03.09.2012

Heavy-Metal-Diplomatie

GLOBAL VILLAGE: Ein israelischer Sänger will Türke werden und damit die frostigen Beziehungen zwischen beiden Ländern auftauen.
Schwer vorstellbar, dass es einen besseren Türken geben kann als Kobi Farhi. "Ich liebe Atatürk", sagt er. "Ich liebe die Türkei, das Essen, die Musik, den Kaffee." Kobi Farhi steht auf einem Hügel Ankaras, in einer Landschaft aus Marmor und Travertin, unter der Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, in Ewigkeit ruht. Atatürk ist sein Held, gefolgt von Mahatma Gandhi, Che Guevara, Jizchak Rabin und Jesus. Er lässt sich vor dem Grab fotografieren, mit den Wachsoldaten und schließlich vor Atatürks in Stein gemeißeltem Leitsatz: Glücklich ist, wer sich Türke nennt.
Ach, seufzt Kobi Farhi, "wäre es nur endlich so weit". Das Problem ist, dass er kein Türke ist, noch nicht. Kobi Farhi, 37, ist Israeli, er trägt Moses auf dem linken Bizeps, darunter in hebräischen Buchstaben Liedzeilen von Jim Morrison und Leonard Cohen sowie Kapitel 8, Vers 6 aus dem Hohelied Salomos: "Leg mich wie ein Siegel an deinen Arm." Und er ist Sänger, bei Konzerten seiner Metal-Band Orphaned Land tritt er mit Kutte und offenem Haar auf, er sieht dann ein wenig wie Jesus aus und singt von Liebe, Gott und Glauben. Die Botschaft ist meistens, dass alle friedlich zusammenleben können, Muslime, Christen und Juden.
Das mit dem friedlichen Miteinander will Kobi Farhi jetzt ausprobieren - an sich selbst. Er will zusätzlich die türkische Staatsbürgerschaft beantragen, auch wenn nicht klar ist, welche Regeln für Israelis gelten, die auch noch Türken werden wollen. Aber er hat schon mal den Antrag ausgefüllt, bei "gute Türkischkenntnisse" hat er einen Haken gemacht. Seine türkische Managerin hat ihm ein paar Wörter beigebracht: Mutlu, Glück, und Ekmek, Brot. Viel ist das noch nicht, aber er ist zuversichtlich, dass er Türkisch lernen wird. Wenn er erst mal Staatsbürger ist.
Nicht, dass er etwas gegen Israel hätte. Er ist gern Israeli, er war sogar in der Armee, ein Jahr lang reparierte er Panzer, bis er sich von einem Psychologen für suizidgefährdet erklären ließ, um in Ruhe sein erstes Album aufzunehmen. Das Türke-Sein ist für Farhi eher eine natürliche Ergänzung zum Israeli-Sein. "Unsere Länder sind sich so ähnlich: säkular, mit einer langen Tradition und Geschichte."
Leider ist die Freundschaft trotz aller Ähnlichkeit zuletzt etwas abgekühlt, seit dem Gaza-Krieg, mehr noch seit dem Tod jener neun Türken auf der "Mavi Marmara", die die israelische Blockade von Gaza durchbrechen wollte. Es gibt jetzt keinen israelischen Botschafter in Ankara mehr und keinen türkischen Botschafter in Tel Aviv, und so hängt die israelisch-türkische Freundschaft an einem Metal-Rocker und seiner Band.
Auch in der arabischen Welt ist die Band erfolgreicher als alle israelischen Diplomaten: Bei ihren Konzerten rocken neben Türken und Israelis vor allem Fans aus Syrien, Ägypten, Bahrain, dem Libanon. Sogar Iraner kommen. "Ja, wirklich, die haben sogar die israelische Flagge geküsst", sagt Kobi Farhi. Auf der Facebook-Seite der Band schreiben die Fans: "Kommt nach Jordanien, wir lieben euch hier", oder "Wann spielt ihr in Tunesien?". So viele arabische Fans hat Orphaned Land vor allem, weil Heavy Metal in ihrer Heimat oft als Satanismus verfolgt wird, aber auch, weil die Band den Oriental-Metal erfunden hat, was ein wenig klingt wie Metallica mit Umm Kulthum.
An diesem Tag ist Kobi Farhi ohne Band nach Ankara gekommen, er will an einer Pressekonferenz für das Anki-Rock-Fest im September teilnehmen und, natürlich, seinen Einbürgerungsantrag einreichen. "Wieso willst du ausgerechnet Türke werden?", fragt ihn ein türkischer Reporter, sichtlich fassungslos. Farhi erzählt, dass er in Jaffa aufgewachsen ist, dass seine Vorfahren aus Bulgarien kamen, und wenn seine Großmutter mit ihm schimpfte, habe sie ihn Kütük genannt, das heißt so viel wie: du Stück Holz. Ihr Familienname war Kuyumjinski, das stamme ab von Kuyumcu, türkisch für Goldschmied. Für ihn sind all das Zeichen, dass er tief in seinem Inneren schon längst Türke ist.
Dann kommt Bülent Tanik, der Bürgermeister von Çankaya, dem Regierungsbezirk von Ankara, er trägt einen großen Schnauzbart, und seine Visitenkarte ist aufklappbar, damit all seine Ämter Platz finden. Sie umarmen sich, der Metal-Sänger und der Bürgermeister. Kobi Farhi hat ein Geschenk mitgebracht, einen kleinen Teller mit der Aufschrift "Jaffa". "Schön", sagt der Bürgermeister, und auch noch, dass er alles dafür tun werde, dass der Israeli bald Türke wird.
Am nächsten Morgen ruft der Bürgermeister an. Farhi solle seinen Antrag sofort vorbeibringen, er werde ihn dann seinem Freund geben, dem Kulturminister, und der werde ihn weiterreichen, und wenn alles gutgehe, sei er vielleicht beim Anki-Rock-Fest schon Türke, zumindest Ehrentürke.
Kobi Farhi fährt zum Rathaus, gibt seinen Einbürgerungsantrag ab und trinkt einen Tee. Die Angestellten lächeln. Der Bürgermeister schüttelt seine Hand. Man verabredet sich zum Mittagessen.
Er muss sich jetzt nur noch einen türkischen Namen überlegen. Denn natürlich kann ein Türke nicht Kobi heißen. Mehmet? Ahmet? Deniz? Er grübelt. "Vielleicht Deniz, das klingt schön."
Von Juliane von Mittelstaedt

DER SPIEGEL 36/2012
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