03.09.2012

NAHOSTDer Fluch des Propheten

Ein uralter Konflikt verschärft die Kämpfe in der islamischen Welt: Der Bürgerkrieg in Syrien macht deutlich, wie hasserfüllt sich Sunniten, Schiiten oder Alawiten gegenüberstehen.
In den Ländern des islamischen Glaubens verschwimmt oft die Grenze zwischen gestern und heute. Dann wirkt es so, als wäre die Vergangenheit nicht vergangen, schon gar nicht vergeben. Furchtbar lebendig kann sie dann werden - und furchtbar tödlich wirkt sie, immer wieder, jeden Tag.
Am Donnerstag voriger Woche tagte in der iranischen Hauptstadt Teheran der Gipfel der Blockfreien Staaten in aller Welt. Aber auf einmal ging es auch um 1300 Jahre alte Schlachten, Morde, Machtkämpfe. Denn geladen zum Gipfel hatte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Ein Schiit. Neben ihm auf dem Podium saß Mohammed Mursi, Ägyptens neuer Präsident. Ein Sunnit.
Mursi begann seine Rede mit dem Propheten Mohammed, aber dann sagte er: "Möge Allahs Segen ruhen auf unseren Meistern Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali." Iranische Medien verstanden das sofort als Provokation.
Denn Abu Bakr, Umar und Uthman waren die Nachfolger Mohammeds, damals nach dem Jahr 632, nach dem Tod des Propheten. Sunnitische Muslime verehren die drei als die ersten Kalifen - aber schiitische Muslime hassen sie als Usurpatoren, Verräter am Glauben, ihre Namen sollen nicht genannt werden. Der wahre Nachfolger sei Ali gewesen, ihr erster Imam, der später gegen die anderen kämpfte, bis er ermordet wurde.
Und dann sprach der Sunnit Mursi über die Gegenwart, über Syrien, wo Baschar al-Assad die zumeist sunnitischen Rebellen massakrieren lässt, Assad, der zur schiitennahen Gruppe der Alawiten gehört, genau wie seine Führungsclique: "Ohne Einmischung von außen wird das Blutvergießen nicht aufhören." Assads Regime habe jede Legitimation verloren, sagte Sunnit Mursi - während neben ihm der Schiit Ahmadinedschad saß, der genau dieses Regime mit Waffen und nun wohl auch Männern stützt.
Dabei muss Mursi wissen: Wer auch immer in Syrien eingreift, kann sich schnell im Krieg befinden mit Iran. Und die Frontlinien zwischen Sunniten und Schiiten ziehen sich durch viele Länder des Nahen Ostens. Wer an einem Ende zündelt, gerät womöglich noch ganz woanders unter Feuer.
Der Arabische Frühling von Tunesien bis Bahrain begann als Rebellion gegen Despoten und ihre raubgierigen Clans, er begann mit dem Ruf nach Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand. Doch jetzt geraten die Aufstände immer stärker in den Strudel dieser uralten Konkurrenz zwischen den Lagern des Islam: jenem der Sunniten und dem der Schiiten.
Es ging damals kurz nach Mohammeds Tod schon um die Macht, und es geht heute um die Macht. Aber wie tektonische Platten, die nach langen Phasen der scheinbaren Ruhe berstend in Bewegung geraten, reiben sich tief darunter die Glaubensgruppen aneinander. Schon oft entlud sich die Spannung in Gemetzeln wie denen des irakischen Bürgerkriegs, der 2004 begann, aber nie recht aufgehört hat. Erst Ende Juli töteten 27 Sprengsätze innerhalb weniger Stunden 107 Menschen - die meisten Opfer waren Schiiten, als Bombenleger gelten Sunniten.
Doch selten sind so viele Länder und Regime gleichzeitig in Bewegung geraten wie seit Beginn der arabischen Rebellion, die in Nordafrika, dem Jemen, Syrien und Bahrain die erstarrten Despotien gestürzt, in die Krise oder einen offenen Krieg getrieben hat. Auch in Jordanien, Kuwait, Saudi-Arabien rumort es, im Irak haben alle Angst voreinander und in Iran vor einem Angriff Israels.
Begonnen haben die Aufstände ähnlich: Untertanen wollten ihre Diktatoren loswerden, sie forderten ein Ende der Willkürherrschaft. Doch was als politischer Kampf anfing, hat neue Ängste geschürt an alten Fronten.
Treten die Sunniten in Syrien an gegen das Regime der Alawiten, bekommen sie Hilfe von den Sunniten in Saudi-Arabien und Katar. Während Iran dem Regime in Damaskus beisteht mit Geld, Waffen und, neuerdings, Truppen.
Treten die Schiiten in Bahrain an gegen ihren sunnitischen König, bekommen sie Beifall aus Iran und vom syrischen Regime. Während Saudi-Arabien den Despoten stützt.
Seit Jahren haben Vertreter der schiitischen Bevölkerungsmehrheit in Bahrain mehr Rechte von ihrem König gefordert, in dessen Reich sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Lange gärte der Konflikt, aber im Schwung der arabischen Revolutionen gingen auch in Bahrain Zigtausende auf die Straße.
Als der Golfkooperationsrat, ein Zusammenschluss vor allem der Ölstaaten am Golf, im März 2011 zusammenkam, beschloss er: Libyens Oberst Gaddafi habe zurückzutreten, weil er mit dem Einsatz von Panzern gegen das eigene Volk alle Legitimität verloren habe. Kurz darauf schickte Saudi-Arabien Panzer nach
Bahrain, um die friedlichen Proteste dort niederzuwalzen.
Auch das Schweigen von al-Dschasira und al-Arabija, den beiden großen Satellitensendern aus den Sunniten-Staaten Saudi-Arabien und Katar, ist bezeichnend. An manchen Tagen berichten sie stündlich über das Morden in Syrien, die Gewalt in Bahrain beachteten sie kaum.
Im Gegenzug beklagen die syrischen Staatsmedien das harsche Vorgehen gegen die schiitisch dominierte Opposition in Bahrain, während das Regime im eigenen Land zu Flächenbombardements ganzer Stadtviertel übergegangen ist, in denen vor allem Sunniten leben.
Der Krieg des Regimes in Damaskus gegen die zumeist sunnitischen Aufständischen gibt nicht nur dem Kampf innerhalb Syriens immer deutlicher konfessionelle Züge. Er zieht auch beide Lager von außen mit hinein: Kader der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und iranische Eliteeinheiten helfen dem Regime. Auf der anderen Seite haben sich libysche Freiwillige den Aufständischen angeschlossen, die aus Saudi-Arabien etwas und aus Katar viel Geld erhalten.
Im Irak nehmen Anschläge sunnitischer Radikaler wieder zu, im Gegenzug drängt die schiitische Regierung Sunniten aus Machtpositionen. In Pakistan morden sunnitische Terrorgruppen Schiiten, und selbst eine Schiiten-Moschee in Belgien wurde im März von einem Brandanschlag getroffen, bei dem der Imam starb. Der mutmaßliche Täter, ein radikaler Sunnit, gab nach seiner Festnahme an, aus Rache für Irans Waffenhilfe an Syrien gehandelt zu haben.
Zwar stellen Schiiten nur 10 bis 13 Prozent der weltweit 1,4 Milliarden Muslime. Aber rund um den Persischen Golf sind sie deutlich stärker vertreten: 90 Prozent der Bevölkerung in Iran sind Schiiten, 70 Prozent in Bahrain, über 60 Prozent im Irak, 35 Prozent in Kuwait, etwa 10 in Saudi-Arabien. Im islamischen Kosmos, wo Macht und Glaube einander stets durchdrungen haben, werden politische Konflikte oft zu religiösen. Und damit zu Machtfragen entlang einer der großen Frontlinien.
So, wie alles einst mit einer Machtfrage begann. Denn als der Prophet Mohammed starb, hinterließ er ein Problem, das zum Fluch seiner Religion werden sollte: seine Nachfolge. Mohammed war, anders etwa als Jesus, nicht nur ein Prophet. Mohammed war Prophet und Feldherr zugleich, er war geistlicher und politischer Führer und hinterließ eine entsprechend große Lücke. Rasch entspann sich ein Streit, ob der legitime Nachfolger aus dem Kreis der Gefährten bestimmt werden sollte oder ob es in erster Linie ein Verwandter Mohammeds sein müsse. Beispielsweise Ali Bin Abu Talib, Mohammeds Cousin und Schwiegersohn. Dessen Gruppierung hieß "Schiat Ali" ("Partei Alis"), daher stammt der Name Schiiten. Doch zunächst setzte sich die andere Fraktion durch, erst beim vierten Anlauf wurde Ali Kalif, 661 wurde er ermordet.
Über zwei Jahrzehnte zog sich dann dieses erste Ringen um die Macht, bis etwas Seltsames geschah: In der Schlacht von Kerbela im Irak vernichtete eine feindliche Armee Alis Sohn Hussein und dessen letzte Getreue. Der Kampf war entschieden, die "Schiat Ali" hatte verloren.
Doch statt in Vergessenheit zu versinken wie so viele andere Abspaltungen, erstarkten die Schiiten: Husseins Untergang war "der big bang, der den rasch expandierenden Kosmos des Schiitentums erschafft und in Bewegung setzt", so der Tübinger Schia-Experte Heinz Halm. "Für die Schiiten ist Kerbela der Dreh- und Angelpunkt ihres Glaubens." Eines Glaubens also, der in der Niederlage wuchs, sich durch den Widerstand definiert.
Innerhalb des Islam etablierten sich so zwei konkurrierende Konzepte: die Sun-
niten (nach der Sunna, dem Kanon der Überlieferungen Mohammeds) sehen Macht und Glauben als Einheit. Die Schiiten hingegen hatten über Jahrhunderte kaum Macht, ihnen blieb nur der Mythos des Religionshelden Ali.
Die Linie der Imame, der Nachfahren Alis, setzte sich noch zwei Jahrhunderte fort. Der Legende nach verschwand der zwölfte Imam ungefähr im Jahr 874 in die Entrückung. Als Vollstrecker der göttlichen Ordnung soll er dereinst wieder auftauchen.
Doch wenn jede legitime Herrschaft auf Erden warten muss bis zur Rückkehr des entrückten Imam, was heißt das für alle realen Mächte? Wenig Gutes, denn die wahre Loyalität der Schiiten ist ja bereits anderweitig vergeben.
Die Folge ist ein immerwährendes Misstrauen sunnitischer Herrscher gegenüber ihren schiitischen Untertanen. Meist blieben Rollenverteilung und Spannungsverhältnis gleich: Sunnitische Kalifen herrschten über schiitische Untertanen, denen häufig der Zugang zum Militär, zu den Spitzenpositionen bei Hofe verwehrt blieb.
Im 16. Jahrhundert dann kämpfte sich das Geschlecht der Safawiden in Iran an die Macht und zwang die Untertanen unter den schiitischen Islam. Damals entstand die bis heute schwelende Konkurrenz zwischen dem schiitischen Iran und dem mehrheitlich sunnitischen Arabien. Dessen geistliches Zentrum verschob sich nach dem Untergang des Osmanischen Reiches vor allem gen Arabien: wo Mekka und andere heilige Stätten liegen und wo der junge Abd al-Asis Al Saud ein religiöses Bündnis seiner Vorväter nutzte, um ab 1902 weite Teile der Arabischen Halbinsel zu erobern - das heutige Saudi-Arabien.
Dort wurde die besonders engstirnige wahhabitische Version des sunnitischen Islam zum Staatsglauben. Die Schiiten in den eroberten Ostprovinzen wurden als Ketzer verdammt. Dann kam das Öl. Quelle um Quelle wuchs das saudische Königreich zu einem der größten Energielieferanten der Welt und finanzierte mit gigantischen Beträgen weltweit wahhabitische Prediger. Doch die riesigen Ölfelder liegen allesamt im Osten. Dort, wo die Schiiten leben.
Würden sich die Schiiten lossagen von Saudi-Arabien, wäre es vorbei mit dem Ölreichtum. Sie wiederum einfach zu Bürgern mit gleichen Rechten zu machen wäre eine Kriegserklärung an das religiöse Establishment Saudi-Arabiens sowie weite Teile der im Hass erzogenen Bevölkerung. Und die ist weit konservativer als ihr 88-jähriger Monarch Abdullah, dem es bislang nicht einmal gelungen ist, den Frauen das Autofahren erlauben zu lassen.
Dieselbe Front zwischen Sunniten und Schiiten zieht sich auch durch den Irak. In den Jahrzehnten der eisernen Diktatur des Sunniten Saddam Hussein war Glaube dort Privatsache - nicht, weil die Iraker sich dafür entschieden hätten, sondern weil jede Parteinahme den Staat her-ausgefordert hätte und deshalb lebensgefährlich war. Selbst während des Krieges mit Iran ab 1980 schossen acht Jahre lang auch Glaubensgenossen beider Seiten aufeinander. Viele irakische Soldaten waren Schiiten - so wie die meisten Iraner auf der anderen Seite der Front.
Nachdem die US-Armee 2003 Saddams Regime in 19 Tagen beiseitefegte, kämpften irakische Sunniten bald gegen die Amerikaner, weil die sie von der Macht vertrieben hatten. Auch Schiiten bekämpften die Amerikaner. Aber vor allem brachten Fanatiker beider Gruppen einander um, erschütterten ab 2004 oft mehrere Anschläge pro Tag allein Bagdad.
Karl Marx schrieb, Religion sei das Opium des Volkes. Aber ebenso ist sie Kokain für die Kampfbereiten: ein erstklassiges Mittel, Gruppen gegeneinander aufzuhetzen. Bis heute ist der Irak gespalten, sind Stadtviertel, Verwaltungen, ist selbst die Müllabfuhr konfessionalisiert. Die Macht hält nun eine schiitische Regierung unter Premier Nuri al-Maliki. Und wenn es um die sunnitische Minderheit geht, regiert im Irak die Furcht, sie könnte sich gestärkt fühlen durch den nahenden Untergang des syrischen Regimes - und abermals den eigenen Staat bedrohen.
Der Streit der Glaubensfraktionen wirkt jetzt auch deshalb so virulent, weil die vermeintlich feindlichen Kräfte von außen schwächer werden. Der Westen und vor allem die USA sind nicht mehr so wichtig, die Besatzung des Irak ist vorbei, in Syrien wollen die USA sich am liebsten nicht einmischen, und die Revolutionen haben sie kalt erwischt. Als der Golfkooperationsrat den Einmarsch in Bahrain absegnete, wurden die Amerikaner nicht einmal gefragt, obwohl dort die Fünfte US-Flotte der US-Marine stationiert ist. Wichtiger war die Angst Saudi-Arabiens davor, dass eine schiitische Machtergreifung in Bahrain gleich neben der eigenen schiitischen Minderheit die Hoheit über die gesamte Ölförderung gefährden würde.
Dabei ist der Durchmarsch der Sunniten angesichts des absehbaren Sturzes Assads letztlich bloß eine Anpassung an die demografischen Verhältnisse, leben in Syrien doch deutlich mehr Sunniten als Alawiten.
So wie nach 2003, als die schiitische Mehrheit die Macht im Irak übernahm und zugleich die schiitische Hisbollah im Libanon auf dem Vormarsch war. Noch 2005 warnte Jordaniens sunnitischer König Abdullah II. vor einem "schiitischen Halbmond", der von Beirut über Bagdad bis nach Teheran reichen werde. Nun schlägt das Pendel in die andere Richtung.
Während der Revolutionen in Tunesien, Libyen und Ägypten wirkte es eine Zeitlang so, als spiele der Graben zwischen Sunniten und Schiiten keine große Rolle. In Syrien sieht das anders aus, und auch deshalb ist dies ein besonders gefährlicher Aufstand.
Der Islam kennt eine apokalyptische Weissagung, die manche dem Propheten Mohammed zuschreiben. Es ist ein Fragment nur, die Legende von dem Teufelswesen "Sufjani". Der "Sufjani" werde dereinst Tod und Verderben über die Gläubigen bringen. Und er werde, so Mohammed angeblich, irgendwo aus der Erde unter Damaskus emporsteigen.
(*1) Selbstgeißelung zu Ehren des schiitischen Imam Hussein am 6. Dezember vergangenen Jahres in Quetta.
(*2) Mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon (l.) und Irans Außenminister Ali Akbar Salehi (3. v. l.) am Donnerstag vergangener Woche in Teheran.
Von Christoph Reuter

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