10.11.1997

UNTERNEHMENHarter Knochen

Mehr als 45 Jahre regierte Günter Mast die Schnapsfabrik Jägermeister wie ein König. Nun setzen ihn die Inhaber der Firma vor die Tür.
Für die Firma nimmt Günter Mast, 71, jede Anstrengung gern in Kauf. Erst im vergangenen Jahr reiste der Spirituosenfabrikant noch persönlich für mehrere Wochen nach Peking, um die Chinesen für den Kräuterlikör "Jägermeister" zu begeistern.
"Das war die härteste Dienstreise meines Lebens", erinnert sich Mast. Denn "soviel wie bei den Verhandlungen in Peking mußte ich noch nie saufen". Aber der Einsatz hat sich gelohnt: Ende Oktober schickte die Wolfenbütteler Spirituosenfabrik die ersten Container mit dem süßlichen Kräuterlikör Richtung China.
Es war Masts letzte Dienstreise. Am vergangenen Freitag erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende der Mast-Jägermeister AG seinen Rücktritt. Nach 45 Jahren an der Spitze der niedersächsischen Schnapsfabrik räumt er Ende des Monats sein Büro.
Mast geht nicht freiwillig. Zwar wollte er angeblich "Mitte kommenden Jahres" seinen Job aufgeben. Doch daran mochten die Firmeninhaberinnen Annemarie Findel-Mast und ihre Tochter Susann Buschke, die das Unternehmen 1970 vom Firmengründer Karl Mast geerbt haben, nicht mehr glauben.
Zu oft hatte der hemdsärmelige Spitzenmanager den Aktionären versprochen, einen Nachfolger einzuarbeiten. "Mast kann 90 Jahre alt werden, aber auch morgen gegen einen Baum fahren", sorgte sich Günther Findel, Ehemann der Jägermeister-Hauptaktionärin, schon vor Jahren und riet seinem Schwager: "Er sollte das Haus bestellen."
Dabei wollte der Mann, der 1952 als Prokurist in das Geschäft seines Onkels eingestiegen war, eigentlich schon mit 55 Jahren aufhören und nur noch als Jäger zur Pirsch gehen. Aber dann überlegte es sich der launische Manager, der sich selbst gern als "Arbeitstier" bezeichnet, wieder einmal anders.
Denn obwohl Mast keinerlei Anteile an der Firma hält, konnte er in dem Unternehmen nach Belieben schalten und walten - und der Erfolg gab ihm recht. Als er 1952 die Wein- und Essighandlung von seinem Onkel übernahm, standen gerade mal vier Millionen Mark Umsatz zu Buche. Heute sind es rund 400 Millionen, und mit einem Gewinn von annähernd 100 Millionen Mark hält Mast seine Firma für "das profitabelste Unternehmen der Branche".
Mit ausgefallenen Marketingideen und flapsigen Werbesprüchen hatte Mast den Magenbitter zu einer Art Kultgetränk gemacht, auf das kaum ein Händler in Deutschland verzichten kann. Selbst in Amerika verkauft Jägermeister jährlich rund fünf Millionen Flaschen des 1934 entstandenen Kräuterlikörs.
So machte Mast bundesweit Furore, als 1973 die Kicker des Fußballvereins Eintracht Braunschweig als erste Bundesligamannschaft auf ihren Trikots den Hubertus-Hirsch, das Jägermeister-Markenzeichen, trugen. Neben seinem unkonventionellen Engagement im Sport ließ er jahrelang Woche für Woche bekennende Jägermeister-Trinker mit flapsigen Werbesprüchen ("Ich trinke Jägermeister, weil ...") auftreten, die der Diplom-Volkswirt stets selbst gedichtet hatte.
Obwohl die Firmeninhaber das Unternehmen 1987 in eine Aktiengesellschaft umwandelten und den höchstbezahlten deutschen Manager ("Für vier Millionen Mark würde ich den Job nicht machen") anwiesen, als Aufsichtsratschef fortan nur noch beratend tätig zu sein, gab Mast nie die Fäden aus der Hand. Ständig war er, "wie es sich gehört, von morgens elf bis abends elf im Büro" und hatte stets ein offenes Ohr für die Anregungen und Sorgen seiner Mitarbeiter. Mast: "Ich habe kein Vorzimmer, und bei mir kann jeder reinkommen."
Doch gleichzeitig vergraulte er mit eigenmächtigen Entscheidungen einen Topmanager nach dem anderen. Gerade so, als suche er die Konfrontation mit den Eigentümern, verkündete er vor drei Jahren in der Werbung: "Ich trinke Jägermeister, weil ich bald das erste halbe Dutzend Topmanager geschaßt habe."
Am Ende blieb nur einer: Walter Sandvoss. Mit dem hatte Mast keine Probleme, denn "der hat vor 28 Jahren doch schon als Lehrling bei mir angefangen", erklärt der Patriarch die Harmonie zu seinem Verkaufschef.
Auch im Aufsichtsrat brauchte Mast lange Zeit keinen Widerstand zu fürchten. Außer dem Familienvertreter Findel sitzt dort nur der pensionierte Banker Günter Nerlich (NordLB), und mit dem hat Mast "schon zusammen auf der Straße gespielt".
Nun haben sich die Familien überraschend doch noch durchgesetzt und Mast aus dem Aufsichtsrat gedrängt. Ständige Querelen mit den Eigentümern haben den kantigen Firmenpatriarchen mürbe gemacht: "Ich bin ein harter Knochen, aber irgendwann mußte das Ende ja mal kommen", kommentiert er seinen überraschenden Rücktritt.
Immer häufiger habe es "unterschiedliche Auffassungen über die Geschäftspolitik und die Marketingstrategie" gegeben, schimpft der oberste Jägermeister. Vor allem die neue Fabrik in Sachsen soll von den Erben kritisiert worden sein. Günter Mast will davon nichts wissen: Die Eigentümer, sagt er, hätten sich "allzuoft von irrationalen Erwägungen leiten lassen".
Fans der Jägermeister-Werbung können indes beruhigt sein. Bis Mitte kommenden Jahres könnte die beständigste Anzeigenkampagne Deutschlands ohne Probleme fortgesetzt werden. Hobbytexter Mast: "Ich habe genügend Sprüche auf Vorrat aufgeschrieben."
Von Kerbusk und

DER SPIEGEL 46/1997
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