03.09.2012

Gary Cooper aus Templin

FILMKRITIK: In „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ beobachtet der Regisseur Andreas Dresen den Alltag eines Lokalpolitikers in der Uckermark.
Kommt ein Kinoheld beim Publikum gut an, drehen die Produzenten gern Fortsetzungen. Das war bei Zorro der Fall, bei James Bond oder auch bei Spider-Man. Nun ist es auch bei Henryk Wichmann so.
Vor knapp zehn Jahren drehte der Regisseur Andreas Dresen ("Sommer vorm Balkon") über den Lokalpolitiker aus Templin die Dokumentation "Herr Wichmann von der CDU". Der 25-Jährige bewarb sich damals in Brandenburg für ein Bundestagsmandat.
Es war die Chronik eines so heroischen wie aussichtslosen Kampfes: Da trat ein junger Mann wie Don Quichotte an, einen Riesen zu besiegen, einen roten Riesen. SPD und PDS besaßen damals in Brandenburg 70 Prozent der Mandate. Die CDU lag in Wichmanns Wahlkreis bei 20 Prozent.
Wichmann, damals Jura-Student, versprach seinen Wählern einen "frischen Wind". Meist jedoch kämpfte er selbst gegen starke Böen, wenn er auf zugigen Marktplätzen seinen CDU-Sonnenschirm festhalten musste, damit dieser nicht weggeweht wurde.
Eines Tages im Spätsommer 2002 kam Angela Merkel vorbei, die auch aus Templin stammt. Sie warb für Edmund Stoiber, damals Kanzlerkandidat der CDU/CSU. Dann lobte sie Wichmann. Er platzte vor Stolz und wirkte neben ihr wie Mamas Liebling.
Er sah ein wenig so aus, als hätte Merkel für ihn am Morgen das Hemd ausgesucht, egal, unbeirrt brachte er seinen Slogan "Zeit für einen Neuen" unters Wahlvolk. Am Ende verbuchte er 21 Prozent der Stimmen für seine Partei - einen Zugewinn von einem Prozent.
Inzwischen ist Wichmann Abgeordneter des Brandenburger Landtags und Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag Uckermark, hat mehrere Bürgerbüros, ist verheiratet und hat drei Töchter. Andreas Dresen hat ihn nun ein Jahr lang beobachtet. Das neue Abenteuer heißt: "Herr Wichmann aus der dritten Reihe".
Zunächst einmal ist Dresens Fortsetzungsfilm eine erhellende und lustige Lektion über Realpolitik. Als Kandidat konnte Wichmann wie ein Rohrspatz gegen die Grünen und den Naturschutzbund schimpfen, die mit ihren Forderungen angeblich die Ansiedlung von Unternehmen verhindern würden. Als Abgeordneter muss er nun mit seinen politischen Gegnern über Schreiadler reden.
Der spezielle Schreiadler, über dessen Schicksal verhandelt wird, sei sensibel, erfährt er, der Vogel niste einige hundert Meter neben einer stark befahrenen Straße. Würde noch ein Radweg gebaut, wäre das möglicherweise zu viel für das Tier.
Dresen richtet seine Kamera auf das Gesicht von Wichmann, der unaufhörlich nickt. Man glaubt, in seinem Gesicht nur einen Gedanken zu lesen: Ich muss hier weg, heute haben alle Irren Freigang. Doch dann scheint da noch ein anderer Gedanke aufzukeimen: Ich muss bleiben, denn diese Menschen haben Leidenschaft.
Die Uckermark ist der größte Flächenlandkreis Deutschlands und zugleich extrem dünn besiedelt. Der Region droht Entvölkerung und Überalterung, die Jungen, die Generation Wichmann also, ziehen weg von hier. Jeder, der bleibt, der sich engagiert für seine Heimat, ist überaus wertvoll. Da mag der Grund für das Engagement noch so absurd erscheinen.
"Herr Wichmann aus der dritten Reihe" ist ein wunderbarer Film über Demokratie vor Ort, weil er eine Welt beschreibt, in der jeder einzelne Bürger zählt. In der Uckermark gibt es so wenige davon, dass jedes Anliegen Gewicht hat. Es gibt keine kleinen Probleme, es gibt nur große.
Der Zuschauer dieses Films kommt, unabhängig vom politischen Standpunkt, wohl nicht umhin, Henryk Wichmann für seinen Langmut zu bewundern, auch vermeintlich läppische Streitigkeiten unter Bürgern zu schlichten. Man könnte es ihm nicht übelnehmen, würde er eines Tages eine gewisse Bürgerverdrossenheit entwickeln.
Doch Wichmann macht weiter, wie die Helden im Kino, jeden Tag fährt er drei, vier Stunden lang durch seinen Landkreis, in seinem Mercedes-Van, der mit seinem Konterfei verziert ist. "Herr Wichmann" ist ein Roadmovie, eine Komödie und ein Western aus dem tiefen Osten Deutschlands.
Damals, als er Teenager war, gab es die Junge Union in der Uckermark noch gar nicht, erzählt Wichmann, er musste sie mit ein paar Weggefährten erst gründen. Heute zeigt Dresen den Pionier Wichmann, wie er die Schienen der Eisenbahnstrecke nach Templin entlangschreitet.
Der Zuschauer hat das Gefühl: Jetzt hält gleich der Zug, jetzt steigen sie gleich aus, wie die Schurken in dem Klassiker "Zwölf Uhr mittags". Und Herr Wichmann, todesmutig wie einst Gary Cooper, wartet auf sie, um dem Bösen die Stirn zu bieten.
Die Wahrheit aber ist: Niemand steigt hier aus, in dem Bahnhof Vogelsang auf der Bahnstrecke zwischen Oranienburg und Templin, die Guten nicht und auch nicht die Bösen. Die Prignitzer Eisenbahn weigert sich aus Sicherheitsgründen, hier die Türen zu öffnen.
Kinostart: 6. September.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 36/2012
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