03.09.2012

DEBATTEWillkommen in der Zukunft

Früh gebären, um später beruflich durchzustarten? Das wird den Frauen auch nicht helfen. Von Annette Bruhns
In einem Land der Zukunft könnten schlaue Frauen alles, was schlaue Männer auch können: Karriere machen, bis hinauf in Vorstandsetagen, Universitätsrektorate, Chefredaktionen. Und sie könnten dabei auch Kinder haben - zwei, drei oder sogar vier.
Es gibt längst solche Länder. Sie liegen im Norden Europas. Norwegen hat eine Wochenarbeitszeit von 33 Stunden - die drittniedrigste in Europa. Männer und Frauen verlassen gegen vier Uhr nachmittags ihre Büros, um sich ihren Familien zu widmen. Und trotzdem sitzen inzwischen 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten der rund 650 norwegischen börsennotierten Unternehmen. Die Regierung hatte die Quote 2003 per Gesetz vorgegeben.
Deutschland ist kein Land der Zukunft: Es schließt Frauen weitgehend von den Top-Jobs aus. Ihr Anteil in den Vorständen der rund 160 Dax-Unternehmen liegt bei 3,4 Prozent. Obwohl die Hochschulen seit Jahrzehnten exzellent qualifizierte Akademikerinnen entlassen und diese oftmals verheißungsvoll in den Beruf starten, kommen nur wenige ganz oben an. Und von diesen wenigen haben noch weniger Kinder.
Statistisch gesehen bringt jede Frau hierzulande durchschnittlich 1,4 Kinder zur Welt: Einige haben ein einziges, viele zwei oder mehr, und viel zu viele gar keins. Es gilt die Regel: je höher der Bildungsstand, desto später der Nachwuchs und desto geringer die Zahl der Kinder. Vor zwei Wochen riss meiner Kollegin Claudia Voigt die Geduld ob dieser Zustände. Sie schlug im SPIEGEL den in den neunziger Jahren geborenen Lisas, Claras und Jules vor, möglichst früh, ja möglichst sofort Kinder zu bekommen, am besten gleich mit Anfang zwanzig. Später, wenn die Kids groß sind, könnten die Frauen ja noch alles andere haben: Karrieren, Führungsposten inklusive.
Ich verstehe diesen Furor. Ich bin auch für mehr Kinder. Und ich bin für mehr Frauen an der Spitze. Aber ich glaube nicht, dass Frauen diese Ziele erreichen, indem sie ihren Reproduktionszyklus der Marktwirtschaft unterordnen. Mit 20 Jahren Kinder zu bekommen, um mit 40 Juniorpartner in einer Kanzlei zu werden, ist nicht realistisch.
Allzu frühe Mutterschaft halte ich zudem auch nicht für wünschenswert: Etwas Abstand von der eigenen Kindheit hilft, um der Verantwortung gerecht zu werden. Der Eltern-Job ist hart, er fordert 24 Stunden Einsatz, er bedeutet Verzicht auf Konzerte, Kino, Partys. Warum überhaupt diese Eile? Weil klar ist, dass Mütter, deren Kinder aus dem Haus sind, wenn sie um die 50 sind, keine Karriere mehr antreten können?
Genau dieses Denken muss sich ändern. Und es ist sicher nicht allein an den Frauen, diese Veränderung zu realisieren. Kluge Chefs, egal ob in Vorstandsbüros, Dekanaten, Redaktionen oder Parteien, sollten kluge Frauen zu jeder Zeit auf jeder Ebene fördern - egal, ob sie Mütter sind oder nicht. Wer Frauen willkommen heißt, heißt Kinder willkommen, heißt die Zukunft willkommen.
Deutschland muss sich wandeln: von einem Land, in dem kein Zeitpunkt zum Mutterwerden ideal ist, zu einem, in dem diese Entscheidung immer eine gute ist. Egal, ob mit 20, 30, 40 oder mehr. Alles, was diesem Ziel entgegensteht, gehört auf den Prüfstand. Wieso bekommen Studenten so selten Nachwuchs? Wieso zögern Berufsanfänger die Familiengründung hinaus? Wieso bewirken Kinder einen Karriereknick bei Müttern? Versagen die Väter?
Deklinieren wir die Fragen durch: Die sogenannte Bologna-Reform der Hochschulen ist in Wahrheit ein Rückschritt. Der schulische Drill, dem Studenten sich heute beugen müssen, lässt weder Zeit für Kreativität noch fürs Stillen. Tatsächlich sinkt die Zahl der Studierenden mit Kindern. 2003 waren es sechs Prozent, 2009 nur noch fünf.
Die beabsichtigte Studienzeitverkürzung ist nur bedingt eingetreten. Viele Firmen halten den Bachelor nicht für ausreichend, sie verlangen den Master. Der aber verlängert die Studienzeit - eine schlechte Nachricht für Frauen und Männer, die sich erst in Lohn und Brot Nachwuchs zutrauen.
Außerdem muss sich auch der Staat vernünftiger gegenüber seinen akademischen Langzeit-Azubis verhalten. Er schießt zusätzlich zum Elterngeld bei jedem ersten Studentenkind 113 Euro monatlich dazu, den sogenannten Bafög-Kinderbetreuungszuschlag, bei jedem weiteren nur noch 85 Euro. In Dänemark wird an Studierende mit Kind ein doppeltes Studentengeld gezahlt - und zwar unabhängig von den Vermögensverhältnissen ihrer Eltern. Verglichen mit Deutschen können Dänen sich mehr Zeit gönnen beim Studieren; wer erst mit über 30 Jahren fertig wird, gilt deshalb noch lange nicht als zu alt für Spitzenjobs.
Auch das Arbeitsleben legt in unserem Nachbarland ein anderes Tempo vor. Die Arbeit ist dort vielerorts schon nachmittags getan, weil ja alle sie tun - Männer und Frauen. Die Alleinverdiener-Ehe gilt in Dänemark als nahezu ausgestorben. Über 80 Prozent aller Mütter sind erwerbstätig und arbeiten überwiegend Vollzeit. Dabei kommen sie so früh nach Hause wie hierzulande meist nur Teilzeitkräfte. Allerdings fallen dänische Mittagspausen kurz aus, und nach der Bettzeit der Kinder klappen viele Eltern die Laptops meist noch einmal auf.
Wir sollten aus der Erkenntnis, dass berufliche Überlastung Burnout produziert und nicht Kinder, Lehren ziehen. Bei uns ist der Einstieg ins Berufsleben schon eine Art Verschleißtest. Vor allem für junge Akademikerinnen: Rund 40 Prozent von ihnen müssen sich zu Beginn in befristeten Arbeitsverhältnissen bewähren - häufiger als ihre männlichen Kommilitonen. Zweijährige Probezeiten gelten als normal. Das ist keine Einladung an junge Mütter, sondern eine Zumutung. Im Flexibilitäts-Ranking landen sie ganz unten - und haben damit die geringsten Chancen auf Festanstellung.
Die Zahl der befristeten Arbeitsverträge nimmt in Deutschland zu. Mit 2,7 Millionen hatte sie 2011 einen neuen Höchststand erreicht - schon 2001 hielt man die damalige Zahl von 1,7 Millionen für historisch hoch. Zeugt es nicht von Pragmatismus, wenn insbesondere Akademiker die Entscheidung für das erste Kind immer weiter hinausschieben, um den schwierigen Einstieg ins Berufsleben zu absolvieren? Mütter sind in Deutschland bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich 29 Jahre alt. Auch das ist ein historischer Rekord. Die Politik muss also den befristeten Arbeitsverträgen bei Berufsneulingen ein Ende bereiten. Es ist stets ein Risiko, ohne festen Arbeitsvertrag das erste Kind in die Welt zu setzen - nicht nur, weil man sich damit um ein höheres Elterngeld als Lohnersatzleistung bringt, sondern auch, weil die Festanstellung noch der beste Garant dafür ist, nach der Elternzeit auch weiterbeschäftigt zu werden.
Dieser Wiedereinstieg ist schwer genug. Es fehlt an Krippenplätzen. Der Mangel ist nicht behoben, nur weil die Zeitungen mehr vom Betreuungsgeld für daheimbleibende Mütter berichten als über den Dauernotstand in den Krippen, Kitas und Horten. Im Gegenteil, das Betreuungsgeld verschärft die Notlage. Deutschland braucht endlich ausreichende und qualifizierte Betreuung für Klein-, Kindergarten- und Schulkinder.
Selbst wenn Frauen schon mit 20 Jahren Kinder bekommen, sich mit ihnen durch die Ausbildung beißen und einen Arbeitsplatz ergattern - mit über 40 kann man hierzulande als Akademiker nur selten aufsteigen. Es scheint ein Gesetz im Wirtschaftsleben zu sein, dass zumindest die unterste Stufe der Karriereleiter bis zum Alter von 35 Jahren erklommen werden muss. Das gilt für Frauen wie für Männer; wer später antritt, kommt fast immer zu spät. Dass dieser Mechanismus nicht automatisch greifen muss, haben manche Personalchefs erkannt. Wenige Firmen setzen diese Erkenntnis um: der Düsseldorfer Konzern Henkel etwa oder die Telekom mit ihrer Frauenführungsquote.
Eine derartige Quote bringt schnell viel Wandel. In Norwegen wurde die 40-Prozent-Quote für die Aufsichtsräte trotz wütender Proteste aus der Wirtschaft eingeführt. Schon zum Stichtag am 1. Januar 2008 hatten alle betroffenen Unternehmen die Vorgabe erfüllt. Andernfalls hätten ruinöse Strafen gedroht. Selbstverständlich wurden auch Frauen rekrutiert, die eigentlich schon als "zu alt" für diesen Karrieresprung galten.
Ein Systemwechsel käme auch Männern zugute: Sie hätten die Gelegenheit zum Vollzeitvater auf Zeit, ohne dabei die Karriere zu riskieren. Der derzeitige Spielraum für den Aufstieg - zwischen 30 und 35 - ist ein absurdes Relikt angesichts unserer wachsenden Lebensarbeitsspanne.
Vielleicht steht die Vaterschaft auch wegen dieser überkommenen Gesetzmäßigkeiten erschreckend niedrig im Kurs. Die Generation der über 30-Jährigen hat sich jüngst in diversen Artikeln als eine Generation der Zeugungsverweigerer geoutet. Eben der verschulten Universität entkommen, mögen diese Männer immer noch nicht erwachsen werden, sich fest binden, Verantwortung für Kinder übernehmen.
Die Weigerung ist verständlich. In Deutschland gleicht das Vaterwerden einem Bußgang: Die Frau kann nicht mehr voll arbeiten - weil es keine Krippe für das Kind gibt, weil in ihrer Firma Arbeitszeiten bis nach 18 Uhr normal sind. Er dagegen macht Überstunden im Büro - um ihren Gehaltsverlust wettzumachen. Und wenn er dann nach Hause kommt, ist sie unzufrieden, weil er nie für die Kinder da ist und sie ihre Karrierechancen entschwinden sieht. Ein Teufelskreis, der nicht selten zur Scheidung führt.
In einem Land der Zukunft werden Männer nicht bloß als biologische Väter gebraucht, sondern als ebenbürtige Partner. Auch hier könnten Staat und Arbeitgeber nachhelfen. In Dänemark veröffentlichen einige Firmen ihre "Elterngeld-Policy" auf der Homepage - vier Monate Elternzeit bei vollen Bezügen ist keine Seltenheit. Das ist dann der Moment, an dem Männer spätestens das Kochen, Putzen und Erziehen der Kinder lernen. Auf Island wurden 2000 derart großzügige Vaterzeitregelungen eingeführt, dass fast jeder Mann sie seitdem in Anspruch nimmt. Jungen Isländern wird beim Einstellungsgespräch nicht selten die Frage gestellt, vor der hierzulande nur Frauen graut: "Und - planen Sie Kinder?"
Die Frage, wie wir mit Kindern und Karrieren umgehen, ist nicht nur eine Frage der Zukunft. Es ist auch eine Frage des Wohlbefindens. Die Dänen sind gerade in einer Umfrage zum glücklichsten Volk Europas gekürt worden. ◆
Von Annette Bruhns

DER SPIEGEL 36/2012
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