06.10.1997

REGISSEUREHimmelfahrt mit Fragezeichen

„Forrest Gump“-Macher Robert Zemeckis und sein neuer Film „Contact“
Seinen kuriosen Familiennamen, sagt Robert Zemeckis, 46, verdanke er litauischen Ahnen. Er ist in Chicago aufgewachsen, in gut katholischem Haus, was für ihn nicht ohne Blessuren abgegangen sei, doch da er schon früh ein passionierter Amateurfilmer war, schaffte er den Sprung in die begehrte Universitäts-Filmschule in Los Angeles.
Rasch fand er sich im Freundeskreis des aufstrebenden Wunderknaben Steven Spielberg, der ihn als Drehbuchautor beschäftigte ("1941") und seine ersten, ziemlich erfolglosen Filme produzierte. Der große Durchbruch für Zemeckis kam 1985 mit der listigen Zeitreise-Komödie "Zurück in die Zukunft", die sich wegen des großen Erfolgs zu einer ganzen Trilogie auswuchs. Von "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" über "Der Tod steht ihr gut" bis zum vielfachen Oscar-Gewinner "Forrest Gump" erwies sich Zemeckis immer wieder als origineller und besonders in der Verwendung neuartiger Tricktechniken unternehmungslustiger Regisseur.
Sein jüngster Film "Contact" ist sein erstes durchaus unkomisches, ja geradezu unamerikanisch ernsthaft mit großen Ideen spielendes Werk. "Contact" erzählt, einem Roman des Astronomen und berühmten Sachbuchautors Carl Sagan (1934 bis 1996) folgend, wie in einem speziellen Observatorium von der jungen Astronomin Ellie Arroway eine Nachricht aus dem All aufgefangen und entschlüsselt wird, eine Art Einladung von einem fernen Planeten, und wie nun mit Milliardenaufwand eine gigantische Maschine konstruiert wird, um in einer Raumkapsel einen einzelnen Menschen dorthin zu katapultieren - natürlich den Star des Films, Jodie Foster.
In den USA gehörte "Contact" zu den Erfolgsfilmen des Sommers, wenn auch natürlich nicht an den Spitzenhits "Men in Black" und "Vergessene Welt" zu messen: "Das ist von vornherein ausgeschlossen, wenn ein Film nichts bietet, was den Unterhaltungsbedürfnissen des Teenager-Publikums entgegenkommt", sagt Zemeckis. Er ist in London, um dem Europastart von "Contact" PR-Schubkraft mitzugeben; er sitzt, ein Intellektueller mit breiter Holzfäller-Statur, die Füße hochgelegt, in seiner Dorchester-Suite; Interviews, sagt er, genieße er als Konditionstraining - ein vergnügter Fighter in eigener Sache.
Nach dem Welterfolg seines Rührstücks um den Einfaltspinsel Forrest Gump hätte er wohl sogar für das abwegigste nächste Projekt der Welt "grünes Licht" (wie das bei den Hollywood-Hirschen heißt) bekommen. Daß er sich dann an einem so ausgefallenen, materieschweren Stoff wie "Contact" festbiß, ist dennoch überraschend. Sagan schrieb das erste Drehbuch dazu vor bald 20 Jahren, doch da keine Verfilmung zustande kam, machte er einen Roman daraus, der 1985 ein großer Bestseller wurde. Die Filmleute jedoch blieben reserviert, auch Zemeckis, wie er zugibt, spürte keine "brennende Neugier" auf den Stoff: Er las den Roman damals überhaupt nicht.
"Es war das neue Drehbuch von Michael Goldenberg, das ich vor etwa drei Jahren in die Hände bekam: Das hat mich sofort fasziniert, und Jodie Foster ging es offenbar genauso. Die Entscheidung für ein bestimmtes Projekt unter hundert möglichen ist nichts Rationales. In ,Contact', denke ich, fand ich eine Heldin, die mich durch ihren Mut und ihre Begeisterungsfähigkeit mitriß, durch ihre geradezu todesbereite Neugier auf das Unbekannte."
So weit, so gut. Bleibt aber die Frage, ob den breitbeinigen Pragmatiker, wie er da in seinem Hotelzimmer sitzt, auch das höhere, ans Spirituelle rührende Thema allen Ernstes bewegt. Glaubt er - wie seine Heldin Ellie, deren ganzer Lebensinhalt das ist -, es müsse irgendwo im Universum andere Wesen geben, mit denen wir in Kontakt treten könnten? "Falls Sie das wirklich wissen wollen", sagt Zemeckis, "ich glaube eher nicht, daß ich daran glaube. Doch für den Film spielt das keine Rolle, denn meine Neugier ist auf Fragen gerichtet, nicht auf Antworten. Vermutlich gibt es ja Millionen anderer Lebens- und Intelligenzformen im All, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß sich irgend jemand da draußen für uns interessieren und uns eine Nachricht schicken könnte."
Ist es dann aber nicht absurd, daß sein Film eine Geschichte erzählt, die auf diese Prämisse baut? Nein, überhaupt nicht, meint Zemeckis. "Alle intelligente Sciencefiction handelt von uns und nicht von irgendwelchen Aliens. Mich interessiert nicht, was es da draußen geben und wie es aussehen mag, sondern, daß sich enorm viele Menschen mit enormer Ernsthaftigkeit mit dieser Frage beschäftigen. Was treibt sie um? Dieses riesige Glaubensbedürfnis, das die Menschen nach Engeln oder Ufos Ausschau halten läßt, diese riesige Heilserwartung, die man in den Weltraum oder in den Himmel projiziert - das ist das Thema von ,Contact'."
Für Ellie, die kämpferische Astronomin, der die Suche nach extraterrestrischen Wesen als eine Menschheitsaufgabe erscheint, hat dieses Ziel nichts Metaphysisches: Sie hält sich für eine streng rationale, faktenfixierte Wissenschaftlerin. Doch tief in ihr verborgen lebt der Kinderglaube, daß ihr toter Vater im Himmel auf sie warte; die Vermutung ist nicht abwegig, daß dieser Kinderglaube sogar der Ursprung und Kern ihres ganzen Interesses für die Weltraumforschung sei. Da ein guter Teil der Menschheit zu "unserem Vater im Himmel" betet und Ellie auf ihrem Himmelstrip, wie es scheint, in der Tat ihren Vater trifft, bekommt das Reiseziel doch etwas bedenklich Metaphysisches.
Robert Zemeckis begegnet solchen Deutungsangeboten mit amüsierter Skepsis, auch wenn er einräumt, daß letztlich jeder glauben wird, was er glauben will. "Wenn man im Kino genau aufpaßt, kann man feststellen: Alles, was Ellie auf ihrem Trip entdeckt, entdeckt sie in sich selbst. Mich fasziniert, auch im Umgang mit filmischen Mitteln, die Ambivalenz jeder Wahrnehmung. Auch wissenschaftliche Faktengläubigkeit ist Glaubenssache, keine Gewißheit. Glauben Sie an ein Jenseits? Oder glauben Sie, daß es nach dem Tod nichts gibt? Beides, meine ich, ist Glaubenssache, weil man weder das eine noch das andere wissenschaftlich beweisen kann."
So fügt es sich sinnfällig, sogar allzu sinnfällig, daß Ellies Gegenspieler ein Glaubensfachmann ist, ein verteufelt gutaussehender PR-Mann des lieben Gottes, und daß die beiden in Leidenschaft zueinander entbrennen. "Es hat mir Spaß gemacht, eine romantische Kino-Konvention umzudrehen", sagt Zemeckis. "Üblicherweise hätte ein solcher Film einen männlichen Helden, etwa einen berühmten Wissenschaftler, und der wäre mit einer sehr attraktiven, doch nicht weiter bedeutenden Frau liiert. Diesmal aber haben wir eine Heldin, und sie liebt einen glamourösen, wenn auch wohl oberflächlichen Mann. Für diesen Typ ist Matthew McConaughey optimal: Wie die Frauen auf ihn fliegen, ist absolut sagenhaft, die Männer hingegen halten ihn für einen Blender."
Daß der Film dann doch offenläßt, ob die beiden auf Dauer zusammenbleiben, hält Zemeckis als Liebhaber alles Ambivalenten für logisch: "Auch das ist fürs Publikum eine Glaubensfrage. Wer für den Mann schwärmt, wird sich wünschen, daß Ellie mit ihm glücklich wird, und wer ihn nicht leiden kann, wird annehmen, daß sie nach ihrer einzigartigen kosmischen Erfahrung niemals mehr eine irdische Häuslichkeit zu zweit ansteuern wird."
Die realistische Sorgfalt, mit der Zemeckis die gesellschaftlich-politischen Konsequenzen seiner Spiel-Hypothese entwickelt, bis die gigantische Weltraum-Schleuder startbereit dasteht: Das hat einige Langwierigkeit, beeindruckt jedoch durch seinen Ernst und richtet paradoxerweise alle Publikumserwartung auf einen visionären Augenblick, den es nicht gibt, weil kein Kinobild ihn beglaubigen könnte. Droht da keine Enttäuschung?
"Im Gegenteil", sagt Zemeckis, "jedes Bild, das sich materialisiert, wäre für den Zuschauer nur banal und enttäuschend. Denken Sie an die mittelalterlichen Kathedralen oder an all die erstaunlichen Tempelanlagen, die es auf der Welt gibt: Das sind doch keine Monumente einer enttäuschten Erwartung. Vielleicht kann man diese Weltraum-Maschine, in der sich so viele Hoffnungen bündeln, auch als eine Art Tempel verstehen." Und dann wagt es Zemeckis, Ellies Trip, der als spektakuläres Montagestück den Vergleich mit Kubricks Weltraum-Odyssee nicht scheut, durch kühne Ironie in Frage zu stellen. Hat die große Himmelfahrtsmaschine nun eigentlich versagt oder funktioniert?
"Wer weiß?" lautet die Zemeckis-Antwort in Frageform. "Glauben und zweifeln sind ein Paar. Ich kann, wenn ich redlich bleiben will, nur sagen: Mit der Gewißheit, daß es keine Gewißheit gibt, muß Ellie leben und müssen wir alle leben, im Kino wie in der Wirklichkeit."
Und weil "Contact" nun wirklich der cleverste Science-fiction-Film weit und breit ist, wirft er mit einem letzten tückischen Dreh der Story den Verdacht auf, die intergalaktischen Botschaften könnten ein purer Bluff sein, von einem maliziösen alten Milliardär angezettelt, der nun da oben in der russischen Raumstation "Mir" hockt und sich über die genarrte Menschheit ins Fäustchen lacht. Oder sieht so der liebe Gott aus?
Robert Zemeckis lehnt sich in seinen Sessel zurück und strahlt, auch er sich ein wenig ins Fäustchen lachend. "Ein paar Rationalisten werden vielleicht in diesem letzten Dreh ihre Gewißheit finden. Aber die meisten Zuschauer, glaube ich, werden glauben, was Ellie glaubt."
Urs Jenny
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 41/1997
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