10.11.1997

INTERNETDas Blacksburg-Experiment

Wie sich unser Leben verändert, wenn die meisten Menschen vernetzt sind, ist in der amerikanischen Stadt Blacksburg zu sehen. Zwei Drittel der Bewohner haben ihre Computer ans Internet angeschlossen und testen die Zukunft auf ihre Alltagstauglichkeit. Von Uwe Buse
In jeder anderen Kleinstadt hätte sich Bill Ellenbogen einen nagelneuen Firebird vors Haus gestellt. Oder einen Trans Am. Oder irgend etwas anderes mit vier Reifen und viel Hubraum, was für eine erträgliche Menge Geld möglichst viel PS und Prestige garantiert. Damit wäre er dann die Straße rauf- und runtergefahren, bis die Nachbarn grün werden vor Neid und Abgasen.
Aber Bill wohnt in Blacksburg, Virginia. Hier kauft man sich kein Auto, wenn man Nachbarn ärgern will. Hier kauft man einen Computer. Am besten einen mit Pentiumprozessor und T-1-Internetanschluß. Der garantiert soviel Aufsehen wie eine Viper von Chrysler und schlägt jedes Modem und jeden ISDN-getriebenen Rechner. In diesem Frühjahr war es soweit. Bill legte sein Geld zusammen und spendierte sich den Rechner.
Und weil man mit einem Computer schlecht die Straße rauf- und runterfahren kann, stellte Bill ihn genau in die Mitte seiner Kneipe auf einen Tisch und ließ ihn bestaunen. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, die 1,5 Millionen Bits pro Sekunde verdaut und die Kinnladen wieder oben waren, montierte Bill noch eine Videokamera und zog eine Schutzfolie über die Tasten. Dann gab es Bier.
Daß in Blacksburg Computer mehr Prestige besitzen als ein halbwegs ansehnlicher Großserien-Sportwagen, ist das unfreiwillige Ergebnis eines Experiments, das die Blacksburger Universität Virginia Tech vor vier Jahren begann.
Damals bekam Andrew Cohill den Auftrag, die Blacksburger ins Internet zu führen und die Stadt zum meistvernetzten Ort der Welt zu machen. Cohill ist ein schmaler Assistenz-Professor, der sich hinter einer mächtigen Brille versteckt und einen erbarmenswürdigen Mazda-Pickup fährt. Außerdem ist er Informationsarchitekt.
Informationsarchitekten versuchen, Computerprogramme so einzurichten, daß sie wohnlich sind wie Häuser und einfach zu bedienen wie Toaster ohne Aufknuspertaste. Meist scheitert der Versuch. Das sieht man an Andrews verkniffenem Mund und der Auflagenhöhe von Computerhandbüchern.
Um Blacksburg zur meistvernetzten Stadt der Welt zu machen, mußte Cohill nicht nur ein Programm einrichten, sondern die ganze Stadt ins Internet heben: die Schulen, die Geschäfte, die Häuser, dazu das Rathaus, die Bücherei, den lokalen Fernsehsender, die beiden Golfplätze und das Naturkundemuseum. Das sollte die Stadt in ein 49 Quadratkilometer großes Freilandlabor verwandeln, der Universität ein prestigeträchtiges Forschungsprojekt verschaffen und Blacksburg berühmt und modern machen. Bislang hatte die Stadt nur einen großen Erfolg: Sie gehört zu den 20 Städten, in denen amerikanische Rentner am liebsten wohnen.
Die öffentlichen Gebäude ins Internet zu heben war nur eine Frage der Technik. Aber die Blacksburger für das Experiment zu begeistern kostete Cohill mehr. Mehr Zeit, als er hatte, und mehr Keyboards, als er dachte.
1993 war das Internet für Programmierer wie Cohill ein unverzichtbares Werkzeug. Mit Hilfe des Internets fand er Forschungsergebnisse in Sekunden statt in Wochen. Er konnte mit Rechnern arbeiten, die über 20 Flugstunden entfernt in einem australischen Labor standen, ohne seinen Sessel zu verlassen.
Für Nichtprogrammierer war das Internet damals so interessant wie die Wüste Gobi bei Nacht. Auf schwarzen Schirmen glomm ein bißchen Licht, es gab keine bunten Knöpfe zum Anklicken und keine Fenster, die aufsprangen. Befehle mußten pedantisch getippt werden, und die Antworten waren so verständlich wie die Fahrgestellnummer eines Autos. Und sahen auch so aus.
Das alles änderte sich mit der Erfindung eines pummeligen Studenten. Marc Andreessen erfand den "Netscape Navigator", und mit dem Programm wurde das Netz bunt und klickbar. Die amerikanischen Intellektuellen entdeckten es, die Politiker, die Wirtschaft, die Medien, und in wenigen Monaten rutschte das Internet vom Rand des öffentlichen Interesses in das Zentrum und wurde zur Projektionsfläche irrealer Hoffnungen. Es verhieß mehr Wissen, mehr Demokratie, mehr Wohlstand, mehr Arbeit, mehr Freizeit. Ein Buch, das den Paradigmenwechsel vom Atom zum Bit feierte, schob sich an die Spitze der amerikanischen Bestsellerlisten, und das Repräsentantenhaus wählte einen Sprecher, der die Bildungsausgaben des Staates und die kümmerliche Krankenversorgung kürzen, obdachlose Kinder jedoch für das Internet begeistern wollte.
Aber der Eintritt ins Internet kostete Geld. Die Blacksburger brauchten Computer, Modem, und für den Zugang verlangte die Universität 8,60 Dollar im Monat. Was nicht wenig ist in einer Stadt, in der Familien nur 19 000 Dollar im Jahr verdienen, 15 000 weniger als im Landesschnitt.
Anfangs versuchte Cohill, den Blacksburgern den Wert des Internets mit langen Technikvorträgen zu beweisen. Es blieb bei dem Versuch. Cohill lernte, daß Vorträge kurz und verständlich sein müssen. Seitdem wirft er gleich nach der Begrüßung ein 102-Tasten-Keyboard in den Mülleimer, hält eine Maus mit einer Taste hoch und sagt: "Mehr braucht ihr nicht, um das Internet zu meistern." Was pathetisch ist, aber wahr.
Und fragt dann einer der Blacksburger: Was nützt mir das Internet?, antwortet Cohill mit einer Gegenfrage: Was interessiert dich? Die Antworten der Blacksburger, unter anderem: Die Geschichte der Rolling Stones. Aktuelle Börsenkurse. Quilting. Verdis Stiffelio. Witze über große grüne Autos. Richard Grogan, der Bambi-Killer. Das Wetter auf der Beale Air Force Base in Kalifornien.
Andrew klickt dann mit seiner Maus und zeigt Plätze im Internet, wo Informationen über die Stones, die Börse, Quilting, den ganzen Rest und das Wetter auf der kalifornischen Air Force Base zu finden sind.
24 Grad Celsius und böiger Wind aus Nordwest sind nicht weltbewegend, das reicht gerade für windschiefe Seitenscheitel. Aber wenn der eigene Sohn fern im Wind steht, ist es schön zu wissen, daß er nicht friert. Und wenn es Tips vom Bambi-Killer und die neuesten Quiltingtrends obendrauf gibt, ist das vielen Blacksburgern 8,60 Dollar im Monat wert.
Bis heute gewann Cohill zusammen mit dem Bibliotheksangestellten Walter Zicko 24 000 Blacksburger für das Netz. Über zwei Drittel der 34 000 Blacksburger haben ihre Computer an das Internet angeschlossen und über die Hälfte aller Firmen. Cohill hat seinen Auftrag erfüllt. Blacksburg ist die meistvernetzte Stadt der Welt. In Stockholm, New York, Tokio und vielen anderen Großstädten haben mehr Menschen Zugang zum Internet, aber nirgendwo auf der Welt ist der Prozentsatz höher als in Blacksburg.
Dieser Superlativ hat der Stadt einen Platz im wildumworbenen 24-Stunden-im-Cyberspace-Projekt beschert, viele Fernsehauftritte und Besuche wißbegieriger Japaner. Die verlegen in ihrem eigenen Land gerade sehr entschlossen Glasfaserkabel, schließen Computer ans Internet an und wollen gucken, was passiert, wenn die Zukunft auf den Alltag trifft.
Als erstes verschwand in Blacksburg die Hoffnung auf mehr Demokratie. Teil des Blacksburg-Experiments sind lokalpolitische Diskussionen im Internet, die Town Chats heißen. Die Blacksburger haben die Möglichkeit, sich mit ihrem Stadtdirektor in einem Computer zu treffen. Aber nur wenige Blacksburger tun das.
Denn anfangs litten die Diskussionen darunter, daß sie kein Thema hatten. Die Blacksburger konnten den Stadtdirektor nur begrüßen und fragen, was ihnen in den Kopf kam. Also fragten sie nach einem Schneeräumer für die Smart Street und nach Gebühren für Autokennzeichen.
Später gab es Themen. Zum Beispiel den neuen Radweg in der Stadt. Aber der interessierte auch nur wenige Blacksburger. Mittlerweile weiß der Stadtdirektor, das Internet macht langweilige Themen nicht interessant, nur den Zugang zu interessanten Themen bequem.
Zu gut besucht waren Andrew Cohill die Diskussionsgruppen über Sex und Homosexualität im Internet. Er kümmerte sich nicht um die Meinungsfreiheit und sperrte den Blacksburgern den Zugang. Niemand protestierte öffentlich. In Blacksburg gibt es 48 Kirchengemeinden.
Als Stadtdirektor Ron Secrist dem Blacksburg-Experiment zustimmte, hoffte er nicht nur auf mehr Lokaldemokratie, sondern auch auf mehr Arbeitsplätze. Secrist träumte davon, daß seine Stadt der nationale Testmarkt für Internetprodukte würde. Und die Blacksburger sollten die Programme testen. Firmen würden neue Filialen in Blacksburg bauen. Oder gleich ganz herziehen. Aber daraus wurde auch nichts. Die Bevölkerung Blacksburgs ist nicht repräsentativ genug. Über die Hälfte der Blacksburger sind Studenten. Heute kann Secrist auf drei Handvoll Betriebe mit ein, zwei, drei Mitarbeitern zeigen, die Internetseiten bauen, Computer und Software verkaufen.
Der Besitzer der regionalen Supermarktkette Wade's hoffte, Geld im Internet zu verdienen. Er schlug seinen Kunden vor: Ihr könnt unser gesamtes Angebot im Internet ordern, wir packen alles in Tüten, ihr holt sie ab und zahlt keinen Pfennig zusätzlich. Die Idee gefiel vielen Blacksburgern, sie kauften online, aber nur einmal. Nur zwei Kunden kauften lange: ein Professor der Universität und Andrew Cohill. Dave McIntyre, Dataprocessing-Manager von Wade's, glaubt, er war seiner Zeit voraus. Cohill glaubt, das ist Unfug. Mehr Werbung hätte die Leute bestimmt überzeugt. Sie kaufen ja auch Couchdecken, die haarenden Hunden elektrische Schläge verpassen.
Übrig von den großen Hoffnungen blieben in Blacksburg nur ein paar Dienstleistungen, etwas Wissen und viel digitaler Tratsch. Die Blacksburger können ihrer Polizeistation jetzt über das Internet mitteilen, wann sie die Stadt verlassen, damit die Streifen die Häuser im Auge behalten. Und sie können den Kardiologen J. Edwin Wilder nach der Ursache von komischen Geräuschen im Herzen fragen.
Beides konnten die Blacksburger auch schon vorher, aber da mußten sie in der Wache und im Wartezimmer herumsitzen und alte Zeitschriften lesen. Jetzt geht das aus dem Wohnzimmer.
In allen Schulen Blacksburgs können Kinder mit dem Internet arbeiten und lernen dort, daß null Grad Celsius in Finnland 32 Grad Fahrenheit auf ihrem Schulhof sind.
Und die Blacksburger können elektronische Briefe schreiben. Und das tun sie auch. 24 000 Online-Blacksburger schreiben pro Tag 250 000 elektronische Briefe.
Die elektronische Post ist so beliebt, weil sie Zeit spart und schnell ist. Schnell ist modern, und modern gefällt den Blacksburgern. Statt altmodisch mit einem Freund in Bills Kneipe zu sitzen, die Zeit zu vergessen und zu reden, hocken die Blacksburger lieber 78 Minuten pro Tag vor ihren Rechnern und tippen flüchtige Briefe an so viele Bekannte wie möglich.
Die Schnelligkeit der E-Mail schätzt eine Gruppe Blacksburger besonders, mit der nicht einmal Cohill gerechnet hat: die Rentner. Sie schreiben pausenlos über Zaunkönige, die immer seltener durch Gärten hüpfen, klagen über gebrochene Hüften und Prostatabeschwerden, sie erzählen steinalte Witze, die auch noch die letzten Zaunkönige vertreiben werden, genießen das Gefühl, miteinander verbunden zu sein, und hasten wie die übrigen Blacksburger durch ihren beschleunigten Alltag.
Und die Blacksburger, die noch mehr Zeit sparen wollen, um noch atemloser zu leben, benutzen digitale Briefkopierer, die jede E-Mail mit einem Klick an Hunderte Empfänger schickt.
Eine Frage beherrscht die Briefe: Wie kriege ich meinen Computer schneller?
[Grafiktext]
Internet-Anschlüsse je 100 Einwohner in Deutschland und den USA
und Blacksburg
[GrafiktextEnde]
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 46/1997
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