03.09.2012

TRENDSPORTZoff im Unterholz

Mountainbiker erobern die Wälder. Sie rasen durchs Dickicht und springen über selbst gebaute Schanzen. Waldbesitzer und Förster sind empört.
Auf einer Lichtung, gesäumt von Buchen, stehen Lukas Reker, 19, und André Haake, 42, mit ihren Mountainbikes. Sie haben sich im Teutoburger Wald verabredet, in einem Revier bei Bielefeld. Wo genau, soll keine Rolle spielen, denn was sie vorhaben, ist verboten.
Die Biker setzen einen Helm mit Kinnschutz auf. Ein Ritual vor dem Aufbruch, Faust gegen Faust, dann treten sie in die Pedale und stürzen sich in den Wald, einen handtuchbreiten Pfad hinab, knapp an Bäumen und Ästen vorbei. Sie legen sich in Steilkurven, hüpfen über Rampen, manche Sprünge gehen fünf Meter weit.
Die Disziplin nennt sich Downhill. "Wir suchen immer die besten Wege durch das Unterholz", sagt Haake, "je abgelegener und ausgesetzter die Strecke, desto mehr Spaß macht es."
In Deutschland fahren bis zu fünf Millionen Menschen in ihrer Freizeit regelmäßig Mountainbike. Die meisten von ihnen radeln am liebsten im Wald, sie suchen das Naturerlebnis auf rasanten Abfahrten und steilen Anstiegen abseits befestigter Forstwege.
In vielen Wäldern entstehen neue Pfade, sogenannte Trails. Der Actionsport im Gehölz boomt, doch er hat auch jede Menge Feinde. Für Spaziergänger, Naturschützer und Waldbesitzer sind die Biker keine Sportler, sondern Rowdys.
Die Mitglieder des hessischen Waldbesitzerverbands schimpfen, die Biker würden den vom Aussterben bedrohten Schwarzstorch verscheuchen. Förster bei Aachen sprechen von "Vandalen" und "Straftaten", die Radler seien für "das Abrutschen ganzer Hangbereiche" verantwortlich. Wanderer in Unterfranken klagen über rücksichtslose Biker, von denen sie beinahe angefahren worden seien.
Im Juli musste ein 17-jähriger Radfahrer im Siebengebirge drei Steinen ausweichen, die Gegner auf den Trail gelegt haben sollen. Er stürzte mit dem Kopf voran, sein Helm brach, und er verletzte sich im Gesicht. Der "Express" schrieb vom "Krieg in Bonns Wäldern", "Mountainbike-Hasser" würden häufig Fallen aus Steinen und Ästen legen.
In den Wäldern um Bielefeld gibt es über 20 Trails, sie schlängeln sich kilometerlang durch das Dickicht. Es gibt dort eine Szene von rund 500 Fahrern, sie verabreden sich meist über Facebook. "Es geht um Gemeinschaft", erklärt Reker, "wir gehen immer in größeren Gruppen zum Downhill-Fahren, hängen gemeinsam im Wald ab, machen uns gegenseitig Mut für die Sprünge."
Mit Schaufeln heben die Biker die Walderde aus, um Schanzen zu bauen. Mit Äxten bearbeiten sie gefällte Bäume. Sie zimmern Holzleitern, legen sie waagrecht über Baumstümpfe und balancieren darüber. Doch die selbstgebauten Parcours sind illegal, sie verletzen die Eigentumsrechte der Waldbesitzer.
Dirk Heiler gehört ein 185 Hektar großer Forst im Teutoburger Wald. Dort wachsen Fichten, Kiefern, Buchen, und dazwischen verlaufen zwei Trails. Heiler lebt vom Holz, das er verkauft. "Doch die Reifen scheuern die Wurzeln kaputt", sagt er, "wenn der Baum krank wird, nimmt der Verkaufswert des Holzes ab."
Falls sich jemand in seinem Wald verletzt, kann Heiler als Eigentümer haftbar gemacht werden. Er habe "richtig Angst", dass ihn ein Biker irgendwann vor Gericht zerre, sagt Heiler.
Mit bis zu 50 Stundenkilometern rasen sie die Pisten hinab, manche überschätzen sich. In der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt am Main steigt die Zahl der eingelieferten Mountainbiker um fünf Prozent pro Jahr. "Viele kommen aus dem Wald direkt zu uns", sagt Oberarzt Uwe Schweigkofler. Die häufigste Diagnose: Knochenbrüche im Schulterbereich. Der Chirurg berichtet aber auch von Querschnittslähmungen.
Das hessische Umweltministerium arbeitet derzeit an einem neuen Waldgesetz. Der erste Entwurf sah vor, dass Mountainbiker nur noch auf festen Waldwegen fahren dürfen. Also dort, wo auch Traktoren und Autos unterwegs sind.
Die Radszene war empört. Bei einer Petition "gegen ein Bikeverbot in Hessens Wäldern" gaben bis Ende August über 50 000 Freizeitsportler ihre Unterschrift ab. Jetzt möchte das Ministerium den Gesetzentwurf überarbeiten.
In Stromberg im Rheingau wurde vor einem Jahr eine legale Downhill-Strecke eröffnet. Auf dem Rundkurs im Stadtwald gibt es rund tausend Abfahrten jedes Wochenende. "Der Bedarf ist riesig", sagt Thomas Kleinjohann, Vorsitzender der Deutschen Initiative Mountainbike. "Jeder schimpft über die inaktive Jugend, die nur am Computer daddelt. Doch wenn die Kids mit 14 oder 15 Jahren rauswollen in die Natur, gibt es keine Angebote für sie."
Bei Bielefeld hat das Forstamt kürzlich fünf Trails abgerissen, sie lagen in einem Naturschutzgebiet. André Haake zieht die Schultern hoch. "Jeder Trail wird nach sechs Monaten plattgemacht", sagt er. Trotzdem fährt er seit zehn Jahren Downhill. Die Szene ist kreativ, neue Pfade zu finden ist Teil des Sports.
Haake hat sich eine Strategie zugelegt, falls er wieder zornigen Wanderern und Jägern begegnet: "Ich grüße einfach immer freundlich."
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 36/2012
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