03.09.2012

FLUGGESELLSCHAFTENDrei gegen den Rest

Der Streik ihres Kabinenpersonals ist für die Lufthansa nur der Auftakt: Auch andere Berufsgruppen des Konzerns könnten bald mit Arbeitskampf drohen.
In deutschen Großunternehmen gilt seit Jahrzehnten ein ungeschriebener Brauch: Der Aufsichtsratsvorsitzende redet dem Vorstand nicht ins Tagesgeschäft rein. Natürlich hat auch diese Regel eine Ausnahme: wenn die Firma in einer extrem kritischen Situation steckt.
Richtig gut scheint es der Lufthansa nicht zu gehen. Warum sonst hätte Chefkontrolleur Jürgen Weber, 70, jüngst in einem "Zeit"-Interview derart Alarm schlagen sollen? "Besser, man lässt es zum großen Knall kommen, bevor sich das Unternehmen aus dem Wettbewerb katapultiert", empfahl der Ex-Konzernlenker seinem Zögling Christoph Franz und dem fürs Fluggeschäft zuständigen Vorstand Carsten Spohr. Beide führen mit der Kabinengewerkschaft UFO (Unabhängige Flugbegleiterorganisation) gerade einen heftigen Tarifstreit um Entlohnung und Arbeitsbedingungen für einen Großteil der rund 18 000 festangestellten Flugbegleiter.
Franz und Spohr erfüllten den Wunsch des Alten - und ließen es mal richtig knallen: Statt nach dem Scheitern der Verhandlungen Anfang vergangener Woche einem Schlichtungsverfahren zuzustimmen, ließen sie den seit über einem Jahr schwelenden Konflikt weiter eskalieren und nahmen bewusst den ersten großen Arbeitskampf von Flugbegleitern in der Geschichte des Unternehmens in Kauf.
Genervt davon waren erwartungsgemäß am Freitag vergangener Woche Tausende Geschäftsreisende und Urlauber. Von den eigentlich bis zum Mittag geplanten 360 Flügen fiel fast die Hälfte aus, der Flughafen Frankfurt war bis 14 Uhr fast lahmgelegt. Im Terminal 1 zogen sich die Schlangen wartender Passagiere durch mehrere Gebäudeteile.
Selbst im luxuriösen und gewöhnlich eher ruhigen First-Class-Terminal herrschte Ausnahmezustand. Wütende Vielflieger raunzten Lufthansa-Mitarbeiter an. Derweil skandierten Flugbegleiter direkt gegenüber am Tor 20 Parolen gegen ihren obersten Chef Franz. "LH = Hartz IV - Dr. Franz wir danken Dir", hieß es auf einem mitgeführten Plakat, oder: "KaputtgeSPOHRt und ausgeFRANZt".
Nicoley Baublies, 39, konnte zufrieden sein mit seinem ersten Streiktag. Er ist UFO-Vorsitzender und im Hauptberuf Kabinenchef bei der Lufthansa. Sein schlimmstes Problem am vergangenen Freitag: ein leerer Handy-Akku. Sein größter Triumph: Seit April habe man rund 2000 neue Lufthansa-Angestellte als Mitglieder gewonnen.
Dabei geht es in dem Konflikt nur vordergründig um Gehaltsforderungen von fünf Prozent mehr und eine Gewinnbeteiligung für die Kabinenmitarbeiter und ihre Chefs, im Airline-Jargon Purser genannt. Tatsächlich spielen ganz andere Fragen eine Rolle, etwa: Gelingt es der Lufthansa, ihr ehrgeiziges Sparprogramm "Score" vom Februar umzusetzen, ohne den sozialen Frieden im Konzern nachhaltig zu gefährden?
Mit dem Kürzungskatalog will der Konzern bis 2014 anderthalb Milliarden Euro einspielen, unter anderem zu Lasten der Bordbeschäftigten.
Bereits heute hat der Konzern auf Strecken von und nach Berlin günstige Leiharbeitskräfte für die Betreuung der Passagiere an Bord angeheuert. Geht es nach den Scharfmachern im Konzern, soll das Modell künftig auch für einen eigens gegründeten Billigableger auf Basis der Lufthansa-Tochter Germanwings gelten. Der soll den gesamten Europa-Verkehr abseits der großen Drehscheiben in München und Frankfurt abwickeln.
Und das ist noch nicht alles: Um gegen Golfstaaten-Wettbewerber wie Emirates oder Etihad zu bestehen und die Verluste auf vielen europäischen Strecken einzudämmen, will die Lufthansa auch den selbstbewussten Piloten ein Sparopfer abringen. Zusätzlich möchte sie in der Verwaltung bis zu 3500 Jobs streichen - in der einstmals so heilen Lufthansa-Welt ein Sakrileg, das Zündstoff für weitere Arbeitskämpfe im Herbst liefern dürfte.
Anders sei die Schlacht um die Gunst des Kunden in Zukunft nicht zu gewinnen, hämmern Franz und Spohr ihren Truppen in der Mitarbeiterzeitschrift "Lufthanseat" immer wieder ein. Und ausgerechnet im Kampf gegen die eigene Belegschaft können die beiden Top-Manager neuerdings auf einen starken Verbündeten zählen: ihren Oberaufseher Weber.
Als Vorstands- und später auch als Aufsichtsratschef hatte der knorrige Badener Billigflieger wie Ryanair und Easyjet oder die aggressiven Wettbewerber vom Golf einst massiv unterschätzt. Die Aldi-Airlines würden in Europa allenfalls einen Marktanteil von 4 Prozent erreichen, prognostizierte Weber früher. Tatsächlich sind es heute rund 40 Prozent.
Ausgerechnet Weber, der Konflikte mit Gewerkschaften und der eigenen Belegschaft in seiner späten Amtszeit als Konzernchef gern an den zuständigen Personalvorstand delegierte, treibt seine Nachfolger nun zu Härte und Eile an - vielleicht auch im eigenen Interesse: Im Mai 2013 will er seinen Job als Oberkontrolleur an Ex-Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber übergeben und seinem Nachfolger ein wohlbestelltes Haus hinterlassen.
Das dürfte schwierig werden. Neben dem Zoff mit der Kabinengewerkschaft UFO könnten der Lufthansa schon bald ähnliche Konflikte mit der Pilotenvereinigung Cockpit und der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di drohen.
Bereits in der nächsten Woche treffen sich Konzernunterhändler mit Vertretern der Pilotengewerkschaft zu erneuten Gehaltsgesprächen. Sollten die Verhandlungen scheitern, könnten demnächst auch die Flugzeugführer den Ausstand proben - und sich womöglich sogar mit den Kabinenbeschäftigten verbünden. Die Piloten sind durch einen Alt-Tarifvertrag mit der Geschäftsführung ohnehin besser vor Lohndumping und Auslagerung ihrer Jobs geschützt als die Kabinenbeschäftigten.
Wahrscheinlich mucken sogar die Bodenbeschäftigten auf. Sie sind vor allem bei der Großgewerkschaft Ver.di organisiert. Schließlich schwindet auch im Management der Rückhalt für den Sparkurs der Konzernspitze.
Seit die rund 1200 obersten Führungskräfte des Konzerns bei einem Treffen mit Vorstandsmitgliedern Anfang Februar erfuhren, dass auch bei ihnen ein Viertel der Stellen eingespart werden soll, sind sie zutiefst verunsichert. Einige der rund 300 Top-Manager, die bald gehen sollen, stecken aus Wut immer wieder vertrauliche Informationen nach außen durch. Hauptzielscheibe ist in der Regel die Troika aus Weber, Franz und Spohr.
Im Aufsichtsrat grummelt es ohnehin, weil Weber trotz heftiger Proteste an Mayrhuber als seinem Wunschnachfolger an der Aufsichtsratsspitze festhält. Kritiker halten dem umgänglichen Österreicher vor, er habe der Airline mit Rückendeckung seines Mentors Weber einen Großteil der aktuellen Probleme überhaupt erst eingebrockt.
Gesprächsstoff dürfte es auf der nächsten Aufsichtsratssitzung am 19. September also reichlich geben. Ob bis dahin auch der aktuelle UFO-Streik beendet ist, scheint fraglich.
Die Aktionen vom Freitag vergangener Woche seien nur ein erster Nadelstich gewesen, brüstete sich Gewerkschafter Baublies nach dem erfolgreichen Ausstand. Immerhin war es ihm gelungen, zeitweise das gesamte Vorfeld lahmzulegen. "Wir werden auf jeden Fall weitermachen und unsere Aktionen ausdehnen", kündigte der UFO-Chef an. Und ein Kollege von Baublies droht: "Das nächste Mal holen wir statt der Nähnadel allerdings die Stricknadel raus."
Von Dinah Deckstein und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 36/2012
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