13.10.1997

INVESTORENScheich auf Schnäppchenjagd

Prinz Walid steigt bei den Mövenpick-Hotels ein. Der Konzern hat alles, was der Milliardär sucht: einen guten Namen und schlechte Bilanzen.
Christian Windfuhr, 52, war gut präpariert, als er im Juli nach Cannes flog. Der Generaldirektor von 40 Mövenpick-Hotels wußte sogar, wie er seinen Gesprächspartner, den er eine Seemeile vor der Küste treffen sollte, korrekt anreden muß. Dennoch überraschte ihn der Auftritt "Seiner Königlichen Hoheit" mehr als der Pomp der Luxusjacht. Durchlaucht erschien in Shorts und Poloshirt.
Prinz Walid Ibn Talal Ibn Abd el Asis, 40, hatte keine Lust auf allzuviel Förmlichkeit. Für ihn ging es darum, eine Stunde lang seinen Urlaub zu unterbrechen. Für Windfuhr ging es um letzte Details von Walids 30prozentigem Einstieg bei der Schweizer Hotelkette.
Der Sproß der saudischen Königsfamilie genießt auch ohne großes Gehabe den Respekt der Geschäftswelt. Die Zeiten sind vorbei, als man den Schnauzbartträger für einen ahnungslosen Froschkönig hielt. Mittlerweile gilt der Milliardär als kluger Märchenprinz, der mit seinem Geld jede Branche wachküssen kann.
"Ich bin zufällig über den besten Partner gestolpert, den man sich weltweit wünschen kann", sagt Windfuhr, der die Adlaten des Prinzen im vergangenen November auf einer Fachtagung in London kennenlernte. Das waren keine Teppichhändler, sondern knallharte Juristen, die in mindestens drei Sprachen und weit mehr Branchen zu Hause sind.
Wenige Wochen später besuchte Walid seinen glücklosen Adelskollegen, den Mövenpick-Hauptaktionär Baron August von Finck, in München. Man kam sich schnell näher, so daß Windfuhr nun schwärmen darf: "Ein hervorragender Deal, bei dem beide nur gewinnen können."
Der Araber hat Geld und weltweite Beziehungen, um Mövenpick-Hotels im Nahen Osten und in Afrika zu etablieren. Die Firma bot im Gegenzug einen guten Namen und schlechte Bilanzen. Das mag der Prinz, denn dann ist der Kaufpreis niedrig.
So kam Seine Hoheit, der Schnäppchenjäger, nicht nur zu der Jacht, die er dem einst konkursbedrohten Donald Trump zum Discountpreis von 18 Millionen Dollar abkaufte, sondern auch zu günstigen Beteiligungen an desolaten Fluglinien (TWA), Banken (Citicorp) und Vergnügungsparks (Euro Disney).
Das ist allemal spannender und gewinnbringender, als eine monatliche Apanage von 20 000 Dollar zu verjubeln. Soviel steht jedem von Walids 5000 saudischen Prinzen-Kollegen zu, die ihr Geld oft in Bars und Nachtclubs anlegen.
Ihn dagegen zog es früh nach Kalifornien, wo er am Menlo College ein Wirtschaftsstudium begann - so bescheiden und unauffällig, wie das ein Neffe König Fahds eben kann. Mal soll er ganze Hotelstockwerke angemietet haben, um Studienkollegen und Professoren zum Gedankenaustausch versammeln zu können. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes 1978 soll er seiner Frau im Krankenhaus zwei Privaträume mit Gemälden und teuren Tapeten ausstaffiert haben.
Richtig arm war Walid nie, auch wenn er angeblich nur mit einer 15 000-Dollar-Starthilfe vom Papa seine erste Baufirma im heimischen Riad aufzog. Nach zwei Wochen war das Geld weg, die Citibank verweigerte einen Kredit, heißt es. Bis der Jung- unternehmer seine einzige Immobilie als Sicherheit anbot: einen 130-Zimmer-Palast.
Schnell wuchs seine Holdinggesellschaft Kingdom Establishment, die vom Bauboom des Wüstenstaates profitierte. So konnte sich Walid 1988 die feindliche Übernahme der maroden United Saudi Commercial Bank leisten, die sein Beraterstab mittlerweile in eines der profitabelsten Geldinstitute Saudi-Arabiens verwandelt hat.
Ein noch größerer Coup gelang ihm drei Jahre später, als die Rating-Agentur Moody's die Aktien der ehemals größten US-Bank Citicorp auf "Junk" herunterstufte. Für rund 800 Millionen Dollar erwarb er knapp 15 Prozent, nur um eineinhalb Jahre später ein Drittel der Anteile wieder mit riesigen Gewinnen abzustoßen. Heute besitzt er als größter Aktionär noch knapp zehn Prozent, Zugang zu wichtigen Interna und ein nettes Privileg.
In der Genfer Niederlassung sind zwei Mitarbeiter rund um die Uhr nur für Walid zuständig, denn sein saudischer Arbeitstag beginnt traditions- und hitzebedingt am frühen Nachmittag. Besucher in seiner Heimat empfängt er gern unter freiem Himmel im Beduinencamp - Handy, Fax und Börsen-Monitore inklusive. "Wichtige Entscheidungen fallen meist erst nach Mitternacht", verrät ein Mitarbeiter.
"Es ist uns doch lieber, wenn er uns Sonntags früh um zwei Uhr anruft, statt zu J. P. Morgan oder zur Deutschen Bank zu gehen", sagt Michael Jensen, einer der beiden Walid-Berater. Mit zwei Milliarden Dollar in kurzfristigen Anleihen ist der kleine Prinz allzeit flüssig.
Wenn so einer zum Einkaufsbummel nach Manhattan reist, bleibt es nicht bei ein paar Souvenirs für die Familie. 1992 sicherte er sich für 100 Millionen Dollar zehn Prozent am Kaufhauskonzern Saks Fifth Avenue. Zwei Jahre später übernahm er für 120 Millionen Dollar ein Viertel des Hotelriesen Four Seasons. Im gleichen Jahr stieg er bei den Fairmont Hotels ein, bevor er schließlich die Hälfte der Anteile am New Yorker Traditionshotel Plaza erstand.
Noch spannender ist für einen wie Walid das Mediengeschäft. Mit Arab Radio Television kann der Prinz von Rom aus 22 islamische Staaten via Satellit mit TV-Kost versorgen.
Als er anfing, sich für das Fernsehimperium Mediaset des gerade klammen Silvio Berlusconi zu interessieren, "dachten so manche an einen Bluff", sagt Fedele Confalonieri, Chef der Mutterfirma Fininvest. Walid stieg mit fünf Prozent ein. Gedanken an Kooperationen mit dem Medientycoon Rupert Murdoch hat Hoheit bislang verworfen: "Das wäre für meinen Geschmack ein zu politisches Geschäft."
Weniger Berührungsängste plagten ihn beim Kauf eines zehnprozentigen Anteils an der Londoner Bürostadt Canary Wharf, gemeinsam mit dem orthodoxen Juden Paul Reichmann. Auf die Frage, wie er den Deal mit seinen moslemischen Wurzeln vereinbaren könne, antwortete Walid: "Wir sind beide orthodox - also, wo liegt das Problem?"
Und als er mit Michael Jackson die Firma Kingdom Entertainment gründete, störte ihn dessen vermutete Vorliebe für junge Knaben ebensowenig wie die Tatsache, daß Jacksons Lieder in Saudi-Arabien auf dem Index standen.
Gemeinsam wollen Ölprinz und Popkönig traditionelle Familienwerte hochhalten, vor allem aber Filme produzieren, Bücher verkaufen und Vergnügungsparks eröffnen. Davor stieg Walid bereits mit 800 Millionen Dollar in die damals hochverschuldete Betreibergesellschaft des Pariser Vergnügungsparks Euro Disney ein, die ihm seither zu 25 Prozent gehört.
Die Schnäppchenjagd geht weiter: hier ein Prozent an der Restaurantkette "Planet Hollywood", für die er 34 neue Restaurants in Europa und im Nahen Osten bauen will; dort je fünf Prozent an der kränkelnden US-Airline TWA (21 Millionen Dollar), am gebeutelten Computerproduzenten Apple (121 Millionen) und an der Kreuzfahrt-Reederei Norwegian Cruise Line Holding (21 Millionen).
Wie das alles zusammenpaßt, weiß Hoheit möglicherweise selbst nicht so genau. Aber es brachte ihm über elf Milliarden Dollar, einen Platz unter den reichsten Männern der Welt und ein gesteigertes Selbstvertrauen.
Als der damalige Apple-Chef Gilbert Amelio seinen neuen Aktionär im Frühjahr einlud, Firma und Management kennenzulernen, antwortete Walid via BUSI-NESS WEEK: "Ich versuche, es in den nächsten paar Monaten einzurichten."
[Grafiktext]
Besitz des Prinzen Walid in Millionen Dollar
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Besitz des Prinzen Walid in Millionen Dollar
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Von Tuma und

DER SPIEGEL 42/1997
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