10.09.2012

KOMMENTARSchach mit Risiko

Ja, der französische Formel-1-Pilot Romain Grosjean fährt rücksichtslos. Ja, er musste zu Recht beim Grand Prix in Monza aussetzen, nachdem er zuvor in Spa einen Startcrash ausgelöst hatte, es war bereits sein siebter Unfall in dieser Saison. Ja, man kann ihn als Rowdy bezeichnen. Es könnte sogar sein, dass er unbelehrbar bleibt, so wie es einige seiner zornigen Kollegen und Kritiker befürchten.
Allerdings wäre es fatal, nur auf Grosjean und dessen Defizite zu schauen. Die Formel 1 hat sich gewandelt, zu einer Art Schach auf Rädern. Niemand siegt mehr, weil er am Lenkrad den gewaltigsten Mut von allen aufbringt. Rennen werden heute über Strategie gewonnen. Es geht darum, die richtige Reifenmischung zu wählen und den passenden Moment zum Boxenstopp, dabei flexibel zu bleiben und spontan auf den Rennverlauf zu reagieren.
Nach dem Start möglichst weit vorn zu liegen, gibt dem Rennfahrer und seinem Team die größtmögliche Freiheit, ihre Strategie auszuspielen. Wie im Schach beeinflusst die Eröffnung den Verlauf der Partie. Grosjean handelt im Prinzip nicht anders als seine Rivalen. Sein Fehler liegt darin, dass er zu glauben scheint, die Eröffnung entscheide über das ganze Rennen. Und er verdrängt offenbar, in einem Sport unterwegs zu sein, in dem Leben und Unversehrtheit von einem Rest an Rücksicht abhängen.
Die Formel 1 ist erstaunlich sicher geworden, das mag Grosjean zum Leichtsinn verleiten. In Spa rauschte er im Tiefflug knapp am Helm von Fernando Alonso vorbei; das hat die Debatte darüber neu entfacht, wie der Kopf besser zu schützen sei. Tests werden zeigen müssen, ob es ausreicht, die Cockpit-Wände höher zu ziehen, oder ob eine Kanzel wie bei einem Kampfjet sinnvoll wäre.
Jede denkbare Lösung wird jedoch wenig daran ändern, dass Rennfahren verdammt ungesund sein kann. Die meisten Piloten sind sich dessen bewusst. Sie wären Grosjean dankbar, sollte auch er das nun kapieren.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 37/2012
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