20.10.1997

KUNSTRAUBMadonna in der Dachkammer

Unbehelligt von den Behörden konnte ein Antiquitätenhändler mitten in München geraubte Kunstwerke horten - im Wert von 70 Millionen Mark.
Der Jäger war eine Frau. Immer wieder hatte die zypriotische Honorarkonsulin in Den Haag, Tasoulla Hadjittofi, 38, Hinweise aus aller Welt erhalten. Selbst in der Unterwelt hatte sich herumgesprochen, daß sie verschwundenen Heiligen und Madonnen ihrer griechisch-orthodoxen Religionsgemeinschaft auf der Spur war. Am vorvergangenen Freitag, auch Interpol ermittelte inzwischen, war es endlich soweit.
Gegen 18 Uhr stürmte ein gutes Dutzend Zivilpolizisten des bayerischen Landeskriminalamts ein unauffälliges Geschäftshaus hinter dem Münchner Hauptbahnhof. Im fünften Stock verhafteten die Beamten vom Dezernat 62 den türkischen Bewohner Aydin Dikmen, 60.
In der Dachkammer zu seiner Mietwohnung und im Keller fanden die Kunstfahnder, wonach Wissenschaftler, Regierungsbeauftragte, private Sammler und internationale Händler fast 20 Jahre lang gesucht hatten: Fresken, Madonnen und Heiligenbilder im Schätzwert von 70 Millionen Mark. Zwei Ikonen lagen in einer zusätzlich angemieteten Wohnung.
Ein Bildnis der Maria mit Jesuskind auf dem Arm aus dem 14. oder 15. Jahrhundert; eine Stifterdarstellung, auf der sich eine Familie in westlichen Gewändern an die Gottesmutter wendet; ein Engel, ungefähr 13. Jahrhundert - allem, was da notdürftig mit Pappen umhüllt oder auf Bauschaumplatten lose fixiert war und zum Teil Wand an Wand mit einem griechischen Reisebüro lagerte, bescheinigt Johannes Georg Deckers, Professor für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität, "eine ganz außergewöhnliche Qualität". Allein der Apostel Thomas, ein byzantinisches Mosaik aus dem sechsten Jahrhundert, soll rund 15 Millionen Mark wert sein.
Die schönen Madonnen und der Apostel stammen aus dem Kloster Antifonitis/Kalogrea und der Panagia-Kanakaria-Kirche im nordzyprischen Lythrankomi. Sie wurden wie Dutzende christlicher Gotteshäuser, Museen und Landsitze griechischer Zyprioten auch geplündert und zerstört, nachdem türkische Militärs 1974 in den Norden der Mittelmeerinsel einmarschiert waren.
Am 7. November 1979 erfuhr Athanasios Papageorghiu, Direktor der für Antiquitäten verantwortlichen griechischen Verwaltung in Nikosia, von einem Touristen, daß in der 1400 Jahre alten Kirche Panagia Kanakaria Ziegen umherliefen, die Mosaike von den Wänden gebrochen worden seien.
Die Feindschaft zwischen Griechen und Türken auf der geteilten Insel verhinderte jeden Kontakt miteinander, was denn auch die Suche nach den entführten Schätzen erheblich erschwerte.
Theophilos Theophilou, Zyperns Botschafter in Bonn, ist sicher, daß "die sogenannte türkische Administration die Raubzüge zumindest geduldet, wenn nicht sogar vom Verkauf profitiert hat". Die Türken dagegen behaupten, sehr wohl nach den verschwundenen Kunstschätzen gefahndet zu haben - wenn auch ohne Erfolg.
Nur im Drogen- und Waffenhandel wird mehr verdient als in der internationalen grau-schwarzen Kunstmarktszene. Am Milliardengeschäft mit illegal beschafften Antiquitäten beteiligen sich kleine Hehler bis hin zu angesehenen Auktionshäusern.
"Derzeit wird der Nahe Osten ausverkauft", sagt Deckers. Solange niemand Geld bereitstelle, um auch die Kunstwerke jenseits der Touristenzentren zu katalogisieren und durch Veröffentlichung etwa im Internet bekanntzumachen - und damit zu schützen -, könne "jeder, der genug Geld bietet, alles kaufen".
Unverständlich ist, warum die einzigartigen Artefakte, die von der Unesco teilweise dem Weltkulturerbe zugerechnet werden, nicht schon lange vorher von den Behörden sichergestellt werden konnten. In einschlägigen Kreisen war der jetzt festgenommene Dikmen als Dealer von Werken zweifelhafter Herkunft seit den achtziger Jahren bekannt. In ihrem Buch "Quedlinburg-Texas und zurück" beschrieben SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz und der Beutekunst-Spezialist Willi A. Korte schon 1994 detailliert die Verwicklungen des Türken in den illegalen Kunsthandel.
Bereits 1983 hatten ein Londoner Kunsthändler griechischer Herkunft und der Direktor der renommierten Menil-Sammlung in Houston (US-Staat Texas) einige der geraubten Kanakaria-Mosaike bei Dikmen in München entdeckt. Die schönsten Stücke kauften die Experten ihm ab, stellten sie eine Weile in Texas aus und gaben sie später den Zyprioten zurück. Über die Herkunft schwiegen sich die Herren aus. Die Polizei wurde nicht eingeschaltet.
1988 kaufte eine Galeristin aus dem US-Bundesstaat Indiana für über eine Million Dollar über zwielichtige Mittelsmänner ein Mosaik des Erzengels Michael aus der Kanakaria-Kirche und einige andere Stücke. Verkäufer war Aydin Dikmen.
Der Deal flog auf, als die unbedarfte Bilderhändlerin ihr Schnäppchen für 20 Millionen Dollar an das Getty-Museum im kalifornischen Malibu weiterverkaufen wollte. Die zypriotische Regierung forderte ihr Eigentum zurück. Die Galeristin weigerte sich, wurde aber vom Bundesdistriktgericht in Indianapolis 1989 zur Rückgabe verurteilt. Dikmen aber blieb zunächst unbehelligt.
Wann genau im Laufe dieses beispiellosen Kunstkrimis die spätantiken Schätze nach München kamen, ist noch nicht geklärt - Aydin Dikmen sitzt in der Untersuchungshaftanstalt Stadelheim und schweigt.
Der kleine, unauffällige Mann, der seit 1979 mit Frau und Tochter in München wohnt, war 1992 wegen seines US-Geschäfts ins Visier der Fahnder geraten - allerdings in das der Finanzbeamten.
Weil er seinen Anteil (350 000 Dollar) aus dem Geschäft mit der Amerikanerin ebensowenig versteuert hatte wie andere undurchsichtige Antiquitätenverkäufe, wurde Dikmen wegen Steuerhinterziehung verhaftet. Nach einem Jahr Untersuchungshaft wurde er 1994 zu zwei Jahren Gefängnis mit Bewährung verurteilt.
Die Strafverfolger konnten ihm damals nichts mehr anhaben: Die Tat von 1989 war verjährt. Auf die Idee, seinen Speicher nach weiteren vermißten Kanakaria-Mosaiken zu durchsuchen, kam bei der Polizei offenbar niemand.
Erst die Honorarkonsulin Hadjittofi setzte sich hartnäckig auf die Fährte der geraubten Heiligen ihrer Kirche. Sie war 15 Jahre alt, als ihre Familie von den Türken aus der Heimatstadt Famagusta vertrieben wurde. Die Fresken und Ikonen kennt sie nur von Fotos. "Aber ich weiß", sagt die Computerspezialistin, "was dieses kulturelle Erbe für mein Volk bedeutet."
Der Apostel Thomas und die anderen Heiligen lagern vorerst im Keller des Landeskriminalamts. Demnächst sollen sie aus der Diaspora in ein neues Exil gebracht werden - ein griechisch-orthodoxes Gotteshaus im Süden Zyperns.
Dem Türken Dikmen soll nach dem Willen des zypriotischen Bezirksgerichts der Prozeß in Nikosia gemacht werden. Die Griechen haben bei den deutschen Behörden dessen Auslieferung beantragt.
Von Musall und

DER SPIEGEL 43/1997
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