10.09.2012

KARRIERENDer Showpirat

In der Piratenpartei ist kaum jemand so umstritten wie der Berliner Fraktionschef Christopher Lauer. Als Feindbild der Basis hat er es weit gebracht.
Am Tag nach dem jüngsten Shitstorm sitzt Fraktionschef Christopher Lauer in seinem Berliner Parlamentsbüro und gibt den Gelangweilten. Seine Hand kritzelt Kästchen auf Papier. Wieder mal haben sich seine Piraten über ihn aufgeregt, das Netz ist voll mit Klagen. Na und? Kennt er schon. Diesmal ging es um Lauers Papier zum Urheberrecht, das er vergangenen Dienstag eigenmächtig an die Presse gegeben hatte. Parteifreunde schimpften über den "Alleingang". Lauer hebt eine Augenbraue. "Auf Arabisch heißt Basis übrigens al-Qaida", sagt er.
Vergangene Woche erreichte die Abneigung der Piraten gegen Christopher Lauer, 28, einen neuen Höhepunkt. Noch immer gilt in der Partei der Glaubenssatz, dass Themen wichtiger sind als Köpfe. Doch Lauer sucht die Bühne, wo er kann. Damit nervt er viele Piraten, aber er nutzt ihnen auch.
Der Berliner Fraktionschef ist einer der wenigen Prominenten der Partei, er macht die Piraten bekannt. Wenn ihn sein Bäcker mit den Worten "Ah, der Oberpirat" begrüßt, verbreitet Lauer diese News sofort auf Twitter. Jeder darf wissen, dass er unter der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leidet. Sein Geltungsdrang und seine Unbeliebtheit haben Lauer den Ruf eingebracht, der Joschka Fischer der Piraten zu sein: im eigenen Milieu beargwöhnt, als Aushängeschild unverzichtbar.
Lauer sitzt in Talkshows und gibt große Interviews, sucht die Nähe zu Journalisten und pfeift im Zweifel auf die Basis. Er macht Politik nach den alten, den etablierten Regeln. Er hat begriffen, dass Parteien im Kampf um Aufmerksamkeit auch Gesichter und schrille Stimmen brauchen.
Im Essener "Unperfekthaus" wollen Anfang September rund hundert Piraten darüber beraten, wie eine künftige Fraktion im Bund arbeiten könnte. Die Veranstaltung nennt sich "Barcamp Bundestag". Eine Piratin will wissen, ob Parlamentarier nicht vor allem Kontakt zur Basis pflegen sollten. "Überlegt euch mal, was ihr von euren Abgeordneten wollt", antwortet Lauer. "Wenn ich meine Arbeit im Parlament vernünftig machen will, dann kann ich nicht abends noch an die Stammtische tingeln."
Pirat Lauer, Mitglied seit 2009, fühlte sich früh zu Höherem berufen. Im Mai 2010 kandidierte er auf dem Bundesparteitag in Bingen als Parteichef - es reichte nur zum Beisitzer. Im September 2011 spülte ihn der große Erfolg der Berliner Piraten dann vom schlechten Listenplatz 10 ins Abgeordnetenhaus. Dort drängelte Lauer sich beharrlich nach oben. Seit Juni ist er neben Andreas Baum Fraktionschef und damit einer der mächtigsten Piraten der Hauptstadt. Doch weite Teile der Basis empfingen seinen Ehrgeiz und seinen Geltungsdrang als abschreckend. Gegen diesen Politik-Typus, so das Empfinden, war man ursprünglich mal angetreten.
In Parlamentsfraktionen werden selten die stillen Arbeiter mit Vorstandsposten belohnt, sondern die Egos mit dem größten Machtinstinkt. Lauers Aufstieg belegt, dass sich auch bei den Piraten die Kräfteverhältnisse entsprechend entwickeln, sobald sie Teil des etablierten Systems sind.
Sein Machtgespür zeigte Lauer zuletzt mit seinem Vorstoß zum Urheberrecht. Ohne Basis oder Parteivorstand einzubinden, ließ er von einem Juristen der Fraktion einen Gesetzentwurf erarbeiten, um damit eine Bundesratsinitiative anzustoßen. Lauer zeigte den Entwurf auch zwei Anwälten, die Korrekturen machten. Ihre Namen will er nicht verraten - so viel zum Thema Transparenz. Das fertige Papier spielte Lauer dann an die Presse und machte vergangene Woche als Urheberrechtspirat Schlagzeilen.
Die eigenen Leute ärgert ein solches Vorgehen. "Ich persönlich hätte mir gewünscht, Christopher hätte sein Papier ohne Presse-Brimborium im Liquid Feedback zur Diskussion gestellt", sagt Parteichef Bernd Schlömer. Auf Twitter schimpften die Piraten: "Narzisst", "pathologischer Selbstdarsteller", "macht einen auf Helmut Kohl".
Eigentlich gehört es zur Maxime der Piraten, dass Funktionsträger politische Aussagen nicht im Namen der Partei treffen, vor allem nicht beim Kernthema Urheberrecht. Lauer weiß das, doch er schert sich nicht um seine Kritiker. Transparenz sei nicht immer möglich, Exklusivität manchmal nötig. "So funktioniert das Spiel, so bekommt man Aufmerksamkeit. Und öffentliche Aufmerksamkeit ist doch das Einzige, was die Piraten haben!"
Vergangenen Donnerstagabend erschien Christopher Lauer zur Veranstaltung "Pirates & Politics" im Berliner Club Kaffee Burger. Es sollte einen Gesangswettbewerb geben, davor ein bisschen Politik. Auf der Bühne musste Lauer Fragen zum Urheberrecht beantworten, er wirkte unkonzentriert, verlor den Faden. Aus dem Publikum schallten erste Buhrufe.
Doch Lauer ließ sich nicht beirren, nicht vom Shitstorm, nicht von Buhs. Er gab der Band ein Zeichen, die spielte "Hit Me Baby One More Time". Lauer sang schräg, aber selbstbewusst, die Stimmung im Publikum schlug um, Standing Ovations. Am Ende hatte Lauer gewonnen.
Von Sven Becker, Annett Meiritz und Merlind Theile

DER SPIEGEL 37/2012
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