10.09.2012

FUSSBALLGaberln und Gurkerl

Mit methodischer Arbeit bringt Teamchef Marcel Koller Schwung in Österreichs Nationalteam, am Dienstag Gegner der DFB-Auswahl. Doch für Traditionalisten in Wien bleibt der neue Coach eine Reizfigur - er ist Schweizer. Von Walter Mayr
Dreht Österreichs Teamchef am Schreibtisch den Kopf nach links, dann sieht er den Zuckerhut. Das Wahrzeichen Rio de Janeiros haben sie ihm im Posterformat an die Wand genagelt. So, dass er nun sogar sitzend sein Fernziel vor Augen hat: Brasilien, Fußball-WM 2014.
Dreht der Teamchef den Kopf nach rechts und schaut aus dem Fenster, dann sieht er den Innenraum des Wiener Ernst-Happel-Stadions. Hier, im Allerheiligsten des rot-weiß-roten Fußballs, soll an diesem Dienstag der erste Schritt Richtung Brasilien getan werden. Zum Auftaktspiel der WM-Qualifikation reist die deutsche Nationalelf an.
Dann wird es ernst für ihn. Für Marcel Koller, den Teamchef.
5:0 hat Österreich die Deutschen in diesem Stadion schon geschlagen, auch 4:1. Die Triumphe liegen Jahrzehnte zurück, sind aber im nationalen Fußballgedächtnis stabil verankert. So wie - "I wer' narrisch, Krankl schießt ein" - der als Ohrwurm allgegenwärtige 3:2-Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland 1978 im argentinischen Córdoba.
Die Helden von damals sind heute Meinungsmacher. Sie bewiesen es zuletzt im vergangenen Herbst. Die Stelle des Teamchefs war vakant, es wurden prominente Namen gehandelt, Matthias Sammer und Thomas Tuchel darunter. Die Wahl des Verbands aber fiel auf Marcel Koller.
Koller ist keiner aus der Córdoba-Truppe. Er ist, schlimmer noch, Schweizer. Und sein letzter Arbeitsnachweis war: der Klassenerhalt 2008 mit dem VfL Bochum.
Bochum.
Stellvertretend für Millionen fragte also Hans Krankl, der "zwaa Goal" in Córdoba auf dem Konto hat, dazu den Titel als Europas Top-Torjäger 1978 und drei Jahre als Teamchef: "Was hat Marcel Koller, was unsere Trainer nicht haben?"
Und Herbert Prohaska, Held von Córdoba auch er, dazu "Österreichs Fußballer des 20. Jahrhunderts"? Sprang dem alten Kameraden Krankl bei und verkündete hörbar beleidigt, solche Trainer wie Koller "haben wir bei uns genügend".
Krankl macht im Sender Sky und im Kleinformat "Österreich" Meinung. Prohaska kommentiert im ORF und im meistgelesenen Boulevardblatt, der "Kronen Zeitung". Das Urteil der beiden erzeugt millionenfaches Echo zwischen Neusiedler und Bodensee.
Auch Marcel Koller spitzte die Ohren, doch er schwieg. Wer mit wem in Wien "verhabert" sei, wie also die ortsübliche Spezlwirtschaft funktioniere und wem er da gegebenenfalls in die Quere gekommen sei, das habe ihn nie interessiert, behauptet er heute: "Ich dachte mir, ich fange jetzt am besten mal an zu arbeiten."
So wie er spricht, so sieht er aus. Drahtige Figur in kurzärmligem Hemd, dynamischer Auftritt. In der Wiener Society-Presse wird er schon unter die fescheren Promis der Walzer-Metropole gerechnet. Aber das, so sagt er, interessiere ihn nicht.
Koller redet mehr mit Spielern und Vereinstrainern als mit den Berichterstattern vom Boulevard. Er hat eine Facebook-Seite, wo nachzulesen ist, was er als Teamchef so macht. Auf detaillierte Gegneranalyse und systematisches Arbeiten wird Wert gelegt; mit dem von Traditionalisten als "PowerPoint-Willi" verspotteten Sportdirektor steht ein taktisch geschulter Fachmann zur Seite.
Während Vorgänger Didi Constantini Taktik noch für "überbewertet" hielt, werde nun "weniger unfreiwilliges Kabarett und mehr Inhalt" geboten, sagt der vielgelesene Kolumnist Gerald Gossmann von 90minuten.at. Tatsächlich geht es mit der verunsicherten Auswahl Österreichs inzwischen wieder bergauf. Zuletzt gelangen Siege über die Ukraine und die Türkei. In der neuen Fifa-Rangliste wird Kollers Truppe, um elf Plätze verbessert, vor Panama auf Position 49 geführt. Die "Kronen Zeitung" titelte im August: "Im Prater blüh'n wieder die Träume."
In Wahrheit blüht im Happel-Stadion, unweit von Prater-Ringelspiel und Straßenstrich, derzeit nicht einmal der Flachs, denn der karge Schweizer Koller besticht vor allem durch calvinistische Arbeitsethik. Er ist ein ernsthafter, jedes Wort wägender Fußballlehrer, der Realitätssinn einfordert. Wer Heldentaten erwarte, werde sich leider gedulden müssen, sagt er. Bis seine Handschrift erkennbar sei, könne das "Jahre dauern".
Koller ist der 34. Coach der Österreicher seit dem Zweiten Weltkrieg. Für seine Vorgänger war im Schnitt nach zwei Jahren Schluss.
Der Schweizer Fußballlehrer aber ist durch Hochrechnungen nicht zu beirren. Zuerst hat er sich Respekt verschafft, im Bauch des Stadions hinter Bürotür 107, nun versucht er die Erwartungen ans Match gegen die DFB-Auswahl zu dämpfen: "Alle reden nur noch vom Spiel des Jahres", klagt Koller. Fast vergessen werde dabei, "welch schwieriges Los Deutschland ist".
Gut möglich, dass es deshalb am Dienstagabend im Happel-Stadion zu einer Premiere kommt: dass nämlich erstmals elf Legionäre, größtenteils rekrutiert aus der deutschen Bundesliga, in der Startformation der Gastgeber auflaufen werden. Während der einzige Beteiligte, der überwiegend in Österreich lebt, am Spielfeldrand steht und Schweizer ist.
Koller war Spieler und Trainer bei Grasshopper Zürich, ehe er das Ruder in Köln und später in Bochum übernahm. Er kennt die Liga, in der seine Schlüsselspieler unter Vertrag sind: Prödl und Arnautovic in Bremen, Harnik in Stuttgart, Ivanschitz in Mainz, Pogatetz in Wolfsburg oder Fuchs auf Schalke.
Wenn Koller sich sonntags pflichtbewusst aufmacht ins abgelegene Wolfsberg im Kärntner Lavanttal, zum Spiel der Gastgeber gegen Rapid Wien, dann sieht er dort bestenfalls Spieler aus der zweiten Reihe des Nationalkaders. Mit Wohnsitz Deutschland wären die Dienstwege kürzer. Doch Koller hat sich, auch auf Drängen des Verbands, für Wien entschieden.
So ist er, wenn schon nicht seinen Spielern, zumindest seinen Kritikern nahe. Zu deren Lieblingslokalen zählt eine ausgerechnet "Schweizerhaus" getaufte Traditionsgaststätte beim Happel-Stadion. Sie wirbt mit böhmischem Bier, reschen Stelzen - Schweinshaxen - und reichlich Prominenten, darunter Toni Polster.
Stellvertretend für andere Altstars mit Trainerschein und Lust auf höhere Aufgaben hat Österreichs Rekordtorschütze schon im vergangenen Herbst zu Protokoll gegeben, er halte die Berufung Kollers zum Teamchef für eine "unglückliche Entscheidung" - weil der Schweizer zwar Ausländer, aber leider kein richtiger "Kapazunder" sei wie etwa Christoph Daum oder Rafael Benítez.
"Na ja", sagt Herbert Prohaska und macht ein möglichst unschuldiges Gesicht, "das bisher beste Spiel vom Koller war sein erstes für uns - da haben wir verloren gegen die Ukraine." Prohaska, groß geworden bei der Wiener Austria, später ein Star bei Inter und der Roma, ist dem Wesen nach ein freundlicher Mensch. Die in Wien verbreitete Kunstform des vergifteten Kompliments beherrscht er gleichwohl.
Ein wenig fülliger geworden, mit gelichtetem Haupthaar, so sitzt er da im ORF-Sendezentrum am Küniglberg: der, den sie einst "Schneckerl" tauften, seiner Kopfkrause wegen. Ins Schriftdeutsche übersetzt und gerafft sagt Prohaska: Da kommt einer aus dem Ausland namens "Koller, der vorher zwei Jahre lang nichts gemacht hat", schnappt sich ein Amt, das vorher Männer wie Krankl oder Prohaska ausfüllten, und schert sich wenig um die Meinung Alteingesessener. "Bisher haben wir uns zu einer WM immer nur mit Österreichern als Trainer qualifiziert", sagt Prohaska und fügt, ohne eine Miene zu verziehen, hinzu: "Aber das ist natürlich Zufall."
Abschließend noch ein Ratschlag in Sachen Mannschaftsaufstellung: "Mit Leuten wie Arnautovic gewinnst du nix. Der ist leider nicht gescheit genug. Selbst bei Inter unter Mourinho war der nur das Maskottchen, ohne was dazuzulernen."
Der Stürmer Marko Arnautovic von Werder Bremen, so begabt wie launisch, ist einer aus der Generation vielversprechender junger Österreicher. Einer, der dem Teamchef viel Fingerspitzengefühl abfordert. Arnautovic hat gerade erst, auf Heimaturlaub, wegen Beleidigung eines Polizeibeamten ein Verfahren kassiert. Bei Länderspielen trägt er Serbiens Flagge auf dem rechten Schuh, zur Freude der Vorfahren väterlicherseits. Zuletzt seien gute Ansätze erkennbar gewesen, sagt Koller über sein Sorgenkind. Aber er erwarte mehr: "auf dem Feld wie außerhalb".
Das dürfte auch für andere gelten. Verteidiger Aleksandar Dragovic vom FC Basel schlug im Mai nach dem Schweizer Cupfinale einen Bundesrat auf den Hinterkopf; Salzburgs Abwehrspieler Franz Schiemer schwänzte gegen die Ukraine im Juni, um auf einem Landgut des Brausefabrikanten Dietrich Mateschitz Hochzeit feiern zu können; Angreifer Guido Burgstaller wurde im Juli in Klagenfurt, randalierend, von der Polizei abgeführt.
Innenverteidiger Paul Scharner vom Hamburger SV schließlich hat im August, kurz vor seiner Verbannung aus dem Team, dem Magazin "News" erzählt, sein als Neuerer angereister Teamchef aus der Schweiz sei in Österreich binnen kurzem weichgeklopft worden wie ein Schnitzel: "Jetzt müssen sie ihn nur noch panieren."
"Scharner erzählt Unsinn, mir redet im sportlichen Bereich keiner drein", sagt lächelnd Koller und widerspricht grundsätzlich dem Eindruck, er habe da eine Horde Rotzbuben unter sich versammelt. Die meisten seiner Schützlinge taugten zum Schwiegersohn. Entscheidend sei für ihn ohnedies "die Arbeit auf dem Platz".
Was allerdings dort, auf dem Platz, in Wien noch als hohe Schule gilt, das "Gaberln" wie das "Gurkerl", das Jonglieren und der Beinschuss, das ist Koller nicht nur sprachlich fremd; die ganzen alten Geschichten über begnadete Stehgeiger und große Virtuosen des österreichischen Fußballs, über das "Wunderteam" in den Dreißigern und die Córdoba-Helden, er rechnet das eher unter Folklore. "Für mich ist das weit weg", sagt Koller.
Für ihn: ja. Er ist Schweizer. Aber am Dienstag, vor dem Anpfiff im Happel-Stadion, werden sie wieder "Volk, begnadet für das Schöne, vielgerühmtes Österreich" singen - zentrale Zeilen der Bundeshymne. Auf den Fußball bezogen bedeutet das: Verlieren ist erlaubt, auch gegen Deutschland. Entscheidend ist das Wie.
Dass Ergebnisse nicht alles sind, haben hier schon andere erfahren müssen. Die ruhmreiche Wiener Austria etwa feuerte 2004, an der Tabellenspitze liegend, kurzerhand ihren Übungsleiter.
Der damals vom Hof Gejagte hieß Joachim Löw.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 37/2012
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