13.10.1997

HAUPTSTADTKommando Ketchup

Generalstabsmäßig geplante Aktionen machen Berlin erneut zum Randale-Mekka. Die Polizei fürchtet eine neue Qualität linksextremistischer Gewalt.
Der Herr in Grün nahm es mit der Veranstaltungsverordnung ganz genau: "Es war sieben Minuten nach zehn", erinnert sich ein Musiker, als ein Polizist in Sommeruniform die Band auf der Bühne dazu drängte, zum Schluß zu kommen. Noch ein paar Takte, dann stellte die Combo "Graf Z." die Beschallung des Teutoburger Platzes ein. Das Kiezfest im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg am Tag der Deutschen Einheit klang friedlich aus. Anschließend verabschiedeten sich der Ordnungshüter und sein Kollege entspannt von den Veranstaltern.
Zwanzig Minuten später zerreißt ein gewaltiger Knall die Stille über dem dunklen Platz, eine Leuchtkugel zieht ihre Bahn: Der Startschuß für die rabiateste Aktion von Autonomen, die Berlin seit Jahren erlebt hat.
Vermummte junge Männer stürmen auf die Kaiser''s-Kaufhalle zu und schlagen die Scheiben ein. Alsbald fliegen - begleitet vom Einsatzbefehl "Ketchup" - Brandsätze; Minuten später brennt der Supermarkt lichterloh.
Schockiert starren die letzten Gäste des Festes auf das Inferno. Die Flammen aus der Halle schlagen hoch. Schon fürchten Anwohner, daß sie auf ein Mietshaus überspringen könnten. Ein Gast des Festes versucht von einer Telefonzelle aus die Feuerwehr zu rufen, doch sie ist vorsorglich zerstört wie sämtliche Zellen in der Umgebung. Der Anschlag ist offenbar bis ins kleinste Detail geplant; die jugendlichen Täter hatten an alles gedacht.
An den Ecken des Platzes umringen kleine Trupps von Vermummten Autos, schlagen Scheiben ein, lösen Handbremsen, schieben die Wagen auf die Kreuzungen. Dann springen sie zurück. Wieder ertönt das Kommando "Ketchup". Molotow-Cocktails fliegen, Autos gehen in Flammen auf.
Als der Besitzer eines Imbißwagens fliehen will, trifft ein Brandsatz den Transporter, in dem auch seine Frau und sein Kind sitzen. Das Auto mit der Aufschrift "Thai-Pfanne" fängt Flammen, die Familie kann sich im letzten Moment retten.
Zehn Minuten später, gegen 22.40 Uhr, rücken Feuerwehr und Polizei an. Doch das angreifende Kommando hat auch für diesen Fall vorgesorgt. Krähenfüße liegen auf den Zufahrtsstraßen. Als die aufgesammelt sind, ist der Spuk längst vorüber. Die etwa 40 vermummten Angreifer sind wie vom Erdboden verschluckt.
Die Bündnis-Grünen vom Prenzlauer Berg, die das für drei Tage geplante Kiezfest sofort abgebrochen hatten, waren fassungslos: "Gewalttätige Idioten verwüsten Prenzlauer Berger Kiez."
Die Täter, verantwortlich für über 3,5 Millionen Mark Sachschaden, meldeten sich kurze Zeit später unter dem Namen "Freies Fluten" ebenfalls zu Wort: "Wir verstehen diese Aktion als Warnung an die Tengelmann-Gruppe (Kaisers, Plus usw.), sich an dem geplanten Warengutschein-Abrechnungssystem für alle 32 000 in Berlin lebende Flüchtlinge zu beteiligen."
Der Berliner Sozialsenat verhandelt zur Zeit mit mehreren Handelsketten über einen Modus zum bargeldlosen Einkauf für Asylbewerber. Autonome bekämpfen dieses Modell seit Monaten als "rassistisches Sondergesetz".
Bislang war die Kampagne vorwiegend friedlich, mit Kundgebungen und Flugblättern, lanciert worden. Jetzt ist offenbar eine härtere Gangart angesagt.
"Pulverfaß Berlin", schrieb die BZ, die TAZ erwartet einen "heißen Herbst". Probleme gibt es nicht nur mit den Autonomen. Vor drei Wochen war es ein 15jähriger Sprayer mit einem kleinen Graffito auf einer Straßenbahn, der am derzeitigen Brennpunkt des Berliner Nachtlebens, den Hackeschen Höfen, eine Straßenschlacht auslöste. Polizisten stürmten nach Mitternacht in voller Kampfmontur eine Hip-Hop-Party, um den mutmaßlichen Täter festzunehmen. Als zur Verstärkung 20 Mannschaftswagen auffuhren, deren Besatzungen weitgehend ohne Ansehen der Person losknüppelten, wurden sie von Punks, Hip Hoppern, Touristen und eingeborenen Trinkern mit Flaschen und Steinen eingedeckt. "Eine unnötige, sinnlose Eskalation", kritisiert Jens Wiege, 20, Initiator der Party, den Polizeieinsatz.
In der vorvergangenen Woche kam es bei den Hackeschen Höfen weitere zweimal zu Konfrontationen zwischen Ordnungshütern und Hip Hoppern, zumeist Bürgerkinder aus besseren Familien. Innensenator Jörg Schönbohm (CDU), der bald für die Sicherheit von Bundestag und Regierung verantwortlich ist, setzt auf die harte Linie. Mit mehreren Räumungen besetzter Häuser ist der Ex-Militär zum Lieblingsfeind in der Szene geworden. Vor wenigen Wochen erst verhinderten linke Störer mit dem Sprechchor "Geh doch in''n Westen" einen Auftritt des Innensenators am Prenzlauer Berg. Der "neuen Qualität der Gewalt" der Autonomen steht er eher hilflos gegenüber.
Dabei hat der General a. D. den Quantensprung in deren Strategie offensichtlich erkannt. Wer 40 Mann aufstellen kann, die mit ausgefeilter Guerrillataktik zu Werke gehen, ist zu mehr als blindwütiger Randale fähig.
"Es erinnert mich stark daran, wie wir 1969 angefangen haben", sagt ein Ex-Terrorist der "Bewegung 2. Juni", der vor 25 Jahren den Weg vom militanten Straßenkämpfer in den bewaffneten Untergrund ging. "Diese Kids haben den Schritt vom emotionalen, spontanen Handeln zur Guerrillataktik schon hinter sich."
Auch die konservative FRANKFURTER ALLGEMEINE konstatierte einen "Übergang von der Massen- auf die Kommando-Konzeption". Der Feuerzauber am Teutoburger Platz ist der vorerst letzte einer Reihe von Anschlägen, deren Urheber bislang nicht ermittelt werden konnten.
Anfang August drangen bislang unbekannte Autonome in die Auslieferungszentrale der Lebensmittelkette Spar südlich der Hauptstadt ein und setzten einen großen Teil des Fuhrparks in Brand: Sachschaden rund drei Millionen Mark. "Der Lebensmittelkonzern SPAR profitiert als alleiniger Lieferant der Sammelmagazine", hieß es in der mit "Autonome Gruppen Sparflamme" unterzeichneten Kommandoerklärung, "direkt an der rassistischen Unterdrückung und Ausgrenzung von Flüchtlingen."
Kaum mehr zu einer Kurzmeldung in den lokalen Zeitungen bringen es kleinere Aktionen. "Der geldgierige Inhaber wird hiermit aufgefordert, Berlin zu verlassen", ließen beispielsweise "die autonomen Bonzenjäger" Anfang August verlauten, nachdem sie am Hackeschen Markt "eine Luxuskarosse in der Preisklasse eines kleinen Swimmingpools vom Typ Daimler Benz 320 S-Klasse" entzündet hatten.
24 Stunden vor den Brandanschlägen am 3. Oktober setzten Vermummte auf Berlins neuer Nobelmeile Friedrichstraße drei BMW und einen Bagger in Brand. Kurz darauf wurden 18 Autos in einer Kreuzberger Opel-Filiale demoliert und bei einer noch im Bau befindlichen Daimler-Dependance Scheiben eingeschlagen.
Die Aktionen erinnern an Anschläge Anfang der neunziger Jahre, zu denen sich eine Gruppe namens "Klasse gegen Klasse" bekannt hatte.
Mit Fäkalien gefüllten Eimern und Handgrananten verwüstete sie als "Yuppie-Treffs" geschmähte Szenelokale. Luxuskarossen von Immobilienmaklern und Architekten, die im Stadtteil Kreuzberg Bauprojekte betreuten, gingen in Flammen auf.
Nicht zuletzt deshalb vermuten Ost-Berliner Linksradikale, daß die autonome Einsatztruppe, die jetzt am Prenzlauer Berg zuschlug, aus dem Westen der Stadt kommt.
"Die Szene ist inzwischen total zersplittert", sagt ein Ost-Autonomer. Hatten sich früher regelmäßig 200 bis 300 Leute zu Plenen versammelt, "um die politische Linie zu diskutieren" und die Aktionsformen abzustecken, sei inzwischen "alles atomisiert".
Die Mehrheit im Osten lehnt Brandanschläge ab und setzt auf legale Aktionen wie Demos oder "Stadtteilarbeit" im Kiez.
Eine Minderheit von jungen Autonomen Ost hat sich allerdings in militante Kleingruppen zurückgezogen, denen die Ermittler Aktionen wie die am Teutoburger Platz durchaus zutrauen.
Doch von den Tätern fehlt laut Polizei bislang jede Spur. Wie schon bei "Klasse gegen Klasse" erschwert die streng konspirative Struktur der Gruppen eine Durchdringung mit V-Leuten von Polizei und Verfassungsschutz. Dabei nahmen Beamte in der Nacht vom 3. zum 4. Oktober wenigstens einen möglichen Täter fest, nur etwa eine Viertelstunde nach dem Anschlag auf die Kaiser''s-Halle und genau 15 Minuten Fußmarsch vom Tatort entfernt.
Kurz vor 23 Uhr war es Kastanienallee/Ecke Oderberger Straße zu einer Rangelei zwischen Passanten und etwa 20 schwarzgekleideten jungen Männern gekommen, einige laut Augenzeugen mit Steinen und mindestens einer mit Gaspistole bewaffnet. Als die Polizei am Ort des Geschehens eintraf, nahm sie auch einen aus der Gruppe fest. Drei Stunden später war er wieder auf freiem Fuß.
Warum die Ordnungshüter, obwohl zahlenmäßig überlegen, nicht die ganze Gruppe mitnahm, und warum sie den Verdächtigen so schnell wieder laufenließ, bleibt das Geheimnis der Polizei. Eine Fahndungspanne? Die Polizei lehnte eine Stellungnahme ab.
* Im September am Hackeschen Markt in Berlin.
Von Sonth., , Berg, , Klußmann und

DER SPIEGEL 42/1997
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