10.09.2012

NORDKOREATagebuch eines Verdammten

Shin Dong-hyuk hat die ersten 22 seiner 29 Jahre in einem Konzentrationslager verbracht, dann gelang ihm der Ausbruch. Ein Buch schildert seine dramatische Lebensgeschichte. Ein Auszug
Wohl an die 200 000 Menschen müssen ihr Leben in nordkoreanischen Straflagern fristen. Shins Bericht, in Zusammenarbeit mit einem amerikanischen Autor verfasst, ist eines der wenigen Zeugnisse.
Shin wusste, was er getan hatte; er hatte die Regeln des Lagers eingehalten und eine Flucht verhindert. Doch der Offizier wusste nicht, dass Shin ein pflichtbewusster Informant war. "Heute in der Frühe wurden deine Mutter und dein Bruder dabei erwischt, wie sie versuchten zu fliehen. Wenn dir dein Leben lieb ist, dann ist es besser, wenn du mit der Wahrheit rausrückst."
Shin fand später dann heraus, dass der Nachtwärter in der Schule das Verdienst an der Aufdeckung des Fluchtplans ganz allein für sich beansprucht hatte. In dem Bericht an seine Vorgesetzten wurde Shins Rolle mit keinem Wort erwähnt. Doch an jenem Morgen im unterirdischen Gefängnis verstand Shin gar nichts. Er war ein verwirrter 13-Jähriger. Der Offizier befragte ihn weiter über das Warum, Wann und Wie des Fluchtplans seiner Familie. Shin war unfähig, etwas Zusammenhängendes zu sagen.
Schließlich schob ihm der Offizier ein paar Blätter über den Tisch. "In diesem Fall, du Hundesohn, lies das hier und mach am Ende deinen Daumenabdruck darunter." Die Papiere waren eine Art Strafregister der Familie. Sie enthielten die Namen, das Alter und eine Auflistung der Verbrechen von Shins Vater und dessen elf Brüdern.
Der älteste Bruder wurde als Erster aufgeführt. Neben seinem Namen stand eine Jahreszahl: 1951, das zweite Jahr des Korea-Kriegs. In derselben Rubrik waren die Verbrechen seines Onkels vermerkt: Störung des öffentlichen Friedens, Gewalttätigkeit, Überlaufen in den Süden. Shin brauchte Monate, um zu verstehen, was er da sehen durfte. Die Dokumente erklärten, warum die Familie seines Vaters in das Lager 14 gesperrt worden war. Das entsetzliche Verbrechen, das Shins Vater begangen hatte, bestand darin, dass er der Bruder von zwei jungen Männern war, die während eines mörderischen Bruderkriegs, der einen Großteil der koreanischen Halbinsel zerstörte und Hunderttausende Familien auseinanderriss, in den Süden geflohen waren. Shins Vater hatte ihn darüber nie aufgeklärt.
Wie befohlen, setzte Shin seinen Daumenabdruck auf das Dokument. Die Wärter legten ihm erneut die Augenbinde an und führten ihn einen Korridor entlang. Als sie ihm die Binde wieder abnahmen, las Shin die Nummer 7 auf einer Zellentür. Die Wärter schoben ihn dort hinein und warfen ihm einen Packen Häftlingskleidung zu. "He, Hundesohn, zieh dir das an!" Die Montur war für einen erwachsenen Mann gedacht. Als Shin sie über seinen zierlichen Körper zog, kam er sich vor wie in einem Kartoffelsack.
Shins Zelle war quadratisch und kaum groß genug, dass er sich auf dem betonierten Boden ausstrecken konnte. Die von der Decke hängende Glühbirne brannte, als Shin die Zelle betrat, und war von innen nicht auszuschalten. Ohne Fenster konnte Shin nicht feststellen, ob es Tag oder Nacht war. Es gab zwei dünne Decken auf dem Boden. Er bekam nichts zu essen und konnte nicht schlafen.
Er vermutet, dass es am nächsten Tag war, als die Wärter die Tür öffneten, ihm die Augenbinde anlegten und ihn zu einem zweiten Vernehmungszimmer führten, wo ihn zwei neue Offiziere erwarteten. Sie befahlen Shin niederzuknien und forderten ihn auf anzugeben, warum seine Familie flüchten wollte. Welchen Groll hatte seine Mutter? Über was hatte er mit ihr gesprochen? Welche Absichten hatte sein Bruder? Shin sagte, er könne ihre Fragen nicht beantworten. "Du bist noch nicht sehr alt", gab ihm einer der Wärter zu bedenken. "Du musst nur gestehen, und du kannst gehen und leben. Möchtest du lieber hier sterben?"
Die Wärter schickten ihn wieder zurück in seine Zelle. Am Morgen des dritten Tages betraten ein Vernehmer sowie drei Wärter Shins Zelle. Sie legten ihm Fußfesseln an, befestigten ein Seil an einem Haken an der Decke und hängten ihn mit dem Kopf nach unten daran auf. Dann verließen sie die Zelle und verschlossen die Tür - alles, ohne ein Wort zu verlieren.
Seine Füße berührten fast die Decke. Sein Kopf befand sich gut einen halben Meter über dem Boden. Mit seinen Händen, die nicht gefesselt waren, erreichte er fast den Boden. Er wand sich und schwang hin und her, um vielleicht eine bequemere Lage zu finden, aber vergebens. Sein Nacken verkrampfte sich, und seine Knöchel schmerzten. Schließlich waren seine Beine wie betäubt. Der Blutstau in seinem Kopf verursachte immer stärkere Kopfschmerzen.
Die Wärter kamen erst am Abend wieder. Sie nahmen dem Jungen die Fesseln ab und gingen, wieder ohne ein Wort. Ihm wurde Essen gebracht, doch Shin war kaum imstande, etwas zu sich zu nehmen. Er konnte die Finger nicht mehr bewegen, und an den Füßen hatten sich die stählernen Fußschellen so tief eingegraben, dass die Knöchel bluteten.
Am vierten Tag trugen die Vernehmer Zivilkleidung statt Uniform. Nachdem man ihm wieder eine Augenbinde angelegt und ihn aus seiner Zelle geholt hatte, wurde er in ein schwacherleuchtetes Zimmer mit einer hohen Decke geführt. Auf Shin wirkte es wie ein Maschinenraum. Von einer Winde an der Decke hing eine Kette herab. An den Wänden waren Haken befestigt, an denen ein Hammer, eine Axt, Zangen und Knüppel unterschiedlicher Formen und Größen aufgehängt waren. Auf einem großen Werktisch sah Shin eine Schmiedezange, mit der man glühende Metallteile packen und tragen konnte.
"Wie fühlt es sich an, hier zu sein?", fragte einer der Vernehmer. Shin wusste nicht, was er antworten sollte. "Ich frage dich nur noch einmal", drohte der Chef der Vernehmer. "Was haben dein Vater, deine Mutter und dein Bruder für die Zeit nach der Flucht geplant?"
"Ich weiß es einfach nicht", sagte Shin.
"Wenn du jetzt hier und sofort die Wahrheit sagst, werde ich dich retten. Andernfalls werde ich dich töten. Verstanden?" Wie Shin sich erinnert, konnte er keinen klaren Gedanken fassen und fühlte sich wie gelähmt. "Bis jetzt war ich mit dir nachsichtig, weil du noch ein Kind bist", sagte der Vernehmer. "Aber meine Geduld hat Grenzen." Shin brachte wieder keinen Satz heraus.
"Dieser Hundesohn will nicht!", brüllte der Chef. Seine Helfer stürzten sich auf Shin und zogen ihm seine Kleider aus. Sie legten ihm wieder Fußschellen an, die sie an einer Kette befestigten, die von der Decke herabhing. Die Winde wurde in Gang gesetzt, seine Füße wurden unter ihm weggezogen und sein Kopf schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf. Seine Hände wurden mit einem Strick zusammengebunden, dessen langes freies Ende durch eine Öse an der Decke eingefädelt wurde. Anschließend wurde er damit an den Armen so weit hochgezogen, dass sein Körper ein U bildete; der blanke Rücken hing nach unten durch.
Ein Becken mit glühender Holzkohle wurde gebracht und unter Shins Rücken geschoben. Einer der Helfer nahm einen Blasebalg und fachte die Glut an. Mittels der Winde wurde Shin abgesenkt.
"Lasst ihn immer weiter herunter, bis er redet", befahl der Chef.
Shin konnte seine verbrannte Haut riechen. Wahnsinnig vor Schmerzen, versuchte er, sich von der Glut wegzudrehen. Einer der Wärter holte einen Haken von der Wand, stach den Jungen in den Bauch und hielt so seinen Körper über der Glut, bis Shin ohnmächtig wurde.
Er erwachte in seiner Zelle. Die Wärter hatten ihm wieder seine übergroße Häftlingskleidung übergezogen, die er mit Kot und Urin besudelt hatte. Er hatte kein Gefühl, wie lange er ohnmächtig auf dem Boden gelegen hatte. Die untere Partie seines Rückens war mit Blasen überzogen und verklebt. Seine Fußknöchel waren blankgescheuert.
Zwei Tage lang gelang es Shin irgendwie, sich in seiner Zelle fortzubewegen und zu essen. Die Wärter brachten ihm Maisbrei und Kohlsuppe. Doch da sich seine Brandwunden infiziert hatten, bekam er Fieber, verlor den Appetit und konnte sich kaum noch bewegen. Als einer der Wärter Shin zusammengerollt auf dem Fußboden seiner Zelle liegen sah, rief er in den Gefängniskorridor: "Dieses Kerlchen ist wirklich ein zäher Bursche."
Nach seiner Schätzung vergingen zehn Tage bis zu seiner letzten Vernehmung. Sie fand in seiner Zelle statt, weil er zu schwach war, um sich vom Boden zu erheben. Aber er hatte keine Angst mehr. Zum ersten Mal fand er Worte, um sich zu verteidigen. "Ich selber war doch der, der es angezeigt hat", sagte er. "Ich habe meine Sache gut gemacht."
Sie hoben Shin auf und trugen ihn über den Korridor zu einer anderen Zelle. Dort befand sich bereits ein Häftling. Für die Verhältnisse von Lager 14 war Shins Mithäftling schon ziemlich alt, wohl an die 50 Jahre. Er wollte sich nicht darüber äußern, warum er im unterirdischen Gefängnis des Lagers eingesperrt war, sondern erklärte nur, dass er hier schon viele Jahre verbracht habe und die Sonne schmerzlich vermisse.
Eine farblose, lederne Haut lag eingefallen auf seinen fleischlosen Knochen. Er bat Shin, ihn mit "Onkel" anzureden. "Junge, du hast noch viele Tage deines Lebens vor dir", sagte Onkel. "Sie sagen, die Sonne scheint sogar auf Mäuselöcher." Die medizinischen Fähigkeiten des alten Mannes und seine fürsorglichen Worte hielten den Jungen am Leben. Sein Fieber ging schließlich zurück, seine Gedanken klärten sich, und seine Brandwunden verschorften und vernarbten.
Shin wurde nach mehr als sechs Monaten aus der Zelle entlassen - um der Exekution seiner Mutter und seines Bruders beizuwohnen. Er fasste den Entschluss zur Flucht, schlug sich wider alle Wahrscheinlichkeit nach China durch. Heute lebt er in Südkoreas Hauptstadt Seoul.

DER SPIEGEL 37/2012
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