03.09.2012

NIEDERLANDETödliches Geschwätz

In Arnheim sollen Jugendliche ihrer Mitschülerin einen Killer ins Haus geschickt haben. Eskaliert war der Hass zuvor auf Facebook.
Der Junge, der am Nachmittag des 14. Januar am gepflegten Reihenhaus der Familie Hau in Arnheim klingelte, wirkte ruhig. Er würde gern Winsie sprechen, sagte er freundlich, er sei ein Bekannter.
Chun Nam Hau, 50, saß im Wohnzimmer und hörte den Fremden sprechen, sein zwölfjähriger Sohn hatte ihn hereingelassen. Chun Nam Hau machte sich keine besonderen Gedanken: Es kam häufiger vor, dass Freunde nach seiner Tochter fragten. Und die chinesischstämmigen Haus sind gastfreundliche Menschen.
Winsie, 15, befand sich zu dieser Zeit in ihrem Zimmer im ersten Stock. Neugierig kam sie die Treppe herunter. Den Besucher kannte sie nicht - es handelte sich um Jinhua K., einen zur Tatzeit 14-Jährigen aus einer Kleinstadt bei Rotterdam. Nach dessen späterer Aussage bei der Polizei sei ihm Winsie im Hausflur entgegengekommen. Er habe dem Mädchen zunächst erklärt, er müsse etwas Wichtiges überbringen. Dann habe er sein Messer gezückt und zugestochen. Wie oft, wisse er nicht mehr.
Aufgeschreckt von den Schreien seiner Tochter, rannte Chun Nam Hau in den schmalen Korridor und fand Winsie in ihrem Blut auf dem Treppenabsatz. "Sie sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, als wollte sie mir sagen: ,Papa, hilf mir!'", erinnert sich Hau. Dann wurde auch er angegriffen. Blindwütig stach der Täter mehrmals auf ihn ein und verletzte ihn an beiden Händen und im Gesicht.
Hau erholte sich im Krankenhaus. Seine Tochter aber starb fünf Tage später - ein Stich in den Hals war letztlich tödlich.
Der Fall wird derzeit vor dem Gericht in Arnheim verhandelt - und erschüttert die Niederlande. Diesen Montag könnte das Urteil fallen - dem Täter droht bis zu ein Jahr Jugendarrest. Nach der Rekonstruktion der Staatsanwaltschaft hatte eine Freundin Winsies, die 16-jährige Polly W., den Mord gemeinsam mit ihrem Freund Wesley C. in Auftrag gegeben und dem Mörder zunächst 20, später 50 Euro in Aussicht gestellt.
Zuvor soll es zum Streit der beiden Mädchen gekommen sein. Winsie soll Polly auf Facebook beleidigt haben - sie habe behauptet, Polly habe mit gleich mehreren Jungen Kontakt gehabt.
Als "Facebook-Moord" ("De Telegraaf") macht der Fall derzeit Schlagzeilen in den Niederlanden. "Es geht eigentlich um nichts, um Tratsch, um Geschwätz", schrieb die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage. Der Streit zwischen den früher engen Freundinnen sei am 19. November 2011 auf einer Geburtstagsparty ausgebrochen. Danach wurde er auf Facebook fortgesetzt. "Was diesen Fall so bizarr, so schockierend macht, ist, dass Kinder gemeinsam einen Mord planen", so die Staatsanwälte. "Wie konnte es dazu kommen?"
Experten sind sich sicher: Der Streit wäre ohne die Verstärkung durch das Internet vermutlich nie in dieser Form eskaliert, Psychologen warnen seit Jahren vor der massiven Zunahme des sogenannten Cybermobbings im Netz.
"Mobbing im Internet ist ein Riesenproblem, das auf uns zukommt", sagt der Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin: "Früher wurden solche Streitereien am Stammtisch ausgetragen, heute finden sie in der Anonymität des Internets statt." Eine Beleidigung, die unkontrolliert im Netz zirkuliere, komme schnell einem Rufmord gleich.
"Während in der direkten Konfrontation mehr Rücksicht genommen wird, sinkt die Hemmschwelle im Internet dramatisch", so Scheithauer. Viele Jugendliche müssten für Beleidigungen im virtuellen Raum erst sensibilisiert werden: "Sie halten das alles für einen Spaß und merken nicht, wie verletzend ihre Bemerkungen wirken." Ihre Opfer würden oft depressiv und trügen sich mit Selbstmordabsichten. Der Mord von Arnheim scheint nur eine neue Eskalationsstufe gewesen zu sein.
Erst im Mai war in den USA der 20-jährige Student Dharun Ravi aus New Jersey zu 30 Tagen Haft verurteilt worden. Ravi hatte seinen homosexuellen Zimmermitbewohner Tyler Clementi beim Sex heimlich mit einer Webcam gefilmt, die Bilder später über Twitter verbreitet und seine Freunde zu einer "Video-Party" eingeladen - mit dem Versprechen, dass dort das Opfer live zu sehen sei. Clementi hinterließ daraufhin auf Facebook einen Abschiedsbrief ("Springe von der George-Washington-Brücke, sorry") und nahm sich das Leben.
Eine Umfrage der Techniker Krankenkasse unter 1000 deutschsprachigen Schülern zwischen 14 und 20 Jahren ergab, dass 36 Prozent der Jugendlichen schon einmal Opfer von Cybermobbing, meist Verunglimpfungen in sozialen Netzwerken, wurden. 60 Prozent der Opfer kannten den Täter.
In den Niederlanden hat der Mordfall von Arnheim eine breite Debatte darüber ausgelöst, wie man der zunehmenden Verrohung durch soziale Netzwerke begegnen kann.
"Insbesondere Jugendliche in der Pubertät haben oft ein schwaches Selbstbewusstsein und ein großes Bedürfnis nach Anerkennung", hat die Wissenschaftlerin Sonja Utz von der Freien Universität Amsterdam festgestellt, "sie reagieren deshalb sehr emotional auf diese öffentlichen Bedrohungen und brauchen besonderen Schutz."
Ihr Kollege Jan van Dijk, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Uni Twente in Enschede, hält es für möglich, dass der Mord von Arnheim kein Einzelfall bleiben wird: "Die Kommunikation verlagert sich immer mehr ins Internet."
Chun Nam Hau möchte, dass der Tod seiner Tochter eine Warnung ist. Deshalb hat er im holländischen Fernsehen auf den Internethintergrund des Verbrechens aufmerksam gemacht.
Wenn er den Laptop seiner Tochter einschaltet, sieht er Fotos von Winsie zusammen mit Polly. Die beiden halten sich gegenseitig im Arm und lachen in die Kamera - sie sind beste Freundinnen. Dann öffnet er ein weiteres Bild: Es zeigt Polly, über deren Augen seine Tochter einen dicken Balken gemalt hat.
Hau hat dieses Bild erst nach Winsies Tod entdeckt. Hätte er es früher gesehen, so hätte er beiden Mädchen vielleicht helfen können, den Streit zu beenden. Doch er hat den Computer seiner Tochter nie kontrolliert - er wollte nicht in ihre Privatsphäre eindringen.
Von Benjamin Dürr und Thilo Thielke

DER SPIEGEL 36/2012
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