03.09.2012

AUTOMOBILEKlatschmohn im Motorenwerk

Italiens Sportwagenlegende Ferrari verschreibt sich dem Öko-Geist - eine PS-Groteske auf hohem technischem Niveau.
Die stärksten Motoren des Sportwagenherstellers Ferrari sind fast so hoch wie Einfamilienhäuser und ebenso immobil. Sie stehen am Rand der Fertigungsanlagen im firmeneigenen Erdgaskraftwerk.
Zwei rotlackierte Stationäraggregate, jedes mit 20 Zylindern, 56 Liter Hubraum und knapp 12 000 PS, versorgen die Fabrik in Maranello mit Strom, Heizwärme sowie künstlicher Kälte für Klimaanlagen und Fertigungsprozesse. Sie verfeuern jährlich Gas im Brennwert von knapp 20 Millionen Liter Benzin.
Ferrari baut 7000 Autos im Jahr. Zur Herstellung eines Exemplars verpufft allein in Maranello der Energiegehalt von 2800 Liter Ottokraftstoff.
Firmenchef Amedeo Felisa spricht offen über diese Dinge. Er sitzt an einem runden Tisch mit bunten Weingummis und Schokolinsen und lobt die Effizienz der werkseigenen Stromerzeugung. Das Kraftwerk, vor drei Jahren in Betrieb genommen, habe den Kohlendioxidausstoß der Traumwagenfabrik um über 40 Prozent gesenkt. Es ist Teil einer großangelegten Initiative, um Italiens PS-Ikone auf Öko-Kurs zu trimmen.
"Ferrari und die Umwelt: die globale Herangehensweise" nennt sich ein Internetvideo des Herstellers; es zeigt munter zum Dienst radelnde Monteure, Solarzellen auf der Firmenturnhalle und eindrucksvoll begrünte Produktionsanlagen. Über 25 000 Bäume und andere Pflanzen, teils Exoten wie Kaspische Tamariske und seltene Dickblattgewächse, aber auch simpler Klatschmohn, gedeihen vor und stellenweise sogar in den Montagehallen.
Der Sport- und Rennwagenproduzent ist offenbar auf der Suche nach neuen Grenzerfahrungen. Es stellt sich die Frage, wie viel grüner Geist einer Klientel zugemutet werden kann, die durchaus Wert darauf legt, dass Autos nicht etwa nur 300 fahren, sondern deutlich schneller.
Felisa ist sich der Delikatesse der Mission bewusst. Die Sorge, dass sich die Produkte im Zuge der Bewaldung ihrer Fertigungsstätte in Biogurken verwandeln könnten, sei unbegründet: "Wir werden keine Kompromisse bei den Fahrleistungen der Fahrzeuge machen", versichert er.
Die Öko-Strategie der profitablen Fiat-Tochter sei als eine Art Zweistufenplan zu verstehen. Im ersten Schritt war die Fabrik an der Reihe. Dieser sei nun weitgehend abgeschlossen. In der zweiten Stufe kämen nun die Autos dran. "Und die" - Felisa blickt bedeutungsvoll über den Konferenztisch und offeriert von den Süßigkeiten - "verbrauchen schon heute sehr wenig." Die Argumentation führt nun weit über die Baumgrenze des Fassbaren hinaus ins Hochland der Sophistik; da scheint es ratsam, der Unterzuckerung vorzubeugen.
"Gemessen an ihrer spezifischen Leistung", erklärt der Ferrari-Chef, "zählen unsere Motoren zu den sparsamsten der Welt." Als Beispiel ließe sich das neueste Zwölfzylinder-Aggregat der großen Baureihe nennen: Es leistet 740 PS, beschleunigt Fahrzeug und Fahrer auf über 340 Kilometer pro Stunde und begnügt sich im genormten Prüfzyklus mit 15 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. Für den Normzyklus jedoch benötigt es kaum mehr als zehn Prozent seiner Motorleistung.
Einen Ferrari nun als Dienstwagen für Spitzenpolitiker der Grünen zu empfehlen wäre wohl verfrüht. Das Sparpotential von Hochleistungssportwagen, erläutert Felisa, sei noch lange nicht ausgeschöpft. Ein Register hat Ferrari bis heute nicht gezogen. Felisa verspeist eine Schokolinse und nennt das Codewort des Öko-Fortschritts: "Hybrid".
Im kommenden Jahr soll eine Kleinserie des ersten Hybrid-Ferrari aufgelegt werden, dessen kombinierter Benzin-und-Elektro-Antrieb in Summe über 800 PS leisten dürfte, mehr als jeder Serien-Ferrari zuvor. Felisa präsentiert ein Blatt Papier mit einem Koordinatensystem, das drei Drehmomentkurven zeigt: die des Elektromotors, die des Benzinmotors und einen Graphen aus der Summe beider, der die höchste bislang von Ferrari erreichte Antriebskraft erahnen lässt. Felisa verspricht ein "einzigartiges Fahrerlebnis".
Konkrete Verbrauchsprognosen macht er noch nicht, wohl aber einen weiteren Ausflug in knifflige Öko-Arithmetik: "Betrachten wir das Nutzungsprofil", erklärt Felisa, "schadet ein Ferrari dem Klima weniger als ein Toyota Prius."
Das Sparmobil aus Japan komme zwar spielend mit einem Drittel des Kraftstoffbedarfs eines Ferrari hin, werde aber im Alltag weit mehr als dreimal so weit bewegt. Ferrari-Kunden leisteten mithin einen unschätzbaren Dienst am Planeten Erde, indem sie ihre Autos nicht in erster Linie führen, sondern bewahrten. Sie seien konservativ im besten Sinne.
Der Gedanke ist stimmig bis zur Selbstauflösung. Die nachhaltigste Form der Liebe zum Ferrari wäre die platonische, in der nur noch die Idee des Autos vorkommt. Es müsste nicht mehr gefahren, ja nicht einmal hergestellt werden.
Felisa hält inne und wird etwas nachdenklich. Eine Welt ganz ohne Ferrari, sie wäre um ein Umweltproblemchen ärmer. Doch wie sollte er diese Welt dann noch retten, von Maranello aus?
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 36/2012
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