03.09.2012

PERUDer ungeliebte Sohn

Staatschef Humala will ausländische Investoren in das Andenland locken. Ausgerechnet seine eigene Familie fällt ihm dabei in den Rücken.
Cajamarca ist eine Stadt, die 2700 Meter hoch in den Anden liegt und bekannt ist für ihre Kirchen aus der Kolonialzeit. Die Schlacht von Cajamarca markierte 1532 den Untergang des Inkareichs, hier nahmen die Spanier den letzten Herrscher Atahualpa gefangen.
Seither blieb es meist ruhig in den Bergen um Cajamarca, und so würde es auch heute noch sein, wenn es dort nicht die Gold- und Kupferminen gäbe. Yanacocha zum Beispiel, das bedeutendste Goldbergwerk Perus, in dem noch bis 2005 über drei Millionen Feinunzen jährlich zutage gefördert wurden.
Die Mine ist nicht mehr so ergiebig, weshalb ihr Haupteigner - die US-amerikanische Firma Newmont - sie um die neue Anlage "Conga" erweitern will. Fünf Milliarden Dollar will sie in das neue Projekt stecken, es wäre eines der größten Investitionsvorhaben in der Geschichte Perus.
Doch seit Wochen kann kein Lastwagen von Newmont die Werktore passieren: Anwohner, Bauern und Umweltschützer blockieren die Zufahrtsstraßen. So protestieren sie gegen den Ausbau der Mine, weil der die Wasserversorgung in der Gegend gefährden würde. Bei Zusammenstößen mit der Polizei kamen im Juli fünf Protestler um. "Im Moment sehen wir keine erfolgreichen Betriebsbedingungen", gestand Newmont-Chef Richard O'Brien.
Der Streit wirft einen Schatten auf jenen Mann, der noch vor einem Jahr bei den Bauern und Minenarbeitern als Lichtgestalt galt: auf Ollanta Humala, den Präsidenten Perus. Auch Humala hatte das Projekt Conga einst bekämpft, seine Meinung aber - kaum war er im Amt - geändert.
Viele seiner Anhänger sind deswegen enttäuscht. "Ollanta macht gemeinsame Sache mit den Multis", klagt auch Isaac Humala, der Vater des Präsidenten. Nicht nur er - fast der gesamte Humala-Clan ist dem Staatschef inzwischen feindlicher gesinnt als Perus politische Opposition.
Der Ex-Militär Ollanta Humala war landesweit politisch in Erscheinung getreten, als er im Jahr 2000 einen Aufstand gegen den damaligen autokratischen Präsidenten Alberto Fujimori anzettelte. 2006 nahm er zum ersten Mal Anlauf auf die Präsidentschaft, damals war Venezuelas linksnationalistischer Caudillo Hugo Chávez sein Idol. Gewählt wurde Humala aber nicht, denn er hatte die Elite verschreckt.
Im letzten Wahlkampf präsentierte sich Humala deshalb als Mann der Mitte. Seither ist er weiter nach rechts gerückt: Bei einer Kabinettsumbildung berief er einen ehemaligen Offizier zum Premierminister.
Ausländische Investoren und die aufstrebende Mittelschicht bejubeln Huma-las Wende. Doch bei den Millionen Ar-
men und den Bergarbeitern von Cajamarca kommt seine Volte nicht gut an. Perus Wirtschaft glänzte in den vergangenen Jahren zwar mit üppigen Wachstumsraten, vor allem der Export von Metallen befeuerte den Boom. Doch die ersehnte Umverteilung des Reichtums blieb aus.
Humalas Vater sieht das ebenso. Er ist über 80 und der Meinung, dass der falsche Sprössling an die Spitze der Nation gewählt wurde. Er hatte immer davon geträumt, dass sein Lieblingssohn Antauro eines Tages Präsident werden würde. Doch der sitzt im Gefängnis: Er hatte vor gut sieben Jahren einen bewaffneten Aufstand gegen den damaligen Präsidenten Alejandro Toledo angeführt, bei dem vier Polizisten ums Leben kamen.
Ausgerechnet der ungeliebte zweite Sohn Ollanta wurde Präsident. Mit seinem Bruder hat er sich überworfen; seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr unternahm er nichts, um Antauro aus der Haft zu befreien. Auch deshalb hat er jetzt einen Großteil seiner Sippe gegen sich: Die Mutter und drei seiner sechs Geschwister führen einen erbitterten Kampf gegen den Staatschef. "Ollanta hat uns verraten", wettert Patriarch Isaac.
Die Humalas machen mit ihrem Streit auch Politik. Denn inzwischen erschüttert nicht nur der Konflikt um das Conga-Projekt das Land. Im Urwald macht die maoistische Guerilla "Leuchtender Pfad" wieder von sich reden, sie hat sich mit der Drogenmafia verbündet und Mitte August fünf Soldaten getötet.
Bruder Ulises, der 2006 gegen Ollanta kandidiert hatte, gratulierte dem Präsidenten nicht mal zu dessen 50. Geburtstag. Schwester Ima Sumac, die in Paris lebt, nahm an Protestmärschen vor der peruanischen Botschaft teil.
Mutter Elena macht Ollanta zudem für die angeblich harschen Haftbedingungen ihres Sohnes Antauro verantwortlich. Der war auf eine Marinebasis verlegt worden, nachdem er in seiner Zelle mit einem nagelneuen Smartphone hantiert und einen Joint geraucht hatte. Ihr Sohn sei jetzt "in unserem Guantanamo", schimpfte sie.
Andere Familienmitglieder profitierten offenbar von der Nähe zur Macht. Gegen den jüngeren Bruder Alexis ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Korruption, seine Firma soll an Staatsaufträgen verdient haben. Zu seiner Verteidigung hat er Vater Isaac berufen, der ist Anwalt.
Der bedrängte Präsident schweigt zu den Kapriolen: "Familienangelegenheiten sollten in der Familie bleiben." Jüngst sprang ihm Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa bei. Ollanta mache "seine Sache sehr gut", lobte ihn der Dichter im Nachrichtensender CNN.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 36/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PERU:
Der ungeliebte Sohn

Video 03:25

UFO-Berichterstattung "Natürlich sind das UFOs!"

  • Video "Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer" Video 01:02
    Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer
  • Video "Golanhöhen: Siedlung Beruchim heißt jetzt Trump Heights" Video 00:53
    Golanhöhen: Siedlung "Beruchim" heißt jetzt "Trump Heights"
  • Video "Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe" Video 01:02
    Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe
  • Video "Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom" Video 00:57
    Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom
  • Video "Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping" Video 00:59
    Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Videoanalyse zum Iran-Konflikt: Die Gefahr wächst" Video 01:19
    Videoanalyse zum Iran-Konflikt: "Die Gefahr wächst"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "UFO-Berichterstattung: Natürlich sind das UFOs!" Video 03:25
    UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"