03.09.2012

MINDERHEITENDer Y-Faktor

Erzieher sind die begehrtesten Fachkräfte der Republik. Teure Werbekampagnen sollen mehr Männer in den Beruf locken - bisher mit geringem Erfolg.
Der Mann ist noch in der Ausbildung, aber Jobangebote hat er schon mehr als genug.
Guido Höper, 24, bringt kleinen Kindern das Beatboxing bei: ein Schlagzeug mit Mund und Händen zu imitieren, wie es Hip-Hopper zuweilen tun. Dafür zieht der sozialpädagogische Assistent in Hamburg von Kita zu Kita. Wenn der Workshop vorüber ist, sind meistens nicht nur die Kleinen begeistert. Auch die Leiter der Kindertagesstätten würden ihn am liebsten dabehalten - und das nicht nur wegen der ungewöhnlichen Lautmalerei, die er beherrscht.
Höper weiß, warum. "Die Wertschätzung wird mir auch entgegengebracht, weil ich ein Mann bin", sagt er. An der Fachschule für Sozialpädagogik ist er beurlaubt, will aber bald seinen Erzieherabschluss machen. Allein in den vergangenen Monaten hat er drei Offerten für eine Festanstellung erhalten.
Männliche Erzieher sind die wohl begehrtesten Fachkräfte der Republik, Kommunen und sonstige Kindergartenbetreiber werben um die Exoten - mit Veranstaltungen an den Fachschulen, Infoständen auf Jobmessen und allerlei Hochleister-Prosa. In Stuttgart heißt eine Kampagne "Starke Typen für starke Kinder", in Hamburg suchen Kita-Träger mit dem Slogan "Vielfalt, Mann!" nach Personal. Auch Beatboxer Höper ist auf einem der Plakate zu sehen.
Während andere Männer fürchten, bei aller Frauenförderung keine Chance mehr zu haben, kommt in der Erzieherbranche ein Y-Chromosom einer Karrieregarantie gleich.
13 Millionen Euro geben Bundesfamilienministerium und Europäischer Sozialfonds für das Modellprogramm "Mehr Männer in Kitas" aus. Die Gelder fließen unter anderem für Konferenzen, Info-Busse und Mentorenprogramme. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Männerquote bei den Erziehern zu erhöhen. Während in manchen Branchen darum gerungen wird, ob mindestens 30 oder 40 Prozent der Stellen mit Frauen zu besetzen sind, wäre man bei den Erziehern schon mit deutlich weniger zufrieden.
Das Ziel sind 20 Prozent, langfristig, und es ist noch ziemlich weit entfernt. Nach neuen Statistiken stellen Männer lediglich 3,5 Prozent des pädagogischen Personals in Kindertagesstätten, ohne Freiwillige und Hilfskräfte sind es nur 2,9 Prozent. Während sich die Quote in Flensburg, Kiel, Hamburg oder Frankfurt am Main um die 10 Prozent bewegt, ist in ländlichen Regionen mitunter nur der Hausmeister ein Mann (siehe Grafik).
An den Arbeitgebern liegt das nicht. "Wir begrüßen es, wenn unsere Einrichtungen bei gleicher Qualifikation bevorzugt Männer einstellen", sagt Sabine Herrenbrück, Leiterin des Fachbereichs Kindertagesstätten bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Deren Einrichtungen beschäftigen rund 5300 Erzieherinnen und Erzieher, darunter 165 Männer. "Die Welt da draußen ist ja auch nicht eingeschlechtlich", sagt Herrenbrück. Gemischte Teams bereicherten die Kindertagesstätten, "ideal wären gleich viele Männer wie Frauen".
Dass Kita-Träger und Politiker ihr Herz für Herren entdeckt haben, liegt nicht allein am erstrebten Proporz. In knapp einem Jahr, zum August 2013, tritt der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Geburtstag in Kraft. Es zeichnet sich ab, dass dieses Versprechen gebrochen wird. Die Regierungskoalition in Berlin muss wenige Tage vor der Bundestagswahl mit Demonstrationen rechnen, die Städte und Gemeinden fürchten Gerichtsverfahren.
Es mangele, so der Deutsche Städtetag, vor allem "an geeigneten Fachkräften, um die Tageseinrichtungen betreiben zu können". Rund 20 000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher, rechnete das Deutsche Jugendinstitut aus, müssen bis dahin die Arbeit aufnehmen. Interessenten gleich welchen Geschlechts werden deshalb hofiert, vor allem in den Großstädten. München bietet städtische Mietwohnungen und veranstaltet Schnupperwochenenden mit Stadtführung, freiem Tierpark-Eintritt und einem "Treff im Hofbräuhaus". Frankfurt verteilt Willkommenspakete und stufte Erzieher im Tarifsystem des Öffentlichen Dienstes herauf. Andernorts werden vergünstigte U-Bahn-Monatskarten oder Benzingutscheine ausgegeben.
Männer sind besonders gefragt, weil viele Eltern ihre Kinder nicht nur in die Obhut weiblicher Kräfte geben möchten. Laut einer vom Bundesfamilienministerium geförderten Erhebung findet mehr als ein Drittel der Mütter und Väter eine Kita mit männlichen Erziehern attraktiver. Je höher Bildung und Einkommen sind, desto wichtiger sind ihnen Männer in den Einrichtungen.
Iris Wagenblast, Geschäftsführerin des Kita-Trägers "Die halben Meter" in Hamburg-Eimsbüttel, kann mit einer 50-Prozent-Quote glänzen: In der Kindergartengruppe arbeiten so viele Männer wie Frauen, in der Krippe sind es weniger. Um die Männer zu halten und Kollegen zu gewinnen, macht Wagenblast Zugeständnisse bei Fortbildungen und Spezialisierungen. Auch Geld ist ein Thema. "Männer sagen, was sie verdienen wollen, sie wissen, was sie wert sind", sagt Wagenblast.
Der Verhandlungsspielraum allerdings ist klein, die Bezahlung schlecht. Männliche Erzieher mögen so begehrt sein wie Top-Manager - entlohnt werden sie meist schlechter als deren Fahrer. Die Mitarbeiter der Kampagnenzentralen berichten, dass viele Männer das Interesse verlieren, sobald sie von der Bezahlung hören. Eine Fachkraft bekommt in Vollzeit anfangs weniger, als mancher Unternehmensberater als Tagessatz einstreicht: rund 2200 Euro brutto im Öffentlichen Dienst, private Träger bezahlen oft noch weniger.
Immerhin ist das Risiko, arbeitslos zu werden, minimal - und vielleicht wächst langsam ja auch die Wertschätzung für Kleinkindpädagogen. Das könnte den Beruf für Männer interessanter machen, die bisher andere Karrieren verfolgten. Michael Baumeister, Abteilungsleiter an den Beruflichen Schulen Berta Jourdan in Frankfurt am Main, berichtet von einem Bewerber, der im feinen Anzug zum Vorstellungsgespräch erschien. Nach der Geburt seines Sohns wolle er sich beruflich umorientieren, erzählte der Mann.
Bis dahin hatte er als Banker gearbeitet. "Er war aber bisher der Einzige aus dieser Berufsgruppe", sagt Baumeister.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 36/2012
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