13.10.1997

ALLZEIT BREIT

Der Niederländer A. F. Th. van der Heijden durchrauscht in „Fallende Eltern“ die Orgien der Siebziger
Wer die Welt durchs Schnapsglas betrachtet, für den verzerren sich die Linien und die Proportionen; was flach ist, kann plötzlich sehr tief erscheinen, und was kurz ist, lang. Doch nicht bloß die Perspektive verschiebt sich ins Monströse, sondern mitunter auch das, was man sagt oder denkt.
"Da sich das Leben gnadenlos in die Länge entrollt, mußt du versuchen, es so breit wie möglich zu machen", sagt der Held dieses Romans zu seinem Gefährten. Natürlich ist diese Erkenntnis das Produkt eines Zechgelages; nur beim Bechern können die beiden Studenten Albert und Thjum ihre Sehnsucht formulieren, den vorgezeichneten Bahnen und der Banalität des Lebens zu entfliehen.
Was ihnen weder bei ihren sexuellen Abenteuern mit Frauen und Männern gelingt noch beim Musikhören und schon gar nicht im Hörsaal, das soll in der Euphorie des Suffs glücken: den Dingen eine Ordnung geben und der Welt Gestalt und Gewicht.
Der Niederländer Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden, 45, hat nicht bloß einen ziemlich kolossalen Namen, sondern er ist auch ein Fachmann für die ungeheuerlichen Ausgeburten des Rausches. Vermutlich hängt es mit dieser Vorliebe zusammen, daß van der Heijden zwar wie die meisten anderen Schriftsteller Buch für Buch schreibt - aber bei ihm muß sich das Ganze auch noch zu einem Monumental-Zyklus namens "Die zahnlose Zeit" fügen, der mittlerweile auf sieben Romane angewachsen ist.
"Der Anwalt der Hähne" hieß das Buch aus diesem Breitwand-Epos, das van der Heijden vor zwei Jahren in Deutschland bekanntmachte. Es handelte von Hausbesetzer-Punks, prügelnden Polizisten und windigen Karrieristen, von bizarrem Sex und den Freuden der Quartalssauferei; vor allem aber bot es ein deliriöses, gewitztes Panoptikum der frühen achtziger Jahre.
"Fallende Eltern", im Original schon vor 14 Jahren erschienen, schafft ganz Ähnliches für die Siebziger: Das Leben der beiden herumlungernden Studenten spiegelt das lustige, schauerliche, rührende und berührende Kolossalgemälde einer Zeit, in der man Halfzware-Zigaretten drehte, zu Pink-Floyd-Konzerten in die Stadt fuhr, von "meiner marxistischen Phase" quatschte und sich mit dem Vollzug der sexuellen Revolution abquälte.
Albert, der Proletariersohn, und Thjum, der Reiche-Leute-Sprößling, verbummeln ihr Studium in einem Haus am Rand der Provinzstadt Nijmegen. Als sie von Thjums Vater, ihrem Vermieter, vor die Tür gesetzt werden, ist das für Albert die Vertreibung aus dem Paradies seiner wilden Jahre. Mit 26 Jahren ist er nicht bloß zu vorübergehender Ausnüchterung gezwungen, sondern kehrt auch für ein paar Wochen ins Heim seiner Eltern zurück. Dort müht er sich, Ordnung ins Gewirr zu bringen aus Scham und Lügen und Säuferwahn: "Womit war man sein ganzes Leben lang beschäftigt? Schuld abzustreiten, sich die Schande vom Leib zu waschen", dämmert es ihm einmal.
So sind die Sudelbäder aus Hochprozentigem, Erbrochenem, Fäkalien und Sperma, die van der Hejdens Helden durchwaten, zugleich reinigende Exerzitien: Selbst die (oft feuchten) Stürze der "fallenden Eltern", die dem Buch seinen Namen geben, enden nicht in Tod oder Verdammnis.
Im beneidenswert mit Talenten gesegneten niederländischen Literaturbetrieb ist van der Heijden ein Alien: ein lärmender, genialischer Barockmensch unter lauter feinsinnig-gestrengen Asketen. Doch Cees Nooteboom mag stilsicherer und klüger schreiben, Harry Mulisch seine Sätze eitler spreizen, Leon de Winter modischere Handlungsgerüste zimmern und Maarten 't Hart mehr von Musik verstehen - van der Heijdens Meisterschaft erweist sich im Fieber der Beschreibungen, in der Ekstase alkoholgetränkter Leiber und im Durchblick des Ernüchterten.
"Leben heißt nicht Lernen. Leben heißt Abgewöhnen", lautet eine der Weisheiten dieses Buchs. Ob sie den nächsten Drink übersteht, ist ungewiß; gefunden jedenfalls ist sie an einem Ort, den kein Abstinenzler je erkunden wird: auf dem Grund eines geleerten Glases.
Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 42/1997
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