03.09.2012

NOSTALGIEHerzlos und leer

In Berlin fordert Strauß-Freund und CSU-Urgestein Wilfried Scharnagl die Gründung eines unabhängigen Staates Bayern.
Der Tag, an dem in Berlin die Unabhängigkeit Bayerns ausgerufen wird, ist ein historischer. Es ist der Tag, an dem Horst Seehofer, Markus Söder und Alexander Dobrindt schweigen. Jeder einzelne. Seit Wochen denken sich die drei von der CSU immer neue Beleidungen aus, mal trifft es die EU, mal die Griechen, mal den lümmligen Rest der Republik, der in Bayern "Nehmerländer" heißt. Nun ist es fast Mittag und noch immer keine Attacke aus München in Sicht.
An diesem historischen Donnerstag also tritt in Berlin ein Mann mit einem Buch ans Rednerpult, um endlich die Konsequenz aus alldem zu ziehen, was Seehofer, Söder und Dobrindt so nervös, so fuchsig macht. Wilfried Scharnagl, 24 Jahre lang Chefredakteur des "Bayernkurier", fordert die Gründung eines unabhängigen Staates. "Bayern hat nicht den Platz, den Rang, die Rolle, die aufgrund seiner Geschichte, Größe und Bevölkerungszahl angemessen wäre", sagt er.
Anders als gewisse Vertreter der heutigen CSU verfügt Scharnagl, 73, über Stil und Manieren. Das Einstecktuch sitzt, die Krawattennadel steckt exakt in der Mitte des Schlipses. Er spricht mit freundlicher, warmer Stimme, ohne Beleidigungen. Man hätte ihn gern als Großvater.
Als Bayern noch Nehmerland war, in den Achtzigern also, saß Scharnagl zur Rechten von Franz Josef Strauß, bis heute gilt er als dessen Stellvertreter auf Erden. "Scharnagl schreibt, was Strauß denkt", sagte Strauß einst über ihn. "Und Strauß denkt, was Scharnagl schreibt."
Sein Buch heißt "Bayern kann es auch allein", das Cover zeigt einen weiß-blauen Schlagbaum mit dem Wappen des Freistaats. Der Schlagbaum schließt sich.
"Landkarten sind nicht für die Ewigkeit", sagt Scharnagl. "Wer hätte denn vor 25 Jahren gedacht, dass es bald ein freies Lettland, ein freies Estland, ein freies Litauen geben würde?" Wenn es selbst Lettland gelungen ist, sich vom sowjetischen Joch zu befreien, warum sollte Bayern nicht das bundesdeutsche oder europäische abschütteln?
Scharnagl hat recherchiert, er liefert Lösungsansätze, verweist auf die Unabhängigkeitsbewegungen in Belgien, im Baskenland, in Südtirol. Besonders sympathisch ist ihm der schottische Weg, die "große Hartnäckigkeit der Schotten", mit der sie ihre weitreichende Selbständigkeit erkämpften. So ähnlich könnte es gehen.
Scharnagls Idee ist nicht ohne Charme, sie enthält Chancen für alle Beteiligten. Natürlich hätte es Vorzüge, wenn der FC Bayern künftig gegen Wacker Burghausen oder die Würzburger Kickers um die Bayerische Meisterschaft kämpfen müsste - der Angstgegner Dortmund wäre dann raus, Titel wieder möglich. Und der Rest von Deutschland müsste die Eingebungen von Seehofer, Dobrindt und Söder noch weniger ernst nehmen. Das Regieren würde leichter. Und doch erscheint die Lösung zu naheliegend, zu bequem.
"Es hilft wie immer ein Blick in die Geschichte", sagt Scharnagl unweit des Brandenburger Tors. Und dann wird klar, warum man ihm dankbar sein muss für dieses Buch, warum es trotz seines selbstbewussten Titels ein Hilferuf ist und ein Beitrag zur Völkerverständigung. Plötzlich versteht man sogar als Nordmensch, warum die bayerischen Mitbürger sich bisweilen etwas seltsam verhalten.
Wer Scharnagl zuhört, erfährt von einem Land, das trotz saftiger Wiesen und ebenso saftigen Bruttoinlandsprodukts bis heute nicht mit sich im Reinen ist. Das an einem tiefsitzenden Trauma zu leiden scheint. Scharnagl geht weit zurück in die deutsche Geschichte, dahin, wo's weh tut, zum 21. Januar 1871.
An jenem Tag, als die Bayerische Abgeordnetenkammer über die Versailler Verträge abstimmte, sei es "um Sein oder Nichtsein Bayerns" gegangen. Weil eine Mehrheit für den Eintritt ins Kaiserreich votierte, sei es schließlich ein "Tag des Unheils für Bayern" geworden. Scharnagl zitiert seinen Leidensgenossen Prinz Otto von Bayern, der an der Ausrufung des Reichs teilnahm: "Welchen wehmütigen Eindruck machte es mir, unsere Bayern sich da vor dem Kaiser neigen zu sehen … mein Herz wollte zerspringen. Alles so kalt, so stolz, so glänzend, so prunkend und großtuerisch und herzlos und leer."
141 Jahre später scheint die Traurigkeit noch immer nicht überwunden. Folgt man Scharnagl, bekommt Bayern gerade heute die Folgen von 1871 zu spüren. Weil es Milliarden an fremde Länder wie Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin überweisen muss, deren Bürger ihre Tage bekanntlich in der Hängematte verbringen, statt - wie in Bayern - zu arbeiten. Seit es den Euro gibt, müssen sogar die noch fauleren Griechen, Spanier und Italiener mit durchgefüttert werden. So weit die Südsicht.
Vielleicht ist es Zeit für eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Unbewältigte Traumata sind schädlich, oft führen sie zu Verhaltensauffälligkeiten, selten enden sie gut. Vor diesem Hintergrund erklären sich selbst die Auftritte von Dobrindt und Söder. Und erscheinen in milderem Licht.
Mitleid jedoch war noch nie eine Hilfe. Wie bei allen falschen Entscheidungen gibt es auch im Falle Bayerns zwei Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen. Man kann versuchen, sie rückgängig zu machen, das wäre der Scharnagl-Weg, doch das gelingt selten. Oder man wählt die Alternative: nimmt sein Schicksal an, schaut nach vorn, hört auf zu jammern.
Bis zum Abend dieses Tages blieb es ruhig in München. Ein Anfang, vielleicht.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 36/2012
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