03.09.2012

FUSSBALLDer Club der Krone

Die Glasgow Rangers, einer der ältesten und erfolgreichsten Fußballvereine, haben sich ruiniert. Während die Mannschaft in der vierten schottischen Liga von vorn anfängt, hegt der neue Besitzer bereits große Pläne.
Die Fan-Gesänge der Glasgow Rangers hallten früher durch Europas Fußballarenen, jetzt sind sie im Stadion von Berwick-upon-Tweed verklungen, einem Städtchen an der britischen Ostküste. Die Menschen in den blauen Trikots sind zu den Bussen und Pubs abgewandert, Möwen landen zwischen leeren Bierbechern und nehmen lärmend Besitz von der Tribüne. Neben dem Rasen steht Ally McCoist im Dreck, er trägt Krawatte und Blazer in den Clubfarben, an seinen Schuhen klebt Erde. McCoist, Trainer der Rangers, hat seine Fäuste in die Hosentaschen gestopft und den Kopf eingezogen. Seine Laune ist mies.
Mit Ach und Krach haben die Rangers ein Unentschieden gerettet; je länger das Spiel dauerte, desto desolater lief es für sie. "Ich bin wütend, ich bin enttäuscht, ich bin frustriert", schimpft er, "das war meilenweit von dem entfernt, was akzeptabel wäre." Vor Beginn dieser Saison hatte er gewarnt, ihnen stehe ein steiniger Weg bevor. Doch in diesem Augenblick wirkt er, als könne er nicht fassen, wie tief die Rangers gesunken sind.
McCoist presst die Lippen zusammen. Sein Job ist schwierig. Er braucht Geduld und eine gewisse Zähigkeit. Es geht darum, die Glasgow Rangers aus der vierten schottischen Liga in die Premier League zurückzuführen, Klasse für Klasse, Jahr für Jahr eine Stufe höherzusteigen. Bis sie eines Tages wieder dort ankommen, von wo aus sie verstoßen worden sind.
Vorigen Sommer noch hatte der Club seinen 54. schottischen Meistertitel gewonnen, ein Rekord im Profi-Fußball. Dann forderte das Finanzamt Steuern in Millionenhöhe nach. Jahrelang hatte das Management getrickst und Spielergehälter über Offshore-Konten gezahlt. Schon vorher war der Club durch Misswirtschaft stark in Schieflage gerutscht, die Steueraffäre führte in die Pleite. Am Ende standen 134 Millionen Pfund Schulden, auf 140 Jahre Vereinsgeschichte folgte im Februar die Insolvenz.
Ally McCoist, 49, hat viele der glorreichen Tage erlebt, einige davon hat er gekrönt. Eineinhalb Jahrzehnte lang spielte er als kampfeslustiger Mittelstürmer mit, bis 1998 war er der Torjäger der Rangers. Es ist sein Club geblieben. 2011, nach der letzten Meisterschaft, rückte er vom Assistenten zum Cheftrainer auf, und damals sah es so aus, als würde er im Europacup an der Seitenlinie ein Ensemble aus Stars dirigieren. Es kam anders. 26 Spieler verließen die Rangers. Nun muss er aus unerfahrenen Kickern eine Mannschaft formen. "Wir stehen an der untersten Sprosse der Leiter", sagt er. "Aber der Club ist immer noch der Club."
Das Übungsgelände liegt nördlich von Glasgow, Murray Park, ein weitläufiges Areal mit teppichkurzem Rasen. Wenn sein Team wie in Berwick nicht gerade Mist zusammenspielt, ist McCoist ein umgänglicher Chef. Er begrüßt seine Jungs zum Training mit Handschlag und Schulterklaps und überlässt es seinem Co-Trainer, sie zu scheuchen. McCoist steht dann da und schaut zu. Allein dadurch signalisiert er: Hier bricht nichts zusammen.
Im Zentrum der Anlage erhebt sich eine kuppelartige Halle, in deren Mitte ein Kunstrasenplatz liegt; drum herum befinden sich Trakte für die Profis und Jugendteams. McCoist setzt sich ans Fenster unter eine gerahmte, sehr alte Schwarzweißfotografie. Sie zeigt stolze Männer mit gewichsten Scheiteln, Schnurrbärten, Baumwollklamotten und Fußballschuhen. Darunter steht: "Die Gründungsväter".
Hat er jemals daran gedacht, dass es vorbei sein könnte mit den Rangers?
"Nein, unmöglich. Ich habe diesen Gedanken nicht zugelassen."
Will er der Mann werden, der den Club zurückbringt zu alter Größe?
"Ja, ja. Meine Leute und ich, wir wissen, wo wir stehen, wir wissen, wo wir hinwollen. Kein Zweifel, wir werden es schaffen, auch wenn es Jahre dauert."
Vermisst er die Ligaspiele gegen den Erzrivalen Celtic?
"Oh yeah!" McCoists Augenbrauen schnellen nach oben. "Haben Sie das schon einmal erlebt? Die Atmosphäre ist unvergleichlich."
Über den Fußball heißt es, er sei für manche wie eine Religion. In Glasgow stimmt das wirklich. Die Rangers waren 1872 von protestantischen Studenten gegründet worden. Zu der Zeit kamen viele Auswanderer aus dem bettelarmen Irland herüber in die Industrie- und Universitätsstadt im Westen Schottlands. Sie waren Katholiken und schufen 1887 ihren eigenen Verein, Celtic. Das war das Gründungsjahr einer Feindschaft.
Es ging bei beiden Clubs von Anfang an um mehr als Fußball. Die Rangers stehen treu zur britischen Krone und spielen in den Farben des Union Jack: blaues Hemd, weiße Hose, rote Stutzen. Das eher separatistisch veranlagte Celtic trägt Grün-Weiß und das irische Kleeblatt im Wappen. Bislang gab es 399 Matches gegeneinander, das als "Old Firm" bekannte Stadtderby war oft begleitet von Straßenschlachten, meist ging es um die Meisterschaft. Beide Mannschaften tragen denselben Sponsor auf den Trikots, eine Großbrauerei. Anders geht es nicht. Denn würde sie nur mit einem Team werben, würde die andere Hälfte der Stadt keinen Tropfen der Marke mehr anrühren.
Celtic spielt diese Saison in der Champions League, Rangers gegen Peterhead, Falkirk, Montrose. Trotzdem strömten zum Heimauftakt fast 50 000 Zuschauer, mehr als am selben Wochenende zu sämtlichen sechs Partien der schottischen Premier League kamen. Dabei war der Gegner der Rangers ein Witz. East Stirlingshire ist das erfolgloseste Profi-Team des Landes.
Die Frage lautet also: Ist ein Club wie die Rangers unsterblich?
Die Haupttribüne des Ibrox Stadium besitzt eine Backsteinfassade, die unter Denkmalschutz steht. Wer durch die hohe Tür in der Mitte hineingeht, bekommt das Gefühl, sich auf eine Zeitreise zu begeben. Das Treppenhaus ist mit dunklem Holz verkleidet, ein Messinggeländer führt hinauf in den ersten Stock, wo ein mannshohes Ölgemälde eines Spielers aus vergangenen Tagen hängt. Es gibt hier das "Manager's Office", das Büro des Trainers, alter Schreibtisch mit Fernsprechapparat aus Bakelit, eingerissener Ledersessel, am Fenster schwere Vorhänge. Auf dem Kaminsims liegt ein Gehstock, ein Schildchen weist darauf hin, dass er William Struth diente, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg Trainer wurde. Er blieb es 34 Jahre lang und gewann in dieser Zeit 18 Meistertitel.
Fast blind macht das Gefunkel im Trophäenraum. In sechs Vitrinen stehen Pokale, Vasen, Teller, Statuen, gefertigt aus Edelmetall, Porzellan, Kristall, Kunststoff. Die Decke hängt voller Wimpel, an Leinen aufgereiht wie Wäschestücke. Winston Churchill schenkte einst ein Schreibtischset aus grünlich schimmerndem Stein, mit Tintenfässchen und zwei Aschenbechern. Dieses Präsent ist hier ebenso ausgestellt wie ein eher schlichter Silberteller, den es zum 100. Clubjubiläum gab. Mit eingraviertem Kleeblatt und "mit besten Wünschen, Celtic F. C.".
Andererseits ist Ibrox modern. Im Laufe der vielen Jahre haben es die Rangers zu einer Arena ausgebaut, die vom europäischen Fußballverband, der Uefa, mit fünf Sternen ausgezeichnet wurde. All das, die Historie und die Immobilien, waren für Charles Green attraktiv genug, im Mai den Club zu kaufen.
Sein Büro liegt auf der Rückseite des Stadions, dort sehen die Fassade, die Räume und die ganze Welt der Rangers nüchterner aus. Green trägt eine graue Hose, schwarze Budapester und Manschettenknöpfe zum Hemd. Das Sakko hat er abgelegt, er sitzt in einem Polstersessel und spricht gewähltes Englisch, nicht den hastigen schottischen Akzent. Champagner passt eher zu ihm als Bier aus dem Becher.
"Hier bin ich Investor", sagt er. "Ich bin ein Unternehmer im Finanzbusiness."
Green hat sein Vermögen damit gemacht, Firmen zu übernehmen, die am Ende waren oder nicht recht vom Fleck kamen. Er besorgt frisches Geld, übernimmt die Geschäftsführung, ändert die Strukturen, bringt die Unternehmen an die Börse. Dann bleibt er noch ein bisschen, bis der Betrieb läuft, schließlich zieht er sich zurück. So ist er weltweit mit Firmen aus allen denkbaren Branchen verfahren, Medizin, Technik, Logistik. Auch ein englischer Fußballclub, Sheffield United, war darunter.
Eigentlich hatte sich Green mit 59 Jahren zur Ruhe setzen wollen. Dafür hat er sich ein Anwesen in der Normandie zugelegt und zehn seiner Rennpferde dorthin transportieren lassen. Nun wohnt er vorerst am Rand von Glasgow, auf halber Strecke zwischen Trainingscamp und Stadion, und fährt täglich zur Arbeit.
Zehn Millionen Pfund habe ihn der Deal mit den Rangers gekostet, sagt er. Nicht ihn allein, sondern ein Konsortium aus angeblich 19 Investoren. Für das Geld bekamen sie Murray Park, Ibrox und das Recht, den Clubnamen weiter zu nutzen. Für die Übernahme gründeten sie eine Firma, Newco Rangers, die sich aus der Konkursmasse des alten Clubs bediente. Dessen Schuldenlast ist damit nicht Greens Problem.
Der Nachteil dieser Lösung bestand darin, dass Schottlands Fußballverband die Rangers als neues Team ansah und in die unterste Profi-Liga einstufte - und darüber auch erst wenige Tage vor Saisonstart entschied. Dennoch verkaufte die Rangers-Geschäftsstelle 35 000 Dauerkarten für die Heimspiele im Ibrox-Stadion.
"Heute sind wir der stärkste Club in Schottland", sagt Green und hebt die Hände. "Wir haben die größte Fan-Basis, keine Schulden, kein Darlehen, kein Konto überzogen und Cash auf der Bank."
Im November bereits möchte er mit den Newco Rangers an die Londoner Börse, was viele Millionen einbringen soll. In Greens Welt existieren die Rangers als etwas, das viele auf der Welt kennen, das große Emotionen weckt und nur darauf wartet, unter noch mehr Leute gebracht zu werden. "Die Rangers gehören zu den 15 bekanntesten Fußballclubs der Welt", sagt Green. "Wir haben das Produkt, den Namen und die Marke."
Das Geschäft mit den Fan-Artikeln will er ausbauen, deshalb organisiert er den Vertrieb neu. Green will eigene Fernsehbilder von den Spielen produzieren lassen und als Pay-per-view-Angebot im Internet zeigen. Murray Park soll mehr Jungprofis für den Spielermarkt hervorbringen; es sollen Trainingsakademien in anderen Ländern entstehen. Vor allem in China.
Umgekehrt soll möglichst bald der erste Chinese bei den Rangers spielen, um das Interesse anzufachen. Das Land sei fußballerisch ein schlafender Riese. "Vor ein paar Wochen hatte ich einen der reichsten Chinesen hier", erzählt Green. "Er sagte: ,Charles, wir sind 1,3 Milliarden Menschen, aber wir finden darunter keine elf Fußballer. Wie kann das sein?'"
Während Green redet und redet, wird alles immer größer, und man muss an Helmut Schmidts Satz denken, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen. Irgendwo zwischen schottischem Provinzkick und der Eroberung Chinas wird die Zukunft der Rangers liegen. Sicher ist, dass Green sich zum Ausklang seines Berufslebens darüber freut, es nicht mit einem beliebigen Unternehmen zu tun zu haben, sondern mit einem quasireligösen. Er fährt zu jedem Auswärtsspiel mit und mischt sich unter die Leute. Inzwischen gilt er in Glasgow weniger als Heuschrecke, sondern als jemand, der den Rangers wieder eine Perspektive bietet, egal welche.
Hinter seinem Schreibtisch hat Charles Green eine Glückwunschkarte aufgestellt. Darauf ist die Queen abgebildet, sie lächelt milde und trägt das blaue Trikot der Rangers. Im Inneren ist zu lesen: "Lieber Mr. Green, ich möchte Ihnen danken, dass Sie meinen Club gerettet haben."
Die Karte sieht täuschend echt aus.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 36/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FUSSBALL:
Der Club der Krone