03.09.2012

KINODer Duft des Geldes

Er war der schillerndste Filmproduzent Deutschlands. Jetzt hat Katja Eichinger ein Buch über ihren verstorbenen Mann Bernd geschrieben. Es ist das Porträt eines Besessenen, der seinen Traum verwirklichen musste - um jeden Preis.
Dass Patrick Süskind an einem Roman arbeitete, hatte lange Zeit niemand gewusst. Als Freund und Schreibpartner Helmut Dietls gehörte er zu einer Gruppe von Leuten, die in den Achtzigern regelmäßig ihre Abende im Münchner Romagna Antica verbrachten. Süskind hatte mit "Der Kontrabass" (1981) ein Ein-Mann-Theaterstück geschrieben, für das sich Bernd sehr begeistert hatte. Als dann 1985 Süskinds Roman "Das Parfum" erschien und mit seiner Wucht, seiner Sprachgewalt, seiner Morallosigkeit und Sinnlichkeit die Welt eroberte, stand für Bernd fest: Dieses Buch wollte er verfilmen.
Der Roman wurde dann in 47 Sprachen übersetzt und hat sich mittlerweile 20 Millionen Mal verkauft. Kein anderer deutscher Roman der Gegenwartsliteratur hatte auch nur Annäherndes erreicht. Außerdem war er gewissermaßen vor Bernds Augen - wenn auch ohne sein Wissen - entstanden. Wer, wenn nicht Bernd, sollte "Das Parfum" also verfilmen? Die Geschichte dieses olfaktorischen Genies, das Perfektion erschaffen will, um sich selbst zu manifestieren, war das nicht auch Bernds Geschichte?
Jean-Baptiste Grenouille, die Hauptfigur in "Das Parfum", ist ein Autist, der die Welt nur über die Sprache der Düfte wahrnehmen kann. Er setzt alles aufs Spiel, geht buchstäblich über Leichen, um so etwas Vergängliches und Flüchtiges und dennoch Unwiderstehliches und Manipulatives wie den ultimativen Duft zu schaffen.
Auch Bernd, der die Welt nur über Kino wahrnahm, setzte immer wieder Himmel und Hölle in Bewegung, indem er versuchte, den perfekten Film zu schaffen. Ein Film ist ungreifbar wie ein Duft, ein flüchtiges Wesen, das doch eine Macht auf den Menschen auszuüben imstande ist, der sich niemand entziehen kann.
Dass Bernd von Anfang an diese Geschichte verfilmen wollte, Patrick Süskind die Rechte an seinem Erfolgsroman aber nicht hergeben wollte, ist kein Geheimnis. Helmut Dietl machte 1997 einen ganzen Film darüber, "Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief". Es ist auch ein Film über die achtziger Jahre in München. Der Titelzusatz stammt übrigens von Wolf Wondratschek, und Bernd zahlte ihm dafür eine nicht unbeträchtliche Summe.
Das Vorbild für das Restaurant Rossini im Film war natürlich das Romagna Antica in der Münchner Elisabethstraße. Dort hatte die Constantin Film in den Achtzigern jeden Abend drei Tische, an denen Bernd Hof hielt. An einem weiteren Tisch saß Helmut Dietl. Der Rest der Gäste bestand aus Leuten, die den Geschehnissen an diesen Tischen zuschauen wollten. Es war wie eine Bühne. Jeden Abend. Nicht selten endete es damit, dass Bernd Weingläser zerdepperte. Die Rechnungen wurden monatlich beglichen und betrugen um die zehntausend Mark.
"Rossini" ist ein Porträt des Wahnsinns und des Überschwangs dieser Szene, die sich um Bernd und Helmut Dietl im Romagna Antica entwickelt hatte. Dieser Ansicht war auch Bernd, der nicht bestritt, dass Heiner Lauterbachs Darstellung einer klar an Bernd angelehnten Figur teilweise sehr originalgetreu war.
Und doch hatte Bernd eins an "Rossini" auszusetzen: "Wir waren damals alle viel jünger als die Schauspieler im Film! Ich war gerade mal Mitte dreißig, als Süskinds Roman herauskam. Mitte dreißig ist es noch okay, wenn man so laute Töne spuckt. Das ist noch mit jugendlichem Größenwahn zu entschuldigen. Wenn man aber weit über vierzig ist, wie eben die Schauspieler in ,Rossini', ist so ein Verhalten lächerlich."
Den Film darüber, wie Bernd "Das Parfum" unbedingt verfilmen wollte, gab es also schon. Nun musste Bernd es nur noch verfilmen. Doch Patrick Süskind weigerte sich weiterhin, die Filmrechte zu verkaufen. Es war einfach nichts zu machen. Der öffentlichkeitsscheue Autor blockte jedes Angebot ab.
Bernd überlegte zeitweise sogar, den Züricher Diogenes Verlag, wo "Das Parfum" erschienen war, zu erwerben, um an den Stoff zu kommen. Doch die Filmrechte lagen nicht beim Verlag, sondern bei Süskind selbst. 16 Jahre musste Bernd warten, dann auf einmal waberten Gerüchte durch den Äther des internationalen Filmgeschäfts: Ja, Patrick Süskind wolle verkaufen.
Es gab mächtige und renommierte Mitbewerber um den Stoff: Martin Scorsese, Ridley Scott und - der war nun wirklich ein Problem - Steven Spielberg. Sie alle wollten unbedingt diesen Stoff verfilmen, der als unverfilmbar galt. Sie alle waren angefixt von Grenouille, dem Genie der geheimnisvollen Welt der Düfte, der das schaffte, was sich jeder Filmemacher erträumt: mit seiner Kunst den Verstand der Menschen auszuschalten und sie in der Tiefe ihrer Seele zu berühren.
Bernd musste handeln, und zwar sofort. Gemeinsam mit Martin Moszkowicz, heute im Vorstand, damals der Produktionschef der Constantin, flog er an einem Samstag nach Zürich, um dort Daniel Keel, den Inhaber des Diogenes Verlags, zu treffen. Keel hatte für Süskind die Verhandlungen zu den Filmrechten übernommen.
Das Verlagsgebäude war leer. Auch von Patrick Süskind war nirgendwo eine Spur. Bernd und Martin saßen mit Keel auf der Couch in seinem Büro. Man schaute sich an. Dann begann Bernd: "Ja, also wir wollen die Rechte zum ,Parfum' kaufen."
Keel machte Bernd auf seine schweizerische Art klar, dass er da nicht allein war. Bernd: "Und wenn wir das zusammen machen würden, wie viel soll's kosten?" Keel nannte einen zweistelligen Millionenbetrag.
Bernd und Martin schauten sich an und schluckten. Das war der höchste Betrag, der jemals in der Filmgeschichte für einen Romanstoff gefordert worden war. Und die kleine Constantin aus Deutschland, ein Wicht im Vergleich zu den großen US-Studios, sollte das stemmen? Das war nicht nur hart am Wind gesegelt, das war Wahnsinn.
Bernd zu Keel: "Können wir mal 'ne Zigarette rauchen gehen?" Keel nickte. Für eine Zigarette war Zeit, aber viel länger nicht, die Amerikaner wollten Tacheles reden.
Es war die teuerste Zigarette, die Bernd und Martin jemals rauchten. Martin: "Das ist irre viel Geld!" Bernd: "Ja, aber was soll ich machen? Das will er halt." Martin: "Sollen wir verhandeln?" Bernd: "Nee, das ist mir zu gefährlich ... weißt' was, ich geh da jetzt rauf und sag, ich kauf das." Martin bekam noch ein leises "Okay" zustande.
Bernd wusste, dass er hier eine Entscheidung im Alleingang getroffen hatte, die zwar innerhalb der alten Strukturen der Constantin Film möglich gewesen wäre, aber bei einem börsennotierten Unternehmen, wie die Constantin Film es nun war, vom Aufsichtsrat genehmigt werden musste.
Aber auch dieses Risiko nahm Bernd in Kauf. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass der Aufsichtsrat seine Entscheidung blockieren würde. Bernd hatte nach wie vor das Gefühl, dass er die Constantin und die Constantin Bernd Eichinger war. Er sollte eines Besseren belehrt werden.
Für Bernd war der Erwerb der Verfilmungsrechte von "Das Parfum" eine einmalige Chance. Was wäre die Alternative gewesen? Zu sagen: nee, zu teuer, und sich dann ein paar Jahre später an der Kinokasse Eintrittskarten zur Spielberg-Verfilmung des Stoffes zu kaufen und sich sagen zu müssen: "Den Film hätte ich machen können, aber ich war zu feige."
Außerdem: Der Kaufpreis war hoch, aber es war ein Buyout-Deal, das heißt, Süskind hatte, wenn der Film ein Erfolg wurde - und was sollte es sonst werden? -, kein Anrecht auf sogenannte Back-End-Prozente, also keine Gewinnbeteiligung. Der Roman war solch ein internationales Phänomen gewesen, dass ein Film ein eingebautes Vermarktungspotential haben würde. Doch das änderte nichts an der Tatsache: So viel Geld war zuvor noch nie in der Filmgeschichte und ist auch - soweit bekannt - nie wieder vorab für einen Filmstoff bezahlt worden.
Bernd musste also vor den Aufsichtsrat der Constantin Film und sich den "Parfum"-Deal absegnen lassen. Nun begann ein Krimi, der Bernd an den Rand seines Verstandes bringen, ihn seinen Posten als Vorstandsvorsitzender der Constantin Film kosten und ein bleibendes Tinnitus-Rauschen in seinem Ohr auslösen sollte.
Ein Jahr zuvor war die Constantin Film an die Börse gegangen. Und das, obwohl jeder sagte: Die Constantin ist so ein unzivilisierter, chaotischer Haufen, das wird nie etwas. Der Weg dorthin war langwierig. Neun Monate Arbeit. Nicht nur, dass die Constantin von Rechtsanwälten und Buchhaltern auf den Kopf gestellt wurde. Bernd musste zudem Vorträge vor Investmentbankern halten, was für ein bombensicheres und hochprofitables Geschäft die Filmbranche doch sei.
Bernd war dies unangenehm. Wie oft hatte die Firma an einem seidenen Faden gehangen, wie oft war er selbst am Bankrott vorbeigeschrammt. Und nun sollte er diesen Leuten, die im Gegensatz zu ihm über nichts anderes nachdachten als Geld, erzählen, wie sie jedes Jahr ihre Profitmargen steigern könnten, wenn sie in die Constantin-Aktie investierten? Ihm wurde versichert, das sei eben das Spiel, ein Handel mit heißer Luft. Der Markt würde das Soufflé schon wieder auf realistische Größe zusammenschrumpfen lassen.
Durch den Börsengang bekam die Constantin Film nun sowohl einen Auf-sichtsrat als auch einen Vorstand ver-
passt. Der Aufsichtsrat setzte sich zum einen aus Leuten zusammen, die Bernd nahestanden, und andererseits aus Vertretern des Imperiums von Leo Kirch, dem Medienunternehmer, der seit Ende der achtziger Jahre Gesellschafter und nun Großaktionär bei der Constantin war.
Aufsichtsratsvorsitzender wurde Thomas Haffa, damals eine der schillerndsten Figuren des Neuen Markts. Zum offiziellen Börsengang versammelte man sich in Frankfurt. Die Glocke läutete, das Geschäft begann, und mit einem Schlag hatte Bernd Millionen virtuelles Geld auf dem Konto. Für eine kurze Zeit konnte die Firma aufatmen.
Auch Leo Kirch, den Bernd nur mit Schwierigkeiten vom Börsengang hatte überzeugen können, profitierte davon. Für Bernd als Vorstandsvorsitzenden bedeutete der Börsengang Unmengen von Managerpflichten, die ihm lästig waren. Das Managen eines börsennotierten Unternehmens verschlang so viel Energie, die er nicht mehr in seine Filme stecken konnte.
Am 30. Oktober 2000 schrieb Bernd einen Brief an Leo Kirch. Darin berichtet Bernd, dass dem Diogenes Verlag mehrere Offerten für den Filmstoff "Das Parfum" vorlägen. Die Constantin habe nun die Möglichkeit, die Filmrechte zu erwerben. "Ich bin der Meinung, dass der Film, richtig gemacht, ein enormer Hit werden kann und dass sich das Projekt, inklusive der extrem hohen Rechtekosten, gut finanzieren lässt. Es wäre mal wieder ein richtiges Constantin-Projekt. Lieber Leo, bitte lass mich umgehend wissen, wie Du darüber denkst."
Zu diesem Zeitpunkt war das Verhältnis zwischen Bernd und Leo Kirch, das immer von einer Mischung aus Respekt, Faszination und Vorsicht gekennzeichnet gewesen war, deutlich abgekühlt.
Im Aufsichtsrat gab es eine "Balance of Power" zwischen Kirch und Bernd. Das Zünglein an der Waage war der neue Aufsichtsratsvorsitzende Fred Kogel, ein Kandidat, auf den sich Bernd und Kirch geeinigt hatten.
Innerhalb des Aufsichtsrats war Kogel also die entscheidende Stimme. Doch was sollte Kogel tun? Sein Arbeitgeber hieß Leo Kirch. Zu sagen, Kirch sei dagegen gewesen, dass Bernd "Das Parfum" verfilmte, wäre eine der größten Untertreibungen der deutschen Filmgeschichte. Genauso wie Bernd entschlossen war, "Das Parfum" zu verfilmen, war Kirch besessen davon, dass Bernd dies nicht tun sollte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Kirch sich nur einmal inhaltlich in Bernds Geschäfte eingemischt. Bernd, ein überzeugter Atomkraftgegner und langjähriger Wähler der Grünen, hatte die Entstehungsgeschichte von Greenpeace verfilmen wollen. Ein Projekt mit dem Titel "Rainbow Warrior", nach dem legendären Schiff, mit dem die Greenpeace-Gründer den Walfang bekämpften. Der konservative Kirch hatte dieses Projekt unterbunden. Aber ansonsten hatte er sich nicht in die Auswahl der Filmprojekte der Constantin eingemischt.
Das änderte sich nun radikal. Kirch machte die Bekämpfung dieses Filmprojekts zur Chefsache, was dazu führte, dass Kogel - zu Bernds großer Enttäuschung - im Aufsichtsrat gegen "Das Parfum" stimmte. Zwar sollte Kogel später maßgeblich zur Rettung des "Parfums" beitragen, aber zu diesem Zeitpunkt stand fest: Der Aufsichtsrat der Constantin Film lehnt den Erwerb der Rechte ab. Der Schlamassel war perfekt.
Die Entstehungsgeschichte von "Das Parfum" ist auch eine Geschichte nicht ausgesprochener Emotionen von Männern in Konferenzräumen. Dabei war Kirchs kategorische Ablehnung des Projekts so nebulös, wie sie zerstörerisch war. Eine mutmaßliche Erklärung für Kirchs Verhalten ist die, dass Kirch eng mit Horst Wendlandt befreundet war - Bernds altem Rivalen und Produzenten der "Otto"- wie der "Winnetou"-Filme. Wendlandt wollte unbedingt "Das Parfum" verfilmen. Möglicherweise war Kirchs Verhalten ein Freundschaftsdienst.
Die Sorge, "Das Parfum" könne das durch den Börsengang entstandene Cash-Polster der Constantin auffressen und die Firma bankrottgehen lassen, konnte Bernd nicht nachvollziehen. Er entschied sich, einen Kredit auf seine Constantin-Anteile aufzunehmen und die Rechte als Privatmann zu erwerben.
Weihnachten 2000 schrieb Kirch an Bernd, dass er Bernds Entscheidungen nicht länger folgen könne. Er befürchte, so Kirch, dass Bernd an seinem Schritt, dieses Abenteuer auf eigene Rechnung einzugehen, "schwer zu tragen" haben werde.
Am 9. Januar 2001 gab Bernd in einer Presseerklärung bekannt (auf Constantin-Film-Briefpapier), dass er die Filmrechte für "Das Parfum" erworben habe. Die US-Fachzeitschrift "Variety" hatte nämlich in einer groß aufgezogenen Titelgeschichte Bernds Erwerb der Rechte gemeldet. Allerdings war in dem Artikel nichts davon berichtet worden, dass nicht die Constantin, sondern Bernd persönlich die Zahlung geleistet hatte.
Am selben Tag noch schrieb Leo Kirch einen erbosten Brief an Bernd, in dem er ihn bezichtigte, er würde den Namen der Constantin Film AG benutzen, um gegen den Willen des Aufsichtsrats Tatsachen zu schaffen.
Außerdem betonte Kirch, dass er weiterhin jede inhaltliche Befassung der Constantin mit "Das Parfum" ablehne und es nicht zulasse, dass der Constantin Film durch das Projekt Kosten entstünden. Im Klartext: Bernd musste alle Kosten, also Flüge, Bewirtung und vor allem Gagen von Drehbuchautoren, aus eigener Tasche bezahlen. Der Brief endet mit folgendem PS: "Solange Du Dich weiter mit durchsichtigen Manövern über meinen Willen hinwegzusetzen versuchst, sehe ich in einer persönlichen Begegnung keinen Sinn."
Bernd zückte seine letzte Waffe: Am 10. Januar 2001 verfasste er handschriftlich auf dem Briefpapier des Hotel Adlon in Berlin folgendes Fax:
10. Januar 2001
Lieber Leo - Dein letzter Brief an mich zeigt nun endgültig, wie unheilbar Dein Vertrauensverhältnis in mich erschüttert ist. Unterschiedlicher Meinung zu sein, ist eine Sache, aber dass Du mir allen Ernstes "durchsichtige Manöver" unterstellst, ist zwischen uns undenkbar. Es ist mir unmöglich, dies hinzunehmen und so zu tun, als wäre nichts passiert. Daher lege ich den Vorstandsvorsitz der Constantin nieder. Derart zerrüttete Verhältnisse können nicht zum Wohle der Firma sein. Schon gar nicht einer Firma, die ich aufgebaut habe und die ich liebe. Wir werden eine andere geeignete Person finden, die das Management übernimmt. Mein Entschluss diesbezüglich ist unumstößlich. Wenn das gewollt ist, werde ich die laufenden Filmproduktionen selbstverständlich zu Ende führen. Ich kann mir auch vorstellen, in einer Produktionskapazität weiter mit der Constantin zu arbeiten.
Lass mich noch sagen, dass ich ohne Bitterkeit bin und dass Du aus meinem Munde niemals ein Wort der Verleumdung hören wirst. Du bist mein Freund und wirst es bleiben, ob Du nun willst oder nicht. Es waren gute Jahre mit Dir. Wer weiß, was die Zukunft uns noch bringt - vielleicht noch Gutes.
Für jetzt wünsche ich mir, dass wir das, was jetzt kommt, wie Männer von Format behandeln.
Wie immer: Glück und Gesundheit. Dein Bernd.
Bei dem Satz "Daher lege ich ..." verkrampft sich Bernds Handschrift. Man sieht den Schmerz. Für "Das Parfum" hat Bernd in der Tat alles riskiert: sein Vermögen, seine Anteile an der Constantin, seinen Job und in dem Sinne seinen Lebensinhalt.
All das ging mir durch den Kopf, als wir im September 2006 in einem Zimmer im Bayerischen Hof in München saßen. Es war noch eine Stunde bis zur Premiere von "Das Parfum". Bernd lag auf dem Bett, neben sich einen Eiskübel mit einer Flasche Weißwein, und starrte an die Decke.
Wir sprachen kurz darüber, welche Opfer ihn dieser Film gekostet hatte, welches Herzblut darin steckte. Und wie unfassbar es war, dass nun dies alles auf dem Spiel stand. Gleich würde er in die Arena ziehen, auf dem roten Teppich in die Kameras lächeln, dabei denken "Ave Caesar, morituri te salutant" und dann warten, ob der Imperator zum Publikum den Daumen hoch- oder runterhalten würde.
Nach der Weltpremiere zerfledderten die Kritiker den Film mit Wollust. Daran hätte Bernd zwar mittlerweile gewöhnt sein müssen, doch dafür war er nicht abgebrüht genug.
In der Erinnerung bleibt ein Wust an Blitzlicht, Stimmengewirr, Nervosität, Aufregung, Alkohol und Nikotin. Ein medialer Sturmangriff, exakt bis ins Detail durchgetaktet von dem damaligen Constantin-Verleihvorstand Thomas Friedl.
Vor der Wiener Premiere mussten wir den Arzt rufen, weil Bernd solch schreckliches Bauchweh hatte, dass er nicht mehr gehen konnte. Der Arzt konnte nichts tun außer ihm sagen, dass der Schmerz ganz
offensichtlich stressbedingt war. Diese Schmerzen sollten Bernd immer wieder einmal einholen. Wirklich schlimm wurde es zum letzten Mal bei den Dreharbeiten zu "Der Baader Meinhof Komplex". Am Schluss, an den letzten Drehtagen in Marokko, war Bernd gelähmt vom Schmerz. Er schaffte es kaum noch, ans Set zu gehen. In Wien wie in Marokko war es so, dass Bernds Körper die Notbremse gezogen hatte. Er konnte sich kaum noch bewegen und litt wie ein Hund.
Als "Das Parfum" dann endlich in den Kinos anlief, waren wir nach all der Aufregung, all den Kameras und all dem Trubel ein ganzes Wochenende lang zu Hause. Wir hatten die Vorhänge zugezogen und aßen jeden Abend Miracoli, während Bernd wie das Karnickel vor der Schlange auf dem Sofa saß und auf die ersten Zahlen wartete.
"Das Parfum" knackte am ersten Wochenende die Marke von einer Million Zuschauern, das war phantastisch; aber Bernd wusste, es würde nicht genügen, um am Ende sein Ziel von sechs Millionen Zuschauern in Deutschland zu überschreiten. Es wurden dann 5,6 Millionen Zuschauer. Ein Erfolg wurde der Film trotzdem.

BERND EICHINGER, der bedeutendste deutsche Filmproduzent der vergangenen drei Jahrzehnte, starb am 24. Januar 2011 in Los Angeles im Alter von 61 Jahren an einem Herzinfarkt. Seine Literatur-Adaptionen „Die unendliche Geschichte“ und „Das Parfum“ gehören zu den aufwendigsten und erfolgreichsten Filmen, die je in Deutschland gedreht wurden. Mit historischen Stoffen wie „Der Untergang“ über die letzten Tage der Nazi-Führungsriege und „Der Baader Meinhof Komplex“ über die Entwicklung der RAF sorgte Eichinger in Deutschland für heftige Debatten und fand international große Anerkennung. Eichingers Witwe Katja, eine frühere Filmjournalistin, die er 2006 heiratete, veröffentlicht nun unter dem Titel „BE“ eine Biografie über den auch international erfolgreichen Produzenten. Das Buch erscheint am 6. September im Verlag Hoffmann und Campe (576 Seiten, 24,99 Euro). Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge als Vorabdruck. Darin beschreibt Katja Eichinger, wie es ihrem späteren Mann im Jahr 2000 nach zähen Verhandlungen gelang, die Verfilmungsrechte an dem Bestseller „Das Parfum“ von Patrick Süskind zu erwerben - für die Rekordsumme von zehn Millionen Dollar.
(*1) Mit Heiner Lauterbach, Gudrun Landgrebe, Jan Josef Liefers.
(*2) 2006 bei der Berliner Premiere von "Das Parfum".

DER SPIEGEL 36/2012
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