03.09.2012

RUSSLANDGott am Riemen

Die Kalaschnikow, das Sturmgewehr vom Ural, ist die am meisten verkaufte Waffe in aller Welt, selbst Amerikaner stellen sie sich gern in den Schrank. Doch der Hersteller ist bankrott.
Wenn Dmitrij Rogosin, der für die Rüstungsindustrie zuständige Vizepremier, auf Reisen geht, streut er bei seinen Auftritten gern markige Sätze unters Volk. Sätze, die den Stolz der Russen auf ihr Land wiederbeleben sollen.
Oft schöpft er dabei aus dem Fundus jener Zeit, da er als Russlands Botschafter bei der Nato diente. In Brüssel, so Rogosin, habe er von westlichen Kollegen mehrfach folgenden Ausspruch gehört: "Optimisten lernen jetzt Englisch, Pessimisten Chinesisch, Realisten aber den Aufbau der Kalaschnikow."
Es ist der x-te Aufguss eines uralten Witzes, man darf befürchten, dass Rogosin ihn selbst erfunden hat. Bei einem Besuch der Maschinenfabrik in Ischewsk kam das Bonmot besonders gut an, Rogosin hatte es dort als Balsam für die Seele der Arbeiter gedacht. Denn hinter dem harmlosen Firmenkürzel Ischmasch verbirgt sich Russlands größte Waffenschmiede für die Infanterie - der Geburtsort der berühmten Kalaschnikow.
Die Dauerschusswaffe, von den Russen schlicht "awtomat" genannt, werde selbst von Amerikanern in höchsten Tönen gelobt, berichtete der Vizepremier. US-Spezialeinheiten würden sie nutzen, obwohl das US-Parlament darauf achte, möglichst nur amerikanische Waffen anzuschaffen. Private Sammler griffen ebenfalls zum russischen Sturmgewehr, der Verkauf der Kalaschnikow in den USA sei vergangenes Jahr um 50 Prozent gestiegen. Und auch die Afghanen, so Rogosin, bäten Moskau nach wie vor um Kalaschnikows - "obwohl in ihrem Land 140 000 gutbewaffnete Nato-Soldaten stehen".
Nie hat Russland die Welt mit einem eigenen Auto, nie mit einem eigenen Superjet beglückt. Der Siegeszug der Kalaschnikow aber scheint ungebremst, seit über 60 Jahren schon. Weltweit wohl rund hundert Millionen Mal wurde die Feuerwaffe mit der Typenbezeichnung AK-47 gebaut. Vietnams Dschungelkrieger haben mit ihrer Hilfe die Amerikaner besiegt, die Staatsführer Mosambiks sie ins Staatswappen integriert, und al-Qaida-Chef Bin Laden trug sie in seinen Videos. Bis heute zählt die Kalaschnikow zur Grundausstattung jeder afrikanischen Rebellenarmee.
Dabei ist dieses Gewehr alles andere als ein technisches Wunderwerk. Es ist nicht sonderlich raffiniert, es ist nicht schön. Nicht der Porsche des Waffenmarkts, sondern der Volkswagen: einfach, robust und unverwüstlich. "Keine Waffe auf der Welt ist so zuverlässig wie diese", begründete Josh Laura aus Maryville in Tennessee, ein früherer Marineinfanterist, kürzlich der "New York Times" seinen privaten Kalaschnikow-Kauf. Terry Sandlin, ein Elektriker aus Scottsburg, Indiana, hat sich sogar drei Kalaschnikows in den häuslichen Waffenschrank gestellt - weil deren "Qualität und Vielseitigkeit alles andere auf dem Markt" übertreffe.
Auf das Prinzip Einfachheit hatten die russischen Konstrukteure von Anfang an gesetzt: Die Kalaschnikow war nicht als Gewehr für Berufssoldaten gedacht, sondern als Handfeuerwaffe für die Massenarmeen des kommunistischen Lagers. Die Atombombe und die Kalaschnikow seien für ihn "ein unzertrennliches Paar", schrieb der Amerikaner Christopher Chivers in seinem 2010 erschienenen Buch "Die AK-47 und die Evolution des Krieges": "Mit der Bombe wurden Grenzen und Regime fixiert; die Kalaschnikow aber half, sie einzureißen und zu erweitern."
Das Russen-Gewehr, das selbst noch im Sandsturm und bei strömendem Regen schießt, war von Anfang an auch beim Klassengegner beliebt. Im VietnamKrieg tauschten amerikanische GIs ihr M-16-Gewehr gern gegen Beute-Kalaschnikows aus - weil die auch im schwülen Dschungel nicht versagten.
Den russischen Armee-Lyriker Dmitrij Poltorazki veranlasste das sogar dazu, die Kalaschnikow heiligzusprechen: "Ich weiß, zu wem ich beten muss und wer mir helfen wird. Mein Gott hängt an einem Lederriemen, er trägt das Markenzeichen einer einfachen russischen Fabrik: Die Kalaschnikow ist mein einziger Gott."
Das Lied entstand im Jahr 2001. Inzwischen geht es der Allzweckwaffe schlecht. Lobgesänge wie die von Vizepremier Rogosin sind eher ein Krisensymptom - ebenso wie die Hausse der Kalaschnikow auf dem amerikanischen Markt.
Das Moskauer Verteidigungsministerium, bislang größter Abnehmer der Kalaschnikow, hat den Ankauf der AK-47 im Herbst vorigen Jahres gestoppt. Das Sturmgewehr aus Ischewsk liege zuhauf in den Waffenkammern der Armee, teilte der Generalstabschef mit, die Vorräte überstiegen "dutzendfach" den Bedarf. Außerdem sei das Gewehr veraltet: Die Zeit der großen Kriege sei vorbei, zur Eindämmung lokaler Konflikte werde eine andere Waffe gebraucht. Keine, mit der man gegnerische Sturmreihen per Dauerfeuer bekämpft, aber nur selten exakt trifft. Bis 2015 sollen vier Millionen Kalaschnikows vernichtet werden.
Entsprechend schlecht geht es der Rüstungsschmiede von Ischewsk. Das Werk, in dem Zar Alexander I. vor 200 Jahren bereits Musketen für den Krieg gegen Napoleon produzieren ließ und dem Stalin im Krieg den Nachbau des deutschen Maschinenkarabiners 42H befahl, ist seit dem Frühjahr bankrott. Es hat 2011 einen Verlust von umgerechnet 62 Millionen Euro angehäuft, hinzu kommen Kreditverpflichtungen von 136 Millionen. Die Produktion brach um die Hälfte ein, der Konzern wurde einer großen Staatsholding unterstellt.
Schuld an der Misere ist nicht allein Russlands Armee, die den Waffenbauern jetzt die Aufträge kappt, sondern die Kalaschnikow-Schwemme in aller Welt. Der russische Automat wird inzwischen auf fast jedem Kontinent geklont: Weißrussen, Bulgaren, Rumänen, Serben, Afrikaner und vor allem Chinesen bauen ihn nach - inzwischen ohne Lizenz. Und meist sind ihre Waffen noch billiger als das russische Original.
Die Konzernbosse in Ischewsk haben das Unheil durch eine Verbreiterung des Angebots abzuwenden versucht. Hatten sie schon früher auch Bordkanonen für Kampfflugzeuge und Präzisionsgeschosse für die Artillerie produziert, konzentrierten sie sich nun auf Jagd- und Sportwaffen. Eine davon ist die "Saiga", die jetzt als zivile Kalaschnikow-Version in den USA Furore macht.
Die "Saiga" ist nicht das Sturmgewehr von al-Qaida und den Schabab-Milizen in Somalia, sie sieht nur so aus. Sie hat einen glatten und nicht den gezogenen Lauf der eigentlichen Kalaschnikow, der Geschossen den gefährlichen Drall verleiht; auf Dauerfeuer stellen kann man sie nicht. Auch ist das Modell nicht mehr ganz frisch - es wurde in den siebziger Jahren entwickelt, um die Saigas in der kasachischen Steppe zu jagen, eine inzwischen selten gewordene Antilopenart. Kreml-Chef Leonid Breschnew, selbst passionierter Jäger, gab das Plazet für ihren Bau. Trotz steigenden Absatzes nimmt die "Saiga" aber nur eine Nische auf dem amerikanischen Waffenmarkt ein. Einziger Trost für die russischen Waffenbauer: Das Gewehr muss in den USA nicht die Pekinger Billig-Konkurrenz fürchten. Der Import vergleichbarer chinesischer Handfeuerwaffen ist dort seit 1994 untersagt.
In Ischewsk mag trotzdem niemand an das Ende einer 200-jährigen Tradition glauben. Denn noch gibt es Hoffnung, und die verbindet sich mit dem Kürzel AK-12.
AK-12 - so nennt sich eine neue Kalaschnikow, sie habe, so heißt es, mit der alten nichts mehr zu tun. Ihretwegen war Russlands Vizepremier Rogosin nach Ischewsk gereist.
Die neue soll ein Wunderding sein, die ultimative Waffe für Bellizisten: lasergesteuert, kombinierbar mit Granatwerfer und Nachtsichtgerät, auf Wunsch gibt sie einen Schuss oder gleich drei oder Dauerfeuer ab und trifft - angeblich - selbst bei Salven genau ins Ziel. Zudem stecken bei ihr statt 30 gleich 60 Patronen im Magazin.
Russlands Zeitungen bezeichnen die AK-12 als "Bluff" - das neue Sturmgewehr sei nichts weiter als eine aufgehübschte Variante der alten Kalaschnikow. Ob sie irgendwann Einzug hält in die russische Armee, ist völlig offen.
Bis die Entscheidung darüber fällt, will der Ischmasch-Konzern etwas tun, was er nach eigener Aussage über die Jahre hinweg sträflichst vernachlässigt hat: Er will dem Markennamen Kalaschnikow weltweit einen neuen Klang verschaffen. Im nahen Glasow wird bereits ein Wodka namens Kalaschnikow in riesige Flaschen mit dem Umriss des Sturmgewehrs abgefüllt. Es gibt die AK-47 aus Plastik im Spielzeugformat, sie wird in China gepresst, und die Solinger Firma MMI besitzt die Rechte, Uhren und Schirme mit dem Kalaschnikow-Zeichen zu vermarkten. Nun will der Konzern unter diesem Namen auch Kleidung für den gehobenen Bedarf unter die Leute bringen.
Dazu muss allerdings Michail Timofejewitsch Kalaschnikow seinen Segen geben, der Konstrukteur der Kalaschnikow. Oder seine drei Kinder müssten es tun.
Denn Kalaschnikow, zweifacher Held der sozialistischen Arbeit, ist bereits 92 Jahre alt und nicht mehr so gut beisammen. Dass die Waffe, die er einst erfand, von der russischen Armee inzwischen geächtet wird, hat ihm niemand gesagt. Weil das für einen "Menschen seines Alters" ein "sehr ernster Schlag" wäre, so die Moskauer Zeitung "Iswestija".
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 36/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RUSSLAND:
Gott am Riemen