03.09.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wir wollen eine Revolution“

Nadeschda Tolokonnikowa, inhaftierte Wortführerin der feministischen Punk-Gruppe Pussy Riot, über das System Putin, die Religion und die Befreiung der russischen Frau
"Bastille" nennen die 1300 Insassen den Betonklotz am südöstlichen Stadtrand von Moskau. Das Untersuchungsgefängnis Nr. 6 ist das einzige für Frauen in der russischen Hauptstadt. Dort warten die zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilten Aktivistinnen der Gruppe Pussy Riot auf den Ausgang ihres Berufungsverfahrens. "Mutter Gottes, verjag Putin" hatten sie in einem in der wichtigsten Kirche des Landes aufgenommenen Videoclip gefordert. Wird ihr Einspruch abgewiesen, werden die drei jungen Frauen in eine Strafkolonie verschickt. Besuch von Familienangehörigen wird ihnen zurzeit einmal in zwei Wochen und auf Gerichtsbeschluss gewährt; die Anwälte dürfen ihre Mandantinnen unbegrenzt sehen. Über einen der Anwälte beantwortete die 22-jährige Nadeschda Tolokonnikowa Fragen des SPIEGEL. Sie gilt als der politische Kopf der Protestgruppe.
SPIEGEL: Nadeschda Andrejewna, wie sieht Ihr Alltag im Gefängnis aus?
Tolokonnikowa: Er ist auszuhalten. Trotzdem ist es ein russisches Gefängnis mit all seinem Sowjetcharme. Es hat da keine großen Fortschritte gegeben: Der Strafvollzug ist eine Mischung aus Kaserne und Krankenhaus geblieben. Geweckt werden wir um sechs Uhr, dann frühstücke ich, dann kommt der Hofgang. Den Rest des Tages schreibe ich. Oder ich lese, dieser Tage zum Beispiel in der Bibel und in Werken des slowenischen Philosophen und Marxisten Slavoj Žižek. Die mangelnde Bewegungsfreiheit schränkt die Freiheit der Gedanken nicht ein.
SPIEGEL: Bereuen Sie Ihre Aktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale?
Tolokonnikowa: Nein, ich bereue nichts. Ich schaue nüchtern auf unsere Lage, sehe Positives und Negatives. Unterm Strich aber denke ich, dass der Prozess gegen uns wichtig war, weil er das wahre Gesicht des Systems Putin zeigte. Dieses System hat ein Urteil über sich selbst gesprochen - indem es uns zu zwei Jahren Haft verurteilte, ohne dass wir ein Verbrechen begangen haben. Das freut mich natürlich.
SPIEGEL: Sie sind Mutter einer vierjährigen Tochter, mussten bei Ihrem Auftritt in der Kirche aber von vornherein mit einer Festnahme rechnen. Haben Sie nicht verantwortungslos gegenüber Ihrem Kind gehandelt?
Tolokonnikowa: Wer Angst vor Wölfen hat, darf nicht in den Wald gehen. Ich fürchte Wölfe nicht. Ich kämpfe dafür, dass meine Tochter in einem freien Land aufwächst. Dem Gesetz nach hätte man uns nur wegen einer Ordnungswidrigkeit verurteilen dürfen. Der Strafprozess ist die persönliche Rache Putins. Wie und wann ein autoritäres System sich rächt, kann niemand voraussagen.
SPIEGEL: Die einen sehen in Ihnen Heldinnen, die Putins starres politisches System herausfordern, auf kreative Weise. Andere halten Ihre Aktionen für geschmacklos. Sie waren hochschwanger, als sie splitternackt im Moskauer Biologischen Museum mit einer öffentlichen Gruppensex-Persiflage die Geburtenförderung des Kreml lächerlich machten.
Tolokonnikowa: Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Unsere Performances sind moderne Kunst. Nur Experten können einschätzen, ob das, was wir tun, geschmacklos ist. Alles andere sind nicht mehr als subjektive Meinungsäußerungen.
SPIEGEL: Wie stehen Ihre Eltern zu solchen Auftritten?
Tolokonnikowa: Mein Vater hat sich nach der Aktion im Biologischen Museum zwei Monate lang geweigert, mit mir zu reden - weil ich ihn nicht als Zuschauer eingeladen hatte. Seitdem ist er bei nahezu allen Aktionen dabei, an denen ich teilnehme. Und meine Mutter hat kürzlich öffentlich erklärt, dass sie meinen Kampf für die Freiheit Russlands voll und ganz unterstütze. Mit den Eltern also habe ich kein Problem.
SPIEGEL: Sie sind aus der Künstlergruppe Woina, übersetzt Krieg, hervorgegangen. Gegen wen führen Sie Ihren Krieg?
Tolokonnikowa: Die Aktionen der Künstlergruppe Woina sind eine Kraftprobe im Konflikt zwischen Staat und Gesellschaft. Es war damals das erste Mal, dass Künstler derart fundamental und öffentlichkeitswirksam in Opposition zum autoritären Staat gingen.
SPIEGEL: Was will Pussy Riot erreichen?
Tolokonnikowa: Eine Revolution in Russland.
SPIEGEL: Welches Russland wünschen Sie sich?
Tolokonnikowa: Eines, auf das ich leider lange werde warten müssen. Fest steht aber: Ich will vernichten, was ich für die schlimmsten Übel halte. Ich tue dies, indem ich meine freiheitlichen und feministischen Ideen umsetze.
SPIEGEL: Lieben Sie Ihr Heimatland?
Tolokonnikowa: Ich liebe Russland, aber ich hasse Putin.
SPIEGEL: Putin ist der mächtigste Mann eines der mächtigsten Länder der Erde. Kann man gegen den gewinnen?
Tolokonnikowa: Die Allmacht Putins ist ein Trugbild. Dass sie nicht unendlich ist, liegt ebenso auf der Hand wie die Tatsache, dass Putins Propagandamaschine die Machtfülle des Präsidenten übertreibt. Putin ist vom Westen etwa im gleichen Maße abhängig, wie der Westen daran
interessiert ist, das Ausmaß seiner Macht aufzubauschen. Tatsächlich ist der Präsident klein und armselig. Das sieht man an seinen Taten als Mensch und Politiker. Wie kann es einem Führer, der sich seiner sicher ist, in den Kopf kommen, so gegen drei junge Oppositionsaktivistinnen vorzugehen?
SPIEGEL: Ihre Aktion und Ihre Festnahme haben die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit weit stärker auf die Menschen- und Bürgerrechte in Russ-land gelenkt als die Morde an Journalisten in vergangener Zeit oder die Fülle neuer repressiver Gesetze. Warum ist das so?
Tolokonnikowa: Weil unsere Aktion nicht trivial war. Sie hat die Konfrontation von Staat und Gesellschaft aufgegriffen, auf religiösem, politischem und sozialem Gebiet. Der Prozess gegen uns offenbart den repressiven Charakter des Regimes. Das System Putin zerfällt. Es taugt nicht für das 21. Jahrhundert, es erinnert vielmehr an Stammesgesellschaften und diktatorische Regime der Vergangenheit. Es ist unfähig zu erklären, warum drei Polit-Aktivistinnen ins Gefängnis geworfen werden müssen, nur weil sie die Christ-Erlöser-Kathedrale als Ort für einen Medienauftritt nutzten und dort ein paar kräftige Worte gegen das System ausriefen.
SPIEGEL: Gefällt Ihnen der Beifall aus dem Westen?
Tolokonnikowa: Wir freuen uns über jede Unterstützung.
SPIEGEL: Wenn wir Ihre Aktionen richtig verstehen, sind Sie nicht nur gegen Putin gerichtet, sondern haben auch eine anti-kapitalistische Stoßrichtung. Der Woina-Aktivist Oleg Worotnikow hat gegenüber dem SPIEGEL den Diebstahl von Essen damit gerechtfertigt, dass es ein Grundrecht auf Nahrung gebe.
Tolokonnikowa: Ja, wir sind Teil der weltweiten Anti-Kapitalismus-Bewegung, die aus Anarchisten, Trotzkisten, Feministinnen und Autonomen besteht. Unser Antikapitalismus hat keine antiwestliche und keine antieuropäische Stoßrichtung. Wir begreifen uns als Teil der westlichen Welt und sind ein Produkt der europäischen Kultur. Die Mängel der Konsumgesellschaft stören uns zwar, sie wecken aber nicht den Wunsch in uns, die Konsumgesellschaft als solche zu zerstören. Freiheit ist der Kern unserer Ideologie. Wir denken Freiheit westlich: Dies ist ein Kampf um die richtige Definition von Freiheit.
SPIEGEL: Sie sind Feministinnen. Was kennzeichnet russische Frauen heute?
Tolokonnikowa: Die russische Frau irrlichtert zwischen westlichen und slawophilen Stereotypen. Leider dominiert bei uns immer noch das jahrhundertealte Bild der Frau als Hüterin des Herdes, der Frau, die alleine und ohne Hilfe des Mannes die Kinder erzieht. Dieses Bild wird von der Russischen Orthodoxen Kirche, die Frauen zu Sklavinnen macht, weiter kultiviert, und Putins Ideologie der "souveränen Demokratie" zielt in die gleiche Richtung. Beide lehnen alles Westliche ab, auch den Feminismus. In Russland gab es aber auch eine Tradition der westlichen Frauen-Befreiungsbewegung, Stalin hat sie erstickt. Ich hoffe, dass sie wiederersteht - auch mit unserer Hilfe.
SPIEGEL: Würden Sie noch einmal einen religiösen Raum als Ort für eine politische Demonstration wählen?
Tolokonnikowa: Wir sind Künstler, und Künstler wiederholen nichts. Nicht deshalb, weil wir uns vor Strafe fürchten. Es geht uns um die Treue zu unseren künstlerischen Prinzipien.
SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass sich viele Russen in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen, wenn Sie vor dem Altar einen wilden Tanz aufführen?
Tolokonnikowa: Der Videoclip mit seinem Begleittext, der die politischen Motive unseres Auftritts beschreibt, war kaum geeignet, religiöse Gefühle zu verletzen. Erst das verzerrte Bild in unseren Staatsmedien änderte die Situation: Sie bezichtigten uns des religiösen Hasses. Es tut mir leid, dass es dazu gekommen ist. Letztendlich sind wir und unsere Kritiker Opfer der Propagandamaschine Putins geworden.
SPIEGEL: Begrüßen Sie es, dass in Russland nun Kreuze umgestürzt werden, angeblich zu Ihrer Unterstützung?
Tolokonnikowa: Keinesfalls. Das freut uns nicht. Pussy Riot ist niemals gegen die Religion aufgetreten. Erst Putins Ideologen haben uns das Etikett des religiösen Hasses angehängt. Unsere Motive waren ausschließlich politisch.
SPIEGEL: Sie haben in Ihrem Schlussplädoyer vor Gericht das Alte und Neue Testament zitiert. Sind Sie selbst religiös?
Tolokonnikowa: Ich glaube nicht an Gott. Aber ich sehe in der Religion einen wichtigen Teil der Kultur.
SPIEGEL: Die Kirchenoberen haben sich jetzt dafür eingesetzt, gegenüber Pussy Riot Milde und Gnade walten zu lassen. Würden Sie den Patriarchen immer noch als Schweinehund bezeichnen, wie Sie es bei Ihrer Performance taten?
Tolokonnikowa: Die Kirche rief erst zur Milde auf, als das Urteil bereits verkündet war. Wenn das aufrichtig gemeint war - warum haben sie sich nicht vorher schon zu Wort gemeldet? Wir glauben nicht an die ehrlichen Absichten der Kirche, so wie die Zeugen der Anklage nicht glaubten, dass unsere Entschuldigung ehrlich gemeint ist. Das Wort Schweinehund war auch nicht auf den Patriarchen gemünzt. Wir haben es nur als Füllwort benutzt.
SPIEGEL: Vor Gericht stellten Sie sich in eine Reihe mit Dostojewski und Solschenizyn. Ist Ihnen Ihr Ruhm zu Kopf gestiegen? Solschenizyn saß acht Jahre im Gulag. Und Dostojewski war zum Tod durch Erschießen verurteilt worden, ehe er erst auf dem Richtplatz begnadigt und in die Verbannung geschickt wurde.
Tolokonnikowa: Wir wollen uns nicht mit dem Werk von Solschenizyn oder Dostojewski vergleichen. Aber genau um diese Einstellung des Staats gegenüber Andersdenkenden geht es uns.
SPIEGEL: Nicht wenige Putin-Gegner finden, dass Sie mit Ihrer Performance in der Kathedrale zu weit gegangen sind. Alexej Nawalny, der derzeit wohl populärste Oppositionspolitiker, hat die Aktion in der Kathedrale im Gespräch mit dem SPIEGEL als Dummheit bezeichnet. Haben Sie die Opposition gespalten?
Tolokonnikowa: Nawalny hat unseren Auftritt auf dem Roten Platz gepriesen, bei dem wir Putin einen Feigling gescholten haben. Offenkundig versteht Nawalny den Zusammenhang zwischen der Performance vor dem Kreml und der in der Erlöser-Kathedrale nicht ganz. Unser Ziel ist tatsächlich eine Spaltung. Aber nicht die der Opposition. Wir wollen jenen Teil der Gesellschaft aufrütteln, der politisch bislang apathisch war und es vorzog, nicht aktiv für die Bürgerrechte einzutreten, der also bequem im Sessel sitzen blieb. Wir sehen jetzt eine Spaltung zwischen der Regierung und einer schweigenden Mehrheit der Russen.
SPIEGEL: Viele Russen haben sogar eine härtere Strafe gefordert als die zwei Jahre, zu denen Sie verurteilt wurden.
Tolokonnikowa: Es gibt eindeutig einen Zusammenhang zwischen dem Prozess gegen uns und den Beliebtheitswerten Putins. Die neuesten Umfragen zeigen, dass seine Popularität sinkt.
SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie in den Monaten seit Ihrer Festnahme besonders gefreut oder geärgert hat?
Tolokonnikowa: Die überwältigende Resonanz auf unsere Aktion hat mich angenehm überrascht. Die Reaktion der Regierung auf unsere Auftritte war zu erwarten, wir haben es schließlich mit einem autoritären System zu tun. Aber mich freut die Unterstützung von Freunden und Gesinnungsgenossen, trotz der Jahre im Gefängnis, die uns nun drohen. Es freut mich, dass unser Kampf für unsere Ideen und Werte weitergeht.
SPIEGEL: Sie sind in Berufung gegangen. Rechnen Sie mit einer Reduzierung Ihrer Strafe?
Tolokonnikowa: Das ist mir egal.
SPIEGEL: Haben Sie keine Angst vor dem Leben im Straflager?
Tolokonnikowa: Nicht ich, sondern die Staatsgewalt muss Angst haben.
SPIEGEL: Was werden Sie machen, wenn Sie aus dem Lager freikommen? Werden Sie auf eine weltweite Tournee gehen, Alben herausgeben, Ihren Ruhm zu Geld machen? Oder gehen Sie in die Politik?
Tolokonnikowa: Sich darüber Gedanken zu machen, solange dieses autoritäre System existiert - das ist sinnlos.
SPIEGEL: Nadeschda Andrejewna, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Oben: Aktionsgruppe Woina mit Nadeschda Tolokonnikowa im Moskauer Biologischen Museum 2008; unten: mit Patriarch Kirill und Präsident Putin in der Moskauer Mariä-Verkündigungs-Kathedrale am 7. Mai.
Die Fragen stellte der Redakteur Matthias Schepp.
Von Matthias Schepp

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