24.11.1997

KOMMUNISMUSDie blauen Augen der Revolution

War der rote Völkermord genauso schlimm wie der Nazi-Holocaust? Ein „Schwarzbuch“ französischer Historiker zieht die Bilanz von 80 Jahren Kommunismus - und kommt auf 100 Millionen Tote. Von Carlos Widmann
Vor der Dreckarbeit gab es jeden Morgen einen großen Becher Wodka, kostenlos. Und nach der Pflichterfüllung bekam jeder so viel Alkohol, wie er nur in sich hineinschütten wollte. Der Rest des Tages stand zur freien Verfügung, für Spaziergänge oder Kartenspiel oder um den Rausch auszuschlafen. Nach etwas Eingewöhnung war sie ganz erträglich, die Arbeit im Erschießungskommando.
Die wirklich harten Jobs im Lager, wie das Bäumefällen und Holzschleppen im Winter, waren den Todgeweihten zugedacht: politischen Häftlingen, Volksfeinden. Das ersparte schon mal viel Munition. Leichtere Arbeit, wie das Ausheben und Zuschaufeln der Leichengruben nach den Hinrichtungen, war Privileg der gewöhnlichen Kriminellen, die auch mehr zu essen bekamen.
Die tägliche Routine des Tötens habe keine besondere Nervenkraft erfordert, erzählte 40 Jahre später der Lagerwärter und Todesschütze Grigorij Nijasow: "Manche waren ganz still, manche schrien auch, sie seien doch Kommunisten, sie stürben unschuldig und so was alles. Die Frauen aber heulen bloß und pressen sich aneinander."
Das hatte sich Nijasow zwar eingeprägt, aber es raubte ihm nicht den Schlaf - weder 1937 in Ostsibirien noch 1977 im Moskauer Kardiologischen Krankenhaus, wo der alte Vollstrecker sein Zimmer zufällig mit dem Schriftsteller Lew Rasgon teilte.
Ob russischer Wodka oder deutscher Schnaps, Alkohol war offenbar unentbehrlich beim Massenmord. Der amerikanische Soziologe Daniel Goldhagen, der mit seinem Buch "Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust" das Leserpublikum der USA und Deutschlands faszinierte, hat die Trinksitten jener deutschen Polizeibataillone erwähnt, die in Polen mit dem Einfangen und Ermorden von Juden befaßt waren.
Freilich verzeichnete Goldhagen den Alkoholkonsum nur beiläufig, denn für sein Konzept war er eher störend: Nach der Goldhagen-These brauchten gewöhnliche Deutsche ja keine menschlichen Hemmungen abzubauen, um Juden morden zu können - denn sie seien durch Herkunft und Erziehung für einen "eliminatorischen Antisemitismus" sowieso programmiert gewesen.
Welche menschenverachtende Kraft aber führte den Kommunisten die Mörderhand? Was bewog Tausende von russischen und chinesischen, von albanischen und äthiopischen, von kambodschanischen, koreanischen und peruanischen Vollstreckern, ebenfalls Millionen, ja Abermillionen unschuldige und wehrlose Menschen zu vernichten?
Diese Frage stellt sich mit neuer Dringlichkeit seit dem Erscheinen eines 848 Seiten starken Werkes, das vorletzte Woche in Paris erschien und Frankreichs politische Klasse wie auch seine Intellektuellen tief verstörte*. Nächstes Jahr wird das Schwarzbuch des Kommunismus in Deutschland herauskommen.
* "Le livre noir du communisme - Crimes, terreur, répression". Hrsg. von Stéphane Courtois u. a. Verlag Robert Laffont, Paris 1997; 180 Francs.
"Verbrechen, Terror, Unterdrückung" lautet lapidar der Untertitel des "Livre noir". Es wird vorgestellt als erste weltweite, monströse Bilanz von 80 Jahren Kommunismus, pünktlich ausgeliefert zum 80. Jahrestag des Bolschewistenputsches von Petrograd. Erst viele Jahre später hat sich jener Staatsstreich unter dem Namen "Oktoberrevolution" in die Weltgeschichte eingetragen.
Der "Rote Oktober" wurde Ausgangspunkt und Fanal der Weltrevolution - er gehört zum Gründungsmythos aller kommunistischen Herrschaftssysteme. Die große historische Kostenrechnung der weltweiten Opfer jenes Oktober 1917 wird nun präsentiert - in Menschenleben.
Der angesehene Kommunismus-Forscher Stéphane Courtois, Herausgeber des Schwarzbuchs und politisch selbst ein Linker, gibt im Vorwort eine grobe, gewiß anfechtbare, dafür aber höchst einprägsame Schätzzahl: Die Kommunisten hätten an die 100 Millionen Männer, Frauen und Kinder umgebracht - durch Genickschuß, Füsillade oder Kampfgas; erhängt, ertränkt, erschlagen; bei der Zwangsarbeit zu Tode geschunden, ausgerottet durch absichtlich herbeigeführte Hungersnöte und Epidemien, durch Aussetzung, Deportation und Todesmärsche.
100 Millionen Mordopfer des Kommunismus - eine wahnwitzige Rechnung. Daß in einer solchen Angabe auch Potential für Demagogen steckt, zeigte die plumpe Reaktion des rechtsextremen Europa-Abgeordneten Bernard Antony: "Dagegen war Hitler doch ein Milchknabe!"
Für Antonys Parteichef Jean-Marie Le Pen, dessen Front national auf die Stimmen von 15 Prozent der Franzosen zählen kann, ist das Buch ein unerwarteter Glücksfall. Le Pens Propaganda fordert schon seit längerem ein "Nürnberg des Kommunismus" - einen demonstrativen Prozeß auf der Grundlage jener Normen, die 1946 zehn Komplizen Hitlers an den Galgen gebracht haben.
Natürlich wird dieses Verlangen nicht einmal von den Wählern Le Pens ernst genommen. Aber das krasse Defizit bei der Verfolgung kommunistischer Verbrechen hat auch einige der Schwarzbuch-Historiker zu unprofessionellen Sühneforderungen verleitet. Es ging ihnen wohl wie vor 20 Jahren dem Schriftsteller Rasgon, als er in der Moskauer Klinik entsetzt den Bekenntnissen seines Zimmernachbarn, des Vollstreckers Nijasow, lauschte.
Nur hat Rasgon bald resigniert: "Ich muß mit Schrecken feststellen, daß keinerlei Haß gegen ihn in mir ist", notierte der Autor, der selber 17 Jahre im Gulag saß. "Er ist weder besser noch schlechter als andere, die an ihrem Lebensabend Rente beziehen, auf Parkbänken sitzen und spielenden Kindern zuschauen."
Was den einstigen Lagerinsassen Rasgon noch 1989 - als 80jährigen - empörte, war das allgemeine Ausblenden und Vergessen im untergehenden Kommunismus: "Wir haben keine grauenerregenden Museen wie in Auschwitz oder Mauthausen, keine Gedenkstätten wie in Lidice. Tausende und Abertausende namenloser Grabstätten sind längst zugedeckt von Unterholz und Gras."
Obwohl Archive der KPdSU, der Regierung, sogar des KGB nach und nach geöffnet wurden, gab es im ganzen einstigen Sowjetimperium (mit Ausnahme der früheren DDR) bisher keine nennenswerte Vergangenheitsbewältigung, ja oft nicht einmal eine umfassende Bestandsaufnahme der Verbrechen.
Auch die Neugier der westlichen Öffentlichkeit auf die Dimension des Horrors einer gerade erst versunkenen Epoche blieb erstaunlich begrenzt. Dieses laue Interesse steht in einem gewissen Widerspruch zur unentwegten Beschäftigung mit der Terrorherrschaft der Nazis und der Ermordung von sechs Millionen Juden.
Kann ein Buch, und sei es ein Schwarzbuch, an diesem Mißverhältnis etwas ändern? Ohne Provokation sicher nicht. Für Aufsehen im voraus mußte in Frankreich schon der berühmte Name des Mannes sorgen, der das Vorwort schreiben wollte und der damit praktisch die Patenschaft für das ganze Buchprojekt übernahm: der Historiker François Furet, der 1956, nach dem niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand, die KPF verlassen hatte.
Vor zwei Jahren hatte Furet mit seinem Bestseller "Das Ende der Illusion" einen gelehrten Tabubruch begangen - er identifizierte Bolschewisten und Nazis, Kommunismus und Nationalsozialismus zwar nicht gerade als eineiige Zwillinge, aber doch als nahe Verwandte - tödlich verfeindete, totalitäre Vettern, deren Verbrechen durchaus vergleichbar seien.
Fast ein Jahrzehnt nach dem deutschen Historikerstreit schien der Franzose damit dessen Hauptverursacher recht zu geben: dem Faschismus-Forscher Ernst Nolte, der in seiner Klage über die "Vergangenheit, die nicht vergehen will", diese Verwandtschaft hervorgehoben hatte. Den Nazi-Führer Hitler charakterisierte er geradezu als einen Nachahmer aus Selbsterhaltungstrieb, der die "asiatischen" Methoden der Bedroher aus dem Osten übernommen habe: "War nicht der XArchipel Gulag'' ursprünglicher als Auschwitz?"
In provozierend zynischem Tonfall stellte Nolte damals fest, die Kommunisten hätten alle Menschheitsverbrechen der Nazis vorweggenommen - "mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung".
Furet starb im vergangenen Juli, weshalb das Vorwort zum Schwarzbuch des Kommunismus nicht mehr von ihm stammt, sondern vom Herausgeber Courtois. Mit seinem langen Bart und seinen mächtigen Gesten wirkt Courtois selber wie ein russischer Dissident der späten Breschnew-Jahre. Manches, was er im Schwarzbuch zu Papier brachte, erscheint vielen Franzosen aber fast so aufreizend wie einst Noltes Thesen dem deutschen Historiker-Establishment.
"Der Hungertod eines ukrainischen Kulakenkindes, das einer von Stalin absichtlich herbeigeführten Hungersnot zum Opfer fiel, zählt genausoviel wie der Tod eines Judenkindes, das im Warschauer Ghetto von den Nazis ausgehungert wurde." Mit dieser herausfordernden Feststellung will Courtois den kommunistischen "Klassenmord" genauso mit dem Genozid-Begriff versehen wie den deutschen "Rassenmord" an den Juden. Nach dem neuen französischen Strafrecht sei das Massenmorden sowjetischen Typs nicht minder ein Menschheitsverbrechen als der Holocaust.
Dieser Argumentation schickte der Autor eine widerhakige Einschränkung hinterher, die nur neue Polemik entfachen kann: "Hiermit soll keineswegs die ,Einzigartigkeit von Auschwitz'' in Frage gestellt werden - die ,Vernichtungsfabrik'', das Gas, die Krematorien ..." Das könnte wörtlich von Nolte stammen, der die Einzigartigkeit des Holocaust ja allein in der "fabrikmäßigen" Menschenvernichtung sah - nicht in dem Ziel, ein Volk als solches auszulöschen.
Die Wogen der Empörung (aber auch der Zustimmung), die Courtois mit seinem Schwarzbuch-Vorwort in Paris auslöste, schwappten vorletzte Woche bis ins klassizistische Palais Bourbon: Eine Anfrage der Opposition gab Premierminister Lionel Jospin Gelegenheit zu einem glänzenden Auftritt im Halbrund der Nationalversammlung; die Intervention hat diesen einst so blassen Sozialisten nun als die herausragende Führungsgestalt der französischen Linken bestätigt.
Der Stichwortgeber war Michel Voisin, ein eher obskurer Oppositionsabgeordneter. Er wollte wissen, "ob die entsetzliche Verbrechensbilanz des Kommunismus in aller Welt" von der Regierung Jospin "als solche erkannt und anerkannt" werde: "Und was werden Sie tun, Herr Premierminister, damit diejenigen, die in Frankreich jahrzehntelang diese Greuel unterstützt haben, öffentlich zur Verantwortung gezogen werden?"
Nicht gerade angenehm für einen Regierungschef, der in seinem Kabinett drei Parteibuch-Kommunisten sitzen hat. Denn anders als ihre italienischen Genossen - die schon in den siebziger Jahren, unter Enrico Berlinguer, zum Leninismus auf Distanz gegangen waren und später sogar den belasteten Parteinamen ablegten - nennen sich Frankreichs Kommunisten genau wie in alten Zeiten. Einen wirklichen Bruch mit der Vergangenheit hat ihr wendiger Parteisekretär Robert Hue noch nicht vollzogen.
Doch Jospin konnte den Angriff mühelos parieren. Rhetorisch perfekt trug er das politisch Korrekte vor.
Der gaullistische Staatspräsident Jacques Chirac - so begann der Premier hintersinnig -, der letzthin das kommunistische China besucht habe, weile gerade im kommunistischen Vietnam. Und überhaupt: Sei die russische Oktoberrevolution nicht "eines der Ereignisse unseres Jahrhunderts" gewesen, das in aller Welt Intellektuelle in seinen Bann geschlagen habe - darunter in Frankreich sogar einige spätere Mitautoren des Schwarzbuchs, die früher einmal Kommunisten gewesen waren?
Und seien nicht die französischen Kommunisten 1945, "als Stalins Verbrechen schon bekannt waren", an der ersten Regierung des Generals Charles de Gaulle beteiligt gewesen? Dies sei das Ergebnis der Résistance gegen deutsche Besatzer und Vichy-Regime gewesen, des gemeinsamen Widerstands aller anständigen Menschen gegen Nazis und Faschisten.
Das sind in Frankreich immer noch rhetorische Beschwörungen von emotionaler Zugkraft. Dennoch hörte sich Jospins Verteidigung der Kommunistischen Partei Frankreichs und der russischen Oktoberrevolution im Angesicht des gerade erschienenen Schwarzbuchs leicht gespenstisch an. Da rief der Regierungschef:
"Die Kommunisten trugen sich ein in das Bündnis der Linken, sie gehörten der Volksfront an, kämpften in der Résistance, beteiligten sich an den Linkskabinetten 1945 und 1981 und haben niemals Hand angelegt an unsere Freiheiten." Und: "Auch wenn die Partei allzu lang gezögert hat, sich von den Phänomenen des Stalinismus zu distanzieren, so hat sie doch ihre Lehren aus der Geschichte gezogen. Sie ist in meiner Regierung vertreten, worauf ich stolz bin."
Sonderbar ist schon die Formulierung, die Kommunisten hätten niemals Hand angelegt an Frankreichs bürgerliche Freiheiten: Erstens hatten sie dazu keine Gelegenheit, und zweitens stand dies wortgleich wenige Tage zuvor im KP-Organ "L''Humanité", aus der Feder des langjährigen stalinistischen Parteichefs Georges Marchais. (Der ist vier Tage nach dem Auftritt Jospins am Sonntag vergangener Woche mit 77 Jahren in einem Pariser Krankenhaus gestorben.)
"Was mich betrifft, so habe ich niemals zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus ein Gleichzeichen gesetzt", fuhr Jospin unter donnerndem Beifall von links fort. Die "zutiefst perverse Ideologie" der Nazis könne nicht verglichen werden mit den Idealen der Arbeiterbewegung. Auch wenn François Furet gemeint habe, der Marxismus führe zwangsläufig in die Diktatur, so wüßten genug andere Historiker "zwischen dem kommunistischen Ideal und der stalinistischen Abweichung" zu unterscheiden.
Ebenfalls von einer Abweichung hatte vor 41 Jahren schon ein guter Kommunist gesprochen: Nikita Chruschtschow in seinem geheimen Rechenschaftsbericht in einer geschlossenen Plenarsitzung des 20. Parteitags der KPdSU in Moskau im Februar 1956. Der mutige Schritt des Parteichefs, der die Verbrechen des "genialen Stalin", des "Vaters der Völker", vor einer schreckensstarren Funktionärsriege enthüllte, hatte freilich ein nicht übermäßig ehrenwertes, sogar ein persönliches Motiv.
Es ging dem listigen Nikita vor allem darum, die ungeheuren Verbrechen der ersten vier Jahrzehnte der Revolution auf einen einzelnen abzuwälzen. Stalin mußte allein verantwortlich sein, damit der Ruf der Revolution und die Karriere vieler seiner engsten Getreuen gerettet werden konnten. Manche der schlimmsten kriminellen Abweichungen der dreißiger Jahre hatten die Ukraine zum Schauplatz - wo Chruschtschow unter Stalin zum Parteichef avanciert war und Massenerschießungen zu verantworten hatte.
Von "Abweichung" zu sprechen, wenn vom Stalinismus die Rede ist, gehört zu den Gewohnheiten der früheren Gefolgsleute und Mittäter Stalins. Eine der wichtigsten und am ausführlichsten begründeten Botschaften des französischen Schwarzbuches ist aber gerade die, daß der Stalinismus alles andere als Abweichung war. Selbst wenn Jospin - von Arthur Koestler über George Orwell bis Alexander Solschenizyn - alle Literatur über den Kommunismus jahrzehntelang ignoriert haben sollte: Nicolas Werth, Verfasser des Schwarzbuch-Kapitels über die Sowjetunion, weist anhand frischen Archivmaterials erneut nach, daß Stalins Staatsterrorismus eine konsequente Fortsetzung der revolutionären Herrschaftsmethoden Lenins und Trotzkis war, die im Gegensatz zu Stalin vielerorts immer noch verehrt werden.
Bereits zwischen 1918 und 1922, so faßt Courtois zusammen, wurden Zehntausende Geiseln erschossen, Verdächtige ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis geworfen, Hunderttausende aufbegehrender Bauern und Arbeiter massakriert. Schon 1921/22 hat eine Hungersnot, die durch gewaltsame Requisitionen herbeigeführt wurde, unter der Bauernschaft den Tod von fünf Millionen Menschen verursacht. Die "Waffe des Hungers" wurde später noch öfter gebraucht, um störende Volksschichten loszuwerden.
Zu den allerersten Errungenschaften des bolschewistischen Putsches gehörte der Archipel Gulag: Mit der Errichtung von "Konzentrationslagern", die zur Hinrichtungsstätte für Zehntausende wurden, hatte das Regime schon 1918 begonnen - lange bevor Stalin zur alleinherrschenden Figur aufstieg.
Somit irrt, wer "Stalinismus" sagt - oder er heuchelt. Lenin und Trotzki, Mao und Deng, Ho und Kim, Ceausescu und Nadschibullah, Mengistu und Pol Pot, beinah bis hin zum peruanischen Indio-Erlöser Abimael Guzmán: Die Galerie der Erlauchten markiert einen endlos blutigen Leuchtenden Pfad.
"Aber am Anfang des Nazismus war der Haß auf Menschen, während am Beginn des Kommunismus die Menschenliebe stand", rief der einstige Chefredakteur der "Humanité", Roland Leroy, in einer Fernsehdebatte über das Schwarzbuch aus. Ähnlichkeiten der Methoden bedeuteten keine Ähnlichkeit der Systeme. Und der kommunistische Historiker Roger Martelli reagierte auf das Wort "Nürnberg" höchst pikiert: "Der Genozid ist wesentlicher Bestandteil des Nazismus, nicht des Kommunismus!"
"Kann denn eine Ideologie schuldlos sein", die solche Folgen habe, fragt dagegen Courtois. Er zitiert den früheren Kommunisten Ignazio Silone: "Wie die Bäume sind die Revolutionen an ihren Früchten zu erkennen." Daß die kommunistische Idee bis auf Plato zurückgeführt werden kann, auf Thomas Morus, auf die Aufklärung, daß die Bolschewisten sich als Erben und Nachfolger Voltaires und der Französischen Revolution betrachteten, hilft da wenig.
Problemlösung durch Mord: Dieses Prinzip hatten die großen Vereinfacher Lenin und Hitler und Mao vom ersten Tag ihrer Herrschaft an gemeinsam. Der Personenkreis, der zum "Problem" erklärt wurde, differierte je nach Bedarf oder Obsession.
Doch Kommunisten und Nazis im selben Atemzug zu nennen, moralisch auf die gleiche Stufe zu stellen - das ist für Intellektuelle in aller Welt immer noch recht schwer, und in der politischen Kultur Frankreichs ganz besonders.
"Die blauen Augen der Revolution blitzen vor notwendiger Grausamkeit", hatte Louis Aragon, einer der Begründer des Surrealismus, nach einem seiner frühen Besuche in Sowjetrußland gedichtet. Wie viele andere der großen Geister Frankreichs sympathisierte er mit Lenin und Stalin, anders als die meisten wurde er selber Kommunist, sogar ZK-Mitglied und Chefredakteur des Parteiblattes "Ce Soir".
So weit, die Grausamkeiten der Tscheka als "notwendig" zu feiern, gingen nicht viele Franzosen. Doch von André Gide bis Jean-Paul Sartre, von Pablo Picasso bis Yves Montand standen viele große oder zumindest bekannte Gestalten dem Kommunismus zeitweise sehr nahe. Der Philosoph Albert Camus, ein Mann der Résistance und Literatur-Nobelpreisträger, hatte während der ganzen fünfziger Jahre wegen seiner Kritik am linken Totalitarismus unter dem Boykott der Pariser Intelligenzija zu leiden. Der Faschismus übte auf Anbeter der Macht nicht ganz soviel Verführungskraft aus - doch immerhin, Literaten wie Louis-Ferdinand Céline und Henry de Montherlant gaben auch ihr nach.
Am aktuellen Schönreden des Kommunismus wirkte peinlich, daß die patriotische Heldenrolle der KPF im Widerstand gefeiert wurde, ohne daß zum Ausdruck gekommen wäre, wie spät sie sich General de Gaulle und dem Kampf gegen die deutschen Besatzer angeschlossen hat. Bernard Debré, einer der Söhne von de Gaulles Premier Michel Debré, konnte da schon deutlicher werden: "Frankreichs Kommunisten waren 1939 bei Kriegsausbruch wegen des Hitler-Stalin-Pakts noch Verbündete der Deutschen. Erst im Sommer 1941, nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, entdeckten auch sie die Résistance."
Doch als Hitler und Stalin noch Komplizen waren, im Sommer 1940, kam es mehrmals vor, daß prominente Kommunisten - immerhin ZK-Mitglieder - in der Botschaft des Dritten Reiches in Paris vorsprachen: "Sie erklärten dort, den Wiederaufbau ihrer besiegten Heimat unter deutscher Besatzung unterstützen und die britischen Imperialisten und Kriegstreiber attackieren zu wollen", schreibt der Genfer Historiker Philippe Burrin - "in der Hoffnung, ihr Parteiblatt ,L''Humanité'' wieder legal herausgeben zu dürfen."
Nach dem Zweiten Weltkrieg stimmte in Frankreich fast ein Drittel der Wähler für die Kommunisten. Erst unter François Mitterrand wurde die KPF von den Sozialisten überrundet, die ebenfalls nostalgische Bindungen an den Roten Oktober haben.
Der Mythos der Résistance hat tiefe geistige Spuren hinterlassen - weshalb Antikommunismus, wie Furet noch vor zwei Jahren schrieb, als "verdammenswerte Ketzerei" gilt.
Die Leichenberge, die das weltweit angewandte Rezept hinterlassen hat, sind immer noch nicht abschließend registriert. Erst in diesem Sommer wurde in den Wäldern Kareliens, 400 Kilometer nordöstlich vom einstigen Leningrad, eine 60 Jahre alte Hinrichtungsstätte entdeckt, mit 30 Quadratmeter großen Massengräbern, in denen die Gebeine von 9000 Opfern liegen.
Die meisten Schädel weisen das verräterische Einschußloch im Hinterkopf auf, Zeugnis der Arbeit einer Mordbrigade.
[Grafiktext]
Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft in der Sowjetunion, China
und Kambodscha nach Angaben der Schwarzbuch-Autoren
[GrafiktextEnde]
* "Le livre noir du communisme - Crimes, terreur, répression". Hrsg. von Stéphane Courtois u. a. Verlag Robert Laffont, Paris 1997; 180 Francs.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 48/1997
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