06.10.1997

KRIMINALITÄTLob der Angst

Räuber und Vergewaltiger haben oft einen Verbündeten - das Opfer, das Alarmsignale ignoriert. Der US-Gewaltexperte Gavin de Becker plädiert für mehr Mut zur Angst.
Schmerzen, Demütigung und Todesangst dauern drei Stunden lang. Der Mann hält Kelly den Revolver an die Schläfe, prügelt und vergewaltigt die 27jährige. Dann zieht er sich an, schließt das Fenster und blickt irritiert auf seine Uhr. "Ich trinke in der Küche noch ein Glas Wasser", sagt er, "und hau'' ab. Ehrlich."
"Ehrlich" hatte er schon gesagt, als er Kellys schwere Einkaufstasche an die Wohnungstür tragen wollte. Danach hatte er versprochen, die Tasche bloß rasch in Kellys Küche abzustellen. "Wir können ja die Tür auflassen, wie bei alten Damen", hatte er gesagt und gelacht, als er die Zweifel in ihrem Gesicht las: "Großes Ehrenwort." Jetzt geht der Mann in die Küche, und Kelly weiß, daß er ein Messer holen und sie umbringen will. Sie reißt die Tür auf und rennt los, nackt und zerschunden, wie sie ist.
Kelly ist Kalifornierin, doch weltweit, sagt der amerikanische Gewaltexperte Gavin de Becker, 42, gibt es Millionen
** Gavin de Becker: "The Gift of Fear". Little, Brown, New York; 304 Seiten; 22,95 Dollar.
Menschen wie sie: "Menschen, die ein Warnsignal nach dem anderen in den Wind schlagen und damit ihr Leben aufs Spiel setzen." Kelly habe, immerhin, irgendwann doch noch auf ihre innere Stimme gehört und sich damit gerettet.
Das Credo des Crime-Kenners ist eher einfach: Niemand, egal wie schmächtig und zartbesaitet, muß Betrügern, Dieben oder Mördern in die Hände fallen. Denn die entlarven sich im Vorfeld ihrer Verbrechen stets selbst. Dennoch bringe sich aber kaum ein Opfer rechtzeitig in Sicherheit - weil alle angeblich zivilisierten Gesellschaften darauf getrimmt seien, bloß niemanden vor den Kopf zu stoßen.
Gavin de Becker arbeitete während der Reagan-Ära im Expertenstab des US-Justizministeriums und ist inzwischen Chef einer Sicherheitsfirma, die sowohl die CIA und die Polizei von Los Angeles als auch Prominente wie Madonna oder Robert Redford berät. Die Leidensgeschichte der jungen Kelly, einer seiner Klientinnen, veranlaßte de Becker, Tips und Tricks im Umgang mit Kriminellen aufzuschreiben. Sein Buch "The Gift of Fear" (Die Gabe der Angst) schoß bereits kurz nach Erscheinen in die Bestseller-Listen der USA**.
"Hast du die Gefahr nicht erkannt?" fragt de Becker regelmäßig die Opfer von Ganoven und Gewalttätern. Und stets erhält er zunächst die gleiche Antwort: "Es geschah alles ganz plötzlich." Doch nach und nach kommen allen Gebeutelten ähnliche Erkenntnisse: "Seine Stimme war mir von Anfang an unsympathisch", oder "Mir war eigentlich schon mulmig, als mein Ex-Mann auf einmal an meinem Arbeitsplatz auftauchte."
Denn eine Grundregel der Viktimologie, jenes Forschungszweiges, der herausfinden möchte, wer warum und wann zum Opfer wird, ist folgende: Meist kennen sich Täter und Opfer - und sei es noch so oberflächlich oder kurz. Gemordet und getötet wird zu etwa 70 Prozent im Verwandtenkreis oder im Umfeld von ehemaligen Freunden und Zufallsbekanntschaften.
Ähnliches gilt für Vergewaltigungen. "Den Tätertypus des Sittenstrolches, der hinterm Busch hervorspringt, gibt es kaum noch", sagt Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Nach Schätzungen seines Instituts werden in Deutschland pro Jahr mindestens 100 000 Frauen vergewaltigt, davon etwa 75 000 von Männern aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft.
Doch auch die übrigen Angreifer hatten sich den Opfern vor der Tat vorgestellt - wenn es manchmal auch nur Tage, Stunden oder Minuten vor dem Angriff war. Denn Sekunden reichen Trickbetrügern, Dieben oder Sexualverbrechern, die erfahrungsgemäß Meister der Manipulation sind. Durch eine Art "Interview", so Gavin de Becker, finden sie blitzschnell heraus: Kriege ich rasch Kontrolle? Habe ich leichtes Spiel? Gerade diese Testphase läßt aber auch den potentiellen Opfern eine Chance: Wer merkt, daß er geprüft wird, und gegenhält, hat sich fast immer schon gerettet.
Eine beliebte Taktik von Verbrechern etwa ist Taktlosigkeit. Gern verteilen sie gezielte Gemeinheiten ("Wahrscheinlich sind Sie zu elitär, um sich mit mir abzugeben"), die das Objekt der Begierde in Zugzwang bringen sollen. Gepaart ist diese Finte oft mit einer weiteren Unverfrorenheit: Ablehnung wird schlichtweg ignoriert.
"Jeder, der ein Nein nicht hören will, eine Absage oder Abfuhr nicht akzeptiert, ist höchst suspekt", warnt de Becker. Dabei ist es egal, ob ein Freund oder Fremder so die absolute Kontrolle erlangen will. Wenn das auserkorene Opfer eisern bleibt, auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen, hat es gewonnen - wer nachgibt, unterwirft sich den Regeln des Gegners.
De Beckers Lieblingsbeispiel: "Eine junge Frau lädt im Parkhaus Kisten in den Kofferraum ihres Wagens. Ein Mann bietet Hilfe an, sie lehnt ab. Er bleibt hartnäckig: ,Kommen Sie, man kann auch zu stolz sein!'' Und obwohl ihr der Kerl unangenehm ist, antwortet sie jetzt: ,Okay, vielleicht brauche ich ja wirklich eine starke Männerhand.''"
In solchen Gesprächen, sagt die Mannheimer Psychotherapeutin Doris Wolf, "geht es für die Täter darum, die Grenzen zu verschieben". Bis zum Anschlag.
So ignorieren viele Menschen Alarmsignale, unterdrücken Antipathien oder Ahnungen - und unterschreiben Knebelverträge, um niemanden zu brüskieren; und manche werden vor lauter Artigkeit ausgeraubt oder ermordet. "Wie bitte?" fragte spitz eine Journalistin in der US-Frauenzeitschrift REDBOOK. "Soll ich einem harmlosen Kerl, der in den gleichen Aufzug einsteigt, die Tür vor der Nase zuknallen, nur weil er mir unheimlich ist? Das ist doch dumm." "Es ist sicherlich dümmer", antwortete de Becker, "sich in eine schalldichte Stahlkapsel mit einem Fremden zu schließen, der einem Angst einjagt."
Überlegungen zum Opferverhalten gibt es auch in Europa. So stellte eine Amsterdamer Studiengruppe fest, daß sich Kriminelle ihre Opfer auf der Straße nach deren Körperhaltung ausgucken. Wer nicht voller Elan über den Gehsteig federt, gilt bei Schurken als schnelle Beute. Und eine Untersuchung des KFN belegt, daß Frauen, die im Elternhaus mit Gewalt konfrontiert wurden, ein bis zu 14mal höheres Risiko haben, Gewalttätern in die Finger zu geraten. Schon deshalb, weil furchtsame Frauen einen Fehler machen: Sie sind freundlich.
Frauen, das haben Verhaltensforscher festgestellt, lächeln deutlich häufiger als Männer, und die meisten von ihnen (93 Prozent) geben ein Lächeln prompt zurück - ganz egal, von wem es kommt. Was Frauen so erreichen wollen, ist Psychologen klar: Sie möchten abwiegeln, beschwichtigen, bloß keine Aggressionen hochkochen lassen, die ihnen selbst zum Verhängnis werden könnten.
In den USA, erzählt de Becker, gebe es eine ziemlich zynische Geschlechter-Unterscheidung zum Thema Angst: Männer fürchten insgeheim, eine Frau könnte über sie lachen; Frauen fürchten insgeheim, ein Mann könnte sie umbringen.
Doch gerade das Harmoniestreben hat einen Bumerang-Effekt: Wer häufig lächelt, wirkt servil und schwach - und das ist genau die Mischung, die Bösewichte lieben. Auch Jungen, die in der Schule gehauen oder ausgelacht wurden, das stellte man an der Universität Münster fest, senden als Erwachsene demütig Signale aus: Ich bin''s gewohnt, ich wehre mich nicht. Wer will, kann alles von ihnen haben - Geld, eine Unterschrift, ihr Leben. Opfer à la carte.
"Um spätere Übergriffe abwehren zu können", sagt die Mannheimer Angstexpertin Doris Wolf, "müssen schon Kinder die Erfahrung machen dürfen, daß es okay ist, anderen auch mal etwas abzuschlagen. Sie sollen selbst Erwachsene stehenlassen, wenn diese ihnen unsympathisch sind." Brave Mädchen kommen in den Himmel, unhöfliche leben länger.
Davon, daß Kinder von wohlmeinenden Eltern vor lauter Höflichkeit zuwenig beschützt werden, ist Gavin de Becker überzeugt. "Nie stellen etwa Eltern einer Tagesmutter die einzige Frage, die sie wirklich interessiert: ,Prügeln Sie?''" Dabei kann die Antwort, so der Gewaltspezialist, aufschlußreich sein. "Wenn die Tagesmutter ehrlich entsetzt abwehrt, sind die Eltern wenigstens beruhigt. Anders bei Rückfragen wie: ,Was meinen Sie mit prügeln?'' oder ,Was haben Sie über mich gehört?''"
Als Beispiel dafür, daß aus geschundenen Kindern trotz miserabler Prognosen doch noch selbstbewußte Selbstverteidiger werden können, kann de Becker selbst gelten: Der Sohn einer heroinsüchtigen Mutter, die Selbstmord beging, als er 16 war, wurde bereits im zarten Bubenalter daheim grün und blau geschlagen. Heute gilt er als einer der führenden amerikanischen Sicherheitsexperten und unterweist andere darin, schurkische Strategien zu durchschauen.
In Seminaren und Einzelstunden spricht de Becker von der "Charme-Variante", dem Trick jener Unbekannten, die sich extrem zuvorkommend oder auffallend aufgeräumt geben; oder vom "Detail-Manöver", mit dem Verbrecher von der Tatsache ablenken wollen, daß sie nach wie vor keine Vertrauten sind. Also, meint de Becker, überschütten sie ihr Opfer-Objekt mit Informationen über ihre (angebliche) Lebenssituation, das Wetter oder die Weltnachrichten. Die Kalifornierin Kelly habe beispielsweise in Sekundenschnelle von ihrem späteren Angreifer erfahren, daß er unterwegs zu einer Verabredung sei, seine Uhr kaputt sei, sein Freund eine Katze habe ... Plaudernd begleitete er sie zu ihrer Wohnungstür.
Als ihr Peiniger nach den Stunden der Qual in der Küche verschwindet, zittert Kelly vor Todesangst. Während er hastig Schubladen durchwühlt, flieht sie aus ihrem Appartement.
Erst später, nachdem sie von der Polizei erfahren hat, daß der Mann bereits eine Frau erstochen hatte, wird ihr klar, daß es - außer dem mehrmals mißbrauchten Ehrenwort - noch einen Hinweis gab, der sie dazu brachte, zu handeln und nicht länger auf eine wundersame Wendung des grausamen Geschehens zu hoffen. "Obwohl er einen Revolver in der Hand hielt, wußte ich auf einmal, er würde ein Messer suchen, um mich damit umzubringen", sagt Kelly. "Denn als eigentlich alles vorbei war, schloß er das Fenster und wurde unruhig. Es war ihm also schlicht zu laut und zu riskant, mich zu erschießen."
Es wäre das letzte von vielen Warnzeichen gewesen, das Kelly ignoriert hätte - vor ihrem Tod.
* US-Horrorfilm "Maniac Cop II".
Von Barbara Czermak und

DER SPIEGEL 41/1997
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