17.11.1997

SPIONAGESaddams Mann in Bonn

Ein Beamter des Auswärtigen Amtes hat während der Golfkrise 1990 Hunderte von Verschlußsachen des Westens an den Irak verraten. Das Ausmaß wurde jahrelang geheimgehalten.
Die Strafsache 3 StE 7/90-1 war zur eiligen Entscheidung angesetzt. Nur fünf Verhandlungstage benötigte der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf im Mai 1991 bis zum Urteil. Wegen Spionage in einem besonders schweren Fall verurteilten die Richter den Regierungsamtmann Jürgen Mohammed Gietler, 42, der 1982 in Kairo zum Islam konvertiert war, zu fünf Jahren Haft.
Mit der geräuschlosen Erledigung folgte die Justiz einem dringenden Wunsch aus Bonn. Das Urteil gegen Gietler ist bis heute als "VS Vertraulich - amtlich geheimgehalten" eingestuft - ein Staatsgeheimnis.
Die Diskretion hat ihren Grund: Der Fall Gietler gehört zu den peinlichsten Episoden deutscher Sicherheits- und Außenpolitik. Der damalige Registrator im Auswärtigen Amt (AA) hatte einen zweiten Dienstherrn: den irakischen Diktator Saddam Hussein. Als der Aktenverwalter Ende August 1990 von Beamten des Bundeskriminalamts verhaftet wurde, hatte er in nur sechs Monaten nach eigenen Angaben Hunderte von Geheimdokumenten an Bagdad geliefert. Besonders schwerwiegend: Nach dem Einmarsch des Irak im benachbarten Kuweit am 2. August verriet Gietler die kompletten politischen und militärischen Gegenmaßnahmen des Westens.
Was der Archivar seinen irakischen Auftraggebern ins Haus schleppte, beeinflußte nach den Feststellungen der Düsseldorfer Richter nicht nur den Kriegsverlauf - Gietlers Verrat hat noch heute Konsequenzen. Saddams Spion beschaffte beinahe alles, was deutsche Ermittler und Regierungsbeamte damals schon über die heimischen Zulieferer der Kriegsmaschinerie Bagdads wußten. Das Regime, urteilte das Gericht, habe die "betreffenden Firmen warnen und die Verfolgung und zukünftige Unterbindung" solcher Geschäfte "blockieren oder erschweren" können.
Den Beginn seiner Arbeit für den Irak beschreibt Gietler, der seit 1994 wieder auf freiem Fuß ist, als "reinen Zufall". Er habe im Februar 1990 beim Mittagessen in der Bonner Innenstadt den irakischen Militärattaché, Brigadegeneral Osmat Joudi Mohamed, getroffen. Bei einer Wurstpfanne sei man ins Gespräch gekommen - über die Lage in Nahost. Gietler ("Ich war halt immer ein Freund der arabischen Welt") gab sich als Industrieller aus, der über einen "Freund in der Regierung" allerlei brisante Akten beschaffen könne.
An solch einen Zufall mochte das Gericht nicht so recht glauben. Der Muslim im gehobenen Dienst habe sich als Spion angeboten, weil er sich für eine Disziplinarstrafe rächen wollte.
Der Brigadegeneral aus Bagdad war interessiert, und Gietler lieferte von Anfang an Qualität. Zum ersten Treffen brachte er einen Bericht des Bundesnachrichtendienstes (BND) über befestigte Stellungen an der iranisch-irakischen Grenze mit. "This is exactly what we want", freute sich der Militärattaché. Nur sei der Krieg mit dem Iran vorbei, man interessiere sich jetzt besonders für Israel und die arabischen Bruderstaaten.
Fortan griff Gietler sich mit "beträchtlicher krimineller Energie und großem Einfallsreichtum" (Urteil) alles, was interessant schien. In der Nähe seines Arbeitsplatzes (Abteilung West- und Zentralafrika) residierten auch die für den Nahen und Mittleren Osten zuständigen Referate. Gietler stöberte in den Registraturen, sichtete Schreibtische höherer Chargen und entnahm Mappen mit Verschlußsachen aus den Botenfächern. Die Bündel trug er abends nach Hause.
Über Wasserdampf löste Saddams Spion in seiner Brühler Wohnung die Siegel und sichtete den Inhalt. Am Morgen erschien er stets als erster wieder im Amt und fotokopierte die interessanten Vorgänge. Die neuverklebten Mappen wanderten zurück in das Botenzimmer.
Als Gietler für drei Tage vertretungsweise die Geheim-Registratur der Nahostreferate übernahm, ließ er sich beim Schlüsseldienst am Bonner Hauptbahnhof in der Mittagspause eine Doublette des Schlüssels für die Aktenstube fertigen.
Die Düsseldorfer Richter zeigten sich verwundert, "daß die äußeren Umstände im Auswärtigen Amt, insbesondere die Behandlung der Verschlußsachen, es ihm nicht allzu schwer gemacht haben, derartige Vorgänge unauffällig - auf illegale Weise - offenbar in seinen Besitz zu bringen". Die Kollegen fanden es noch nicht einmal verdächtig, daß Gietler den "VS-Boten" anbot, "ihnen aus Gefälligkeit den Transport von Verschlußsachen abzunehmen".
In einem Samsonite-Koffer trug Gietler die Beute aus dem Amt und übergab sie den Irakern in einer konspirativen Wohnung, Austraße 46 in Bonn-Mehlem. "Mohamed" stand an der Klingel. Der dankbare Brigadegeneral legte stets einen Briefumschlag Bares auf das Sofa. Gietler übersetzte die Dokumente grob ins Englische. Wieviel Bagdad seinem Mann in Bonn zahlte, ist bis heute unklar.
Mit dem Beginn der Golfkrise wurde der Regierungsamtmann für Saddam zur wohl wichtigsten Quelle im feindlichen Lager. Mindestens einmal pro Woche gingen ganze Stapel Geheim-Akten an Bagdad. So lieferte Gietler vertrauliche US-Einschätzungen aus dem Planungsstab des Washingtoner Außenministeriums und aus der Nato und beschaffte Dossiers des Bundesnachrichtendienstes (BND) über den Stand der irakischen Raketenrüstung. Sogar Karten mit den Stellungen von Saddams Trägerwaffen und die vermuteten Angriffsziele in Israel waren darin notiert.
Nach Ansicht des Gerichts hat der Verrat der Raketenstellungen direkten Einfluß auf den Kriegsverlauf am Golf gehabt. Denn die Iraker hätten ihre Raketen vor Luftangriffen verstecken oder durch Attrappen ersetzen können. Die "militärisch bedeutsamen Erkenntnisse brachten dem Irak erhebliche Vorteile".
Französische Satellitenfotos mit israelischen Raketenstellungen waren für den General so interessant, daß er Gietler um die gestochen scharfen Originale bat. In die Geheim-Akten des Auswärtigen Amtes klebte der Archivar an deren Stelle ein paar matte Abzüge, die sein Führungsoffizier in der Botschaft hatte machen lassen. Es fiel, wie so vieles, keinem auf.
Einmal, so erinnert sich der ehemalige Agent, hätten die Amerikaner sogar die Anzahl der für das irakische Radar unsichtbaren "Stealth"-Bomber mitgeteilt, die über Deutschland an den Golf verlegt werden sollten. "Da habe sogar ich bei der Weitergabe gezuckt", sagt Gietler heute. Der Amtmann - ungewöhnlich genug - beharrt zudem darauf, noch weit mehr Geheimpapiere an den Irak geliefert zu haben, als das Gericht feststellte. "In welchem Umfang das lief, haben sie nicht gemerkt."
Schon Monate vor dem Golfkrieg hatten deutsche Behörden begonnen, hektisch alle Informationen über Saddams deutsche Helfer zu sammeln. Gietler schleppte die Berichte gleich taschenweise aus dem Auswärtigen Amt: BND-Fernschreiben, in denen penibel die Namen deutscher Lieferanten aufgelistet waren; Berichte der Bonner Botschaft in Bagdad, in denen sich Industrievertreter gegenseitig als willige Helfer Saddams anschwärzten.
Nachdem Fahnder im Juni 1990 die Büros erster Adressen der deutschen Wirtschaft wie Klöckner, Ferrostaal und Buderus durchsucht hatten, lieferte Gietler die Ermittlungsberichte. Manchmal brachte General Mohamed Papiere des für die Exportkontrolle zuständigen Bundesausfuhramts mit. Deutsche Lieferungen an Bagdad waren genannt, und der General forderte "mehr Informationen zu diesem Fall".
Bis heute suchen Spezialisten der Uno im Irak nach Lagern und Produktionsstätten für Massenvernichtungswaffen (siehe Seite 173) - etliches davon made in Germany. Hat der Irak die deutschen Lieferanten für Nukleartechnologie, Giftgasanlagen und Raketen-Equipment damals vor dem Zugriff der Justiz gewarnt?
Schon im Juni war Saddams Agent ins Visier der Fahnder geraten - bei einer Routinemaßnahme. Beamte des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) hatten Telefongespräche von irakischen Diplomaten abgehört, in denen diese sich guter Quellen in der deutschen Regierung rühmten. Bagdads Mannen wurden observiert, Brigadegeneral Mohamed bei einem Treffen mit Gietler fotografiert.
Was folgte, war die Fortschreibung des Verschlußsachendesasters durch den Verfassungsschutz. Von Juni bis Ende August ließ das Kölner Amt den Spion weitermachen, in der Hoffnung, einen möglichen Komplizen dingfest machen zu können. Welche Kunstfehler den Geheimen dabei unterliefen, offenbarte der Prozeß.
Unter den Augen der BfV-Späher vollbrachte der AA-Beamte sein Meisterstück. Am 7. August 1990 sandte US-Präsident George Bush eine persönliche Nachricht an Bundeskanzler Helmut Kohl. Detailliert benannte er die Luft-, Marine- und Heereseinheiten, die er an den Golf entsenden wollte. Um deren Sicherheit nicht zu gefährden, bat Bush den Kanzler um absolute Geheimhaltung und um Überflug- und Landerechte in Deutschland.
Gietler übermittelte den Irakern nicht nur die Präsidentenbotschaft, sondern auch gleich den Entwurf eines Antwortbriefs, den die Diplomaten für den Kanzler entworfen hatten. Daß eine "geheime persönliche Botschaft in einer über Krieg und Frieden entscheidenden Krisensituation" Saddam Hussein in die Hände gefallen war, erzürnte die Düsseldorfer Richter besonders. "Es war zu befürchten, daß die amerikanische Administration bei Bekanntwerden eines solchen Verratsfalles hieraus Konsequenzen ziehen und sich überlegen würde, ob und in welchem - eingeschränkten - Umfang sie die Bundesrepublik zukünftig noch an ihren Überlegungen beteiligte."
Erst am Abend des 28. August 1990 erwarteten Fahnder des Bundeskriminalamts Gietler nahe der konspirativen Wohnung. In einer schwarzen Plastiktragetasche stellten die Beamten bei ihm 51 Geheimdokumente sicher. 47 davon befaßten sich mit den Ereignissen am Golf. Im November entschied der Uno-Sicherheitsrat, die Iraker nach Ablauf eines Ultimatums gewaltsam aus Kuweit zu vertreiben.
Irritiert fragte der Richter den BfV-Sachverständigen, warum man dem Beschuldigten keine manipulierten Dokumente untergeschoben habe, deren Weitergabe nicht nur keinen Schaden angerichtet, sondern Bagdad hätten täuschen können. Der Beamte murmelte was von "Zeitgründen".
Gietler, heute als Geschäftsmann in Ghana unterwegs, steht noch immer zu seinem skrupellosen Einsatz für Saddam: "Es ist verwerflich, aber bedauern kann ich es nicht. Ich war im Krieg, und mein Posten war das Auswärtige Amt."
Für die Spionageabwehr-Abteilung des BfV hat er nur milden Spott übrig. Seine Agentenkarriere, gestand er dem SPIEGEL, habe er nicht bei den Irakern begonnen. Das hatten ihm die deutschen Ermittler aber nicht beweisen können. Ihren immer wieder geäußerten Verdacht, daß der Amtmann auch für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet habe, hatte der hartnäckig dementiert. Nicht Ost-Berlin, sondern Kairo habe er beliefert, so Gietler zum SPIEGEL. Seit 1987 schon, mit Tausenden von Dokumenten über die deutsche Nahostpolitik und Israel, und niemand habe es je bemerkt. Fünf Deutschprofessoren, erinnert sich der "Freund der arabischen Welt" stolz an das Lob aus Ägypten, seien nötig gewesen, um die Dokumentenstapel zu übersetzen.
* Bei der Schlußzeremonie der Arabischen Liga 1990. * Kanzler Helmut Kohl, US-Präsident George Bush und Außenminister James Baker im Februar 1990 in Camp David.
Von Mascolo und

DER SPIEGEL 47/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIONAGE:
Saddams Mann in Bonn

  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"
  • Generalstreik in Frankreich: "Schwarzer Donnerstag" legt Paris lahm
  • Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump