27.10.1997

KÜNSTLERMännerfreunde im Bildersturm

Aus „deutscher Wesenheit“ blickte Rudolf Schlichter lustvoll in die „Tiefen der Verderbnis“, aus flinker Anpassung verfiel er in dumpfe Wut: Sein Briefwechsel mit Ernst Jünger wirft neues Licht auf ein politisch und privat belastetes Malerschicksal im Dritten Reich.
Der Bildnis-Plan verlangte Inspiration und reifliche Überlegung. Keinesfalls, muß der Maler Rudolf Schlichter sich gedacht haben, dürfe sein eigenes Werk derart "blechern" ausfallen wie das Porträt, das ein Kollege nach demselben Modell gemalt hatte. Da fehle denn doch, so schrieb er Anfang 1936 an den Betroffenen, den Schriftsteller Ernst Jünger, "der Ihnen eigentümliche Charme", der "geistige Eros".
Der Vorschlag, es besser zu machen, und zwar "mit einem Ihrer gloriosen Hintergründe", kam vom Porträtierten, doch Schlichter rang zunächst noch mit der Schwierigkeit, "die adäquate seelische Landschaft'' zu finden".
Postwendend übermittelte Ernst Jünger den Vorschlag seines Bruders Friedrich Georg: eine "zauberische" Felskulisse aus der Schwäbischen Alb, vor der "die Person in noch näher zu bestimmender Kleidung" den "Ausdruck gleichmütiger Betrachtung" zur Schau tragen solle. Eine Attitüde, die sich damals in Deutschland bestenfalls als Maske wahren ließ.
Das Jünger-Bildnis zwar, 1937 wirklich zustande gekommen und derzeit in einer Tübinger Schlichter-Ausstellung zu besichtigen, zeigt den "Stahlgewitter"-Autor als heroisch-nackte Halbfigur mit seinen Narben aus dem Ersten Weltkrieg, mit leicht glasigem Fernblick und in einem geglätteten Verismus, wie er, bloß stümperhafter, gleichzeitig auch als Stil offizieller "deutscher Kunst" gepflegt wurde. Die Korrespondenz zwischen Porträtisten und Porträtiertem jedoch läßt hinter die Fassade blicken. Jünger, 102, hat sie nun als spätes "schönes in memoriam" für seinen Freund Schlichter (1890 bis 1955) zur Veröffentlichung freigegeben*.
Seit Anbruch des Dritten Reichs schwebte der Maler in politischen Nöten. Private Pein hatte ihn seit je bedrängt, der neuen
* Ausstellung der Kunsthalle Tübingen bis 23. November; später im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal und im Lenbachhaus München. Katalog im Verlag Klinkhardt & Biermann; 310 Seiten; 49 (Buchhandelsausgabe 98) Mark. - Ernst Jünger, Rudolf Schlichter: "Briefe 1935-1955", herausgegeben von Dirk Heißerer. Verlag Klett-Cotta; 608 Seiten; 58 Mark.
Obrigkeit indes galt er als "dunkler Fleck auf dem schimmernden Gewande arteigener Kulturbelange". So eröffnet Schlichter im Juni 1935 den Briefwechsel mit Jünger.
In Mißkredit war der gebürtige Schwabe nicht so sehr als bildender Künstler geraten, obwohl er 1920 unter linken Berliner Dadaisten an einem schweinsköpfigen "Preußischen Erzengel" mitgebastelt und wegen Beleidigung der Reichswehr vor Gericht gemußt hatte. Im Verlauf der zwanziger Jahre wurde er dann zum gefragten neu-sachlichen Porträtisten der Hauptstadt-Intelligenz von Bert Brecht bis Géza von Cziffra. 1929 malte er auch ein erstes Mal Ernst Jünger, einen jener "erstaunlich anständigen" Rechten, denen sich der politisch gewandelte und religiös bekehrte Maler nunmehr verbunden fühlte.
Unabänderlich aber war Schlichters persönliche Misere: seine Anlage als Fetischist und Masochist, dem nur Knöpfstiefel und Strangulationen sexuelle "Schauer" über den Rücken jagten. Und nicht genug, daß er in gezeichneten und aquarellierten Szenen derart befremdliche Vorlieben durchblicken ließ - selbstquälerischer Bekenntnisdrang trieb ihn so weit, seine Leiden und Lüste in zwei autobiographischen Büchern, erschienen 1932 und 1933, zu offenbaren.
Prompt kam die Konfession auf den Index für Leihbibliotheken, 1935 leitete die Reichsschrifttumskammer ein Ausschlußverfahren gegen ihr Mitglied Schlichter ein, dem die "charakterliche Eignung für einen kulturschöpferischen Beruf" zu fehlen scheine. Unausgesprochen drohende Konsequenz: So einer sollte dann auch nicht mehr malen und zeichnen dürfen.
Mit der Bitte um Fürsprache wendet sich Schlichter aus dem württembergischen Rottenburg an den auch von Nazis respektierten Konservativen und Kriegshelden Jünger in Goslar. Verwegen paßt er sich herrschenden Sprachregelungen an: Seine Intimbeichte von "unbedingt deutscher Wesenheit" spiegele doch nur "die Zerrüttung der liberalistischen Epoche". Schließlich sei er der einzige Maler, "der sich zur deutschen Landschaft" bekannt habe, während ihm "von der jüdischen Kritik alle Türen verschlossen worden" seien.
Jünger reagiert mit einem Persilschein, zugeschnitten auf die "mittlere Intelligenz" von "Leuten", die eigentlich erst einmal beweisen müßten, "daß sie überhaupt Menschen sind". Schlichters Ausschluß aus der Schrifttumskammer kann er nicht abwenden.
Es entspinnt sich, wortreich und cholerisch von Schlichters, weitaus lakonischer von Jüngers Seite, ein Briefwechsel in vollem Einverständnis über das "Steigen der Pöbelflut", ein Meinungsaustausch, der scheinbar keine Zensur-Rücksicht nimmt, in Wahrheit aber eindeutige Systemkritik sorgsam ausspart. Am weitesten wagt sich Jünger 1936, im Hinblick auf eine symbolbeladene Mars-Figur Schlichters ("Blinde Macht"), mit der "Vermutung" vor, auf "eine gewisse Art zu malen", müsse "der Tyrannenmord unmittelbar folgen". Offenbar muß er doch nicht.
Zugleich rühmt der Wortkünstler Schlichters malerische Huldigung "An die Schönheit" als eine literaturnahe "Beschreibung im höchsten Sinn". Vor sommerlicher Gebirgskulisse liegt da zwischen Feldblumen ein Frauenakt hingebreitet - das kann auch Nazi-Augen schmeicheln.
Tatsächlich wird das Gemälde in erster Instanz für eine "Schwäbische Kulturschau" angenommen, von der zweiten, der "weltanschaulichen", freilich zurückgewiesen. Schlimmer noch: Der Maler bekommt sein Werk aufgeschlitzt zurück, ein Messerstich durch die Verpackung hindurch hat es im Oberschenkelbereich schwer getroffen.
Gut möglich, daß der Vandalenakt wie auf den Maler auch auf das Modell gezielt war. Dargestellt nämlich ist Schlichters Frau Elfriede Elisabeth, genannt Speedy, eine "Lebedame aus Genf" (so jetzt der Tübinger Ausstellungskatalog), seit 1927 seine unentbehrliche Domina und Muse.
Zu konventionellem Eheleben außerstande, toleriert Schlichter eine Wohngemeinschaft mit jungen Hausfreunden, die auch zum finanziellen Unterhalt beitragen. Nach einer Denunziation muß er sich 1938 wegen "unnationalsozialistischer Lebensführung" verantworten. Obwohl Jünger bereitwillig gutachtet, in dem Freundeskreis "von hohem geistigem Rang" habe er "Zweideutiges nicht im entferntesten bemerkt", wird Schlichter zu einer (durch Untersuchungshaft verbüßten) Gefängnisstrafe verurteilt.
Er muß sich schikanieren lassen und bekommt den beantragten Paß für eine Schweiz-Reise zum Beispiel erst im letzten Augenblick und mit verkürzter Geltung. Jünger hingegen schweift unbehindert durch die Welt, von Norwegen bis Rhodos und Südamerika."An den Ufern des Rio Para", so grüßt er Schlichter aus der Ferne, "beobachtete ich für Sie eine schöne große Spinne, aber nicht behaart, sondern moosgrün mit gelber Rückenzeichnung."
Und während sich der Maler im "lustbetonten Schauen in die Tiefen der Verderbnis" aufreibt, drechselt Jünger sogar als Kriegsteilnehmer Floskeln stoischer Gelassenheit: "Schon tue ich im dritten Jahr wieder Dienst, freilich stets unter Wahrung der eigenen Existenz." Die Nachricht "Meine Mißstimmung ist oft bedeutend" wirkt geradezu als Temperamentsausbruch.
Nur mündlich können die Partner sich über den großen gezielten Schlag verständigt haben, den das Regime gegen die Moderne führte: über den Bildersturm auf "Entartete Kunst". Als Jünger im Juli 1937 in Überlingen am Bodensee Modell saß, dürfte das Ereignis erörtert worden sein.
Schlichter freilich mochte sich mäßig betroffen fühlen, da er nicht unbedingt ein Favorit republikanischer Museumsankäufer gewesen war und da zumindest sein neuer Stil bei den Nazis als "einwandfrei" durchging. Nur 17 (wohl grafische) Werke wurden konfisziert, 4 davon in der Münchner Ausstellung angeprangert. Möglicherweise durch die Identität des Dargestellten geschützt, verblieb das gutbürgerliche Jünger-Porträt von 1929 in der Berliner Nationalgalerie.
Das neue, extravagante Brust-Bild aber stimmte den Schriftsteller im nachhinein höchst bedenklich; gern hätte er es ein wenig bemäntelt. Anfang 1940 war er "zu der Einsicht gekommen, daß in diesem Lande ein solches Porträt schlecht möglich ist". Er regte an, den nackten Oberkörper tunlichst durch ein Gewand zu verhüllen - vorzugsweise "schwarz mit rotem Futter", so wie sich ein Männer-Orden in Jüngers 1939 erschienener Parabel "Auf den Marmorklippen" kleidet. Dann könne der Buchtitel zugleich für das Gemälde übernommen werden, und gewiß finde sich auch ein Käufer.
Bei aller Freundschaft war Schlichter nicht für eine solche Retusche zu haben. Gern erbot er sich, eine - nie verwirklichte - Zweitfassung mit dem Wunschkostüm zu malen, doch die "Conzeption" des Originals wollte er nicht verwässern. Diskreter Umgang war zugesichert: Das Bild, das erst viel später, nach Schlichters Tod, an die Öffentlichkeit kam, empfand der Maler als "persönlichen Besitz" seiner Frau Speedy - und in deren Händen denkbar "gut aufgehoben".
* Ausstellung der Kunsthalle Tübingen bis 23. November; später im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal und im Lenbachhaus München. Katalog im Verlag Klinkhardt & Biermann; 310 Seiten; 49 (Buchhandelsausgabe 98) Mark. - Ernst Jünger, Rudolf Schlichter: "Briefe 1935-1955", herausgegeben von Dirk Heißerer. Verlag Klett-Cotta; 608 Seiten; 58 Mark.
Von Hohmeyer und

DER SPIEGEL 44/1997
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