03.09.2012

PALÄSTINAMerkwürdige Infektion

Die Causa Arafat ist zum handfesten Kriminalfall geworden, seine Witwe treibt die Ermittlungen voran. Wenn aber der Palästinenserführer wirklich vergiftet wurde - wer war am Mord interessiert?
Sie habe es ja schon immer gewusst, sagt Suha Arafat. Einer wie Jassir Arafat stirbt nicht einfach so, weil sein Körper plötzlich aufgibt, auch wenn er 75 ist. So einer wird umgebracht, vergiftet, verstrahlt, von Feinden oder Rivalen. Viele haben das vermutet, aber nie gab es einen Beweis, und acht Jah-re nach dem Tod des Pa-lästinenserführers schien es, als würde das auch so bleiben.
Bis vor zwei Monaten das Institut für Strahlenphysik in Lausanne mitteilte, man habe "eine potentielle Kontamination mit einer tödlichen Menge von Polonium-210" auf Unterhose, Mütze und Zahnbürste Arafats gefunden. Polonium-210: ein radioaktives Schwermetall, kaum nachzuweisen, geschmacklos, tödlich bereits bei 0,1 Mikrogramm.
Die Proben hatte Suha Arafat, 49, die Witwe, eingereicht, assistiert vom Fernsehsender al-Dschasira, und seither ist aus jahrelangen Verschwörungstheorien ein handfester Kriminalfall geworden. Vor allem, seit die Witwe Anzeige erstattete und vergangene Woche die französische Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes einleitete.
Die Frau, die all das ins Rollen brachte, ist schwer zu finden. Selbst der Taxifahrer braucht lange, über kurvige Straßen geht es zum Wohnsitz von Suha Arafat auf Malta, eine halbe Autostunde von der Hauptstadt entfernt. Ein unscheinbares Haus am Hang, der Vorgarten zu winzig für Gartenpartys, davor ein koreanischer Kleinwagen.
Seit über zwei Jahren lebt Suha Arafat hier mit ihrer Mutter. Ihre Tochter Sahwa, 17, geht in Frankreich aufs Internat.
Die Witwe öffnet, sie trägt Kleid und flache Schuhe, eher Hausfrau als Teufelin, die die Palästinenser hassen, seit sie den Mann heiratete, der doch nur mit Palästina verheiratet sein sollte; verhasst aber vor allem, nachdem sie 1995 von Gaza nach Paris umzog, weil sie es dort komfortabler fand.
Sie redet über den Verdacht, den sie mit sich trug, seit jenem 12. Oktober 2004, an dem Arafats Krankheit begonnen haben soll: mit Bauchschmerzen, Durchfall und Übelkeit. Symptome, die schlimmer wurden, bis er, dünn wie ein Vögelchen, mit Trainingsanzug und Wollmütze von Ramallah in ein Militärkrankenhaus bei Paris gebracht wurde, wo er am 11. November starb. Der Verdacht: dass so kein natürlicher Tod aussieht.
Im Studio von al-Dschasira hat Suha Arafat mit Tränen in der Stimme Aufklärung verlangt, und jetzt, hier in ihrem Wohnzimmer, wo ein Arafat-Bild an der Wand hängt, sieht sie sich ihrem Ziel nahe. "Ich bin sehr zuversichtlich", sagt sie, "dass der ganze Prozess in kürzester Zeit ein positives Ende nehmen wird und wir endlich die Wahrheit erfahren." Das sei kein Wunschdenken, es gebe Gründe für so viel Optimismus.
Alle 138 Tage halbiert sich bei Polonium-210 die Strahlung, es muss jetzt schnell gehen. Daher könnte die Leiche schon in den nächsten Wochen untersucht werden, glaubt Saad Djebbar, einer von Suha Arafats Pariser Anwälten. Die französische Justiz sei zuständig, sagte er im Fernsehen, da der Mord in Palästina seinen Anfang genommen und in Frankreich geendet habe. Und er schob den merkwürdigen Satz hinterher, Suha Arafat wolle vermeiden, dass die Palästinensische Autonomiebehörde die Aufklärung behindere.
Es ist ein Satz, der Taufik Tirawi wütend macht, denn der Vorwurf richtet sich auch gegen ihn. Der General war Arafats Geheimdienstchef, seit zwei Jahren leitet er eine Kommission, die die Todesursache von Jassir Arafat ermitteln soll. Seit dem Polonium-Scoop muss Tirawi jetzt oft erklären, wieso nicht er, sondern al-Dschasira auf die Idee kam, in Arafats Unterhose nachzuschauen.
In den drei Jahren vor Arafats Tod, in denen der Palästinenserführer wegen der israelischen Belagerung die Mukataa, seinen Regierungssitz in Ramallah, nicht verlassen konnte, traf Tirawi ihn fast täglich. "Ich habe genau gesehen, wie es ihm immer schlechter ging. Zuerst hatte er Flecken im Gesicht, dann übergab er sich ständig, er verlor Gewicht, die Haut löste sich von seinen Füßen, so dass er nur noch Sandalen tragen konnte." Dann sagt er noch: "Wir waren uns immer sicher, dass die Israelis Arafat vergiftet haben."
Es habe eben nur das letzte Puzzleteil gefehlt, das al-Dschasira nun zufällig entdeckt habe. So sieht er das. Er behauptet, seine Kommission habe unermüdlich ermittelt, im Geheimen natürlich, denn so was mache man ja unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu Ergebnissen kann oder will er nichts sagen, außer: Man sei durchaus erfolgreich gewesen.
Nicht nur Suha Arafat, auch viele Palästinenser in Ramallah sehen das anders. Sie glauben, dass die Autonomiebehörde sich nie so richtig angestrengt hat, den Tod aufzuklären. Ein halbes Jahr nachdem Arafat gestorben war, wurde die erste Untersuchungskommission aufgelöst, erst 2010 wurde sie wieder eingesetzt.
Dabei hätten die Palästinenser Gründe gehabt, ein wenig mehr nachzuforschen. Schließlich wirft der 558-seitige Bericht der französischen Klinik zum Tod ihres Nationalhelden mehr Fragen auf, als er Antworten gibt. Zum Beispiel: Warum hat Suha Arafat eine Leberbiopsie verweigert? Wieso hat niemand eine Autopsie der Leiche gefordert? Wie kann es sein, dass die besten Ärzte Frankreichs die Ursache dieser merkwürdigen Infektion nicht fanden, die das Blut verklumpen ließ, was zum Schlaganfall führte? Will die französische Regierung die Todesursache vielleicht geheim halten?
Überhaupt, warum fehlt so vieles in dem Bericht, der wirkt, als habe "damit jemand herumgespielt", wie Avi Issacharoff von der Zeitung "Haaretz" sagt? Auch sei es doch komisch, fügt er an, dass ausgerechnet er, ein israelischer Journalist, den geheimen Abschlussbericht als Einziger veröffentlichte. Und nicht die Autonomiebehörde oder Suha Arafat.
Es gibt viele Ungereimtheiten, viele Gerüchte, sie fangen damit an, dass Arafat an Aids gestorben sei, dass Arafats Rivalen ihn vergifteten, doch wer nach Motiven für einen Mord sucht, der kommt an Israel nicht vorbei.
Premierminister Ariel Scharon sagte 2002 einer israelischen Zeitung, er bedaure, dass er Arafat im Libanon-Krieg nicht getötet habe. 2003 sagte sein Vizepremier Ehud Olmert, um Arafat loszuwerden, sei Mord eine Option. Aber ist das ein Beweis?
Wer mit Israelis spricht, erntet vor allem eine Antwort: "Das hat mit uns nichts zu tun." So sagt es Dov Weissglass, damals Scharons Bürochef: "Wir haben Arafat nicht auf dem Höhepunkt des Terrors getötet, warum also 2004, als er isoliert in der Mukataa saß und sein politischer Einfluss bereits abnahm?"
Aber Polonium-210 bekommt man nicht im Supermarkt. Es gibt nur wenige Länder, die es herstellen können, man braucht dafür einen Nuklearreaktor. Und Israel soll bereits in der Vergangenheit über Polonium verfügt haben.
Eine andere Frage ist: Warum all das jetzt, acht Jahre nach Arafats Tod und sechs Jahre nach dem Tod des Russen Alexander Litwinenko, dem ersten bekannten Polonium-Anschlagsopfer?
Suha Arafat sagt, es sei die Suche nach Wahrheit, die sie antreibe. Aber vielleicht hat es auch damit zu tun, dass sie nicht nur in Ramallah, sondern auch in Frankreich und Tunesien in Ungnade gefallen ist, wo man wegen dubioser Geldflüsse und Korruption gegen sie ermittelt. Noch immer hängt ihr das Gerücht an, sie habe mit dazu beigetragen, nach dem Tod Arafats 300 Millionen Dollar verschwinden zu lassen. Die Rolle der rächenden Witwe im Namen des palästinensischen Volkes käme ihr sicher nicht ungelegen.
In Ramallah ist der Enthusiasmus über die Ermittlungen verhaltener, auch weil man al-Dschasira verdächtigt, am Sturz von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu arbeiten. Aber sie wissen natürlich, dass die Suche nach Arafats Mörder ihnen nutzen kann. Keine Verhandlungen mit Israel, Hamas und Fatah weiterhin tief zerstritten, die Wirtschaft im Abschwung - ein vergifteter Märtyrer käme gerade richtig, um von Stillstand und Orientierungslosigkeit abzulenken. Und deswegen erzählt diese Debatte vielleicht mehr über die Situation der Palästinenser als über Arafats Tod. "Bis heute haben wir vermieden, Israel für Arafats Tod verantwortlich zu machen", sagt Nimar Hamad, der politische Berater von Abbas. "Aber wenn wir Polonium in seiner Leiche finden, ist zu 99,9 Prozent sicher, dass es Israel war. Das würde uns helfen, weil es beweist, dass Israel keinen Frieden will." Sie würden ein Sondertribunal verlangen, "wie jenes, das den Mord an dem libanesischen Ex-Premier Rafik al-Hariri aufklären sollte. Nur, dass bei Arafat die Indizien eindeutiger sind als bei Hariri".
Wie sähe Palästina aus, wenn Arafat noch leben würde? "Die Situation wäre vermutlich schwieriger", sagt General Tirawi vorsichtig. Nimar Hamad lächelt nur. Es findet sich kaum einer, der Arafat heute noch gern zum Präsidenten hätte. Aus den Straßen ist sein Gesicht weitgehend verschwunden. Nicht mal in seinem Mausoleum am Rande der Mukataa kann man Arafat zurzeit besuchen. Männer schieben Schubkarren vorbei, Schutt türmt sich auf, es sind die letzten Arbeiten, die Arafats zerschossene Regierungszentrale in einen schmucken Amtssitz verwandeln sollen.
"Nicht fertig", sagt der Wachmann und wedelt Besucher hinaus. Die Blumenkränze sind weggeräumt, die Ehrengarde ist anderswo, nur ein einsamer Gedenkstein steht in dem Kubus, darunter in einer Gruft: der Sarg. Darin ruht Arafat. Und mit ihm das Geheimnis seines Todes. Vielleicht nicht mehr lange.
Von Juliane von Mittelstaedt und Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 36/2012
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