leitartikler und Zeitungsleser, ob erpreßte oder erpreßbare Kieler SPD-Politiker etwa Schweigegeld an Pfeiffer gezahlt hatten - oder ob sie dem Mann, dessen Seitenwechsel ihnen letztlich die Mehrheit in Kiel bescherte, mit geheimen Zahlungen einen späten Dank abstatten wollten. Kein Zweifel: Saubermann Engholm, der nach der Barschel-Ära so überzeugend eine "neue politische Kultur" propagiert hatte, steckt plötzlich selber ein Stück weit im Sumpf.
Dabei ging es um viel: Damals im Frühjahr 1993 war Engholm, das Opfer der Barschel-Tricks, zum Hoffnungsträger der SPD avanciert: jung, geistreich, ein Schöngeist, offen und ehrlich - der ideale Kanzlerkandidat.
Auch Engholm fiel tief. Fünfeinhalb Jahre nach Barschel mußte er alle Ämter niederlegen und sich ins Privatleben zurückziehen, als - wieder durch eine Veröffentlichung im SPIEGEL (Nummer 18/1993) - bekannt wurde, daß Engholm vor dem Untersuchungsausschuß gelogen hatte. Auch er hatte, anders als stets behauptet, schon kurz vor der Wahl von den schmutzigen Tricks gewußt.
Die Geschichte der Barschel-Affäre, soviel war damals schon klar, mußte teilweise neu geschrieben werden. Und daß dabei auch neue Erkenntnisse herauskommen würden, bestätigte Ende 1995 der zweite Kieler Untersuchungsausschuß.
Uwe Barschel, so das Fazit, sei möglicherweise gar nicht der Regisseur aller Pfeiffer-Aktionen gewesen. Es sei nicht beweisbar, daß er wirklich das ganze Ausmaß der Untaten seines Mitarbeiters Pfeiffer gekannt habe. Allenfalls politisch treffe den Verstorbenen die Verantwortung für die schmutzigen Tricks.
Das war kein Freispruch. Doch das Urteil aus Kiel führte alle Grübler, Diskutierer, Interessenten und Zuschauer der Kieler Affäre wieder zurück an den Anfang: Hatte Uwe Barschel wirklich genug Gründe, um sich umzubringen?
Zweifel am selbstbestimmten Ende Barschels waren schon gewachsen, als mit dem Fall der Mauer Stasi-Akten auftauchten, die rätselhafte Aktivitäten des Kieler Politikers im Osten enthüllten. Hinweise auf Verstrickungen Barschels in Waffenhandel oder andere dunkle Geschäfte erreichten die Ermittler auch aus anderen Quellen.
Steckt möglicherweise hinter der schmutzigen Geschichte aus Kiel noch eine ganz andere, viel schmutzigere Geschichte?
Ende vergangenen Monats, zehn Jahre nach der ersten Eilmeldung des NDR, durchsuchten Ermittler die Wohnung des ehemaligen Barschel-Mitarbeiters Herwig Ahrendsen.
Barschels stellvertretender Regierungssprecher soll jetzt in eine Korruptionsaffäre um Schadensersatzgelder in Millionenhöhe verstrickt sein. Ganz zufällig entdeckten die Fahnder noch etwas anderes: beiseite gelegte Akten über die Barschel Affäre, deren Inhalt noch unklar ist.
Das Rätsel Barschel ist weiter ungelöst. Eine Suche nach Spuren aus den letzten Tagen des Uwe Barschel wirft viele neue Fragen auf - und bringt ein paar neue Antworten.
Von Darnstädt und

DER SPIEGEL 41/1997
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