03.09.2012

KUNSTBesoffen vor Begeisterung

Die berühmte „Madonna unter den Tannen“ von Lucas Cranach d. Ä., seit Jahrzehnten verschollen, ist wiederaufgetaucht: unter mysteriösen Umständen.
Über 400 Jahre hatte die Madonna mit dem lieblichen Lächeln im Breslauer Dom gehangen. Ein kunsthistorisches Kleinod, bewundert, wissenschaftlich beschrieben und von Einwohnern und Reisenden verehrt. Die "Madonna unter den Tannen" hatte ihr Schöpfer, Lucas Cranach der Ältere, 1510 dem Bischof von Breslau geschenkt. Seitdem gehörte sie zu den Sehenswürdigkeiten der Region.
Doch vermutlich seit 1946 hing, lange Jahre unbemerkt, eine Kopie in der Kirche. Im Sommer ist das Original überraschend in die Heimat zurückgekehrt, der polnische Kulturminister übergab sie dem heute amtierenden Bischof.
Offiziell weiß niemand, wo das Bild all die Jahrzehnte versteckt gewesen war. Die katholische Kirche, nun wieder Hüterin des Schatzes, beruft sich auf ihre Schweigepflicht. Und so bleibt die Geschichte der Cranach-Madonna bis heute so wundersam wie verworren.
Die Irrfahrt des Bildes begann im Zweiten Weltkrieg. 1943 war das kostbare Gemälde zusammen mit anderen Kunstschätzen der Stadt, die heute Wroclaw heißt und zu Polen gehört, in ein Zisterzienserkloster auf dem Land gebracht worden. Drei Jahre später fertigte der Kunstmaler Georg Kupke eine Kopie nach dem Original. So hat er es jedenfalls später erzählt. Beauftragt habe ihn der Breslauer Kaplan Siegfried Zimmer.
Der Geistliche habe gemeint, so erinnerte sich Kupke 1985: "Wenn es uns gelingt, eine gute Kopie der ,Madonna unter den Tannen' herzustellen, dann retten wir sie vor den Kommunisten. Denen lassen wir die Kopie hier und schmuggeln das Original in den Westen." Kupke war "ganz besoffen vor Begeisterung".
Auf seiner Kopie schielt die Madonna ein wenig. Offensichtlich erkannte aber niemand die Fälschung, seit Zimmer, der 1947 in den Westen ging, die Kupke-Madonna aufgehängt hatte. Erst 1961, als eine Pariser Bildagentur ein Foto des berühmten Renaissance-Gemäldes aus dem Dom von Breslau anforderte, flog der Schwindel auf.
Doch wo war die echte Madonna? Bis heute gibt es nur Vermutungen.
Was der Geistliche Zimmer mit dem Bild gemacht hat, ist ungewiss. Der ehemalige Kaplan, später Religionslehrer, lebte im bayerischen Traunstein; die Madonna soll dort im Wohnzimmer gehangen haben. Als Zimmer im Juli 1979 starb, war er ein rätselhaft vermögender Mann. In seinem Nachlass fanden sich altägyptische Schätze, eine Mumie und eine Münzsammlung, aber weder die Cranach-Madonna noch ein Testament.
Allerdings war die Madonna seit den späten sechziger Jahren immer mal wieder aufgetaucht - als Kaufangebot.
Der renommierte Schweizer Kunsthistoriker und Cranach-Experte Dieter Koepplin erinnert sich an eine dieser dubiosen Offerten: "1969 wurde die Madonna einem deutschen Sammler in der Schweiz angeboten, der hatte schon Cranach-Bilder."
Zwei Jahre später fuhr Koepplin im Auftrag dieses Sammlers nach Genf. In einem Hotel traf er zwei Herren. Man ging in ein Haus in der Nachbarschaft. Dort sah Koepplin Lucas Cranachs des Älteren "Madonna unter den Tannen" - das Original. "Darin war ich und bin ich vollkommen sicher", sagt Koepplin heute. "Aber sicher war ich mir auch in meiner Ablehnung, den Herren das zu bescheinigen." Man wollte eine Expertise von ihm. Koepplin lehnte ab, das Bild verschwand wieder vom Markt.
Offiziell war bis dahin nicht einmal Anzeige erstattet worden, das geschah erst 1981 seitens der katholischen Kirche, die auch Interesse an einem Rückkauf signalisierte. Offenbar war das Angebot der Kirche von 1,5 Millionen Mark nicht hoch genug. Die Mittelsmänner forderten das Zehnfache. Schon in den siebziger Jahren war die Madonna den Staatlichen Museen von Berlin und München angeboten worden.
1985 berichtete der "Stern", das Bild sei bis 1973 im Besitz eines Immobilienmaklers aus Regensburg gewesen, der die Cranach-Madonna gegen eine Rubens-Landschaft, die sich als Fälschung herausstellte, getauscht habe. Ein Jahr später meldete die Zeitschrift "Bunte", das Gemälde sei in der Schweiz, und "Bunte" selbst "verhandelte mit Mittelsmännern". Aber die Madonna blieb weiterhin unsichtbar.
Bis zur Übergabe in diesem Sommer. Das Entführungsopfer sei, so teilte es das polnische Außenministerium mit, endlich zurückgekehrt. Die offizielle Auflösung des komplizierten Falles ist so unglaublich einfach wie schön: Die Erben eines Schweizer Sammlers haben demnach das Cranach-Gemälde der Diözese St. Gallen geschenkt, die es wiederum der Bruderkirche in Breslau übergab.
Den Namen des im vergangenen Jahr verstorbenen Besitzers schütze, so der Sprecher der Diözese, "die Seelsorgepflicht".
Einstweilen kann nur angenommen werden, dass die Madonna, die sich seit dem 27. Juli in Breslau befindet, die richtige ist.
Das müsste die Forschung prüfen - und auch die Stationen der langen und mysteriösen Reise der "Madonna unter den Tannen" ergründen. Das jedenfalls fordert der Heidelberger Kunsthistoriker Michael Hofbauer, Leiter der Forschungsstelle cranach.net, für den bei der offiziellen Version zu viele Fragen offenbleiben: Auch in diesem spektakulären Fall zeige sich, "dass Kriminal- und Kunstgeschichte manchmal eben zusammengehören".
Die von Kunstmaler Kupke 1946 fabrizierte schielende Madonna ist aus dem Dom verbannt, aber in Breslau geblieben. In Kirchenbesitz. Für alle Fälle.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 36/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUNST:
Besoffen vor Begeisterung

  • Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"