10.11.1997

EUROPAMit germanischer Färbung

Wer wird erster europäischer Zentralbankchef - Wim Duisenberg, Jean-Claude Trichet oder ein Dritter? Der französische Präsident Jacques Chirac und der deutsche Kanzler Helmut Kohl liefern sich wegen der Berufung einen Macht- und Prestigekampf.
Gelassen und ruhig, die Lesebrille weit nach vorn zur Nasenspitze geschoben, trug Jean-Claude Trichet vor. In wohlgesetztem Englisch entwickelte Frankreichs Notenbankchef vor Währungsexperten des CDU-Wirtschaftsrats am vorigen Dienstag abend seine Ideen, wie Europas Einheitswährung stark und stabil werden könne.
Ihre Anspannung konnten die feingekleideten Herren nur mit Mühe unterdrücken. Wenige Stunden zuvor hatten Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Premier Lionel Jospin den Redner als ihren Kandidaten für eines der wichtigsten Ämter in Europa benannt - den Vorsitz der künftigen Europäischen Zentralbank (EZB) - und europaweit für Aufregung gesorgt.
Selbst der deutsche Kanzler, der sich gerade für einen Besuch bei seinem "Freund Jacques" am nächsten Tag vorbereitete, war nicht eingeweiht. Ein knapper Telefonanruf aus dem Elysée-Palast informierte Helmut Kohl kurz vor Mittag.
Am Kandidaten lag die Aufregung nicht. Was Trichet in Bonn vortrug, befriedigte selbst empfindliche deutsche Zuhörer. "Das deckte sich", meinte der ehemalige Finanzstaatssekretär Otto Schlecht mit Genugtuung, "voll mit deutschen Vorstellungen."
Dennoch stehen die Chancen für Trichet schlecht, von Januar 1999 an erster Zentralbankchef Europas zu werden. Die Deutschen und die überwältigende Mehrheit der EU-Staaten haben sich auf den Niederländer Wim Duisenberg, 62, derzeit Chef des Europäischen Währungsinstituts (EWI), als künftigen EZB-Präsidenten verständigt.
Die honorigen und weltweit anerkannten Banker Trichet und Duisenberg sind seit voriger Woche Dispositionsmasse in einem politischen Machtkampf. Frankreich begehrt auf gegen deutsche Hegemonie in Europa, gegen eine Einheitswährung mit rein "germanischer Färbung" ("Le Monde").
Daß Frankreich die Führungsfrage noch einmal stellen würde, konnte niemand ernsthaft überraschen. Schon auf dem EU-Gipfel im Dezember 1996 hatte Chirac seine abweichende Meinung kundgegeben. Damals in Dublin wurde der holländische Notenbankchef Duisenberg zum Chef des EWI nominiert, dem Vorläufer der EZB. Ausdrücklich gab der französische Staatschef zu Protokoll, dies sei "keine Vorentscheidung" für den Vorsitz in der Euro-Zentralbank.
Die Franzosen machten immer wieder Andeutungen, sie würden einen eigenen Kandidaten präsentieren. Die Duisenberg-Freunde hofften, Paris bluffe nur, auch Kohl dachte so. "Wir haben einfach nicht richtig hingehört", gesteht ein Kanzlerberater.
Paris inszenierte die Trichet-Kandidatur als Staatsakt. Der Gaullist Chirac und der Sozialist Jospin verkündeten die Nominierung per gemeinsamer Erklärung - der ersten ihrer fünfmonatigen Kohabitation. Die Handschrift des Präsidenten ist deutlich zu erkennen; er neigt seit jeher zu erratischen Ausschlägen und imperialen Gesten.
Pariser Regierungsmitglieder übermittelten auf mehreren Kanälen nach Bonn, Premier Jospin und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn seien zunächst ganz gegen einen eigenen Kandidaten gewesen. Dann aber habe Chirac die beiden mit der Frage unter Druck gesetzt, wie es denn aussehe, wenn die linke Regierung die Entsendung eines Franzosen an die EZB-Spitze hintertreibe.
Chirac hat ironischerweise mit Trichet einen Kandidaten präsentiert, der ihm eigentlich nicht paßt. Wegen seiner strikten Geld- und Zinspolitik ist der Pariser Notenbankchef mehrmals mit dem Präsidenten zusammengestoßen. Auch die Sozialisten verdroß sein harter monetärer Kurs. Unbestritten sind dessen Erfolge: Trichet gelang es, die Zinssätze und die Inflation in Frankreich unter deutsches Niveau zu drücken. Mit seinen Auffassungen ähnelt er im übrigen dem Friesen Duisenberg, den er verdrängen soll.
Als Duisenberg am Dienstag abend in der Kantine des Frankfurter EWI vor exklusiver Gäste-Schar eine Kunstausstellung eröffnete, wirkte sein Gesicht noch zerknitterter als sonst. Kein Wort zum französischen Konkurrenten war dem sonst stets zu Scherzen und Ironie aufgelegten Mann zu entlocken. Hollands Außenminister Hans van Mierlo meinte leicht verbittert, Paris habe eine "unangenehme Überraschung" bereitet.
So sehen es auch die Deutschen. Kanzler Kohl verpflichtete alle Minister und Sprecher, den Affront nicht zu kommentieren. "Wir sollten uns jetzt zurückhalten, um die Lage nicht zusätzlich zu komplizieren", mahnte Kohl im Kabinett, es liefen "zwei Züge aufeinander zu".
Das machtbewußte Frankreich hat sich nicht recht mit den Folgen der Wiedervereinigung für das innereuropäische Gefüge abgefunden. Der politische Anspruch der ökonomisch ohnehin überlegenen Nachbarn ist Paris ein ständiges Ärgernis.
Die deutsche Fremdbestimmung stört Chirac wie Jospin vor allem beim Euro. Alle Entscheidungen um die Einheitswährung dominierten die Deutschen. Die EZB wurde ganz nach dem Muster der Bundesbank als politisch unabhängige Notenbank konzipiert; ihr Sitz wird Frankfurt sein; die Einheitswährung heißt Euro und nicht Ecu.
Die "tiefe Frustration" ("Handelsblatt") in der französischen Regierung nährte der deutsche Kanzler zudem Mitte Oktober, als er Londons Premier Tony Blair versprach, den Briten bei ihren Bemühungen um einen Sitz im Sechser-Direktorium der EZB zu helfen. England will sich frühestens im Jahr 2002 dem Euro-Verbund anschließen.
Jetzt fordert Frankreich als Kompensation den "Skalp" ("Financial Times") Duisenbergs. In seiner Zeit als holländischer Zentralbankchef, so spotten Pariser Beamte, habe der Freund von Bundesbankchef Hans Tietmeyer jeweils mit "15 Sekunden Verzögerung" nachgemacht, was Frankfurt entschieden hatte - genau so lange, bis die Meldung vom Rhein bei ihm auf dem Computerbildschirm erschien.
Als Kanzler Kohl am Mittwoch abend in Paris erschien, warb Präsident Chirac für seinen Kandidaten Trichet. Dessen Nominierung, meinte der Franzose, "korrespondiert mit den Interessen unserer Länder". Kohl rückte jedoch nicht von Duisenberg ab.
Ein Franzose auf dem Chefposten der Euro-Bank, so die Bonner Befürchtung, würde die virulenten Sorgen der Deutschen und der internationalen Finanzmärkte vor einer schwachen Einheitswährung bestärken. Trichet werde zwangsläufig den Eindruck begünstigen, Paris wolle über seinen Mann politisch Einfluß auf die Geldgeschäfte gewinnen - auch wenn der für Direktiven aus Paris keineswegs anfällig ist.
Zudem käme das Gleichgewicht zwischen kleinen und großen Staaten in der EU ins Wanken. Wie fragil das ist, zeigen die anhaltenden Gerüchte über deutschfranzösische Geheimabsprachen. Danach soll Kohl schon François Mitterrand den EZB-Posten versprochen haben - eine ziemlich schwere Düpierung der anderen Euro-Staaten. Dankbar registrierten die Deutschen, daß der Pariser Finanzminister Strauss-Kahn vorige Woche selbst solche Euro-Deals dementierte.
Falls Frankreich "aus sachfremden Gründen" die Durchsetzung Trichets zum Prestigefall hochspiele, so befürchtete Kanzler Kohl am Donnerstag im Bonner Kabinett, bekomme die Europäische Union ernsthafte Schwierigkeiten. Beide Kandidaten - Trichet wie Duisenberg - wären dann verbrannt.
Seit Mittwoch voriger Woche werden deshalb Namen möglicher Kompromißkandidaten gestreut - vom belgischen Finanzminister Philippe Maystadt bis zum Luxemburger Regierungschef und EU-Ratspräsidenten Jean-Claude Juncker. Gute Chancen werden dem spanischen Notenbankchef Luis Angel Rojo eingeräumt; er ist Vizepräsident des EWI. Gerade wählten ihn internationale Finanzjournalisten zum drittenmal zum "besten Notenbankgouverneur der Welt".
Der ehemalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl hält die Idee, Trichet zu berufen, "für ein schlechtes Omen". Noch mehr befürchtet er, "daß man als dritten Kandidaten einen abgehalfterten Politiker aus dem Hut zaubert". Altkanzler Helmut Schmidt schlug schon mal Valéry Giscard d'Estaing, 71, vor. Auch Jacques Delors, 72, ehemals Präsident der EU-Kommission, wird in solchen Fällen gern genannt.
Am Donnerstag voriger Woche meldete sich auch Italiens Ministerpräsident Romano Prodi mit einem überraschenden Vorschlag zu Wort. Sein Land, so der Römer, habe nichts dagegen, wenn Bundesbankchef Hans Tietmeyer nominiert würde.
Eines ist sicher: Der Deutsche Tietmeyer wird niemals Präsident der Euro-Bank. Da sei schon Frankreich vor.
[Grafiktext]
Anwärter auf das Amt des europäischen Zentralbankchefs:
Jean-Claude Trichet, Frankreich
Wim Duisenberg, Niederlande
Luis Angel Rojo, Spanien
Philippe Maystadt, Belgien
Jean-Claude Juncker, Luxemburg
Hans Tietmeyer, Deutschland
[GrafiktextEnde]
Von Pörtner und

DER SPIEGEL 46/1997
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