06.10.1997

Aktenzeichen 33247/87 ungelöst

Die letzten Tage im Leben des Uwe Barschel / Von Thomas Darnstädt
Eine Flasche Beaujolais Le Chat Botté Jahrgang 1985 - das wär''s. Heinrich Wille, Weinfreund und Leitender Oberstaatsanwalt in Lübeck, fahndet sogar im Urlaub nach dem roten Tropfen aus Frankreich. Doch Beaujolais hebt kaum jemand so lange auf.
Dabei würde ein Schlückchen schon genügen. Wille würde es asservieren, einen Vorgang zum Aktenzeichen 705 Js 33247/87 anlegen,Weinexperten und Chemiker beauftragen, Gutachten erstellen lassen.
Wichtig wäre etwa der Säuregehalt des Rebsaftes. Er ließe Schlußfolgerungen zu über die Reaktionen im Magen des Trinkers. Diese wiederum könnten Hinweise liefern auf den pH-Wert im Urin.
So wären wichtige Informationen zu gewinnen über die Zersetzungsgeschwindigkeit von Chemikalien, die mit dem Wein hinuntergespült wurden - eine tödliche Dosis Schlaftabletten etwa.
Eine Flasche Beaujolais Le Chat Botté 1985 bestellte Uwe Barschel um 18.30 Uhr am Abend des 10. Oktober 1987 in Zimmer 317 des Genfer Hotels Beau-Rivage. Es ist die letzte zuverlässige Information aus dem Leben des gescheiterten Kieler Ministerpräsidenten.
Am nächsten Vormittag lag Barschel tot in der Badewanne. Vergiftet von einer Überdosis Schlaftabletten. Und die Rotweinflasche war verschwunden.
Mittlerweile wird im Beau-Rivage ein Beaujolais des Jahrgangs ''95 serviert. Und in der norddeutschen Heimat Barschels ist Ermittler Wille mit seiner Ermittlungsgruppe Genf noch immer auf Spurensuche in den entlegensten Winkeln seines größten Falles: Was geschah in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober im Zimmer 317?
Seit zehn Jahren geht das jetzt so. Die Spuren aus dem dritten Stock des verstaubten Hotels am Genfer See führen um die ganze Welt. Sie enden oft bei Waffenhändlern, Geheimagenten, nahöstlichen Potentaten, oft im Nichts.
War es Mord? Der zurückgetretene Landesvater könnte Opfer der Stasi, der Mafia, einer international agierenden Gruppe von Waffenhändlern, des Mossad, der Iran- Contra-Verschwörer, der Christlich Demokratischen Union Deutschlands geworden sein. Für all dies gibt es, im Ernst, Zeugen, Vernehmungsprotokolle, Ermittlungsvorgänge.
Warum bekommen die Ermittler nicht heraus, warum dieser Mann gestorben ist? Wie kann es einem toten Provinzpolitiker gelingen, fragen sich Ermittler, "die Profis von der Staatsanwaltschaft ein Jahrzehnt in Atem zu halten?"
Rätsel Barschel: Über keinen toten Politiker seit Kennedy haben so viele so scharf nachgedacht wie über den einstigen Kieler Regierungschef. Doch was für ein Vergleich.
John F. Kennedy war einer der geheimnisvollsten und mächtigsten Männer der Welt. Uwe Barschel war ein Christdemokrat aus Mölln am Elbe-Lübeck-Kanal.
"Das Dunkel", das der Anwalt der Barschel- Hinterbliebenen, Justus Warburg, über der Sache sieht, ist gerade deshalb so undurchdringlich,weil Barschel so ein kleines Licht war.
Große Schurken und große Politiker haben klare Pläne und illustre Gegner; das macht es leicht, über sie zu urteilen. Barschel aber war nichts von beidem so richtig - und wohl doch von jedem ein bißchen, eine besondere Kieler Mischung.
Die Recherchen im Vorleben des schmächtigen Kieler Provinzfürsten mit dem doppelten Doktortitel führen überall hin - nur nicht in die große Politik.
Regieren durfte Barschel nie so richtig. Das große Wort hatte immer der große Stoltenberg, einst Landesvater und, in Barschels Amtszeit, Finanzminister in Bonn. Gerhard Stoltenberg mußte bei wichtigen Entscheidungen gefragt werden.
Auch den illegalen Handel mit U-Boot- Blaupausen zwischen der Kieler Howaldtswerke Deutsche Werft AG (HDW) und dem Rassisten-Regime in Südafrika Mitte der achtziger Jahre fingerte die Bonner Machtzentrale weitgehend an Barschel vorbei. Angebrüllt habe sich der große mit dem kleinen Schwarzen in Kiel,weil er zunächst nicht eingeweiht wurde, berichten Zeugen.
Denn auch dafür war der Mann aus der Eulenspiegel- Stadt Mölln eine Nummer zu klein. Die Weltpolitik fand ohne Barschel statt, die illegale erst recht.
Das große Geheimnis des Uwe Barschel: daß er viele kleine Geheimnisse hatte. Eins davon war sein suchtartiger Konsum von Beruhigungstabletten, ein anderes seine Gier nach oberflächlichen sexuellen Kontakten.
"Erpreßbar", sagen die Lübecker Ermittler, war er so und so - gerade für die Stasi, die den Kieler Innenminister und späteren Ministerpräsidenten auf seinen zahllosen Lustreisen in die DDR ständig bespitzelt hat, am Tag und besonders in der Nacht.
Das war ja nicht nur Neugier. Eine der Aufgaben der Mielke-Behörde war es schließlich, die deutsch-deutschen Millionengeschäfte operativ zu unterstützen, die da mit der Kieler Waffenschmiede HDW liefen, einem Staatsunternehmen.
Unübersichtliche kleine Geheimnisse, nicht die große Nummer, haben den rätselhaften Christdemokraten offenbar mit dem Waffenhandel verbunden. Wie Biedermann die Brandstifter, so hatte der Kieler Ministerpräsident das Waffen-Business im eigenen Haus. Da war die HDW, für deren Auftragslage und Arbeitsplätze der Regierungschef Barschel Verantwortung trug, da war - lächerlicher Zufall? - der kleine Flughafen Hartenholm, den sich später dubiose Geschäftsleute unter den Nagel rissen: Iraner, amtsbekannt als Ausrüster der nahöstlichen Kriegsarsenale.
Da gab es halbseidene Gegengeschäfte mit Alexander Schalck-Golodkowskis DDR-Außenhandelsimperium. Das Kreuzfahrtschiff "Astor" beispielsweise kaufte eine westdeutsche Reederei für kurze Zeit von Südafrika. Die HDW motzte es unter dem Namen "Arkona" für den Endabnehmer DDR auf. Die Umbaukosten sind nie berechnet worden - was war die Gegenleistung Schalck-Golodkowskis?
Rostock war der Umschlaghafen der DDR für graue Geschäfte mit Embargo-Gütern und Waffen. Ein Zufall, daß es Biedermann Barschel immer mal nach Rostock zog? Merkwürdige Selbstquälerei: Der Möllner Familienvater feierte sogar seinen Geburtstag mehrfach unter Stasi-Bewachung in DDR-Gaststätten.
Rund ein Dutzend verschiedene Spuren zu illegalen Waffen- und Embargo-Geschäften führen die Lübecker Ermittlungsakten auf. Alles, wie der im Streit um die weitere Verfolgung solcher Spuren zurückgetretene Generalstaatsanwalt Heribert Ostendorf betont, Hinweise, denen nur eine "verminderte Beweisbedeutung" zukommt. Eher Gerüchte, Auskünfte vom Hörensagen, journalistische Räubergeschichten.
Doch die Masse macht auch die Ermittler nachdenklich. Können sich so viele Spinnereien und Räubergeschichten aus purem Zufall häufen? Und: Hinweise auf Verstrickungen Barschels gab es nicht erst nach seinem Tod.
Aber als Barschel noch lebte und regierte, wurden solche Tips als reiner Unsinn abgetan, zum Beispiel der Hinweis eines Vermögensberaters aus dem Schweizer Städtchen Fürigen.
Der Fürigener hatte einem deutschen Steuerfahnder bei einer Vernehmung erzählt, "höchste Persönlichkeiten" aus der Kieler Staatskanzlei hätten ihn um Vermittlungen von Waffengeschäften mit dem Iran gebeten. Dumm Tüch, hätte man an der Waterkant zu solchen Behauptungen gesagt.
Doch 1994, als dem Kasseler Steuerfahnder die alte Geschichte wieder einfiel, sah man das etwas anders. Inzwischen hatten verschiedene Tips des Schweizers in anderer Sache sich als verblüffend zuverlässig erwiesen.
Die Kieler Mischung: Ein bißchen Politik, ein bißchen Stasi, ein bißchen Waffenhandel, Weiber und Valium, das hat etwas Bedrohliches, einen ranzigen Mafiageruch. Das ist zugleich das Klima, in dem Männer wie Reiner Pfeiffer und Gert Postel ihre Chance wittern.
Der ehemalige Springer- Journalist Pfeiffer und wahrscheinlich auch sein Freund, der mehrfach verurteilte Betrüger und Hochstapler Postel, haben den Kieler Geheimniskrä- mer 1987 in die "Waterkantgate-Affäre" geritten.
Es sei nicht beweisbar, so befand 1995 der 2. Untersuchungssauschuß kompakt auf 600 Seiten Abschlußbericht, daß Barschel an den schmutzigen Tricks seines Medienreferenten Pfeiffer beteiligt war. Der große Drahtzieher war der kleine Doktor offenbar auch hier nicht - wenn auch der politisch Verantwortliche. Zudem war die Aktion schon deshalb ein Reinfall, weil verschiedene SPD-Leute vorher eingeweiht waren.
Nichts ist einfach im Dunstkreis Barschels. Hätte er die Verantwortung für eine Affäre, die wirklich das Wortspiel mit Watergate erlaubte, dann hätte er nach seinem Tod zumindest eines hinterlassen: ein klares Selbstmordmotiv.
Doch Barschel war ein Inszenierer und Kulissenschieber. Er hat ein Durcheinander von Geheimnissen, Erfindungen und Beschuldigungen hinterlassen, Nährboden für immer neue Szenarien und Geschichten. Selbst der Bundeskanzler kommt darin vor.
Das war auch der Grund, warum Helmut Kohl jüngst den Kieler Justizminister Gerd Walter anrufen ließ, um sich über den Eifer der Lübecker Barschel-Ermittler zu beschweren. Auch im Kanzleramt gelten die Barschel-Akten noch immer als spannende Lektüre. Und mit Befremden hatte Kohl zur Kenntnis genommen, daß die Hintermänner einer angeblichen Verschwörung gegen den Kieler Ex-Ministerpräsidenten in des Kanzlers Freundeskreis gesucht wurden.
Willes Aufklärer, nicht zu bremsen, steigen der heißen Geschichte immer noch nach: Der Anfang September in Baden-Baden verhaftete Mafioso Sabatino Ciccarelli soll sich im Juli 1987 in Bonn in einem Restaurant mit Verschwörern von der CDU getroffen haben. Die Unionschristen hätten den angeblichen Mafia-Mann um Hilfe bei der Beseitigung Uwe Barschels gebeten.
Schon die Verschwörerliste macht deutlich, daß im Kopf irgendeines der Beteiligten etwas durcheinandergegangen sein muß. Der damalige Bonner Oberbürgermeister Hans Daniels habe dabeigesessen, ebenso der von Barschel kaltgestellte Kieler Regierungssprecher Gerd Behnke. Als Ciccarelli-Vertraute stand ebenfalls auf der Liste eine Frau, "die dem Freundeskreis in der Familie von Bundeskanzler Helmut Kohl zugehört" (Ermittlungsakten).
Die Geschichte bekommt etwas Gewicht, weil der Zeuge, der sie den Ermittlern zugetragen hat, der Ex-Mafioso Vincenzo Esposito, ein ansonsten zuverlässiger Informant der deutschen Mafia- Ermittler ist. Das Bundeskriminalamt hat ihn unter Zeugenschutz gestellt. Espositos Aussage ist es zu verdanken, daß auch Ciccarelli kürzlich verhaftet werden konnte.
Vielleicht ging es bei der Verschwörung gar nicht um Barschel, hat Esposito da etwas falsch verstanden? Nein, ganz bestimmt, beharrte der Zeuge, er habe sich den Namen Barschel gemerkt, weil er so ähnlich klinge wie eine Salatmayonnaise, die er besonders schätze.
Ein paar Tage später tauchte Esposito abermals bei den Ermittlern auf, diesmal hatte er die Mayonnaisen-Flasche dabei. Da, bitte: "Becel". Italienisch spricht man den Markennamen wie "Betschel" aus. Batschel wie Betschel, na ja.
Die Mayonnaisen-Spur ist leider noch schlechter, als sie klingt. Becel, so erfuhren die Barschel-Forscher, ist mit seinem Salatdressing erst seit 1990 auf dem Markt.
Rätsel Batschel. Nun will sich Wille auf den Weg nach Italien machen, um Erleuchtung bei den Hintermännern des verhafteten Ciccarelli zu suchen. Ein Mordkomplott der eigenen Partei gegen den lästigen Trickser aus Kiel? "Bei Barschel", so lautet der Ratschluß der Ermittler, "kann man nie wissen."
Sogar Kriminalisten geht es so, daß sie irgendwann Mitgefühl, manchmal sogar Mitleid mit ihren Opfern bekommen. Doch der Ministerpräsident a. D. läßt auch nach seinem Tode solche Gefühle kaum aufkommen. Wie er starb, ob er litt - das hat nach zehn Jahren Spurensuche bald den Charakter einer Denksportaufgabe, nichts mehr von Tragik.
Da ist Barschel vor, der Mann, der, wenn''s paßte, so gern weinte. Nichts hat der Geheimnisträger aus sich herausgelassen - selbst seine Ehefrau Freya berichtet pietätvoll von seiner Kälte: Nein, sie habe nichts von dem gewußt, was in den letzten Tagen in ihrem Mann vorgegangen ist: "Er erzählte ja nie etwas."
Auf dem unbenutzten Bett im Hotelzimmer 317 lag am Morgen des 11. Oktober aufgeschlagen eine deutsche Ausgabe der gesammelten Erzählungen von Jean-Paul Sartre. Das Buch lag auf Seite 98, mitten in der Erzählung "Herostrat".
Der Namensgeber der Sartre- Geschichte war ein trauriger Held der Griechen. Im Jahre 356 vor Christus zündete er einen Tempel an, um - was ihm gelang - wenigstens auf diese Weise in die Weltgeschichte einzugehen.
Hat Barschel denen, die nach seinen Spuren suchen, eine Botschaft hinterlassen? Oder war es wieder nur ein Trick, die Inszenierung der Geschichte von jemandem, der im Tode noch bei den Philosophen nachliest?
Das aufgeschlagene Buch: So waren die letzten Tage im Leben des Uwe Barschel. Entweder finden sich hier die ge- heimen Botschaften, die Spuren, die zu Barschels letztem Geheimnis, seinem Tod der Wanne führen. Oder sie erweisen als seine letzte Finte, mit der er sich ertrickste, daß wenigstens sein schwarzes Ende eine Spur in der Geschichte hinterläßt.
So oder so enthüllen die letzten drei Tage im Leben des Uwe Barschel die Tragödie eines gescheiterten Politikers.
Die Spurensuche beginnt im Sand. Der schwarze Sand am Strand von Bahía Feliz, einer Ferienanlage auf Gran Canaria, ist aus Vulkangestein färbt nicht ab. Doch er klebt an den Füßen wie Kohlenstaub. Und wer am Swimmingpool des Hotels "Orquídea" vorbei ins Restaurant läuft, hinterläßt schwarze Spuren wie ein Schornsteinfeger im Dienst.
Hier tappelte er abends lang, Uwe Barschel, wenn er zum Essen ging. Er war im Haus seines Freundes Rolf Lechner, des Berliner Bauunternehmers, oft zu Gast.
Vom Hinterausgang des Ferienhauses in Felsen hoch über dem Meer eine steile Treppe hinunter, ungesehen von den Gästen der schlichteren Ferienappartements, ins anonyme Getümmel des Hotelrestaurants: "Er mochte halt nicht so den Kontakt zu den Gästen, er hat immer einen Bogen um die Anlage gemacht", berichtet die Leiterin der Feriensiedlung, Gisela Sanchez: "Und im Meer gebadet hat er auch nie."
Frau Sanchez kannte den Gast seit Jahren, ein merkwürdiger Gast, den merkte sich: "Der war immer so komisch steif formell - auch im Urlaub."
Natürlich trug er Schlips und dunklen Anzug, als er am Abend des 6. Oktober 1987 um 20.35 Uhr mit seiner Frau aus dem Iberia- Flugzeug kletterte und im Flughafen von Las Palmas zum Kofferband strebte. Unter der Menge der Ankömmlinge im Urlaubslook er leicht herauszufinden gewesen sein.
Frau Sanchez jedenfalls, die den Gast auf Bitte von Lechner vom Flughafen abholte, erkannte ihn sofort. "Ein bißchen gestreßt sah er schon aus." Sie wußte es aus der Zeitung. "Irgendwas war da, mit seinem Eid."
Da war was: Das "Ehrenwort" vom 18. September, er habe mit Reiner Pfeiffers schmutzigen Tricks nichts zu tun, hatte sich wichtigen Punkten als unwahr erwiesen.
Barschel hatte von seinem Amt zurücktreten müssen - und nun war er da, geflohen aus dem Kieler Hexenkessel, nur wenige Vertraute kannten sein Urlaubsziel, die Telefonnummer hatte er im verschlossenen Couvert seinem Staatskanzleichef Hans-Günter Hebbeln hinterlassen. Ein Wendepunkt in seinem Leben. Barschel wollte seine Ruhe.
"Ich habe versucht, ihn in Ruhe zu lassen", sagt Gisela Sanchez. Sie setzte das Ehepaar an der Autozufahrt zu der Anlage "Villas Atlanticas" ab. Die Barschels wohnten in Nummer 12. Und Frau Sanchez hatte für den Flüchtling Barschel noch eine gute Nachricht: "Es wird Sie niemand stören. Das Telefon ist kaputt."
Den ganzen folgenden Tag, Mittwoch, den 7. Oktober, war Barschel telefonisch nicht erreichbar. Niemand kann sich erinnern, den prominenten Bewohner von Nr. 12 gesehen zu haben.
Er habe sich entspannt, aber schlecht geschlafen, viel gelesen, sagt seine Frau Freya. Und um sich dabei zu helfen, habe die Tavor-Dosis noch ein wenig erhöht.
Frau Barschel wußte möglicherweise nicht, wieviel ihr Mann damals schluckte: vier Tabletten am Tag im Durchschnitt.Tavor ist ein starkes Medikament, etwa fünfmal so stark wie Valium. Eine Menge, die nach Ansicht von Experten von schwerer Sucht zeugt.
Auch Valium 5 nahm Barschel auf Rezept seines Hausarztes Dr. Tjan Thian-Fong seit seinem Rücktritt vor fünf Tagen. Und in die Reiseapotheke hatte der Doktor dem Ex-MP noch Ärztemuster des Beruhigungsmittels Diazepam und den Müdemacher Azutranquil gepackt, für alle Fälle.
Vielleicht war dieser Mittwoch wirklich der letzte Urlaubstag im Leben Barschels: ein Tag zwischen Bougainvilleen und Palmen im Liegestuhl am kleinen Pool. Einmal sei ihr Mann zum Strand gegangen, erzählt seine Frau: die diskrete Hintertreppe runter, vorbei an der Dusche, die heute so alt aussieht, als hätte sie damals schon getropft, drüber das verrostete Schild, das die Benutzung dem Surfclub vorbehält: "Members only".
Barschel war hier ja wirklich so eine Art Member. Der Kieler gehörte zu einer Herrenrunde um den Baulöwen Lechner, die sich hier regelmäßig traf. Die Deutschen kamen nicht nur zur Urlaubszeit, sondern ebenso im Januar, wenn in Spanien das Dreikönigsfest gefeiert wird. Von wilden Gelagen berichten Mitarbeiter der Anlage, von Prostituierten, die die Herren sich mit dem Auto aus Las Palmas kommen ließen - "zwei Weiße, eine Schwarze".
Natürlich war Barschel zu solchen Veranstaltungen ohne seine Familie angereist. Und der Schwarzkopf-Manager Karl- Josef Ballhaus, der seinem Freund und Ministerpräsidenten die Bespitzelung Engholms bezahlt hat, begleitete ihn mehrfach.
Die Männerfreundschaften, die hier geschlossen wurden, haben ihre Spuren hinterlassen. Noch heute können die Feriengäste aus Schweden und England, die das Hotel "Orquídea" regelmäßig besetzt halten, in der Nähe des Swimmingpools ein Monument bewundern, das aussieht wie eine eilig aus Beton gegossene Hinkelstein- Sammlung. Jeder Hinkelstein soll eine Provinz Spaniens verkörpern.
Eine in grauen Fels gehauene Tafel erklärt den Sinn: Da habe zur Eröffnung des Hotels 1984 ein Treffen spanischer Regionalpolitiker stattgefunden - im Beisein des Bauherrn Rolf Lechner und des Dr. Dr. Uwe Barschel, Ministerpräsident eines Landes hoch oben im Norden, wo der Atlantik Nordsee heißt.
Mehrfach, erzählt einer der Organisatoren des Public-Relations-Treffens von 1984, habe der Steinmetz die Gedenktafel ummetzeln müssen, weil die Staatskanzlei in Kiel am Text wieder und wieder herumredigiert habe. Später hat dann der örtliche Tui-Chef einen Kranz für den toten Dr.Dr. an der Tafel niederlegen lassen.
Uwe Barschels Hinkelsteine dokumentieren trefflich die Zusammenhänge von Politik und Kommerz auf der Kanareninsel, wie sie sich auch in der Topographie niederschlagen. Gegenüber dem Baulöwenhügel ist der richtige Löwenhügel, der Monte León, auf dem die Politik zu Hause ist.
Da machen Minister aus Madrid Urlaub, da ist Helmut Schmidt zu Gast, da hat Justus Frantz sein Haus, der Musiker, der wiederum Politik, Kommerz und Kunst fein verbinden kann. Auch der weltbekannte Waffenhändler Adnan Kaschoggi unterhält hier einen Wohnsitz. Natürlich ist er nie zu sehen.
Barschel strebte stets zum Löwenhügel, über Justus Frantz, mit dem er daheim das Schleswig-Holstein- Festival organisiert hatte, fand er den Zugang zu Partys, auf denen es keine Parteien mehr, nur noch Deutsche gab. Auf Erinnerungsfotos sitzen fröhlich zusammen der Sozialdemokrat Helmut Schmidt, der Manager Ballhaus und ein Mitglied aus Barschels Kabinett.
Merkwürdige Runde. Da besiedeln erfolgreiche Männer eine Oase des Billigtourismus am schwarzen Strand von Bahía Feliz. Sie verbringen ihre besten Tage auf einem kargen Fleckchen mit künstlich bewässertem Rasen zwischen Schlichtbunga- lows und einer brülligen Autobahn, verrottete Tomatenfelder im Rücken.
Was suchte Barschel auf dieser ständig schwülen Insel? Heißt das Stichwort auch hier wieder Waffenhandel?
Da gibt es Hotelportiers, die versichern, sie hätten Barschel zusammen mit Kaschoggi gesehen. Dumm Tüch. Und der Geldkoffer, den Barschel mit seinem Diplomatenpaß nach Informationen spanischer Ermittler von Gran Canaria in die Schweiz gebracht haben soll? Aberwitzig.Aber: Solche Legenden gedeihen auf einer Insel, die sich für Agentengeschichten jeder Art zu Zeiten des Ost-West-Konfliktes bald so gut eignete wie etwa das damals geteilte Berlin.
Denn Gran Canaria ist ebenso wie Berlin ein Stützpunkt des legalen und illegalen Ost-West-Geschäfts gewesen.Auf der Insel hatte die Hochseeflotte der UdSSR ihren größten Stützpunkt auf nichtsozialistischem Boden. Und jedem ordentlichen Geheimdienst- Chef leuchtete es ohne weiteres ein, daß in den Sowjet-Kühlhäusern auf der Insel nicht nur Fischstäbchen auf Eis lagen.
In den Akten der Lübecker Ermittler findet sich der Hinweis, daß 1987, kurz vor Barschels letztem Urlaub, der ostdeutsche Staat in Las Palmas eine Firma gegründet hat: ein Unternehmen mit dem weltläufigen Namen International Atlantica Canaria. Geschäftszweck: das Vermakeln von DDR-Schiffen.
Das ist plausibel, der Firmengründer war ein rühriger Manager im Ost-West-Geschäft mit großen Kähnen: der Rostocker Chef des DDR-Unternehmens "Schiffscommerz", Claus-Dieter Junge, in der Berliner Gauck-Behörde auch bekannt als Stasi- Agent "Tonio Kröger".
Junge, der bei staatsanwaltschaftlichen Vernehmungen beteuert, mit Barschel niemals etwas zu tun gehabt zu haben, war gleichwohl in Kiel gut bekannt. Er war der Mann, der im Auftrag des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski den dubiosen Deal mit HDW um die "Astor" alias "Arkona" durchgezogen hat.
Geheimdienstinformationen besagen, daß Junges weltläufige Firma auf Gran Canaria nicht nur DDR-Schiffe vermakelt habe, sondern auch Embargo-Geschäfte betrieb.
Biedermann und die Waffenhändler: Ist es Zufall, daß sich am schwarzen Strand von Gran Canaria dieselbe Kieler Gesellschaft wiederfindet - wenn auch bei schönerem Wetter?
Die Gran-Canaria-Mischung wird bereichert durch einen Namen, der in Barschels letzten Tagen immer wieder irgendwo auftaucht: Werner Mauss. Der Geheimagent hatte ein paar Jahre zuvor häufig auf der Insel zu tun. Im Auftrag deutscher Ermittler und im Einvernehmen mit der spanischen Regierung versuchte er von hier aus, die MPAIAC zu unterwandern, eine Terrororganisation, die die Unabhängigkeit der Kanarischen Inseln von Spanien betrieb und mutmaßlich Kontakte zu deutschen Terroristen hatte.
Auch für andere Einsätze hatte der deutsche Privatdetektiv mit den vielen Pässen seine Basis auf Gran Canaria.
Hier warb er eine Mitarbeiterin, die für ihn später jahrelang die deutsche Linken- Szene ausspionierte. Kontakte machte der Dunkelmann auf der schattigen Terrasse des Hotels "Reina Isabel" in Las Palmas. Auf eben dieser Terrasse spricht Oscar Jessen Ramirez, 70, über seinen Freund Uwe Barschel. Die leise Musik, die aus der Halle des Luxushotels dringt, das Rauschen des Atlantiks, der an den hier ausnahmsweise weißen Strand vor den Tischen schlägt, überdecken diskret die Gespräche. "Sie haben den Doktor in die Wanne gelegt", sagt der Rentner und nickt mit seinem freundlichen, großen Gesicht.
Jessen ist überzeugt, daß Barschel nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist.
Der deutschstämmige Kanarier war in Barschels letzten Tagen Dolmetscher,Telefonist und guter Geist der Ferienanlage Bahía Feliz. Jessen kann sich genau an den Tag erinnern, an dem alles über Barschel hereinbrach: Donnerstag, der 8. Oktober - "da habe ich ihn das letzte Mal gesehen".
An diesem Donnerstag war das Telefon der Villa Lechner immer noch kaputt. Sonst hätte es wohl schon in aller Frühe ständig geläutet. Denn in der Heimat war ein Sturm losgebrochen.
Die Bild-Zeitung erschien an diesem Tag mit der Schlagzeile: "Sensation in Kiel Barschel unter Verdacht". Am Vortag hatte Finanzminister Roger Asmussen unerwartet eingeräumt, Barschel habe wohl schon im Februar den Finanzstaatssekretär Schleifer angerufen und sich erkundigt, was aus der anonymen Steueranzeige gegen Björn Engholm geworden sei.
Von der Anzeige, die den SPD-Spitzenmann zu Unrecht der Steuerhinterziehung bezichtigte, habe er erst aus dem spiegel erfahren, hatte Barschel noch auf der Ehrenwort-Pressekonferenz versichert. Und nun erinnerte sich Finanzminister Asmussen plötzlich, was Schleifer ihm von einem Telefonat mit Barschel erzählt hatte.
Jedenfalls, so beschloß der Untersuchungsausschuß am Donnerstag früh, müsse Uwe Barschel aus dem Urlaub vorzeitig zurückkehren und sich verantworten.
Zur gleichen Zeit, morgens um acht, gelang es in der Kieler Staatskanzlei Barschels Sekretärin Brigitte Eichler endlich, in Gran Canaria durchzukommen. Sie hatte die Nummer der Bahía-Feliz-Verwaltung aufgetrieben, wo Frau Sanchez residierte.Am Telefon meldete sich Oscar Jessen.
"Ich wußte gar nicht, daß der Doktor da war", berichtet Jessen, "und nun sollte ich ihn ganz schnell ans Telefon bringen." Jessen schickte einen Mitarbeiter des Wachdienstes der Ferienanlage den Hügel rauf zur Villa Nr. 12, um Barschel zu alarmieren.
Der Verwaltungstrakt ist ein ganzes Stück weg vom Baulöwen-Hügel, und so verging die Zeit, während Jessen seinen Telefondienst in der Zentrale weiter verrichtete. Noch bevor Barschel eintraf, erzählt Jessen, sei ein zweiter Anruf für ihn gekommen: "Ein Mann fragte nach Dr. Barschel, er bat um Rückruf." Jessen notierte die Nummer - natürlich weiß er sie nicht mehr, aber er ist sicher: "Es war eine Nummer mit Schweizer Vorwahl." Das hat sich der Dolmetscher schon deshalb gemerkt,weil "komischerweise der Anrufer hochdeutsch sprach - und nicht schweizerdeutsch".
Jessen schrieb einen Zettel mit der Schweizer Nummer und legte ihn für Bar- schel zu dem Zettel mit der Kieler Rückruf- Bitte. Als Barschel kam, war nicht mehr viel Zeit zur Begrüßung. Jessens berühmter Freund sagte nur schnell, er habe nachher noch "eine persönliche Bitte". Dann schnappte er sich die Zettel und setzte sich - wie er das schon früher öfter getan hatte - zum Telefonieren in eins der freien Büros.
Von seiner Telefonzentrale aus sah Jessen, daß vom Apparat hinter der verschlossenen Tür ein sehr langes Telefonat geführt wurde. Vermutlich hat Barschel sich mit seinem Kanzleichef Hebbeln verbinden lassen und sich über das Desaster daheim informiert.
Dann, erinnert sich Jessen, ging die Tür auf, Barschel guckte heraus und machte ein Zeichen, er müsse noch mal telefonieren. Tür wieder zu - nun offenbar die Nummer in der Schweiz. Bis heute ist über dieses Gespräch nichts bekannt. Spekulationen sind erlaubt.
VERSION EINS Am Telefon war Eike Barschel, der Bruder mit Wohnsitz in Yens bei Genf, gebürtig wie Uwe in Berlin-Glienicke, also frei von jedem Schweizer Dialekt. Bruder Barschel war zu dieser Zeit Finanzchef des Deutsch-Schweizer Technologie- Konzerns Wild Leitz. Auch Waffentechnologie gehörte zu dessen Programm. Eike könnte zu Bruder Uwe gesagt haben: Es gibt dringenden Gesprächsbedarf wegen Geschäften, an denen du und ich Interesse haben. Deine Schwierigkeiten in Kiel könnten Auswirkungen auf meine Pläne haben. Bitte komm her und laß uns reden. Hat Eike Barschel an diesem Donnerstag in Gran Canaria angerufen? Der Bruder bestreitet das.
VERSION ZWEI Am Telefon ist ein Mann, der sich "Roloff" nennt, obgleich er zu erkennen gibt, daß er eigentlich anders heißt. Er gibt sich als Bekannter Reiner Pfeiffers aus und bietet Barschel an, bei einem Treffen in der Schweiz Entlastungsmaterial zu liefern.
Version zwei wäre der erste und einzige Hinweis auf die Existenz Roloffs, der nicht allein auf Behauptungen Barschels fußt.
Deshalb ist es so wichtig, den Anruf aufzuklären.
Freya Barschel, später befragt, ob sie sich erinnern könne, sagt: "Mein Mann hat mir an diesem Tag erzählt, daß dieser Informant aus der Schweiz angerufen habe."
Daß dieser Anruf Bedeutung haben mußte, wurde der Ehefrau schon gleich nach dem Tod ihres Mannes klar: Die Bürochefin Sanchez erinnert sich, daß Frau Barschel am Sonntag aufgelöst zu ihr gekommen sei und sich nach dem Schweizer Anruf erkundigt habe. Gemeinsam hätten sie dann nach Jessens Zettel gesucht, alle Papierkörbe ausgeleert, sogar die Putzfrau angerufen. Der Zettel ist nie wieder aufgetaucht.
Als Barschel am Donnerstag die Bürotür wieder öffnete, wirkte er allerdings keineswegs erleichtert. Das zweite Gespräch sei relativ kurz gewesen, erinnerte sich Jessen, und der Doktor habe hinterher nicht gut ausgesehen: "Der wirkte etwas fertig." Also verlangte er, typisch Barschel, nach ein paar Pillen. Er könne schlecht schlafen, erklärte er Jessen, er brauche ein Schlafmittel.
Der treue Jessen half. Er beauftragte eine Angestellte des Hotels Orquídea, bei Manuel Ferreres Gimenez anzurufen. Ferreres war der Betriebsarzt der Anlage. Wenn ein Mitarbeiter für "einen wichtigen Kunden, der nicht schlafen kann", etwas braucht, dann wußte Ferreres schon, worum es ging, auch wenn er den Patienten nie gesehen hatte: "Ich meinte, ihm Noctamid verordnen zu sollen", erklärte Dr. Ferreres später der Polizei.
Während die Orquídea-Mitarbeiterin sich um die Arznei bemühte, hielt Barschel Gisela Sanchez'' Büro in Atem. Er bestellte einen Flug nach Zürich und wahrscheinlich weiter nach Hamburg. Und die Sekretärin Rena Helene Menke meinte sich später zu erinnern, er habe auch gesagt, warum: Weil er jemanden in der Schweiz treffen müsse. Es ist aber auch denkbar, daß er von dem geplanten Treffen erst am Nachmittag erzählt hat.
Dann setzte der ehemalige Ministerpräsident ein bitteres Fernschreiben an den Finanzminister Roger Asmussen auf, das Frau Menke umgehend abschrieb und nach Kiel schickte:
Lieber Roger, ich habe von Deiner Aussage telefonisch erfahren, ich bin sehr bestürzt, nicht etwa, weil ich Deine Lauterkeit anzweifele, Du hast sicher nach bestem Wissen ausgesagt. Aber warum hast Du mir von Deiner Erinnerung an Dein Telefongespräch mit Schleiffer in den letzten Wochen während der vielen Treffen mit mir nie etwas gesagt? Warum bist Du nicht zu mir gekom- men? Du weißt doch: Ich habe mein Ehrenwort gegeben und an Eides Statt versichert, daß ich von der Anzeige erst aus dem SPIEGEL erfahren habe. Ich weiß nicht, was Schleiffer aussagen wird. Wenn er sich so erinnert wie Du, warum ist er nicht zu mir gekommen? Er hat sich sogar noch vor seinem Urlaub von mir persönlich in meinem Amtszimmer verabschiedet. Aber er hat mit keinem Wort erwähnt, daß er früher einmal mit mir über die Anzeige gesprochen hat. Das stimmt auch nicht. Ich bin sehr betrübt und hoffe, daß sich schnell alles aufklären wird.
Es sei, erinnert sich Jessen, ziemlich schnell ein Telex zurückgekommen. Eine Antwort von Asmussen? Ungeklärt: Barschel habe sich nicht nur die Antwort, sondern auch alle Durchschläge von der Telexrolle reißen lassen und mitgenommen. Gefunden wurde der Text nie.
Mittlerweile war es gegen elf Uhr. Der Gast agierte noch immer im Bürotrakt. "Barschel war ein wichtiger Gast", erklärt Frau Sanchez, "er konnte hier schon Unterstützung erwarten." Auch bei früheren Besuchen hat Barschel oft Frau Menke für sich arbeiten lassen. Telefonkosten wurden dem Freund des Miteigentümers Lechner natürlich nicht in Rechnung gestellt.
Während sich Frau Menke um einen Flug nach Zürich bemühte, rief Barschel erneut in Kiel an und ließ seinen Rechtsberater, den Professor Erich Samson, aus der Sitzung des Untersuchungsausschusses herausrufen. Das Gespräch muß, folgt man Samson, bedrückend gewesen sein.
Der Rechtsprofessor machte Barschel das ganze Ausmaß der Affäre deutlich - falsches Ehrenwort, falsche Eidesstattliche Erklärungen, Strafverfahren, sogar drohender Parteiausschluß. Barschel, berichtet Samson, habe am Telefon geweint.
Auf die anwaltlichen Ratschläge des Professors, daß man den Vorwürfen ja einiges entgegenhalten könne, soll Barschel geantwortet haben: "Meinen Sie, das bringt noch was?"
Jessen mußte weg, bei aller Freundschaft. Er wollte seine Frau auf eine Pilgertour nach Lourdes begleiten und dazu das Flugzeug aufs Festland nehmen. Zum Abschied geschah etwas, was Jessen verblüffte.
Der kleine, schmächtige, traurige Barschel umarmte den bärengroßen Jessen, so fest er konnte. Das hatte der noch nie gemacht.
Jessen und Barschel kannten sich seit Jahren. Der Prominente aus Deutschland behandelte den ehemaligen Angestellten des Konsulats in Las Palmas freundlich, aber von oben herab. Jessen war stolz auf die Zuwendung des Politikers. "Für Dr. Barschel", sagt er heute noch, "tue ich alles."
Wenn Barschel in der Villa Lechner residierte, dann du rfte Jessen ihn oft zur Siesta besuchen. Gemeinsam tranken sie dann einen Rotwein im schattigen Patio des Hauses. Dazu gab es Tapas. Der Doktor erzählte dem Dolmetscher dann etwas übers Leben - "Politik haben wir nur gestreift".
"Ich muß nach Kiel, für ein paar Tage, ein paar Dinge richtigstellen - und dann komme ich zurück." Dies, erinnert sich Jessen und nickt heftig mit seinem dicken Kopf, habe der Freund zum Abschied gesagt.
Jessen hat mit seiner Frau eine Finca in San Mateo in den Bergen. Dem Bürgermeister des Dorfes hatte Oscar Jessen Ramirez noch am selben Tag eine streng vertrauliche Mitteilung gemacht: In wenigen Tagen schon werde der bekannte Politiker aus Deutschland auf die Insel zurückkehren und dann ihn, Oscar Jessen Ramirez, auf seiner Finca in San Mateo besuchen. Der Bürgermeister möge schon mal die notwendigen Vorbereitungen treffen.
"Er hat mir zum Abschied gesagt, er kommt bestimmt nach San Mateo." Der - sich umgebracht? - Niemals.
Noch am Vormittag, Jessen war zum Kofferpacken verschwunden, das Noctamid- Rezept war an der Hotelrezeption abgegeben worden, machte sich Barschel zu Fuß auf den Weg zur Apotheke.
Das ist schon ein Stück am Meer entlang, der Appartement-Komplex, in dem Mahmoud Hussein Dib El-Hussein seine Medikamente verwaltet, gehört zu einer anderen Ferienanlage. Hätte er nichts Wichtigeres zu tun gehabt? Seiner Frau zu berichten von den erschütternden Neuigkeiten aus Kiel? Das Schweizer Telefonat? Wollte er nicht wenigstens mal Mittag essen?
Die Gier nach Tabletten muß übermächtig gewesen sein. Und möglicherweise ging der Pillenvorrat aus Kiel schon zu Ende. Noctamid ist kein Stoff, mit dem sich einer wie Barschel hätte umbringen können. Der Wirkstoff Lormetacepam - später auch in Resten im Körper des Toten gefunden - gehört zur selben Gruppe wie die Chemikalien, die sich in Tavor oder Valium finden.
Wer nach diesen Tranquilizern süchtig ist, verträgt schadlos große Rationen.
Der Fremde, der in den frühen Mittagsstunden in die Apotheke kam und den der Apotheker Hussein auf Bildern annähernd sicher als Barschel wiedererkannte, habe höflich "Buenos días" gesagt und das Rezept für eine 20er-Packung des Beruhigungsmittels vorgelegt. Dann habe der Kunde plötzlich gefragt, ob er davon noch eine Schachtel mehr haben dürfe - ohne Rezept. Natürlich habe Hussein abgelehnt.
Irgendwann nach dem Ende der Mittagspause erschien der Problemgast dann wieder in der Ferienanlage bei Frau Menke. Was mit dem Ticket sei.
Leider sei Zürich am Samstag schon ausgebucht, sagte Frau Menke. Daraufhin Barschel etwa: "Egal, dann eben ein Flug über Madrid oder Genf, der, den ich treffen will, kommt überall hin."
Da ist er: "Der, den ich treffen will." Wo kommt er plötzlich her? Wenn es nicht der Anrufer aus der Schweiz war, welche anderen Anrufe hat Barschel an diesem Tag noch bekommen? Sie müssen ja alle über das Sekretariat von Frau Sanchez gelaufen sein.
Eike Barschel, der Bruder, der sich im nachhinein auf die Spurensuche nach dem mutmaßlichen Mörder machte, erzählt: "Am Donnerstag nachmittag hatte mein Bruder ein oder mehrere Ferngespräche mit einem Dritten. Das waren lange Ferngespräche."
Bruder Eike kann seine Weisheit nur von Freya Barschel haben. Ihr Mann, bestätigt die, habe an diesem Nachmittag vom Anrufer Roloff erzählt.
Niemand in der Verwaltung, sagt im nachhinein Frau Sanchez, könne sich erinnern, daß Barschel mit einem Roloff jemals telefoniert habe - weder an diesem Nachmittag noch sonst irgendwann. Unendlich oft sei sie ja danach gefragt worden.
Frau Sanchez, die heute noch Chefin der Anlage ist, kannte ihren Gast gut genug, um zu wissen, "daß der hier ein Verwirrspiel mit allen gemacht hat". Der steife Mann mit den kleinen Geheimnissen habe "den Roloff doch nur erfunden".
Darum, sagt Gisela Sanchez, habe sie damals "die ganze Sache gleich als Selbstmord abgelegt".
Also: Genf. Frau Menke buchte nachmittags die Verbindung für den Samstag, die Barschel sich dann auch in seinen Terminkalender notierte: 10.30 Uhr ab Las Palmas IB 554 15.15 Uhr an Genf und weiter für Sonntag, den 11.: 11.00 Uhr ab Genf LH 1855 nach Frankfurt 13.15 Uhr ab Frankfurt LH 065 14.30 Uhr an Hamburg
Und so schrieb er es auch in einem Telex an Hebbeln in Kiel, als er am nächsten Morgen, es war der 9. Oktober, wieder bei Frau Menke auftauchte:
Lieber Herr Hebbeln, ich treffe am Sonntag in Hamburg ein. Ankunft: 14.20 Uhr mit LH 026 von Frankfurt. Sollten Sie es für zweckmäßig halten, daß ich direkt nach Kiel fahre, z. B. um mit Prof. Samson zu sprechen, so veranlassen Sie bitte folgendes: Herr Scheller soll mich abholen und aus Mölln einen Koffer mit folgendem Inhalt zum Flughafen bringen: Tagesanzug, Oberhemd, Krawatte, Unterwäsche, Socken, Schuhe. Ich werde im Sommeranzug eintreffen, Mantel habe ich bei mir, ebenfalls Nacht- und Waschzeug. Schröders werden Hr. Scheller zeigen, wo er alles findet. Wenn ich erst Montag in Kiel sein muß, was mir lieber wäre, würde ich zunächst nach Mölln fahren und dort übernachten. Dann wäre nur die Abholung zu klären. Herzlichen Dank. Mfg Uwe Barschel.
Auch an den Kieler CDU-Fraktionsvorsitzenden Klaus Kribben mußte Rena Menke in Barschels Auftrag ein Telex absetzen - das war allerdings in einem anderen Ton gehalten:
Ich werde Sonntag nachmittag in Schleswig- Holstein eintreffen und am Montag, d. 12.10.1987, wenn gewünscht, allgemein zur Verfügung stehen. Die öffentlichen Ratschläge über Mandatsniederlegung habe ich sehr wohl vernommen. Ich wär'' der Letzte, der meiner Partei Schwierigkeiten bereiten wollte.
Leider bin ich jetzt in meinem Kampf für die Erhellung der vollen Wahrheit fast auf mich allein gestellt, aber ich werde kämpfen, damit die volle Wahrheit ans Licht kommt. Aufgrund einer Information, die ich vor einigen Tagen erhalten habe und der ich noch am Wochenende persönlich nachgehen werde, könnte ich vielleicht schon am Montag einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung leisten.
Anders als in dem weinerlichen Telegramm am Vortag gibt sich der Absender nun kämpferisch - so, als wäre inzwischen tatsächlich ein ermutigender Anruf von jemandem eingetroffen, der Bar- schel Entlastungsmaterial anzubieten hatte.
An diesem Vormittag hatte die Sanchez- Mitarbeiterin Marta van Geeteruyen- Ibañez den Telefondienst seit 8 Uhr morgens. Während sie da gesessen habe, sei nur ein Anruf für Barschel gekommen - von jemandem, den sie für einen Journalisten gehalten habe. Auftragsgemäß habe sie darum gesagt: "Barschel? Kenne ich nicht." Die Information über diesen Anruf habe sie darum auch nicht weitergegeben.
Das mag schon sein - aber seit neun Uhr früh ging das Telefon in der Villa Lechner wieder. Frau Barschel merkte es daran, daß auf der Lechner-Leitung Hans-Erich Bilges anrief, geschäftsführender Bild-Redakteur aus Bonn. Er bat um Rückruf.
Barschel war zu dieser Zeit noch immer mit den Telexen beschäftigt. Doch er rief Bilges, den er offenbar für eine Art Sprachrohr nach Deutschland hielt, prompt zurück. Der Journalist zitierte den Politiker anschließend mit Sätzen der Verzweiflung: "Glaubt mir denn niemand mehr? Was soll ich denn machen?"
Dabei gab es in Kiel an diesem Tag Neuigkeiten, die Barschel hätten bestärken können bei seiner Idee, er sei Opfer eines Komplotts geworden. Der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende der SPD, Günther Jansen, und sein Pressesprecher Klaus Nilius räumten vor Journalisten ein, sie hätten von dem Intrigenspinner und Barschel-Gehilfen Pfeiffer schon vor der Landtagswahl gewußt.
Es konnte also stimmen, was Barschel bis dahin nur gemutmaßt hatte: Die SPD wußte schon viel früher von den schmutzigen Tricks, die Reiner Pfeiffer gegen Engholm angezettelt hatte.
Noch kurz vor seiner Flucht ins Refugium Gran Canaria hatte Barschel in einem Zeitungsinterview signalisiert, daß er solche Vermutungen hegt: Es müsse geklärt werden, "ob die Aussage der zeit stimmt, daß Pfeiffer schon lange vor der Spiegel- Information mit seinen Geschichten an die SPD herangetreten ist und an wen genau".
"Glaubt mir denn niemand mehr" - das Gefühl muß ihn begleitet haben, als er bald nach dem Bilges-Telefonat schweigend mit seiner Frau in die Inselhauptstadt Las Palmas fuhr.
Der Chauffeur der Ferienanlage José Chil Valido fuhr das Ehepaar in die Calle Franchi-Roca 9. Dort ist das Reisebüro Kuoni, und dort wollten die Barschels das Ticket für den morgigen Flug nach Genf abholen und bezahlen.
Allerspätestens um 11.40 Uhr, so beharrte der Fahrer Valido in mehreren polizeilichen Vernehmungen, habe er die Fahrgäste vor dem Reisebüro abgesetzt und sei zurückgefahren.Was dann geschah, ist bis heute rätselhaft und widersprüchlich.
Freya Barschel erzählt: Sie sei umgehend zusammen mit ihrem Mann in das Reisebüro gegangen. Ihr Mann habe das Ticket bekommen. Anschließend seien sie in der Altstadt von Las Palmas Fisch essen gegangen.
Björn Rustad, der Angestellte des Reisebüros, erinnert sich anders. Um 14.30 Uhr, also nach der Mittagspause, habe Barschel an diesem Freitag das Reisebüro betreten - ohne seine Frau, dafür in Begleitung eines "wohl spanischen" Mannes.
Der Begleiter habe sich stumm in einen Sessel gesetzt,während Barschel das Ticket in Empfang genommen und mit seiner Kreditkarte bezahlt habe. Sein "unendliches Bedauern" drückte Rustad dem Kunden Barschel aus: daß es nicht gelungen sei, ihn auf die Maschine nach Zürich zu bringen. Das ist es noch heute, was Rustad bewegt, wenn er auf diesen Tag angesprochen wird: "Daß ich es nicht geschafft habe, Herrn Barschel ein Ticket nach Zürich zu besorgen."
Was wäre gewesen, wenn er es geschafft hätte? Wäre Barschel auch in Zürich gestorben? Oder ist der Tod in Genf nichts weiter als die zufällige Folge eines Organisationsproblems? Rustad mag nicht mehr darüber reden: "Die Sache hat mich schon zu viele Stunden meines Lebens gekostet."
Jedenfalls, sagt der Reisebüromann, habe Barschel dann sein Genf-Ticket genommen und sich verabschiedet. Der unbekannte Begleiter, ein Mann so um die 30, habe ihm freundlich die Tür aufgehalten, und beide gingen von dannen, niemand weiß wohin.
Auf dem Ticket in Barschels Brieftasche waren folgende Flüge als fest gebucht ausgedruckt: Las Palmas/Genf: 10. Oktober 10.30 Uhr Genf/Frankfurt: 11. Oktober 14.45 Uhr Frankfurt/Hamburg: 11. Oktober 17.15 Uhr
Da ist ein Unterschied zu der Notiz in seinem Terminkalender und zu seinen Angaben im Telex an Hebbeln vom Vormittag.
Noch am Vormitttag hatte Barschel den Eindruck erweckt, daß der Weiterflug von Genf nach Frankfurt und weiter nach Hamburg um 11.00 Uhr gebucht war. Flug-Nummer LH 1855. Und ebenso hatte er in seinem Text an Kribben angekündigt, er sei "Sonntag nachmittag" wieder daheim.
Nun aber stand die Verbindung von Genf nach Frankfurt LH 1857 auf dem Ticket - der nächste Flieger in derselben Richtung. Und mit dieser späteren Verbindung wäre er erst gegen 18.30 Uhr in Hamburg gewesen - von "Nachmittag" konnte da nicht mehr die Rede sein.
Irgendwann nach Absendung des Telexes an Kribben muß Barschel also umgebucht haben. Kein Ermittler hat offenbar diese Frage jemals überprüft. Spekulationen sind erlaubt.
VERSION EINS Barschel hat in einem (weiteren) Telefonat am Freitag mit seinem Informanten den Eindruck gewonnen, es könnte sich lohnen, mehr Zeit für ein (weiteres) Treffen einzuplanen, und darum umgebucht.
VERSION ZWEI Barschel war zweimal im Reisebüro. Das erste Mal mit seiner Frau um 11.40 Uhr. Beim oder nach dem Fischessen hat er dann den unbekannten Spanier getroffen, der ihn dazu bewegt hat, seine Reisetermine zu ändern. Dann war er - während seine Frau in Las Palmas anderes erledigte - mit dem Begleiter zum zweiten Mal bei Kuoni, um sich ein Ticket mit dem neuen Termin ausstellen zu lassen.
VERSION DREI Barschel hatte den Rückflug von Genf nach Deutschland von vornherein im Wissen gebucht, daß er ihn nicht mehr antreten würde, weil er in Genf sterben wollte. Die Umbuchung in letzter Minute wäre dann ein Verwirrspiel, um die Verwirrung noch größer zu machen.
Von allen drei Varianten wirkt die dritte, die Selbstmordversion, am wenigsten glaubhaft. Ein zum Selbstmord Entschlossener mag ja in der Lage sein, zum Schein einen Lufthansa-Flug nach dem Datum seines vorhergesehenen Todes zu buchen, doch noch mal umbuchen? Wen hätte er damit verwirren wollen?
Während Barschel in Las Palmas unterwegs ist, entwickelt sich daheim in Kiel die Lage für ihn zur Katastrophe: Kurz vor 13 Uhr wurde sein Telex an Kribben in die laufende Fraktionssitzung hineingereicht. Es machte den Unmut über den Abwesenden nur noch größer.
Seit 36 Stunden, tönte der Fraktionschef, sei Barschel nicht mehr zu erreichen gewesen. Statt dessen habe er ein Telefon-Interview mit der Bild-Zeitung geführt. Die Fraktion entzog dem ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. Dr. Uwe Barschel das Vertrauen per Beschluß. Der Fraktionsvorstand wurde beauftragt, Barschel zu bitten, daß der sein Landtagsmandat niederlege.
Das Kribben-Telex löste Aktivitäten auch in Hamburg aus. Ein fixer Stern-Fo- tograf hatte sein Zoom-Objektiv auf den Fernschreib-Text aus Gran Canaria scharf gestellt, der nun auf dem Tisch des Fraktionschefs in Kiel lag. Das Foto, schnell entwickelt und vergrößert, brachte die Reporter auf die Spur des für verschollen gehaltenen Skandalpolitikers.
Beim Stern lief die Recherche an. Die Information, daß Barschel am kommenden Wochenende zurückkommen würde, das Telex-Kürzel des Absenders in Gran Canaria - das genügte schon. Ein Stern-Mann fand Zugang zu einem Buchungscomputer der Lufthansa. Die Jagd begann.
Barschel streifte noch immer durch Las Palmas, als auch in Genf sich etwas tat. Da landete um 13.32 Uhr aus Frankfurt ein Geschäftsjet der Düsseldorfer Charterfirma Evex mit dem Kennzeichen D-CD RB.
Drinnen saßen als Passagiere der Geheimagent Werner Mauss und seine Frau Ida. Und der Pilot Dieter Bürscher erinnert sich an einen dritten Fluggast, einen Libanesen, der öfter mal mit Mauss durch die Welt geflogen sei.
Wenige Minuten später flog der Jet - nachdem zumindest der Libanese ausgestiegen war - nach Zürich weiter. Am selben Tag noch kehrte er mit Mauss an Bord nach Genf zurück.
Mauss-Anwalt Karl Egbert Wenzel, ein Stuttgarter Rechtsprofessor, hat bislang noch jedem Journalisten gerichtlich verbieten lassen, seinem Mandanten in der Chronik des Barschel-Todes auftreten zu lassen. "Absoluter Unfug", so Wenzel, sei die Unterstellung,Mauss'' Ankunft in Genf habe irgend etwas mit Barschel zu tun. Niemals, ließ Mauss mitteilen, habe sich sein Weg mit dem des gescheiterten Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein gekreuzt.
Der Eifer, mit dem Mauss und sein Professor sich wehren, macht schon wieder neugierig. Eine Verschwörung, wittert der Agent, sei da im Gange gewesen, nicht gegen Barschel, sondern gegen ihn: "Ich bin überzeugt, daß Barschel nach Genf gelockt wurde, um ihn mit mir zusammenzubringen und zu fotografieren." Das Zentrum der Verschwörung wittert Mauss in Hamburg. Beim Stern.
Tatsächlich mieteten Herr und Frau Mauss an diesem Tag die Junior-Suite im Hotel "Le Richemond", gleich nebenan vom "Beau-Rivage", wo Barschel einen Tag später ein schlichtes Einzelzimmer nehmen würde.
Aber vorerst war Barschel noch immer unbekannten Aufenthalts in Las Palmas. Erst gegen Abend kam er zusammen mit seiner Frau in einem Taxi zurück in die Villa Lechner. Unbekannt ist bislang, was der von Enttäuschung, Angst, Kampfesmut, Hoffnung und wohl auch von Wut getriebene Ex-Ministerpräsident in dem Inselstädtchen so lange gemacht hat.
Viel spricht dafür, daß Barschel abermals damit beschäftigt war, Pillen aufzutreiben. "Der ist ja in den letzten Tagen hier herumgelaufen wie ein kranker Hund und hat jeden angebettelt", erinnert sich ein Ex-Mitarbeiter der Ferienanlage, der ihn damals gut kannte. Mehrere Bedienstete des Unternehmens, nicht nur Jessen, hätten sich um Schlafmittel für Barschel bemüht.
Der Wachmann Santiago beispielsweise, so der Ex-Mitarbeiter, habe sich um Pharmaka kümmern müssen, einen prominenten Berater des Unternehmens mit guten Beziehungen auf der Insel habe Barschel ebenfalls gebeten. Santiago reagiert unwirsch, es gebe "von damals nichts zu erzählen". Und der Bahía-Feliz-Berater ist viel zu professionell, um etwas über seine Klientel zu verraten.
Doch da gibt es einen Freund der Pharma- Connection, der ist Apotheker in Las Palmas. Sein Laden ist in der Nähe des San Telmo Parks. Und dort habe, so berichtet der Ungenannte, so mancher aus Bahía Feliz Zugang zu den Räumen hinter dem Tresen. Zumindest damals sei das so gewesen. Da ist ein bißchen zu oft von Tabletten die Rede. Barschel hatte sich ja gerade am Vortag ganz offiziell per Rezept mit 20 Noctamid versorgt. Selbst ein Süchtiger seines Kalibers kann ja nicht pausenlos Valium schlucken.
Kein Ermittler ist jemals dieser Tabletten-Connection nachgegangen. Spekulationen sind erlaubt.
VERSION EINS Barschel wollte sich auf Vorrat eindecken, weil er nicht wußte, welcher Streß in den nächsten Tagen noch auf ihn zukommen würde und wann er seinen Hausarzt wiedersehen würde.
VERSION ZWEI Barschel bereitete seinen Selbstmord vor, den er - wie er wußte - mit Wirkstoffen wie Valium nicht durchführen konnte. Er bemühte sich darum, Barbiturate aufzutreiben. Und die fand er auch unter den alten Beständen der Pillen-Connection in der Apotheke von Las Palmas. Der Mann, der mit ihm im Reisebüro war, könnte ebenfalls mit der Beschaffung der Tabletten zu tun gehabt haben.
Die zweite Variante wäre die Lösung des Rätsels Barschel. Mit einemmal wäre erklärt, wie Barschel an die Barbiturate gelangte, die im Körper des Toten gefunden wurden und die offiziell in Westeuropa nicht mehr im Handel waren, sondern nur noch in der DDR oder Osteuropa. Er hatte sie womöglich vom grauen Markt in Las Palmas, weil er von Anfang an vorhatte, sich in einem Hotelzimmer das Leben zu nehmen.
Zurück zu den beweisbaren Ereignissen des 9. Oktober. Am frühen Abend, wieder im Haus am Meer, rief Barschel seine Schwester Folke Junker in Kiel an.
Die Schwester berichtet, Uwe Barschel habe ihr von einem geheimnisvollen Anruf eines Mannes mit dem Pseudonym Roloff am Vortag berichtet. Der habe sich mit "Landesregierung Roloff" gemeldet und habe Material angeboten, das Pfeiffer belasten und Barschel entlasten sollte.
Der Mann, habe ihr Bruder erklärt, komme von Frankfurt mit dem Auto zu einem Treff nach Genf und wolle nichts weiter als die Erstattung der Fahrtkosten. Es sei, habe Uwe gesagt, derselbe, der schon mal im September zu Hause in Mölln angerufen und ein ähnliches Angebot gemacht habe. Was tun? habe der Bruder gefragt.
Folke Junker berichtet, sie habe sich Bedenkzeit ausgebeten, sie hatte wohl vor, einen Freund der Familie um Rat zu fragen, der beim Hamburger Staatsschutz arbeitet.
Es wurde noch viel telefoniert an diesem Abend. Kurz nach 20 Uhr rief im Hotel Noga-Hilton in Genf eine fließend französisch sprechende Frau an und fragte, ob ein Herr Uwe Barschel abgestiegen sei. "Wer hätte wissen können", fragt Bruder Eike im nachhinein, "daß Uwe Barschel ein Zimmer in diesem Genfer Hotel bestellt hatte?"
Gute Frage. Im Hilton hatte Barschel tatsächlich schon öfter gewohnt, aber dafür, daß er diesmal überhaupt ein Hotel in Genf hatte reservieren lassen, gibt es keinen Anhaltspunkt.
Kurz vor 22 Uhr läutete das Telefon in der Villa Lechner: Der Hausherr war am Apparat. Rolf Lechner rief aus Bad Reichenhall an, wo er auf einer Dienstreise in einem Hotel wohnte, das seiner Firma gehörte.
Lechner wollte sich nach dem Schicksal seines Freundes Uwe erkundigen. Der schien ausgesprochen aufgeräumt. Barschel erzählte abermals von dem Informanten, den er morgen in Genf treffen wollte. Lechner: "Es gab keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß er freiwillig aus dem Leben scheiden wollte." Der Urlauber sei "geradezu optimistisch und euphorisch" gewesen.
Noch ein Anruf um Mitternacht. Schwester Folke riet dringend vom Besuch in Genf ab. Ein Treffen mit Roloff sei zu ge- fährlich. Ein Foto von Barschel mit dem Pfeiffer-Mann könnte kompromittierend sein. Außerdem, sagt Folke Junker, habe sie noch eine Bemerkung in Erinnerung gehabt, die Barschel ihr gegenüber beim letzten Zusammentreffen gemacht habe: daß "Killer käuflich sind".
Der Bruder habe versprochen, sich alles noch mal zu überlegen, wenn auch der Informant sicher schon auf dem Weg nach Genf sei. "Instinktiv", sagt die Schwester, habe sie gespürt, daß er das Treffen unbedingt gewollt habe.
So friedlich, so pünktlich um Mitternacht endet die Chronik aus dem vorletzten Tag im Leben Barschels? Keine Verschwörungen, keine Spur zum Waffenhandel heute?
Doch, da war noch was. An diesem 9.Oktober, morgens um 10.35 Uhr, hatte eine automatische Kamera auf der Olympia- Straße in München den Pkw STAK 370 geblitzt, der - so das Verwarnungsformular der Polizei - "die Haltelinie o,7 Sekunden nach dem Umschalten auf Rot überfahren" hat. Nur 20 Mark Verwarnungsgeld sollte es kosten.
Doch statt der 20 Mark ging bei der Polizei alsbald der empörte Brief des Kfz- Halters ein. Josef Messerer aus Söcking bei Starnberg erklärte, sein Auto und er seien an diesem Freitag gar nicht im Lande gewesen, sondern in Genf.
Messerer, der im internationalen Waffenhandel tätig gewesen sein soll, legte zum Beweis gleich eine Kopie seines Terminkalenders vom 9. Oktober 1987 bei. Tatsächlich ist darauf ein Termin in Genf mit den Namen der vielleicht prominentesten Waffenhändler der Welt verzeichnet.
"Prof. Chong Li", steht da, darunter: "Rafi-Dust" und "Mohajedi". Dann: Ahmed Chomeini, der Sohn des iranischen Ajatollahs.
Als letzter Name auf der Treff-Liste vom 9. Oktober taucht der Name "Barschel" auf. Daneben ein Pfeil auf die Spalte des 10. Oktober. Neben dem Pfeil handschriftlich das Wort "Ende".
Im nächsten Heft Zwei Terminkalender in Barschels Gepäck - Mutmaßungen über Roloff - Die letzte Nacht im Beau-Rivage.
Lieber Roger,
ich habe von Deiner Aussage telefonisch erfahren, ich bin sehr
bestürzt, nicht etwa, weil ich Deine Lauterkeit anzweifele, Du hast
sicher nach bestem Wissen ausgesagt. Aber warum hast Du mir von
Deiner Erinnerung an Dein Telefongespräch mit Schleiffer in den
letzten Wochen während der vielen Treffen mit mir nie etwas gesagt?
Warum bist Du nicht zu mir gekom
men? Du weißt doch: Ich habe mein Ehrenwort gegeben und an
Eides Statt versichert, daß ich von der Anzeige erst aus dem
SPIEGEL erfahren habe. Ich weiß nicht, was Schleiffer aussagen
wird. Wenn er sich so erinnert wie Du, warum ist er nicht zu mir
gekommen? Er hat sich sogar noch vor seinem Urlaub von mir
persönlich in meinem Amtszimmer verabschiedet. Aber er hat mit
keinem Wort erwähnt, daß er früher einmal mit mir über die Anzeige
gesprochen hat. Das stimmt auch nicht. Ich bin sehr betrübt und
hoffe, daß sich schnell alles aufklären wird.
10.30 Uhr ab Las Palmas IB 554
15.15 Uhr an Genf
und weiter für Sonntag, den 11.:
11.00 Uhr ab Genf LH 1855 nach Frankfurt
13.15 Uhr ab Frankfurt LH 065
14.30 Uhr an Hamburg
Lieber Herr Hebbeln,
ich treffe am Sonntag in Hamburg ein. Ankunft: 14.20 Uhr mit LH
026 von Frankfurt. Sollten Sie es für zweckmäßig halten, daß ich
direkt nach Kiel fahre, z. B. um mit Prof. Samson zu sprechen, so
veranlassen Sie bitte folgendes: Herr Scheller soll mich abholen
und aus Mölln einen Koffer mit folgendem Inhalt zum Flughafen
bringen: Tagesanzug, Oberhemd, Krawatte, Unterwäsche, Socken,
Schuhe. Ich werde im Sommeranzug eintreffen, Mantel habe ich bei
mir, ebenfalls Nacht- und Waschzeug. Schröders werden Hr. Scheller
zeigen, wo er alles findet. Wenn ich erst Montag in Kiel sein muß,
was mir lieber wäre, würde ich zunächst nach Mölln fahren und dort
übernachten. Dann wäre nur die Abholung zu klären.
Herzlichen Dank. Mfg Uwe Barschel.
Ich werde Sonntag nachmittag in Schleswig-Holstein eintreffen
und am Montag, d. 12.10.1987, wenn gewünscht, allgemein zur
Verfügung stehen. Die öffentlichen Ratschläge über
Mandatsniederlegung habe ich sehr wohl vernommen. Ich wär'' der
Letzte, der meiner Partei Schwierigkeiten bereiten wollte.
Leider bin ich jetzt in meinem Kampf für die Erhellung der
vollen Wahrheit fast auf mich allein gestellt, aber ich werde
kämpfen, damit die volle Wahrheit ans Licht kommt. Aufgrund einer
Information, die ich vor einigen Tagen erhalten habe und der ich
noch am Wochenende persönlich nachgehen werde, könnte ich
vielleicht schon am Montag einen wesentlichen Beitrag zur
Aufklärung leisten.
Las Palmas/Genf: 10. Oktober 10.30 Uhr
Genf/Frankfurt: 11. Oktober 14.45 Uhr
Frankfurt/Hamburg: 11. Oktober 17.15 Uhr
* Auf seiner "Ehrenwort-Pressekonferenz" am 18. September. * 1984 bei der Einweihung eines Denkmals zur Eröffnung der Hotelanlage Bahía Feliz, mit spanischen Gastgebern.
Von Thomas Darnstädt

DER SPIEGEL 41/1997
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