03.09.2012

KOMMENTARErgo-Shooter

Von Thomas Tuma
Versichern heißt verstehen" lautet das Motto der Ergo-Werbung. Selten zuvor hatte Reklame weniger mit der Realität zu tun. Denn der Konzern versteht die Welt nicht, und das wahre Ego von Ergo sieht zuweilen nicht nach sommersprossiger Anglistikstudentin aus, sondern nach Policen-Drücker, für den eine Sexreise als Prämie die schönste Belohnung darstellt. So feierten die Ergo-Top-Verkäufer im Jahr 2007 sich und ihre Bilanzen mit Prostituierten in Budapest.
Nachdem der Skandal im vergangenen Jahr aufgeflogen war, versprach Vorstandschef Torsten Oletzky schnelle Aufklärung. Und selten zuvor hat ein Top-Manager ein armseligeres Bild abgegeben. Es wurde entschuldigt und beschwichtigt, statt jenes Treibhaus einmal ernsthaft zu kartografieren, in dem diese Art von Herrengedeck-Sexismus und Provisionsgier gedeihen konnte. Ein interner Revisionsbericht zeigt indes, dass die Ergo-Shooter sogar mehrmals einen jamaikanischen Swingerclub frequentierten, für "Fun-Leute ohne Hemmungen", wie es in einem Internet-Reisebericht begeistert heißt. Nein, Hemmungen kannten sie wirklich nicht. Wie ernst soll man solche Versicherungsverkäufer nehmen? Was für ein Weltbild vertreten die im Kleinstgedruckten ihres eigenen Wertekanons? Und was macht der Konzern in diesem Fall? Er geht gegen das "Handelsblatt" vor, weil das aus dem Revisionsbericht zitierte, und beruft sich dabei aufs Urheberrecht.
Selten hat sich eine Firma so unbelehrbar präsentiert. Das Grundkapital einer Versicherung ist nicht nur das Geld seiner Kunden, sondern beiderseitiges Vertrauen. Das haben Sie verspielt, Herr Oletzky. Aber Sie wären sicher gut abgesichert, wenn Sie sich jetzt verabschieden würden. Auch wenn Sie's immer noch nicht verstehen.
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 36/2012
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